ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Einige an einem Taubstummen gemachte Beobachtungen.

Wallroth, Friedrich Heinrich Anton

Dieser Taubstummgebohrne, über welchen ich diese Bemerkungen zu machen Gelegenheit gehabt habe, heist Herbst, und lebt noch jetzt in seinem Geburtsorte einer kleinen in der sogenannten güldenen Aue gelegenen Stadt in Thüringen. Seine Eltern, durch drückende Armuth in die traurige Unmöglichkeit versetzt, auf die Erziehung ihres unglücklichen Kindes etwas zu verwenden, musten sich damit begnügen, diesen Stummen in die öffentliche Freischule zu schicken — vielleicht bloß in der Absicht, um der Sorge der Aufsicht überhoben zu seyn, und ihn ans Stillesitzen zu gewöhnen. Die daselbst angestellten Schullehrer, deren Stunden er also besuchte, hatten theils wegen der so schon überhäuften Menge der Schulkinder nicht Zeit, theils auch vielleicht eben nicht viel Lust, sich mit diesem armen Menschen abzugeben, weil sie sich selbst keinen glücklichen Erfolg ihrer Arbeiten ver-[43]sprachen. Sein Verstand blieb also unaufgeklärt, und man fing nur alsdenn erst an, ihm etwas als sündlich vorzustellen, wenn er es schon begangen hatte, und um so vielmehr scheint sein Betragen die Aufmerksamkeit des Psychologen zu verdienen. —

Weil ich mich aber nun oft mit diesem Menschen beschäftigte, so mache ich mir das gröste Vergnügen daraus, auch hier mein Scherflein zu der Erfahrungsseelenkunde beizutragen.

Den Anfang will ich damit machen, wenn ich erzähle, auf was für eine besondere Art dieser Mensch von dem Daseyn Gottes überzeuget wurde. Schon öfters hatte man sich bemühet, ihm zu zeigen, daß ein Wesen im Himmel sei, welches alles erschaffen und noch die ganze Welt regierte; aber bisher schienen auch hierin alle Bemühungen fruchtlos zu seyn, und ich wage es nicht zu entscheiden, ob die Schuld an dem Stummen oder vielleicht an seinen Lehrern lag. Eine Naturbegebenheit kam endlich seinen Lehrern zu Hülfe, und ein Blitz, der vor seinen Augen in eine seiner Wohnung gegenüber gelegnen Scheune einschlug, überzeugte ihn auf einmal von dem Daseyn eines Gottes, der im Himmel wohne. Kaum hatte er sich von seinem Schrecken etwas erhohlt, als er zu mir eilte, um mir dieses, was er gesehen, zu erzählen, und wie er nun auf einmal glaube, daß ein großer dicker Mann im Himmel sei — denn so bildete er Gott ab, indem er Backen und Bauch aufbließ und die Hand so hoch hielt, als [44]er nur konnte, um dadurch seine Größe zu bezeichnen, er mochte also wohl in recht eigentlichem Verstande ein Anthropomorphite seyn. So oft er seit der Zeit Gewitterschwangere Wolken an dem Horizonte erblickte, fürchtete er sich ausserordentlich, und bisweilen war ein schwarzes Wölkchen, das im Sommer am Himmel aufstieg, schon vermögend ihn nach Hause zu treiben, denn so oft er ein Donnerwetter ahndete, floh er nach seiner Wohnung, und selbst Versprechungen waren hier nicht vermögend auf seine Seele zu wirken und ihn davon abzuhalten. So oft er nun seit der Zeit einen Menschen etwas thun sah, was nach seinen Gedanken unrecht und böse war, so warnte er ihn nicht nur, sondern kündigte ihm auch gleich seine Strafe an, daß nemlich ein Blitz des Allmächtigen seine Scheitel dafür zerschmettern würde, welchen Blitz er durch eine schlangenähnliche Bewegung mit der Hand von oben herab auf den Kopf des Sünders leitete. Eine gleiche Strafe, vom Blitz erschlagen zu werden, drohete er auch allen seinen Beleidigern, und besonders seiner Muhme, die ihn oft grausam behandelte und nichts zu essen gab, sollte nach seinem Wunsche ein so trauriges Ende nehmen.

Seine Religionsbegriffe waren, wie es sich freilich von einem Menschen ohne großen Unterricht nicht anders erwarten läßt, sehr eingeschränkt. Die Dreieinigkeit, die ihn seine Mutter, die vermuthlich diese Lehre nach ihren besten Einsichten [45]für die einzig wichtige des Christenthums halten mochte, gelehret hatte, wuste er auch zu zeigen, aber freilich mochte er sich wohl wunderliche Vorstellungen davon machen, er hob drei Finger auf, legte die andern nieder und wieß gen Himmel, wo diese drei wären. Ich bemühete mich, ihn auch etwas von der durch Jesum geschehenen Erlösung und daß er für uns gestorben beizubringen, ich zeigte ihm daher, daß alle Menschen von Gott gestraft zu werden verdient hätten, welches ich ihm dadurch sehr leicht begreiflich machen konnte, daß ich zeigte, daß der Blitz des Allmächtigen uns alle hätte treffen sollen, weil wir nemlich gesündiget hätten, welche Idee ich ihm durch Ausübung verschiedener Dinge, die er für unrecht hielt, beizubringen suchte, indem ich ihm hernach vorstellte, daß wir alle so etwas gethan. Und da er mir durch Gebehrden und Minen zu erkennen gab, daß er es verstanden, welches er dadurch, daß er alles, was ich ihm gesagt, durch seine Gebehrdensprache wiederhohlte, auch auf das deutlichste bewieß, so demonstrirte ich ihm nun weiter, daß die zweite Person in der Gottheit aus Liebe zu uns vom Himmel herabgekommen, menschliche Natur an sich genommen, für uns gestorben sei, und so die Strafen, den Blitz, den wir verdienet, auf sich geleitet hätte. Um ihm nun aber von der Art seines Todes auch etwas zu sagen, zeigte ich ihm, um seinem Verstande zu Hülfe zu kommen, ein Bild, [46]welches den gekreuzigten Heiland vorstellte. Als er auch dieses begriffen zu haben schien, sagte ich diesem Stummen ferner durch Gebehrden und Zeichen, daß eben dieser Jesus auch sey begraben worden, daß er aber nach drei Tagen schon wieder aus dem Grabe lebendig hervorgegangen, und gen Himmel aufgefahren sei, wo er nie wieder sterben, sondern ewig leben würde. Um ihm dieses beizubringen, that ich, als wenn ich todt wäre, schloß die Augen, lag einige Zeit auf dem Bette ausgestreckt, und beim Erwachen zeigte ich ihm, daß der Heiland auch gestorben sei, weil er in die Seite gestochen worden, welches ihm nemlich, als ich ihm ein Crucifix zeigte, da Blut aus der ofnen Wunde in der Seite strömte, besonders auffiel, daß er aber auch eben so nach drei Tagen wieder erwacht, lebendig aus dem Grabe hervorgegangen, und einige Zeit nach seiner Auferstehung wieder gen Himmel, woher er gekommen, aufgefahren sei, wobei ich seiner Einbildungskraft durch ein die Himmelfahrt Christi vorstellendes Bild wieder zu Hülfe zu kommen suchte. Ich weiß daher nicht, ob ich in diesem Stücke die Meinung des Herrn Verfassers des im zweiten Bandes zweites Stück dieses Magazins befindlichen Aufsatzes ganz annehmen kann, daß man einem Taubstummen gar keine Begriffe von dem Tode, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu beizubringen im Stande sei, besonders wenn ein Mann, der mehr Geschicklichkeit und Er-[47]fahrung als ich besitzt, diese Arbeit übernehmen wollte, und dabei die vortreflichen Vorschriften eines Heinicke oder de l'Eppee zu benutzen Gelegenheit und Belieben hätte.

Dieser Stumme betete eben so wie Brüning die zweite Person in der Gottheit an, welches er durch Händefalten und gen Himmel gerichteten Blick bezeichnete, und seine Hochachtung gegen diese göttliche Person war ausserordentlich groß, welche er dadurch zu offenbaren suchte, daß so oft er diese Person zeigte, auch zugleich die Hand auf sein Herz zu verschiedenenmalen legte, durch welches er allezeit seine besondere Liebe gegen eine Person zu erkennen gab. Seit der Zeit, als ich ihn auf sein Fragen: wer denn Jesum in die Seite gestochen und ans Kreuz geschlagen habe? — durch Zeichen geantwortet hatte, daß Juden an seinem Tode Schuld gewesen wären, so faste er den unversöhnlichsten Haß gegen dieses Volk, — welcher Widerwille auch selbst durch meine öftere Vorstellungen, daß diese Leute nichts für ihre Väter könnten, aus seiner Seele nicht verbannt werden konnte; so oft er einen Menschen, den er an dem Barte für einen Juden erkannte, sah, brummte er vor lauter Unwillen, wieß, daß diese Leute den Heiland in die Seite gestochen hätten und daß der Blitz sie dafür tödten müßte.

Sein Verlangen, zum heiligen Abendmahl zu gehen, war ganz ausserordentlich, welches freilich [48]wohl ganz natürliche Ursachen haben mochte, er sah Menschen am Altar des Herrn etwas in den Mund nehmen und hernach aus einem schön vergoldeten Kelche trinken, und dieses mochte ihn schon nach dem Genusse desselben lüstern gemacht haben, welches Verlangen durch die Verweigerung, ihn selbst zuzulassen, ohnstreitig noch mehr vermehret wurde; er mochte daher wohl schon lange auf Mittel gedacht haben, zu diesem ihm versagten Genusse auf eine heimliche Art zu gelangen, und um diese seine Absicht zu erreichen, schien er die beste Gelegenheit darin zu finden, den öffentlichen Gottesdienst ganz abzuwarten, bis alle Leute aus der Kirche gegangen wären; und als einstmals der Kirchner die Hostien und den Kelch nicht gleich nach geendigten Gottesdienst abgenommen hatte, schlich er sich am Altar, nahm aus der auf demselben befindlichen Hostienschachtel eine Oblate und trank den übriggebliebenen Wein rein aus. Voller Freude, seines Wunsches endlich theilhaftig geworden zu seyn, lief er zu den Seinigen, indem er ihnen mit den lebhaftesten Gebehrden und mit den heitersten Minen erzählte, daß er nun auch in der Kirche gegessen und getrunken hätte, welches ihm auch recht gut geschmeckt habe.

Er versäumte übrigens nicht leicht eine Kirche, war ganz Aufmerksamkeit und ahmte die Stellung und Bewegungen der Prediger so glücklich nach, daß er jeden, auf Befragen, den Prediger durch [49]seine Pantomime zu bezeichnen wußte. Nichts war ihm unerträglicher, als wenn die ungezogenen Jungen auf der Emporkirche, wo er saß, plauderten, er bewieß dagegen ausserordentlichen Eifer; und als ich einstmals predigte und ein Knabe auch anfing, sich mit seinem Nachbar auf das freundschaftlichste zu unterhalten, so konnte er dem Triebe nicht widerstehen, diesem Schwätzer durch einen Stockschlag recht triftig zu beweisen, daß man nicht in der Kirche plaudern müsse.

Den Diebstahl und das Lügen verabscheuete dieser Herbst ganz besonders, wie ich überhaupt dieses bei einigen Stummen schon zu bemerken Gelegenheit gehabt habe. Da er oft bei meinen Eltern arbeitete, und er sich bisweilen ungemeldet auf meine Studierstube zu kommen erlaubte, so machte ich allerlei Versuche, seine allgemeine anerkannte Treue zu prüfen; als ich ihn daher einmal kommen hörte, suchte ich mich zu verbergen, nachdem ich vorher Geld auf den Tisch gelegt hatte, um so sein Betragen und seine Treue, ohne daß er es wußte, zu beobachten. Voller Verwunderung, daß die Stube offen und doch niemand zu Hause sei, ging er hin zu dem Tische, nahm das Geld, besah es genau, legte es wieder an seinen Ort — alsdann zogen einige auf dem Tische liegende Bücher seine ganze Aufmerksamkeit auf sich; er nahm eines nach den andern, blätterte darin und fing bisweilen recht herzlich an zu lachen. Besonders [50]schien ihm das Ebräische sehr viel Vergnügen zu machen, denn als er die Ebräische Bibel auch daselbst fand, verweilte er lange dabei, und trat endlich an den Pult und brummte einige Minuten nach seinen Gedanken diese Sprache her, indem er die Gestikulationen eines gewissen Predigers sehr gut dabei nachahmte. Nachdem er nun auf diese Art seine Neubegierde gestillet, verließ er lachend das Zimmer; überhaupt habe ich bemerkt, daß, wenn er erst einmal anfing über eine Sache zu lachen, er alsdann gar nicht wieder aufhören konnte, und oft mußte er dieses Lächerliche auch unter den ernsthaftesten Beschäftigungen und ermüdendsten Arbeiten recht lebhaft wieder in seine Seele zurückrufen, denn oft fing er unter der Arbeit von freien Stücken laut an zu lachen, ohne daß man nur im geringsten wußte warum; auf Befragen um die Ursache, zeigte er, was ihn vor einigen Tagen, ja ich weiß Fälle, daß es Wochen waren, lächerliches vorgekommen sei; die Idee des Lächerlichen mußte sich also so tief in seine Seele eingeprägt haben, daß auch andere Vorstellungen dieselbe nicht ganz aus seinen Gedanken zu verdrängen im Stande waren; warum aber die Eindrücke so unauslöschlich aus der Seele eines taubstummen Menschen sind, dieses läßt sich nach meinen wenigen Einsichten aus sehr natürlichen Ursachen leicht erklären.

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So sehr er aber abgeneigt war, ein Stück Geld zu entwenden, so wenig hielt er es hingegen für Unrecht, Speisen hinwegzunehmen, denn setzte man ihn etwas zu essen hin, so verzehrete er es, ohne sich eben lange zu besinnen und ohne Erlaubniß dazu, ganz heimlich mit dem größten Appetit, den er fast immer hatte, und derjenige, der es ihm als Unrecht vorstellte, machte ihn im höchsten Grade unwillig; so wie auch der nur seinen Zorn noch mehr entzündete, der ihm die Ausschweifung dieses Affekts als sündlich vor Augen mahlte, und besonders von der Unschicklichkeit der Rache, die er Kinder, die ihn aus Muthwillen beleidigten, öfters genug empfinden ließ, zu überzeugen sich bemühete. Ueberhaupt war es ihm sehr süsse, sich an seinen Beleidigern auf die empfindlichste Art zu rächen, denn das Andenken angethaner Beleidigungen erhielt sich sehr lange in seiner Seele, und wenn er eine solche Person auch nach langer Zeit erblickte, so konnte sie sich nur alsdann wenigstens auf seine Vorwürfe deswegen gefast machen.

Dieses Beispiel bestätiget daher auch die schon von so vielen gemachten Beobachtungen, daß die Stummen gemeiniglich zornig, rachgierig, falsch und habsüchtig sind.

Daß aber dieses alles und besonders ein bis aufs höchste getriebener Argwohn gewöhnlich die Fehler taubstummgebohrner Menschen sind, läßt [52]sich wohl theils aus dem unzulänglichen Unterrichte, den sie gewöhnlich bekommen, als auch ganz besonders wohl daraus am leichtesten erklären, daß es das traurige Loos der Stummen von Jugend an gemeiniglich zu seyn scheint, von muthwilligen Menschen, die sich immer genug finden, geneckt, und auf alle mögliche Art verspottet und gemißhandelt zu werden. Diese traurigen Erfahrungen, die sie daher oft zu machen Gelegenheit haben, machen sie gegen jeden, der sich ihnen nähert, argwöhnisch und mißtrauisch, da sie in jedem Unbekannten einen neuen Beleidiger ahnden; dieses alles macht sie geneigt, oft in einer gleichgültigen, höchstens zweideutigen Handlung eine Beleidigung ihrer Person zu erblicken. Und eben dieses ist die Ursache, warum bisweilen eine geringe unvorsichtige und nichts weniger, als das Gepräge der Bosheit an der Stirn tragende Handlung, die noch dazu vielmals nur allein in ihrer Einbildung besteht, sie doch zum größten Erstaunen ihrer unwissenden Beleidiger bis zur Raserei bringen kann. Freilich der fleißige Menschenbeobachter staunt nicht bei einem solchen Vorfalle, da er aus der Erfahrung weiß, daß Menschen, die das Unglück gehabt haben, oft von niederträchtigen, sich hinter der Larve der Freundschaft verbergenden Personen hintergangen zu werden, zuletzt ganz Argwohn werden und selbst ihren Vertrautesten alsdann Dinge zuzutrauen im Stande sind, deren Möglichkeit sie selbst vorher [53]bei ihren boshaftesten Feinden nicht einmal vermuthet hätten.

Wer also mit Taubstummen gut wegkommen will, muß ganz aufmerksam auf sein Betragen seyn, und mit der größten Behutsamkeit zum wenigsten so lange zu Werke gehn, bis er endlich das Vertrauen eines solchen Menschen gewonnen hat, und ist ihm endlich das seltene Glück, dieses ganz zu gewinnen, zu Theil worden, so kann er auch auf seine Treue und Freundschaft gewiß trauen; zum wenigsten weiß ich dieses bei dem Taubstummen, der der Gegenstand dieser Abhandlung gewesen ist, aus vielfältiger Erfahrung.

Daß aber dieser Herbst, der sich, wie ich oben gesagt habe, nicht einen Heller zu entwenden verstattete, doch ohne alles Bedenken Speisen, die er nur habhaft werden konnte, hinwegnahm — hiervon glaube ich, daß der Grund allein in der Erziehung liege.

Wer weiß nicht, daß das schändliche Vorurtheil unter dem Pöbel allgemein herrschend zu seyn scheint, nach welchen die heimliche Entwendung gewisser Dinge gar nicht den Nahmen eines Diebstahls verdienen, und es bisweilen eine unsündliche Zueignung einer freilich fremden Sache ohne Wissen des Eigenthümers geben soll. Ich kann mich noch sehr wohl entsinnen, was für große Mühe und Arbeit es mir einmal kostete, einen Menschen davon zu überzeugen, daß der, welcher etwas vom [54]Felde, als z.E. Kohl, Möhren, Kartoffeln, nähme, auch ein Dieb sei, da er sich immer mit dem alten, freilich sehr übel angewendeten Sprüchworte: »was man mit dem Maule davon tragen könne, sei keine Sünde« — entschuldigte. Eben dieses war vielleicht diesem Stummen auch in seiner Jugend beigebracht worden, und hatte so einen Einfluß auf sein ganzes Leben.

Zorn und Liebe waren die zwei Hauptleidenschaften dieses Menschen, aber so groß auch seine Neigung gegen das schöne Geschlecht war, so sehr floh, ja verabscheute er den Umgang mit einer verehlichten Person; nichts war ihm daher unerträglicher, als einen Ehemann mit einen Frauenzimmer, sie mochte nun verheirathet oder ledig seyn, scherzen zu sehen, und ein freundlicher Blick, den eine Frau auf eine andere Mannsperson, als auf die, welche die Hand des Predigers mit ihr verbunden hatte, warf, war schon hinreichend, seinen Zorn ganz zu entflammen — brummend und mit dem Kopfe schüttelnd verließ er ein solches seinen Augen unerträgliches Schauspiel, indem er mit schnellen Schritten zu derjenigen Person eilte, die nach seinem Gedanken durch die schändlichste Untreue ihres Ehegatten auf das Empfindlichste war beleidiget worden. Er bezeichnete daher nicht nur die Person, die sich eines solchen in seinen Augen zum wenigsten unverzeihlichen Verbrechens mit jemand anders, als ihrem Gatten gescherzt zu ha-[55]ben, schuldig gemacht hatte, genau, und vertrat so die Stelle eines förmlichen Anklägers, sondern er gab auch dem beleidigten Theile durch seine Gebehrdensprache die wohlmeinende, aber freilich in der Ausübung sehr harte Lehre, »daß es nun Zeit sei zu sterben, weil ihr Gatte mit einer andern Person sich verbinden wollte,« — freilich eine sehr schwere Lektion, die bis jetzt noch keine Person zu lernen Belieben getragen hat.

Nie habe ich einen Menschen gesehen, der eine größere Furcht vor dem Tode gehabt hätte, als eben dieser Stumme, wenn man ihm durch demselben schon bekannte Zeichen sagte, daß alle Menschen dem Gesetz der Sterblichkeit unterworfen wären, so schien ihm dieses nicht die geringste Unruhe zu verursachen; aber wenn man diesen allgemeinen Satz auch auf ihn anzuwenden anfing, und ihn so an seine eigne Sterblichkeit erinnerte, so schien ein eiskalter Schauder durch alle seine Adern zu laufen und eine Todtenblässe überzog auf einmal sein Gesicht, und ich wage es nicht zu bestimmen, ob die Furcht oder der Zorn mehr Antheil davon hatte. Derjenige wählte daher gewiß das sicherste Mittel, ihn auf einige Wochen aus seinem Hause zu verscheuchen, der ihn an seinen Tod erinnerte, und wenn er sich auch ja einmal wieder einstellte, so mußte der Prediger der Sterblichkeit sich doch gewiß öfters genug die bittersten Vorwürfe für seine Erinnerungen machen lassen.

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Und wenn wir über die Ursachen dieser Furcht vor dem Tode etwas nachdenken wollen, so wird man dieselben wohl gleich bei einem flüchtigen Blick darin entdecken können, daß dieser unglückliche Mensch den Tod nur allein von seiner unangenehmen und schrecklichen Seite hatte kennen lernen, und derselbe für ihn also wahrhaftig ein König des Schreckens seyn mußte; er kannte den Tod nur als den Zerstörer seines Leibes und den Mörder seines Lebens — dieses machte, daß er beim Blick ins ofne Grab, wo er schon seine Gebeine ein Raub der Verwesung werden sah, zurückschauderte, da er diese schreckenvolle Höhle als seine letzte Bestimmung, aus Mangel richtiger Begriffe von demselben, anzusehen hatte, da er diesen Ort nicht als die Werkstätte der Allmacht erkannte, wo sie seinen Leib zu einem andern Leben zubereitete — und sich sein Geist nicht über die modervollen Grüfte in dieses Leben hinzuschwingen wußte. Wäre er so glücklich, die angenehme Seite desselben zu kennen, daß der Tod nemlich nicht Vernichtung, daß er nur Verwandlung, nur Verschönerung seyn würde — gewiß so würde er demselben als einen Friedensbothen ansehn, da sein Innerstes jetzt ohne diese richtigen Vorstellungen natürlich vor ihm zurückschaudern muß. — Doch ich fange an zu theologisch zu werden, darum will ich abbrechen.

Bei dieser Furcht vor dem Tode war es aber wohl immer etwas sonderbar und auffallend, daß [57]er bei jeder Beerdigung, die bei Tage geschah, zugegen war und dem Todtengräber beim Einscharren getreue Dienste leistete, indem er jedem Verstorbenen die letzte Ehre dadurch bezeugete, doch zum wenigsten eine Schaufel voll Erde auf seinen Sarg hinabzuwerfen — vielleicht in dem Gedanken, selbst recht lange von dem Knochenmanne verschont zu werden, wenn er so viele Entseelte dem Schooße der mütterlichen Erde anvertrauen hülfe.

Fr. Ant. Wallroth.