ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

**, den ich bereits ehemals geschildert, ist nicht mehr ganz das, was er sonst war. Sein drolligtes Wesen hat er zwar noch so ziemlich be-[81]halten, aber seine Flatterhaftigkeit, sein Leichtsinn, macht es tadelnswerther als ehemals.

Seine Begierde, eine höhere Stufe zu erlangen, hat vieles von dem Eifer und der Freude verloren, womit sie sonst verbunden war, und dies vielleicht bloß deshalb, weil er wirklich eine Klasse höher hinauf gerückt ist.

Seine Kenntnisse verdienten dieß, aber seinen Jahren nach wäre es vielleicht gut gewesen, wenn es nicht geschehen wäre.

Er scheint sich nun durch mehr Geräusch, durch äußre Nebenbeschäftigungen gleichsam ein Ansehn geben zu wollen, damit er bemerkt werde, und eben so viel gelte, als ein andrer, der größer ist.

Diesen Zug hab ich sehr häufig bei ihm beobachtet, und er ist überall bei ihm sichtbar. Sein Gang ist hüpfender, sein Auge schalkhafter, seine Bewegungen mit den Händen mannigfaltiger und seine Sprache stärker und lebhafter geworden. Wenn er glaubt unbemerkt zu seyn, so mischt er sich unter die Größern, und ersetzt wenigstens durch seine Dreistigkeit, was ihm an Leibesstärke abgeht.

Gegen Verweise scheint er gleichgültiger oder eigentlich launischer geworden zu seyn, nur bei Aufmuntrungen bleibt er sich völlig gleich.

Da funkelt in seinem Auge das Guthmüthige, das Herzliche, und da zeigt sich in der kleinsten von seinen Minen lebhaft empfundne Freude, die [82]dann durch den ganzen Körper dringt, um alles, was an ihm ist, in Bewegung zu setzen.

Diese Gutmüthigkeit ist mir auch noch Bürge, daß sich jenes flatterhafte Wesen nie in wirkliche Unart verwandeln, und daß sein Ehrtrieb nicht ganz unterdrückt oder in Schein und Blendwerksliebe ausarten werde.

Seine brüderliche Liebe ist noch ganz und ungeschwächt vorhanden, und ich gestehe, daß ich mich auch bei kleinen Neckereien, die er mit seinem Bruder vorhat, doch über die Mäßigung freue, mit der dies geschieht, und überhaupt über die ganze Art, mit der er dabei handelt.

Man sieht es ihm und seinem Bruder an, daß sie sich beide gut sind, daß sie sich nahe angehören, und daß sie in keinem Stücke sich fremd seyn wollen.

Das scheint wirklich bei ihm nicht mehr Anlage, sondern wirklicher, fester Charakter zu seyn, der in allgemeinere Menschenliebe übergeht, und ihn sicher zum guten, glücklichen, und nützlichen Menschen machen wird.


** ist ein Knabe von etwa zwölf Jahren, und es fehlt ihm nicht an Anlage und Fleiß, brauchbar zu werden.

Er faßt ziemlich schnell, und wenn irgend etwas mit Ernst verlangt wird, so ist er in seinen Aufsätzen und schriftlichen Wiederholungen ziemlich pünktlich. Aber seine Seele scheint durch irgend [83]etwas verstimmt und aus dem graden Geleise der Natur herausgekommen zu seyn.

Sein Auge ist finster, es verengt sich, ohne kurzsichtig zu seyn, und sein Blick ist fast immer zur Erde geheftet.

In seiner Stirn liegen einige Falten, die etwas tückisches und hartherziges verrathen, und die überhaupt seinem Gesichte nicht vortheilhaft sind.

Er weiß seinen Mund durch eine kleine Biegung kleiner zu machen, und dadurch entsteht zugleich eine merkliche Bewegung an der Nase, die kein eigentliches Naserümpfen ist, aber doch dergleichen Dienste thun soll.

Alles dies ist freilich keine Empfehlung für ihn, aber dies gilt auch von seinen Handlungen selbst.

Er weiß durch mannigfaltige Krümmungen irgend einen seiner Mitschüler zu berühren, ohne daß dieser den Thäter allemal wissen kann.

Auch wenn er dabei betroffen wird, weiß er sich eine Art von Gegenwart des Geistes zu geben, und er geräth gleichsam in ein Erstaunen darüber, daß er dieß gewesen, dieß gethan haben sollte.

Auch drückt er sich eben so in seinen Worten aus: »Ich? ich weiß ja gar nichts davon! Ich habe still gesessen! Ich habe mich nicht bewegt« — und dabei wendet er sich häufig zu seinem Nebenschüler, und will, daß dieser ein Zeuge für ihn und seine Unschuld seyn soll.

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Wenn man ihn nicht beobachtet, ihn nicht etwas kennt, so nimmt er durch seine äußre Scheinheiligkeit ein, und macht es einem schwer, das Gegentheil von dem zu glauben, was er sagt und behauptet. Wenn man ihn aber auch kennt, und selbst Augenzeuge gewesen ist: so läugnet er fort, und bleibt sehr hartnäckig bei dem, was er einmal gesagt hat.

Strafe ist ihm wirklich nicht gleichgültig, sondern sie scheint ihm etwas Erniedrigendes an sich zu haben; aber er leidet sie mit einer verzweifelt tückischen Miene, von der ich, wenn sie noch einige Jahre so bleiben sollte, alles befürchten würde.

Andre zu tadeln und tadeln zu hören, sie geringschätzig zu machen, scheint ihn zu freuen.

Bei dem Lobe andrer ist er in sich gekehrt, murmelt etwas vor sich, welches er überhaupt oft und bei vielen Gelegenheiten thut, besonders, wenn er erinnert wird, und weiß, ehe man sichs versieht, irgend etwas dagegen einzuwenden.

Er ist dabei äußerst wild und störrig in seinem ganzen Betragen. Alle seine Geräusche sind hörbarer als der übrigen. Er klettert, schimpft, wirft und stößt um sich, und giebt bei dem allen immer genau Acht, ob er auch bemerkt werden könnte, um alsdenn auf einmal still zu seyn, und die Unschuld selbst zu scheinen. —

Seidel.