ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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VI.

Ueber meinen unwillkührlichen Mordentschluß.

V..w.g., J. Gottfried

(S. dies. Magaz. 3. B. 2. St. S. 58.)

Bei allen grossen und liebenswürdigen Eigenschaften, wodurch sich der Mensch, das Meisterwerk der Schöpfung, so vortheilhaft auszeichnet, giebt es doch Augenblicke, wo er, von innen und von aussen auf so mannichfaltige Art bestürmt und gepreßt, sich nicht selten ganz zu vergessen und Handlungen zu begehen im Stande ist, die ihn noch unter die unvernünftigen Thiere herabsetzen. Bald [62]bewundert man die Ideale von Vollkommenheit und Grösse, als ursprünglich zusammengesetzte Bruchstücke aus der Menschenwelt, bald erstaunt man, bei geringer Aufmerksamkeit, über die mannichfaltigen zurückschreckenden Schattirungen und Beispiele in derselben, welche die Bemühungen des Seelenzeichners immer Ungewisser machen.

Giebt es nicht Menschen, die mit stürmender Hand ihren eignen Körper zerstören; schleichen nicht in gewissen Ländern Ungeheuer in Menschengestalt umher, die nie vorhergesehene Fremde, von welchen sie nie sind beleidiget worden, wie Fliegen tödten*) 1. Noch mehr: Selbst die heiligsten Bande der Natur, scheint es, sind dem Menschen oft nicht fest genug, er zerreißt sie, wie der Knabe ein Spinnengewebe.

Doch zurück auf mich selbst, ich muß in meinen eignen Busen fühlen. Wie ist es überall möglich, [63]daß ein Bruder der Mörder des andern werden konnte, möglich, daß die Hand des Aeltesten, sich mit dem Blute des Jüngsten, unter welchen doch das Band der Liebe oft am engsten geknüpft zu seyn scheint, beflecken sollte? — Ich muß gestehn, daß ich mir diese Frage oft, mit Rücksicht auf jene traurige Selbsterfahrung, aufgeworfen habe. Ja, wäre ich es mir nur nicht noch so lebhaft bewußt, wie viel mir dieser anhaltende Seelenkampf gekostet hat, ich würde lieber diesen Einfall als einen Gedanken, der mir so durch den Kopf gefahren, ganz verachtet haben. Das wäre ich schon mir schuldig gewesen, und der Ehre der Menschheit, deren Schwachheiten, oder wenn man lieber will, Schandflecke ohne Noth zu vermehren, vermeßner Frevel ist.

Einzig ist diese Erscheinung am Horizont der Psychologen. Und doch darf man nur das gegenseitige Betragen mehrerer Brüder, ohne Vorurtheil, beobachten, um in solchen psychologischen Untersuchungen sicher zu gehen, indem man von der Natur der Bruderliebe richtiger, d.i. erfahrungsmäßig urtheilen lernt. Sie ist in den erstern Jahren am herzlichsten, so bald sich aber der Knabe selbst mehr fühlt, erweitert er seinen Spielraum, zieht mehrere hinein — hierher meine Geschichte — bis irgend ein gemeinschaftliches Interesse und die Rückerinnerung an die Jahre der fröhlichen Kinderspiele, die Bruderliebe in spätern wieder entflammt. Es wäre wohl, dünkt mich, einer ge-[64]nauern Untersuchung werth, wie weit die Ansprüche der Natur und der Erziehung an die Bruderliebe reichen. Sorgfältige Beobachtungen über mehrere Brüder, würden uns hierüber, so wie über die Natur, Motive und Entwickelung der Liebe überhaupt, die beste Auskunft geben. Die nothwendige Ungleichheit der Liebe unter Brüdern ist ein Beweis, das bei derselben, so wie bei der Liebe überhaupt, Willkühr und Selbstthätigkeit zum Grunde liegen.

Wenn nun aber auch bei der Bruderliebe Erziehung das Beste thun muß, so wird dennoch die Frage: wie kam dieser Mordgedanke in meine Seele? um nichts leichter; ja vielleicht noch schwerer und verwickelter die Untersuchung, wie er sich solange darin erhalten, und in einem Moment das Begehrungs- und Verabscheuungsvermögen in derselben, gleich stark, gleich dringend seyn konnte? Doch, je öfter ich über diesen unwillkührlichen Mordentschluß nachdenke, je mehr ich ihn auf der Spur zu beschleichen strebe; desto lebhafter und wahrscheinlicher werden mir einige Gedanken, die, meinem Auge wenigstens den Gang dieser augenblicklichen Raserey so natürlich zu bezeichnen, und meinen damaligen Umständen insonderheit, so anpassend zu seyn scheinen, daß ich sie fast für den einzigen Schlüssel zu diesem psychologischen Rätzel halten möchte. Hier ist der Standpunkt, von wel-[65]chen ich den wahren Verlauf dieser Geschichte zu übersehen glaube.

Ich hatte alles, Bücher und Papier, ausgenommen das Federmesser, auf die Seite gelegt. Dieses mußte, da es so frey lag, den letzten Blick, indem ich das Licht auslöschte, auf sich ziehen. Ich legte mich mit dem Bilde des Messers nieder. Die in jenen Jahren noch geringe Anstrengung des Geistes, war durch plötzliche Müdigkeit unterbrochen worden, ich hatte auch wohl schon, wovon ich aber doch nicht völlig gewiß bin, auf dem Stuhle geschlafen, die vorher genährte Vorstellungen wurden daher nicht sogleich wieder lebhaft; vielleicht hatte mich selbst die Beschäftigung schon vorher zur Unzufriedenheit gestimmt; wie leicht konnte mich also die Idee des Gebrauchs und des nachläßigen Liegenlassens des Messers nur ganz allein beschäftigen?

Plözlich entstand in mir der Wunsch: wenn, du doch das Messer lieber eingelegt hättest, wer weiß es könnte ein Unglück geschehen. — Immer noch im Allgemeinen empfunden und gedacht. Immer noch war ich im Zustande der völligen Besonnenheit und des Selbstbewußtseyns. Aber schon dieser Einfall befremdete mich. Meine Seele hielt fest an dieser abgestreiften Idee, die Einbildungskraft mahlte sich das Bild aus, daß endlich diese lebhaft empfundene Vorstellung des möglichen Schadens in Mißtrauen und Besorgniß übergieng, und es [66]mir je länger je schwerer wurde, diese eingeschlichne Idee zu verdrängen.

Dein Bruder, gieng's dunkel in meiner Seele, schläft — kann sich nicht wehren, — niemand sieht es — wie wenn —— ach, Gott! —— Der Gedanke Mord — Brudermord — vergegenwärtigte mir alle bange Vorstellungen und verstärkte die üble Stimmung meiner Seele so sehr, daß ich völlig in eine moralische Betäubung fiel, worin ich fast ganz ohne Absicht handelte, mir wenigstens keiner deutlich bewußt war. Diese nie empfundene Vorstellung mußte sich, eben ihrer Sonderbarkeit und Neuheit wegen, da ich sie mit keiner der vorräthigen Ideen konbiniren konnte, um so fester setzen. Dahin war nun alle Gegenwart des Geistes, und Furcht und verzweifelndes Schrecken bestürmte mich mit blinder tyrannischer Wuth. Die Einsamkeit und die Dunkelheit der Nacht ließen mir, während dieses Kampfes der erhitzten Einbildungskraft mit der Vernunft, auch keine neue Eindrücke zukommen, machten vielmehr die herrschende Vorstellung nur noch grausender und schrecklicher.*) 2 So entsprang aus der Furcht es zu thun, es thun zu müssen, plötzlich der Entschluß. — —

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Furchtsamkeit scheint überhaupt eine Eigenheit meines Temperaments, dessen Einwirkung auf solche Erscheinungen gewiß nicht gering ist, in jenen Jahren gewesen zu seyn. Ein Umstand, der immer eine äusserste Nervenschwachheit voraussetzt. Ein Donnerschlag erschütterte mich aufs heftigste, und ein starker Sturm zur Nacht konnte nach meiner Einbildung Himmel und Erde bewegen, und ein naher Vorbote des letzten Tages seyn. Vorstellungen, die gar wohl, wo nicht ihr Daseyn, doch ihre Nahrung und Stärke, von damaligen theologischen Unterricht erhalten konnten. Ein Wink für Eltern und Lehrer, das Gefühl der Furcht bei diesem Kinde zu schwächen, bei jenen aber, wo es nöthig ist, zu schärfen, um sie auf die Mittelstrasse zwischen Unbesonnenheit und Muthlosigkeit, als die sicherste zu führen*). 3

[68]

Freilich bleiben der Wißbegierde hier noch genug Fragen übrig. Am liebsten möchte sie folgende beantwortet haben: wo finde ich den allerersten, den zartesten Keim dieses sich aufgedrungenen Gedankens? — Wodurch bekam diese Idee ihre erste Wirksamkeit? — Allein es ist umsonst, so tief in sich selbst hineinblicken zu wollen. Und doch geschieht auch hier kein Sprung. Von einer gegenwärtigen Idee ist immer schon ein Analogon da gewesen, die herrschende, ist gleichsam die Blume in voller Blüte, deren Knospe ein sanfter Hauch entfaltete. Gleich den Farben verlaufen sie sich in einander, ihre Schattirungen sind oft so unmerklich fein, daß nur erst ein scharfer Geistesblick eine bisher gleichsam im Halbschatten schwebende Idee auf einmal im brennenden Lichte erblickt: diese Energie der Seele erweckte vielleicht eine alte schlummernde Idee in mir, oder bildete aus mehrern ähnlichen eine, die sie zu den hohen Grade von Lebhaftigkeit erhob. Ohne ein Vergnügen daran zu finden, war ich oft zugegen, wenn geschlachtet wurde, vielleicht hatte ich dieser Handlung noch an demselben Abend, zu welcher Zeit sie gewöhnlich vorgenommen wurde, beigewohnt. Dieses Bild kopierte meine Seele und trieb ihr Spiel damit im Dunkeln. Sollte immer ein deutliches Bewußtseyn bey unsern Vorstellungen, insonderheit wenn sich ihre Grundzüge in unserer Seele mahlen, nöthig seyn? Die Materialien dazu sind freilich schon vorhanden, es fehlt [69]nur an schicklicher Anordnung und Zusammenfügung, um das Ganze zu übersehen. Diese Bewußtlosigkeit tritt wenigstens im traumfreien Schlafe ein. Eben so ist man sich der stillen Träume oft bewußt, gewöhnlich aber weiß man nicht, was man im Schlafe geredet hat, weil die Seele das vorgespiegelte Bild nicht von sich selbst unterscheidet.

Bei dieser Geschmeidigkeit oder schnellen Eindrucksfähigkeit der Seele kann ein einziges treffendes Wort den reichhaltigsten Gedanken erwecken und den schlummernden Geist zu neuer Wirksamkeit ermuntern. Daher können auch oft ganz verschiedenartige Bilder, wo aber doch immer eins das Licht von dem andern borget, die Seele zugleich beschäftigen; bei den ernsthaftesten Gedanken und Handlungen die schmutzigsten Bilder und Vorstellungen erscheinen. Ich kann mich hierbei sicher auf die Erfahrung vieler junger feurigen Redner, der Geistlichen am wenigsten ausgenommen, berufen, die, sobald sie mit möglichster Anstrengung des Geistes und Wärme des Herzens, von einer wichtigen Angelegenheit sprachen, nicht selten von ganz entgegengesetzten Ideen überrascht wurden. Vielleicht läßt dieß zugleich einiges Licht auf die Erscheinung fallen: warum Wahnsinnige und Betrunkene gewöhnlich religiöse Worte im Munde führen. Bei dem gemeinen Mann machen oft Religionsideen die Grundlage seines ganzen Ideenvorraths aus, werden nun die Gehirnfibern durch den Geist des Weins [70]heftig erschüttert, so gerathen die ihm geläufigsten Ideen in brausende Gährung; so wie der Wollüstling, in solchem Zustande, die unzüchtigsten Bilder sieht. Ueberhaupt würden Beobachtungen über Betrunkene und Wahnsinnige zu mancher psychologischen Reflexion Anlaß geben können. Da wird man sehr verschiedene Wirkungen der Trunkenheit bemerken, diesen lachen, jenen weinen sehen — je nachdem die Anlage und Grundstimmung des Temperaments verschieden ist.

Wäre mein Bruder, so dachte ich einmal, indem ich eingedenk dieser traurigen Jugendgeschichte, einen schlafenden Knaben betrachtete, wäre er in dem Augenblick, da der Mordentschluß reifte, erwacht, vielleicht hätte ich mich beruhiget. Allein eben dieser thätigkeitslose Zustand des Schlafenden, die dunkle und verworrene Vorstellung, daß er während desselben, weder Freude noch Schmerz empfinde, verstärkte die Betäubung meines Verstandes, um so mehr, da ich innerlich und äusserlich auch sogar keinen Widerstand fühlte. Selbst gegen die Vorstellung, welchen Schmerz ich ihm verursachen würde, blieb ich kalt und unempfindlich, so daß sie mir keinen Einfluß auf die Aenderung meines Entschlusses gehabt zu haben scheint. Erwachte vielleicht eine ursprüngliche Neigung, die erst durch das Alter geschwächt und durch Erziehung reiner gestimmt werden muß, aus ihrem Schlummer? Bekanntermaßen kann ein Kind, so lange es keine ähn-[71]liche Empfindung aus Erfahrung kennt, oder aus Leichtsinn nicht darauf achtet, ein unschuldiges Thier, mit kaltem Blute, zu Tode martern; es belustiget sich sogar, weil es sich in den Schmerz desselben nicht hinein denken, ihn noch nicht mit empfinden kann, an den konvulsivischen Bewegungen desselben, und scheint in diesem Augenblick ein dunkles Gefühl von Uebermacht und Größe zu haben, Herr über Leben und Tod zu seyn. Noch kann ich die starke Muthmaßung nicht verschweigen, so gern auch die Verschwiegenheit bei dem alles menschliche Gefühl empörenden Gedanken, den Finger auf den Mund legte, daß ich in diesen Gedränge wilder Vorstellungen und Empfindungen einen unwiderstehlichen Trieb empfand, diese That als etwas ausserordentliches auszuführen. Dieser heftige Drang meiner Seele nach Kraftäusserung, die gerade auf diese verwirrte Vorstellung mit der größten Geschwindigkeit gerieth, mußte eben daher mein Gemüth, nach den Gesetzen der Einbildungskraft, mit der furchtsamsten Aengstlichkeit*) 4 erfüllen, und [72]ich ergriff, um nur diesem schrecklichen Zustande ein Ende zu machen, verzweiflungsvoll das Messer —

So muste ich also erst auf dem höchsten Gipfel der Verzweiflung geführt werden, mein Blick sich in der Tiefe des Abgrunds verlieren, über welchen ich schon mit einem Fuße schwebte! Je tiefer diese Kluft ist, desto leichter kann sich der Mensch oft retten, geschwind zieht er den schwankenden Fuß zurück und stürzt vielleicht öfter, bei minderer Tiefe hinein. Ohne Bild: je näher solche Aufwallungen, wie dieser Blutdurst, den Zweck vor sich haben, je näher und je größer ihnen die Gefahr scheint; desto stärker ist ihre Wirkung; alle sonst nicht unwirksame Hindernisse werden blindlings übersprungen, und eben so stark und schnell wirkend müssen die Gegenmittel seyn, wenn sich ihre Hitze legen soll. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn das Messer nicht gerade so beschaffen und ein anderer als mein Bruder, mir nahe gewesen; hätte anders dieser rasende Einfall, nach den bisherigen Vermuthungen, unter veränderten Umstanden zu der Reife gedeihen können.

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Aber eben weil ich diesen aufwallenden Mordgedanken nicht von allen Seiten betrachtete, um das Zufällige desselben einzusehen; so verfolgte ich ihn in seiner Einheit, gleich dem Furchtsamen, der unaufhaltsam fortläuft, indem ihm sein zurückbleibender Verfolger triumphirend nachsieht. Ich möchte daher eine doppelte Beschaffenheit unsrer Ideen annehmen: entweder ist die Wirksamkeit derselben positiv, wenn der Geist mit freyer Einsicht und Bewußtseyn handelt, das wäre Selbstmacht des Geistes — oder sie ist negativ, wenn eine Vorstellung herrschend wird, die man im Moment der ersten Regung hätte schwächen sollen, wäre es auch nicht möglich gewesen, sie ganz zu unterdrücken; daraus entsteht Ohnmacht des Geistes, wenn wir eine unwillkührlich herrschende Idee nicht entfernen können. Ueberläßt sich nun die Seele leidend einem solchem Zustand, worin sie mehr empfindet als denkt, so ist sie sich des Uebergangs von einer Idee zu der andern nicht deutlich bewußt. Aus diesem Mangel der Einsicht in den Zusammenhang zwischen Grund und Folge, glaubt' ich einen nothwendigen Beruf zu haben — gedacht! gethan! — ich stand auf —

Doch ermannt ich mich, und kam in dieser Crisis auf den Gedanken, das Messer zusammen zu legen und zu verstecken. Zu dem sonderbaren Einfall, dasselbe auf diese Art in Sicherheit zu bringen, scheint mir die Wegräumung der Bücher das Vehikel [74]gewesen zu seyn. War ich vorher so schwach gewesen, mich von dieser Mordlust, wer weiß noch durch welchen Trugschluß und heimliche List der Einbildungskraft, beschleichen zu lassen; so konnte auch allerdings dieser Umstand wieder viel zu meiner Befriedigung beytragen. Während dieser Elastitität der Seele, man erlaube mir einmal dieses Wort, kann der geringste Umstand den Seelenkräften eine ganz andere Richtung geben, eben weil der Mensch, nach wie vor, nicht selbst handelt, sich beidemal überraschen und täuschen läßt, und in diesem Taumel so gestimmt ist, daß ihn alles frappirt. Freylich ist eben so leicht auch ein Rückfall möglich, der immer, je geschwinder er erfolgt, um so gefährlicher zu seyn pflegt.

In wie fern der damalige Zustand des Körpers, auf dieses psychologische Phänomen Einfluß hatte, das läßt sich freylich hinterher nicht mit Gewißheit bestimmen, um so weniger, da es ein Fall ohne seines gleichen in meinem Leben ist. Augenscheinlich war dieser Mordentschluß eine Wirkung sehr zusammengesetzter Triebfedern, und muß ursprünglich wohl mehr aus physischen als aus moralischen Ursachen hergeleitet werden. Eben das Unwillkührliche bei diesen Gedanken, eben der gleichzeitige Widerspruch zwischen Wollen und Nichtwollen, reden laut genug für die enge Verbindung und Abhängigkeit der Seele, die von dem körperlichen geschwächt und übertäubt wurde. Hiervon haben mich noch aufs neue [75]einige auffallende Beispiele überzeugt, die ich auch, ihrer Aehnlichkeit wegen mit dieser Selbsterfahrung, am Ende beyfügen will.

Hat nun die Lage des Körpers bekanntermaaßen schon so großen Einfluß auf die Träume, so konnten auch bei diesem Mordentschluß meine Nerven, durch die anhaltend lebhafte Empfindung, unwiderstehlich gereitzt und erschüttert werden; das Blut so lange in den Adern heftig wallen, bis es durch die Bewegung des Körpers, da ich aus dem Bette stieg und nach dem Messer ging, wieder in gleichmäßigem Lauf*) 5 kam, und sich die Hitze der Imagination abkühlte, weil Zeit und Veränderung des Orts mehr Licht und Klarheit in meine Vorstel-[76]lungen brachten. Ohne Zweifel hat das Klima auf jeden Mörder beträchtlichen Einfluß; anders handelt er unter einem wärmern, anders unter einem kältern. Der letztere geht langsamer und bedächtiger zu Werke, bey jenen ist der Gedanke: ich will, ich muß Eins, ein Ton, ein Ruf, von dem er sich auf- oder abgefordert glaubt. Er denkt's und mordet.

Indem nun meine Empfindungen und Gedanken ihren gewissen Zusammenhang, Vorstellungs- und Begehrungskräfte ihre gehörigen Verhältnisse wiedererhielten; so konnte ich noch das beste Mittel gegen solche Bestürmungen gebrauchen. Ich verfolgte die Spur dieser erschlichenen Idee, sahe die Täuschung ein, indem meine Seele zu der Idee, von welcher sie ausgegangen war, auf demselben Wege zurückkehrte. Durch diese Rückwirkung wurde das Gleichgewicht meiner Seelenkräfte wiederhergestellt, mein Geist nüchtern, ich meiner selbst wieder deutlich bewust, und die Versuchung nahm ein erwünschtes Ende.

Dies scheint der Gang vieler, diesem überraschenden Gemüthszustande ähnlicher, Erscheinungen zu seyn, die eben so wenig von selbst, als das Echo ohne vorhergehenden Schall, entstehen können, und uns nur deswegen so blenden und täuschen, weil wir die Nothwendigkeit ihres succeßiven Erfolgs nicht einsehen. Denn je zufälliger, je schneller eine Idee entsteht, desto tiefer ist ihr Eindruck, desto [77]leichter bemeistert sie sich der ganzen Kraft der Seele.

Indessen wird die Semiotik der Psychologie für jeden Fall besondere Symptome aufzeigen, da die individuellen Umstände immer gewisse Besonderheiten und Einschränkungen mit sich führen, und der Selbstbeobachter oft am richtigsten von solchen labyrinthischen Verirrungen urtheilen können. Bey der meinigen muß insonderheit das Alter, wo sich nur erst die zartesten Keime des künftigen Charakters zeigen, in Betracht genommen werden, da keine von den gewöhnlichen Ursachen des Mords und Todschlags, an deren Spitze die Verzweiflung steht, dabey statt finden konnten. Jene Jahre, wo der Jüngling, bey dem feinern Gewebe und der daher stärkern Reitzbarkeit der Gehirnfibern, aller Eindrücke fähig, mit dem Gang der Leidenschaft und mit den Blendwerken der Einbildungskraft noch gar nicht bekannt ist; und die Unvernunft solcher Vorstellungen nicht einsehen kann, daher in der Bestürzung oft den gefährlichsten Ausweg sucht; diese Jahre scheinen dieser versuchten Beleuchtung noch besonders günstig zu seyn. In spätern könnte ein solcher Gemüthszustand nur bey der äußersten Seelen- und Körperschwäche eintreten, Verstand und Wille würden so lange in Widerspruch nicht geblieben seyn.

[78]
Anhang einiger Erfahrungen von der Gewalt unwillkürlicher Ideen.

V..w.g., J. Gottfried

Eine neuere Selbsterfahrung: Es stellten sich mir wachend, bey einer unausstehlichen Fieberhitze, am hellen Mittage, Gegenstände dar, die ich wirklich zu sehen ja selbst zu befühlen glaubte; Ideale von weiblicher Schönheit, woran ich unter solchen Umständen gewiß am wenigsten dachte, die ich auch, alles Bestrebens ungeachtet, anfänglich nicht verscheuchen konnte. Die anhaltende Lebhaftigkeit dieser unwillkührlichen Vorstellungen, beunruhigte mich so sehr, daß ich mir die Nothwendigkeit als ganz unvermeidlich dachte, aus dem Fenster springen zu müssen.

Die Ueberzeugung in Gegenwart dieser Erscheinungen, daß die zunehmende Hitze diese Einbildungen hervorbringe, und das Unvermögen diesen keine andere Vorstellungen unterzulegen, nebst der unnöthigen Schaam, den Meinigen zu sagen, daß sie mich nicht allein lassen sollten, vermehrten meine Bestürzung ungemein. Nur das Ueberraschende dieser Erscheinungen brachte mich auf die Besorgniß, wer weiß noch zu welchem Einfall genöthiget zu werden, und die Höhe meines Schlafzimmers erzeugte die Furcht, in der Hitze einen tödtlichen Sprung aus dem Fenster zu thun.

[79]

Einen ähnlichen Streich spielte die Einbildungskraft einem bis dahin an Leib und Seel gesunden siebzehnjährigen Mädchen. Ihr lebender Bruder erscheint ihr im Traume mit dem Zuruf: bereite dich, du mußt jetzt sterben! — Indem wacht sie auf, wird durch diese Täuschung aufs heftigste erschüttert und betäubt, wirft sich betend zur Erde nieder, um sich zu ihrem nahen Ende vorzubereiten. Die durch ihr Klaggeschrey aufgeschreckten Angehörigen suchen sie zu beruhigen, den vermeinten nahen Tod ihr auszureden, allein vergebens; sie können sie anfänglich nicht einmal bewegen, von der Erde aufzustehen, bis es endlich, einigen entfernt wohnenden nahen Anverwandten, die hinzugerufen werden musten, gelingt, sie wieder zu sich selbst zu bringen. Jetzt befindet sie sich vollkommen wohl, und gedenkt erst die Freuden dieses Lebens noch in vollen Zügen zu geniessen. Ein neuer Beweis, daß weibliche Imagination reitzbarer und ausschweifender als Männer-Imagination ist!*) 6

[80]

Sollten solche unwillkührliche Vorstellungen, wie die meinigen bei der Fieberhitze, nicht auch im gesunden Zustande des Körpers, bei gleich hohen Grade der Hitze des Bluts, entstehen können? (Findet doch der philosophische Arzt eine Ursache mancher Verwirrungen des weiblichen Verstandes, besonders derer, die aus der Furcht entstehen, in der verhaltenen monatlichen Reinigung) — Wenigstens ist jene, durch die sich ausbildende Organisation, bewirkte größere Wärme des Körpers, unstreitig eine geschäftige Gehülfin der schöpferischen Einbildungskraft in den Jünglingsjahren. Eben so fühl ich mich oft, nach einer starken und ermü-[81]denden Leibesbewegung, zu lichtvollen Vorstellungen am aufgelegtesten.

Wie oft steigen nicht bey gesunden Tagen in unserer Seele Gedanken auf, die uns, wenn wir sie nur näher analisirten, sonderbar genug vorkommen würden! Allein die Seele kann bei dem höchsten Grad der Empfindniß oder Eindrucksfähigkeit gerade so gestimmt seyn, daß die Bilder, während dieser Ebbe und Fluth, so geschwind wieder verschwinden, als sie sichtbar werden, eben weil sie sich an die übrigen Vorstellungen nicht anknüpfen, daher Eindruck und Bewustseyn nicht stark, nicht bleibend seyn kann.

J. Gottfr. V..w.g.
in Bschwg.

Fußnoten:

1: *) Bei uns ist der Mord ein Vorwurf der verbietenden Moral, nicht so bei allen Völkern. Bei den Türken wird der Meuchelmord belacht, bewundert, sogar begünstiget. In Italien nennt man die Meuchelmörder bravos. — Oft scheint es, werden die Rechte der Menschheit mit den Rechten der Sprache zugleich gekränkt. So wie eine Nation an Simplicität verliert, so kommen auch die besten Wörter und Redensarten bei ihr in üblen Ruf und Bedeutung. Das Heilige wird profan. Um also in den Gemeingeist einer Nation tief einzudringen, muß man nothwendig auch ihre Sprache in psychologischer Rücksicht studiren.

2: *) Eine Art von melancholischer Wuth, die nur gegen Abend ausbricht, und nicht über 8 bis 14 Tage anhält, ist eine eigne Krankheit einiger Waldbewohner in Amerika, die aus Rache an den Zauberinnen, welchen man sie zu schreibt, viele Mordthaten begehen.

3: *) Es giebt oft ganz besondere Aeusserungen der Furcht, insonderheit bei Kindern. Nur ein Erfahrungsbeispiel. G** ein Knabe von dreizehn Jahren, den Muth und Herzhaftigkeit aus beiden Augen strahlt, der nirgends Gefahr sieht, besonders sehr beherzt auf jedem Pferde ist, zittert vor Angst und Schrecken bei der geringsten schiefen Richtung des Wagens, worin er sich befindet. Aus keiner andern Ursach, als weil er, wie er sagt, das Pferd in seiner Gewalt habe, hingegen bei dem Fahren sich dem Willen des Fuhrmanns überlassen müsse. Sich dieser unwillkührlichen Furcht zu entschlagen, ist ihm bis jetzt noch nicht gelungen.

4: *) Eben so schreibe ich den innern Beruf, zur Unzeit und am unrechten Orte laut reden zu müssen, vornehmlich der furchtsamen Bestürzung über das Unerwartete und Seltsame des Einfalls, und dem darauffolgenden Mißtrauen zu. In reifern Jahren konte der Unwille über einen falschen Gedanken, über unwichtige Deklamation u.d.g. noch besondere Veranlassung zum heimlichen Widersprechen geben. Es ist doch wohl nicht gar verbißner Unwille, daß einer die Freyheit hat, vor so vielen allein zu reden? Ich weiß sonst nicht, warum solche Anwandlungen gewöhnlich in der Kirche Statt finden.

5: *) Von solchen Unordnungen des Kreislaufs und den daraus entspringenden Erscheinungen scheint auch folgende Erscheinung zu zeugen: der schon erwehnte Knabe wird öfters, besonders in heißen Tagen, von den gräßlichsten Träumen beunruhigt, wo er durch sein fürchterliches Geschrey und Arbeiten mit Händen und Füßen, alle in der Nähe aufschreckt. Zureden hilft nichts, er antwortet aber ganz verwirrt, und sogleich tritt der Paroxismus wieder ein. Ich kann ihn nicht anders ermuntern, als wenn ich ihm kaltes Wasser zu trinken gebe und das Bette lüfte. Im Besinnen weiß er gewöhnlich von nichts, als ein Geschrey gehört zu haben, wodurch er seine Betäubung ohne Zweifel selbst noch vermehrt hat: nur erst nach langem Nachdenken kann er seinen Traum angeben, der freylich so sonderbar und so ganz ausser dem Gleisse seiner vorgängigen Ideen zu liegen scheint, daß wir beide ihn nicht zusammenreimen können.

6: *) Hierzu kann die Geschichte der Schwärmer, die bisher für die Psychologie noch zu wenig genutzt ist, sonderbare Beispiele in Menge liefern. Auf eins der auffallendsten muß ich doch aufmerksam machen: Ein 20jähriges Mädchen vermischte übertriebene Religions-Schwärmerey so sehr mit Verliebtheit, daß sie endlich aus bloßer Furcht, den Gegenstand ihrer Liebe vielleicht nicht zu erhalten, in völlige Verrückung des Verstandes fiel. Sie bekam Entzückungen, sprach oft und viel von der nahen Ankunft der Gerichte Gottes und des Bräutigams insonderheit. Mit diesem unterredete sie sich sehr freundschaftlich, und strebte oft darnach, denselben in ihre Arme zu schliessen. Erscheinungen, die sich leicht erklären lassen! — Hierbei hatte sie noch den vernünftigen Gedanken, niemand, als ihr Busenfreund, könne ihr Arzt ihr Helfer seyn. Endlich verließ sie den himmlischen Bräutigam mit dem Troste: es sey Gottes Wille, sie solle ihren Geliebten heirathen. Von dem Augenblick an hörten alle Entzückungen auf, und der irdische Bräutigam blieb ihr einziger Arzt und Freund. — Ohne Zweifel vermehrten die Angehörigen durch ihre Einfalt und Leichtgläubigkeit dieses Uebel, wobei, anfänglich wenigstens, Verstellung mit zum Grunde lag. Diese Geschichte mit bedeutenden Winken s. in Theobald, oder die Schwärmer. Eine wahre Geschichte von Hrn. Stilling. 1ster Band Leipzig 1784. 8. a

Erläuterungen:

a: Jung-Stilling 1784/1785. Bd. 1 enthält die Geschichte von Sannchen bis zur Hochzeit mit dem Erzähler, S. 288-359.