ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Sprache in psychologischer Rücksicht.

Bauer, Carl Ludwig

Das Ontologische der Sprache und der Sprachen, das Abstrahiren allgemeiner Begriffe von dem Sprachgebrauche, eine Grammatica Philosophica, (dergleichen wohl niemand weniger geliefert hat, als der erste Erfinder dieser Benennung zu seinem Werke, Caspar Scioppius, welche Benennung mit besserm Rechte des Fr. Sanc- [57] tii Minervae zukömmt,) eine Grammaire raisonnée ist von jeher mein Lieblingsaugenmerk, und des Sal. Glassii Philologia S. in dieser Absicht mein liebstes Buch gewesen und geblieben.

Ja, es ist nichts, was den Sprachunterricht, was die Behandlung der Schriftsteller, der Deutschen wie der Griechen und Römer, der Neuern, wie der Alten so interessant, für den Lehrer und Schüler, und alle so gerühmte Aenderungen der Lehrmethode entbehrlich machen könnte, als dies Philosophiren über Sprachgebrauch und Schriften, welches ja eben die wahre Ernestische Lehrart ist, deren Kenner und Liebhaber alle Aenderungsvorschläge ruhig bei Seite legt und verachtet, weil man hier denken lernt und lehrt.

Erlauben Sie mir eine Bemerkung dieser Art in Ihr Magazin als einen kleinen Beitrag zu liefern. Sie betrift die Worte, welche an sich mittlerer Bedeutung und gleichsam neutral sind, und, da sie an sich weder das Gute noch das Schlimme bedeuten, erst durch Zusätze der Adiectiven oder Beschaffenheitswörter diese Einschränkung und Bestimmung erhalten; daher sie auch vocabula μέσα, media, heissen. Dergleichen sind die Worte, Leben, Gestalt, Glück, Nahme, Gewitter, Kraut, fortuna, valetudo, forma, fama, u. a. m. Was thun wir mit diesen Worten? Wir setzen Adjectiva darzu, z.B. gutes widriges Glück, fortuna secunda, adversa, [58]guter, böser Nahme oder Ruf, valetudo prospera, adversa, schöne, häsliche Gestalt; dies ist der Gebrauch, welcher der indifferenten Natur dieser Worte gemäs ist. Aber was thun wir hernach? Wir brauchen diese Wörter allein, ohne Zusatz eines Adiectivs, mit einer wahren Emphase, das ist, mit einem Nebenbegriffe, der nicht im Worte liegt, sondern aus dem Zusammenhange der Rede bestimmt und erkannt wird. So braucht der Ebräer das Wort Leben fast immer so, daß man den Nebenbegriff des glücklichen Lebens darzu denken mus; daher das ewige Leben. So heißt es im 20sten Psalme: er bat dich um Leben, d.i. um Glückseligkeit; im 37sten Psalme: bei dir ist (du bist) die Quelle des Lebens, d.i. du bist der Urheber und Geber alles Guten. Daher kömmt es erst, daß Tod in der Schrift so viel heißt, als Elend, weil der Gegensatz, Leben, den Nebenbegriff des Glücks hat. Das Wort Gestalt, lat. forma species, hat meist die Nebenidee der schönen, guten Gestalt; daher formosus, speciosus, schön, wohlgestalt; und informis, wie das Deutsche ungestalt, (in alten Büchern findet man auch ungeschaffen) lat. informis, deformis, ja auch Griechisch, ἄμορφος, allemahl so viel heißt, als übel gestalt; denn eine Gestalt an sich, hat auch der Ungestaltete häßliche. Inconditus, ungebildet, ist nie ohne den, hier verneinten, Nebenbegriff des wohl gemachten, und heißt, übel [59]eingericht: so, entstellen, verunstalten, eine üble Gestalt geben. Valetudo, heißt überhaupt, Befinden des Leibes; aber oft heißt es nicht nur Gesundheit, z.B. valetudinem tuam cura: si vales, bene est; valeo; sondern auch Krankheit, harte Krankheit, z.B. in gravem valetudinem incidit; gravi valetudine implicitus; So tempestas, Wetter, Gewitter, Ungewitter. Tempestas heißt indifferent, Wetter; aber, wenn man im Lateinischen sagt: magna tempestas, so heißt es Sturm, Donnerwetter, Wind, u.s.f. und der Deutsche sagt: es kam ein Wetter, ein rechtes Wetter. Mit dem Worte, Gewitter, ist es noch sonderbarer: Gewitter heißt schlechthin Wetter, Witterung, z.B. Schneegewitter, und im Sächsischen Kirchengebete: mit gutem bequemen Gewitter; Aber nun sprechen wir, ein Gewitter; da denken wir das fürchterliche, gefährliche hinzu; und doch hernach wiederum ein Ungewitter, als wenn Gewitter an sich eine gute, wenigstens angenehme Bedeutung hätte, und ein so schreckendes uns böse scheinendes, unangenehmes, schreckliches Wetter kein, nicht, (Un-) Gewitter wäre. Welcher Eigensinn des Sprachgebrauchs, oder vielmehr unsrer Denkart! So das Wort Unkraut, also nicht Kraut; als wenn schädliches, hinderliches Gewächs, kein Kraut wäre; so hat Kraut die Emphase des guten nützlichen Krauts. Daher auch [60]in der Niedersächsischen Predigt des alten Geistlichen in der Berliner Monatsschrift Untüg erklärt wird, Unzeug, gleichsam kein Zeug, d.i. kein taugliches Zeug; wiewohl ich dies lieber von tügen, taugen herleiten wollte, als untauglich. Und eben das Wort Zeug: Welche fatale Nebenidee hat es nicht im Deutschen, wenn wir gewisse Leute Zeug nennen, oder von Schriften, solches Zeug! Im Französischen, un homme de naissance, sans naissance, selbst fast im Deutschen, von Geburt, ohne Geburt, von Condition, d.i. Zustande, von Stande, Standsperson, lauter Emphasen des guten, des vorzüglichen: denn Geburt, Stand, hat doch jeder Mensch. Parvenir, gelangen, heißt im Französischen, wenn es allein ohne, zu etwas stehet, glücklich werden, zum Glücke gelangen: z.B. la païsanne parvenue, le Soldat parvenu; vous ne parviendrés jamais. Und eben der Franzos und Britte, wenn er homme, man, für Mann braucht, denkt er nicht das Wort Mensch mit der Emphase der vollkommnen Menschheit, des Verstandes, Muthes, der Stärke, der Macht und Regierung, welches immer Vorzüge des menschlichen Geschlechts sind oder seyn sollen ? Das deutsche Wort Thier ist auch artig; es hat eine Emphase auf beide Seiten: wenn wir sagen, ein Unthier: so verbinden wir mit dem Worte Thier den Begriff des gutartigen, wohlgebildeten, sanftmü-[61]thigen; wenn wir hingegen den Menschen von dem Thiere unterscheiden, und ihn doch nicht so schlechthin ein Thier nennen: da geben wir dem Worte Thier eine niedrige, entehrende Bedeutung. In dem Worte Ungeheuer steckt gewis auch eine deutsche emphatische Ableitung, die ein Adelung zeigen mag. Aber Unart, Ungezogen, es hat keine Art, sind lauter Emphasen des Guten: denn auch das unanständige hat eine Art, eine Beschaffenheit, auch der Ungezogne ward gezogen, nur schlecht: Aber so sprechen wir auch, ein Mensch ohne Conduite, keine Conduite, Aufführung haben, nehmlich gute, anständige; denn Conduite an sich, betragen, hat auch der ungeschliffenste, nur schlecht: so auch ungesittet, unmanierlich, d.i. ohne gute Sitten, Manieren hat ja jedermann. Mündig, unmündig, hat schlechterdings die emphatische Nebenidee des rechten, klugen, herzhaften, nützlichen Gebrauchs des Mundes, der den Kindern fehlt, die sonst wohl Mundes genung haben. Wie veränderlich ist ferner die Nebenidee in dem Worte zeitige Früchte, zeitig auf die Academie gehen, hat immer den Begriff des zu frühen, unzeitigen: und hingegen, zeitig kommen, aufstehen, die Sonne zeitiget die Früchte, hat die Idee der rechten, schicklichen Zeit. Unthat, d.i. keine That, heißt eine böse That, die doch auch That ist; und das Lateinische Facinus hat zwar nicht immer den Nebenbegriff der bösen That; wiewohl facinorosus [62]allemahl ein Bösewicht heißt; doch den Beigedanken einer allzu kühnen, immer etwas unrechten That. Aber argentum factum, gemachtes Silber, heißt künstlich, zierlich gearbeitetes Silberwerk: daher Cicero sagt: quodammodo facta oratio, gleichsam gemacht, d.i. künstlich bearbeitet. Das Wort Geschmack von moralischen Dingen, wenn es allein stehet, z.B. mit Geschmacke, ohne Geschmack, keinen Geschmack haben, ist nie ohne die Emphase des guten richtigen, reinen, gesunden Geschmacks. Wahn, wähnen heißt an sich nur glauben, meinen, sagen; daher erwähnen; dies kann auch wahr seyn; aber wenn wir schon vom Wahne reden, ist allezeit die Idee des falschen des Irrthums dabey. So ging es auch mit dem Worte Vorurtheil: Ein Vorurtheil kann ja auch wahr seyn, ist oft wahr; und die praejudicia im rechten Lateine und bei den Rechtsgelehrten sind sehr wahr und wichtig. Aber wer von uns denkt nicht so gleich an Irrthum, an falsches Urtheil, wenn er von Vorurtheilen hört? Das Wort Einbildung hat immer den Nebenbegriff des falschen, erdichteten, nicht existirenden, ob es gleich an sich die Kraft der Seele anzeigt, die auch wahre Begriffe aufbewahrt, und sich (wohl) einbildet. Das Griechische δοξα, welches eine Meinung heißt, hat die fast beständige Nebenidee der guten Meinung von jemanden, des Lobes, der Ehre. Aber das Lateinische Fama ist [63]und bleibt zwar indifferent zu gutem und bösem Rufe; und Livius unterscheidet sogar im 6sten Buche bei dem Marcus Manlius, famam magnam und bonam; und doch heißt infamis eigentlich, ohne Ruf, der einen schlechten Ruf hat; und im Gegentheile famosus, übel berüchtigt; daher libelli famosi, Schmähschriften. Wie willkührlich! Bei dem oben erwähnten Worte Wahn, Wähnen, erlauben Sie mir noch eine kleine Sprachanekdote, die zu dieser Sache eben nicht gehört, aber an sich nicht uneben, und einem Wortforscher wohl zu vergönnen ist: Navita de ventis, de bobus narrat (garrit) arator. In dem alten Originale oder itzt umgearbeiteten Syrischen Aramena, (womit dem Recensenten in der A. D. Bibl. der es nicht gesehn hat, allenfalls, gegen Sicherheit der Rücksendung, durch mich gedient werden könnte, finde ich immer gedruckt, Argwahn, nicht Argwohn; jenes ist gewiß recht, ein arger Wahn; was soll hier wohnen heissen. Indessen mag ich doch nicht so schreiben; lieber mit allen falsch in Dingen, die nicht Sünde oder schädlich sind, als allem recht.

Dies ist quaestio facti; so reden, so denken wir, nicht blos der Deutsche, sondern der Mensch (der Unterschied der Sprachen könnte eine Psychologie der Völker schon instruiren.) Aber warum? Ich glaube daher, weil die Worte gemacht sind, die eigentliche, völlige, vollkommne Sache [64]zu bezeichnen, welche es nicht ist, wenn sie wie verdorben ist, oder ihrer Bestimmung nicht gemäß ist. Ein Baum ohne Frucht, ist kein Baum, wenn der Baum Frucht tragen soll; und wenn Cicero sagt, in der Regierung des Gabinius und Piso wären keine Consuln gewesen: so legte er den Begriff zum Grunde, worzu ein Consul da wäre, was man von ihm erwartete; und den fand er nicht an diesen schlechten Menschen. Wenn er sagte, es sind keine Gerichte: so meynt er, keine ordentliche, gerechte, unpartheiische Gerichte; denn so sollen sie seyn, deswegen sind sie. Die Republik ist weg, spricht dieser Republikaner, es ist kein Staat mehr, seit dem Siege des Cäsar: nemlich, ein freyer Staat, wie ihn der Römer dachte, haben wollte, gehabt hatte. Mit einem Worte: Unsre Seele will alles ganz vollständig haben; es ist der Vollkommenheits-Trieb. Ja, wird man sagen, bei solchen Worten, denen die Emphase etwas Gutes, eine Vollkommenheit, Rechtmässigkeit beilegt; Aber wo der Nebenbegriff sich auf das schlechte, böse lenkt, wie bei den Worten Zeug, Thier, Wahn, Vorurtheil! Und wie manche Worte sind so nach und nach gleichsam ausgeartet, oder verschwärzt worden: Im Lateinischen fur welches erst so viel hieß, als Mensch, aus dem Griechischen Φίος, Φῦτος; dafür auch Φὼρ war, wie honos und honor, colos und color, hernach ein Leibeigner (wie im neuern Lateine [65] homo, homagium, Vasall, Huldigung;) dann gar einen Dieb? Welches Herabsinken! Latro hieß ein Diener (von λάτρης, λάτρεύειν,) dann ein Soldat, daher der lusus latrunculorum das Damen- oder Schachspiel, hernach ein Räuber, Mörder! Schalk, sonst ein Knecht. Wo rechnen wir diese Nebenbegriffe hin? Erstlich zur Denkart, welche gewöhnliche Nebenbegriffe mit Dingen verbindet, die sich immer, oft, meist dabei finden: dies ist im Verstande oder in der Phantasie. Aber im Willen! Vermuthlich der Haß gegen Leute, die mit ihrem sonst guten Stande so viele Uebelthaten verbanden, daß durch ihre ganze Lebensart der Nahme derselben, verhaßt und zum Abscheu wurde; so wie ehemahls und itzt der Nahme gewisser, besonders barbarischer grausamer oder alberner Völker in dieser oder jener Absicht, zum wirklichen anatonomastischen Vorwurfsnahmen geworden ist: Beispiele sind bekannt, und — verhaßt.

Noch eine Bemerkung, mit Ihrer Erlaubniß, zur National-Seelenkunde aus der Sprache, die mir immer wichtig und der Prüfung werth geschienen hat. Nur der Teutsche hat besondere Worte für die physicalischen Handlungen der Thiere: in allen andern Sprachen, die mir etwa bekannt sind, selbst in der Ebräischen, im Griechischen, Lateinischen, Italienischen, Französischen, sogar im Englischen, das doch vom Deutschen herstammt, essen, trinken, sterben die Thiere, wie wir; nur bei [66]den Deutschen fressen, saufen, verrecken sie. Woher dieser Menschenstolz? Diese uns eigne Herabsetzung der Thiere, die mir nicht gefällt; der ich, ohne übertriebne Liebe oder Vorurtheile gegen die Thiere, doch Pflichten wenigstens an den Thieren, wenn auch nicht gegen sie, glaube, und ein solcher Freund und Patron der Thiere bin, daß ich, z.B. keinen Hund, keine Katze aufjage, wenn sie auf einem Stuhle liegen; sondern mir, oder jemanden anders, lieber einen leeren Stuhl herbei hole und dem Muhamed, wo nicht nachahme, doch applaudire, der seinen Rockermel abschnitt und liegen ließ, weil eine Katze darauf lag. Doch bei welchem Volke, ja von welchem Volke, ist das alberne Vorurtheil der Unehrlichkeit derer, die mit todten Thieren zu thun haben? Oder ist es Genauigkeit der Sprache? Wenigstens hat der Deutsche für die Begattung fast jeder Thiere ein eignes Wort, falzen, rammeln, horsten, beschellen, bespringen, belegen, u.s.f. Dies kann Jägersprache seyn, die ohnedies das besondere affectirt. Woher jenes komme, sage ich mit dem Horaz, quaerere distuli; Nec scire fas est omnia; doch ist der Teutsche auch wieder demüthig; nur der Teutsche hat ein eignes Wort, sündigen für die Vergehungen gegen Gott; Beten, Gebet nur zu Gott, welches in keiner andern Sprache so unterscheidend ist, selbst im Ebräischen, wo sündigen wenigstens auch gegen Menschen gebraucht wird, [67]z.E. wie der Oberschenke sagt: ich denke an meine Sünde, nehmlich gegen Joseph; und Jacob zum Laban: was ist meine Sünde?

Aber eine Sache wird mir wenigstens, (denn, wer willkührliche Hypothesen liebt, macht sich alles leicht,) ein Geheimniß unsrer Seele, in ihrem Verhalten gegen den Sprachgebrauch und die Erlernung der Muttersprache bleiben. Sie haben, mein Herr, vortrefliche, scharfsinnige, sowohl erfahrungsmässige, als abstrahirte Bemerkungen mitgetheilt, wie Kinder nach und nach reden lernen. Ich weiß, daß Nachahmung und Vorsagen auch hier das meiste, wohl alles thut; aber daraus läßt sich nur die blosse, gerade Benennung der Sache, durch den Nominativ, erklären; auch allenfalls der Kindermodus; der Infinitiv; wiewohl auch hier schon mehr Feinheit steckt; warum nehmen sie, die Kinder, diesen Modus, der die allgemeine abstrahirte Idee des Verbums ist? Aber wer lehrt dann die Kinder die andern Casus nicht kennen, das kann paradigmatisch geschehen, wiewohl es nicht geschiehet, bis das Kind Lateinisch decliniren lernt; nein, sondern brauchen, recht brauchen? Das Haus meines Vaters, meiner Mutter Bruder, ich will es dem Vater sagen: wer lehrt dies die Kinder? Wer lehrt sie die subtile Beziehung des Genitivs, des Besitzes, des Eigenthums, des jemanden gehörigen zu dem Besitzer? die Beziehung der Handlung auf ihren Gegenstand, im Da-[68]tive und Accusative? Aber mit den Verbis ist es doch noch wunderbarer. Wer lehrt sie die gegenwärtige, geschehene Zeit von der vergangnen, die geschehene Handlung von der künftigen unterscheiden? Wer lehrt sie auf das (t) merken, ich liebte: Ja wer lehrt sie sagen: ich will, ich werde lernen? Noch mehr: anomalische, abweichende Verba: ich as, ich wollte, ich fuhr? Freilich sprechen auch wohl, nicht nur Kinder, auch Frauenzimmer, er singte: aber dies ist schon Analogie vom, ich hörte, nur falsch angewendet, wie jener Franzos machte: ich gehe, ich gieng also: ich stehe, ich stieng. Auch sagte einmahl ein kleines Mädchen zu mir: ich habe die Mama gebittet; aber dies ist selten; meist reden sie ordentlich. Wer lehrt sie dies, da wir das Teutsche nie förmlich, nie grammatisch in der Kindheit lernen! Wer lehrt sie jedes Tempus am rechten Orte brauchen? Dies ist schon Vernunft, Ueberlegung! Aber wie hat sie sich entwickelt? Gewiß, in der Muttersprache selbst, in der nationalen Organisation darzu, z.B. zum Englischen th, zum Französischen eu, u, in liegt Anlage, wo ich mit Erlaubniß, oder ohne Erlaubniß aller Neuern, Deum ex machina, schöpferische Grundeinrichtung, so lange erkenne, bis mir es jemand näher aus Mittelursachen erklärt.

Was ich oben vom Genitive sagte, ist in den Morgenländischen, das ist, in den Sprachen der [69]Menschen nicht so besonders, wo der Genitiv, ohne Aenderung, nur nach dem regierenden Casu gesetzt, und aus dem vorhergehenden Namen erkennt wird; aber in Sprachen, wo entweder Artikel, oder Endbuchstaben, die Casus machen, da will es gewiß mehr sagen.

Da die Morgenländischen Sprachen die ältesten sind, und besonders die Ebräische alle historische Beweise, wo nicht der ersten, doch dieser am nächsten kommenden, Sprache hat: so ist der philosophirende Sprachforscher, der sprachverständige Philosoph, der psychologische Grammatiker, der grammatische Psychologe, wie Sie wollen, auf alle Weise berechtigt und instruirt, aus ihnen den ersten Gang der menschlichen Seele zu abstrahiren. Dieser zeigt sich sogleich in der ersten Conformation dieser Sprachen, wo das Substantivum allemahl nach, und zwar meist ohne die Verbindung seyn, stehet; z.B. Gott gut, Baum groß: recht wie es in der Seele zugehet; erst die Sache, dann ihre Beschaffenheit. Aber warum ist in den Morgenländischen Sprachen die dritte Person des verbi die Wurzel, das erste Grundwort, aus dem andere Personen erst durch Zusätze gebildet werden? Dies scheint mit dem Grundsatze nicht recht übereinzustimmen, daß jeder Mensch zuerst sich selbst denke; das glaube ich auch eben nicht: Kinder wissen von sich selbst nichts ausdrücklich, und werden zuerst und am lebhaftesten von den Dingen [70]ausser ihnen durch die Sinne gerühret; so wie ich eben nicht glauben muß, daß Adams erster Gedanke war: wer bin ich? Woher? Sondern er sahe zuerst Himmel, Sonne, Thiere, Bäume, was ihm in die Augen fiel. Aber warum ist die vergangne Zeit die erste in den Morgenländischen Sprachen? Wusten die ersten Einrichter dieser Sprachen, daß die Zeit nicht einmahl eigentlich gegenwärtig ist? Oder war es erzählender Styl, was sie gesehen, gehört hatten ? Was schon, und zwar so schnell vorbei war? Doch ist ihr Präteritum freylich auch Präsens, worzu sie zwar eigentlich das Participium brauchen.

Hirschberg.

M. Carl Ludwig Bauer,

Rektor der Evangelischen Gnadenschule von Hirschberg.