ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Sonderbare Gemüthsbeschaffenheit eines alten Mannes, der sich einbildete, daß er geschlachtet werden solle.

Donndorf, Johann August

Johann Christoph Becker, (dies ist der Name des Mannes, über dessen sonderbaren Seelenzustand ich jetzt etwas gegen sie zu erwähnen gereizt [15]werde) ist im Jahr 1710 zu Halberstadt von geringen Eltern geboren, und lebt noch bis jetzt hier in Quedlinburg, wo er seit mehr als 40 Jahren, bei der Fürstl. Stifts-Pröbstey, a als Pröbsteybote in Diensten gestanden. Einen feinen Verstand, oder offenen Kopf, wie man bei dergleichen Leuten nach ihrer Art doch auch manchmal antrift, hat er nie gehabt. Er ist immer etwas simpel, aber doch in seinem Dienst überaus getreu und ehrlich gewesen, so, daß ich ihm in den sieben Jahren, da er unter mir gestanden nicht eine einzige Veruntreuung oder Bosheit nachreden kann, welches ich auch von meinem Vater, der vor mir an meiner Stelle gewesen, und über 30 Jahr mit ihm zuthun gehabt hat, erfahren habe. Bei aller seiner Einfalt hat er doch aber von jeher, immer die Gabe gehabt, Leute von seiner Art, in Gesellschaften, ohne jedoch ins Unanständige zu verfallen, zu ammüsiren, wozu besonders das sehr viel beitrug, daß er von Jugend auf, häufige Historienbücher gelesen und eine Menge von alten Geschichten und Anekdoten in seinem Kopfe hatte, von denen er auch zuweilen eine ziemlich passende Anwendung zu machen wuste. Mit seinem Posten ist die Stelle eines Zehendmeisters b verbunden, und da er auch dies Amt an die 40 Jahre verwaltet hatte, so waren in der wirklich weitläuftigen Feldflur, die er unter seiner Aufsicht hatte, wenige Stücke Acker, deren Eigenthümer und Gerechtigkeiten er nicht gewußt [16]hätte. Doch konnte er gar leicht confus gemacht werden, wenn man es entweder darauf anlegte, ihn zu verwirren, oder auf die Probe zu stellen, oder wenn er sonst auf irgend eine Art, aus seinem gewöhnlichen Zuge kam.

Seit ohngefähr 12 bis 15 Jahren hat das Gedächtniß angefangen, ihn zu verlassen, und dieser Fehler hat von Zeit zu Zeit merklich zugenommen. Man mußte ihm eine Sache mehr als einmal bestellen, wenn er sie begreifen, und nicht wieder vergessen sollte, und doch richtete er seine Aufträge oft ganz verkehrt aus. Mehr als einerlei durfte man ihm auch nun nicht auftragen, weil er sonst oft eins mit dem andern verwechselte. Sein Gedächtniß nahm endlich, seit 5 Jahren dergestallt ab, daß er unten im Hause schon alles wieder vergessen hatte, was ihm auf meiner Stube gesagt war. Ich mußte ihm daher einen Denkzettel machen, und alles aufschreiben was er ausrichten sollte. Aber auch dies gieng endlich nicht mehr, denn er vergaß den Zusammenhang und konnte, des Denkzettels ohnerachtet, wenn er an den Ort seiner Bestimmung kam, sich nicht besinnen, was er sagen, oder wie er es vorbringen sollte. Doch behielt er dabei noch übrigens immer seinen gesunden Menschenverstand, sahe auch diesen Fehler selbst ein, und bat immer, daß man nur mit ihm Geduld haben mögte, weil er es nicht ändern könnte.

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Da er aber unter diesen Umständen zu seinem Dienste völlig unbrauchbar wurde, und demselben länger nicht vorstehen konnte, der Frau Pröbstin Hochfürstl. Durchlaucht aber ihn, da er ein alter Mann, und in seinem Dienste immer ehrlich befunden war, nicht verstossen wollten, liessen Höchstdieselben ihm vor 2 Jahren seinen Sohn adjungiren, jedoch so, daß der alte Mann alle mit seinem Dienste verbundene Revenüen, bis auf einige kleine Accidenzien, Lebenslang behalten soll, und sein Sohn so lange besonders salarirt wird.

Von dieser Zeit, ja, ich möchte beinahe sagen, von dem Tage an, da ihm diese Wohlthat, worum er doch selbst gebethen hatte, widerfuhr, und er nun aus aller Thätigkeit gesetzt wurde, fing sein Verstand an, zu scheitern, und alle seine Seelenkräfte merklich abzunehmen. Das Gedächtniß verläßt ihm von Tage zu Tage immer mehr, wobei jedoch das etwas Auffallendes ist, daß er sich solcher Dinge, die vor 30 bis 40 Jahren geschehen, und besonders ihm selbst wiederfahren sind, noch oft recht gut erinnert, auch von dem, was er einzunehmen, wenns auch nur Kleinigkeiten sind, nichts vergessen hat. Seit einem Jahre hat er sich den unglücklichen Gedanken im Kopf gesetzt, daß er geschlachtet, und aus seinem Fleische Würste gemacht werden sollten. Und es ist kein Mensch im Stande, ihm diesen Gedanken zu benehmen. Daß es keine Verstellung ist, davon [18]bin ich hinlänglich überzeugt, denn er hat je, weder Bosheit noch Verstand genug gehabt, eine solche verstellte Rolle zu spielen. Hiezu kömmt, daß er jämmerlich aussieht, vor Furcht und Angst über sein Schicksal wie der Tag vergeht, und keine Nacht Ruhe hat. Oft steht er auf, sich zum Tode zu bereiten, kleidet sich an, und behauptet strenge, daß der Wagen vor der Thür wäre, auf dem er zu seinem Ende abgeholt werden sollte. Ich habe ihn oft zu mir kommen lassen, um ihn seine wahnsinnigen Ideen durch vernünftige Vorstellungen, denen er auch ruhig Gehör giebt, auszureden. Er versichert auch, daß er in meinen Vorstellungen sehr viel Beruhigung fände, kömmt oft von selbst wieder, mir sein Leiden zu klagen, welches aber immer einerlei ist, und geht, wenn ich all meine Beredsamkeit zu seinem Troste angewendet habe, ganz beruhiget wieder von mir. Es währt aber kaum einen oder zween Tage, so erwachen die vorigen Vorstellungen wieder in ihm, und alle Beruhigung ist wieder verschwunden. Er klagt mir, daß ein langer vornehmer Mann ihn nach dem Leben trachte, dem er nicht entgehen könnte, und man hat, wenn man mit ihm spricht, die größte Behutsamkeit nöthig, um sich nicht im mindesten eines, auch nur scheinbar harten Ausdrucks zu bedienen, weil er sonst gleich glaubt, man sey sein Feind, und wolle ihn umbringen. Oft springt er des Nachts auf, um ins Feld zu gehen, und die Zehendarbei-[19]ten zu besorgen; er will auch oft alsdenn seine Frau, (mit der er sich in vorigen Zeiten nicht gut vertrug) schlagen, doch hält er gleich ein, so bald diese ihm sagt, daß sie ihn bei seiner Herrschaft verklagen wollte; denn er ist sehr furchtsam. So sehr er auch am körperlichen Kräften augenscheinlich abnimmt, und so wenig Ruhe er auch des Nachts hat, (denn er schläft fast gar nicht,) so hat er doch als ein 75 jähriger Mann, sehr starken Appetit, und ißt ungemein. Seine größte Besorgung, die er auch oft äussert, besteht darin, ob er auch Lebenslang Brod haben werde. Wenn man ihm seine albernen Phantasien aus dem Sinne geredet hat, so sieht er zu der Zeit seine Thorheit selbst ein; es kommen auch Stunden, wo er von freien Stücken davon zu reden anfängt, und sich beklagt, daß es in seinem Kopfe oft so unrichtig zuginge; dies währt aber nicht lange, so verfällt er wieder in seinen vorigen Zustand. Aus der Religion hat er immer viel gemacht; auch ist er niemals ein Säufer gewesen. Daß ihm bei seinem hohen Alter das Gedächtniß verlassen hat, darüber würde ich mich eben nicht sehr wundern, wie er aber auf einmal auf den unglücklichen und ihm nicht auszuredenden Gedanken hat verfallen können, daß er geschlachtet werden sollte, davon weiß ich gar keinen Grund anzugeben.

Erläuterungen:

a: Eine Propstei oder Probstei war je nach Glaubensrichtung entweder ein Kloster oder ein Verwaltungsamt einer Kirche. Der Vorsteher war ein Propst.

b: Der Zehnte, Zehnt oder Zehend war eine Steuer oder Abgabe von ungefähr 10 Prozent an die Kirche oder an den Grundherrn (Adelung 1811, Bd. 4, Sp. 1665).