ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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I.

Moralität eines Taubstummen.

Reiske, Ernestine Christiane

Joh. Christian Hackenthal war seit seinem dritten Jahre taub und stumm. Seine Mutter erzählte daß er damals schon etwas habe sprechen, und ein paar kleine Gebete hersagen können, als sie, indem sie ihn auf dem Arm gehabt, mit ihm gefallen sey, und ihn im nächsten Wasser abgewaschen habe. Vornemlich sey der Kopf sehr voll Koth gewesen. Sein Vater, ein Bekker, bekümmerte sich um seine Erziehung wenig, die Mutter aber erzog ihn so gut sie konnte. Ein alter Chirurgus der wenig zu thun hatte, und in der Nachbarschaft wohnte, kam auf den Einfall, aus langer Weile den Knaben zu unterrichten, und beschäftigte sich fast täglich mit ihm. Anfangs schrieb er die Namen der Dinge, die er ihm zeigte, auf den Tisch, und brachte ihn endlich so weit, daß er schreiben und lesen konnte, und von den meisten Dingen ziemlich deutliche Begriffe erlangte; ob er gleich nicht ein Wort aussprechen lernte.

Des Vaters Handwerk lernte er mehr vom Zusehen, und aus eignem Antriebe, als durch des [40]Vaters Unterricht; dem es aber doch nachher angenehm war, ihm seine Arbeit ganz überlassen, und ungehinderter saufen zu können. Der Sohn war ungemein fleißig, und sein Gebäck fand vielen Beifall. Dabei war er lustig und spashaft, so daß die andern Bürgerssöhne, die durch Zeichen gut mit ihm sprechen konnten, ohne seine Gesellschaft nicht vergnügt waren. Alle unter solchen jungen Leuten gewöhnlichen Spiele, wußte er so gut zu spielen, daß er fast allezeit gewann, wobei er viel lachte, den ärmern aber, das von ihnen gewonnene Geld heimlich wieder gab.

Dem Vater fiel es oft im Rausche ein, die Mutter zu schlagen; welches er schon als ein kleiner Knabe dadurch zu verhindern suchte, daß er auf den Vater zulief, und ihn so lange aufhielt, bis die Mutter sich hatte verstecken können; wobei er selbst erbärmlich geschlagen wurde; welches er sich aber nicht abschrecken ließ, sondern, wenn er zugegen war, die Mutter allezeit auf diese Weise rettete. Fragte man ihn, als er etwas größer worden war, warum er der Mutter wegen so viele Schläge erduldete? so gab er zu verstehen, er könne ihr damit doch noch nicht vergelten, was sie bei seiner Geburt und Kindheit mit ihm ausgestanden habe. Fragte man ihn, als er erwachsen war, warum er sich schlagen ließe, und den Vater nicht wieder schlüge, so gab er zu verstehen, Gott hätte das verboten; doch trug er ihn, wenn er gar zu [41]toll war, in die Schlafkammer, und schloß ihn ein, bis er den Rausch ausgeschlafen hatte.

Des Sonntags besuchte er die Kirche Vor- und Nachmittags, und sahe den Prediger mit der größten Aufmerksamkeit an. Unter dem Singen las er im Gesangbuche; und bezeugte sich sehr andächtig.

Als er ungefähr 20 Jahre alt war, sagte die Mutter dem dortigen Superintendent, daß ihr Sohn zum heiligen Abendmahl zugelassen zu werden wünsche, und sich oft darüber betrübte, daß er davon ausgeschloßen sey; wobei sie versicherte, daß er Begriffe vom Christenthume habe. Der Superintendent ließ ihn, nebst einem seiner guten Freunde, der gewohnt war, durch Zeichen mit ihm zu sprechen, und also ihr beider Dolmetscher seyn konnte, zu sich kommen, und fand, daß er mehr von der christlichen Religion wußte, als er hatte hoffen können. Er gab also dem Diaconus, den der Stumme selbst sich zum Beichtvater erwählt hatte, Verfügung, ihn ohne Bedenken anzunehmen; und setzte ihm ein kurzes Beichtformular auf, das der Stumme, in seiner Gegenwart, durchlas, und durch Zeichen zu erkennen gab, daß es ihm verständlich sey. Dieses Beichtformular schrieb der Stumme nachher allezeit, wenn er zur Beichte gehen wollte, ab, und gab es dem Beichtvater. Bey der Communion bezeugte er eine rührende Andacht.

[42]

Durch die schlechte Lebensart des Vaters war endlich das Haus so mit Schulden beschwert worden, daß es verkauft werden mußte. Man hatte für den Sohn die Fürsorge gehabt, ihn auf Lebenszeit eine freye Wohnung auszumachen; die er der Mutter überließ, und auswärts als Beckergesell in Dienst ging. Seiner Geschicklichkeit und seines Fleißes wegen, fand er, wo er hinkam, bald Arbeit; war auch den ganzen siebenjährigen Krieg hindurch preußischer Feldbecker. Man schrieb es ihm auf, was er machen sollte. Was er erübrigen konnte, schickte er seiner Mutter, und als er erfuhr, daß sie krank sey, kam er zu ihr, verließ ihr Bette Tag und Nacht nicht, und verpflegte sie aufs sorgfältigste. Als sie gestorben war, ließ er sie ihrem Stande gemäß, doch sehr anständig begraben, und beweinte ihren Tod so herzlich, als wenn ihm dadurch ein grosses Unglück wiederfahren sey, und klagte, daß nun auf dieser Welt kein Herz mehr sey, daß es so redlich mit ihm meine, als es seine Mutter gehabt hätte.

Ernestine Christiane Reiske.