ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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I.

Heilung des Wahnwitzes durch Erweckung neuer Ideen, in zwei Beispielen.

Reiske, Ernestine Christiane

Juliane Zernigalin, ein Mädchen von sehr lebhafter Einbildungskraft, ungefähr 17 bis 18 Jahr alt, war in unsern Diensten, als ich noch bei meiner Mutter unverheirathet lebte. Sie war fleißig, und bezeigte immer grosse Lust etwas zu lernen; dabei machte sie aber viel Entwürfe auf die Zukunft. Einen Verwandten, der nach Ostindien gegangen war, sahe sie nicht nur täglich in Gedanken sehr reich zurückkommen, sondern ihr träumte auch oft davon. Ueberhaupt beunruhigten mich ihre Träume sehr; denn ich ließ sie in meiner Schlafkammer schlafen, weil unsere übrigen Kammern zu entfernt waren.

Von allem, was sie des Tages gesehen oder gedacht hatte, träumte ihr des Nachts. Waren es nur gewöhnliche Dinge gewesen, die ihre Leidenschaften nicht erregt hatten, so sprach sie nur mit mäßiger Stimme; die mich oft aufweckte, die ich aber, wie das mäßige Rauschen eines Wassers gewohnt ward. Allein wenn ihr etwas angenehmes [28]oder unangenehmes wiederfahren war, konnte ich keinen Augenblick schlafen. Hatte sie auch nur in der Ferne Musik gehört, so tanzte sie im Schlafe, warf sich im Bette herum, und sang die Melodie der Tänze, (ihr verstorbner Vater, obgleich von seinem 12. Jahre an blind, war ein geschickter Musicus gewesen) mit so starker Stimme, daß ich zu ihr gehen und sie aufwecken mußte, damit das Kind meiner verstorbnen Schwester, dessen Wiege vor meinem Bette stand, nicht im Schlafe gestört ward; das zum Glücke immer fest schlief.

Um sie zu ermuntern, mußte ich sie allezeit in die Höhe richten und lange schütteln. Zuweilen zankte sie im Schlafe sehr heftig, mit jemanden, der Obst aß, und dem Kinde nichts davon geben wollte — und überhaupt träumte ihr oft vom Obste. Ihr väterliches Haus lag mitten in einem grossen Obstgarten.

Dabei war sie aber von Natur gutmüthig, und folgte gerne den Ermahnungen, die ich ihr zuweilen gab, wenn ich ihre kleinen Thorheiten des vorigen Tages in der folgenden Nacht, aus ihren Sprechen erfahren hatte.

Sie ward bald mit einem wohlgestalten jungen Manne, von ihres Vater Stande, der das väterliche Haus annahm, dem Ansehen nach glücklich verheurathet; und ich hatte nach meiner Verheurathung wohl in zehn Jahren nichts von ihr gehört, als ich meine Vaterstadt besuchte, wo man mir [29]sagte, daß sie seit länger als einem Jahre, den Verstand verloren, und vom Arzte und Beichtvater als unheilbar aufgegeben sey.

Man erzählte mir: Ihre beiden kleinen Töchter wären zugleich an Blattern a gestorben, von welchen sie die Jüngste noch an der Brust gehabt. Das Zurücktreten der Milch und ihre unmäßige Betrübniß, wären ohne Zweifel die Ursachen einer grossen Bangigkeit gewesen, die sie auf den Gedanken gebracht, sie habe die Ehe gebrochen, und zur Strafe dafür, sey ihr etwas in den Leib gehext worden, das ihr unaufhörlich Angst verursache, und ihr nicht zuliesse, etwas zu arbeiten. Solche traurige Vorstellungen und ihr Müßigsitzen, hätten nun natürlicher Weise ihr Uebel täglich vermehrt.

Ich ging zu ihr hin und traf sie an, daß sie an einem Tische, mit unter dem Kopf gestemmten Armen und niedergeschlagnen Augen saß. Ihre Mutter rief ihr mit Ungestüm zu, ob sie mich nicht kennte? Sie sahe mich an, schlug aber gleich die Augen wieder nieder, und sagte endlich, da sie mich wieder fürchterlich starr ansahe: Als ich bey ihnen diente, war ich glücklich; damals hatte ich noch keine Sünde und Schande begangen, hätte ich nur die Ehe nicht gebrochen!

Hierauf erzälte sie mir die ganze unglückliche Geschichte, die ihre Einbildungskraft erfunden hatte. Kurz: des Nachbars Sohn sollte ihr getrock-[30]nete Pflaumen gegeben, und als sie die gegessen und davon so schläfrig geworden, daß sie wieder ihren Willen eingeschlafen, die Ehe mit ihm gebrochen haben.

Ich ersuchte die Mutter, uns allein zu lassen; weil ich merkte, daß die sehr unsanft mit ihr sprach, und bemühete mich alsdann, ihr das unwahrscheinliche in ihrer Erzählung, aus mancherlei Gründen zu zeigen; allein ich konnte damit nichts ausrichten, immer klagte sie nur: Hätte ich nur die Thorheit nicht begangen! Hätte ich nur die Ehe nicht gebrochen! Oder sie antwortete mir: Ja, das können sie wohl sagen, sie haben die Ehe nicht gebrochen!

Vergebens suchte ich sie zu überzeugen daß ihre innerliche Bangigkeit natürliche Ursachen habe; sie blieb dabei, daß ihr zur Strafe ihrer Sünde etwas in den Leib sey gebannt worden.

Als ich endlich fand, daß ich nichts ausrichten würde, wenn ich ihr in Ansehung des Ehebruchs länger wiederspräche; sprach ich zu ihr von Gottes Erbarmen, und wie ich fest überzeugt sey, daß ihr Gott schon vergeben habe — endlich gebrauchte ich glücklicher Weise den Ausdruck: (doch weiß ich den Zusammenhang nicht mehr) Wenn wir gar keine Sünde thun könnten, so brauchten wir ja auch keinen Heiland. Hier stutzte sie; nach einigen Augenblicken traten ihr Trähnen in die Augen, und sie sagte mit grosser Bewegung: Ja, das ist wahr, wenn wir gar keine Sünde thun könnten, [31]brauchten wir ja auch keinen Heiland! Das wiederholte sie noch einigemale, als sie zuvor wieder eine Weile nachgedacht hatte. Nun ward sie ruhiger, versprach nicht mehr traurig zu seyn, sondern fleißig zu arbeiten. Ich ermahnte sie das zu thun, und stellte ihr vor, wie erfreut ihr Mann seyn würde, der, wie sie selbst sagte, bisher mit ihr soviel Geduld gehabt, wenn er sie bei seiner Zuhausekunft hübsch munter bey der Arbeit antreffen würde. Als sie mich zur Hausthüre heraus begleitet hatte, ergrif sie einen Spaten und sagte, sie wolle ein wenig graben. (Schon habe ich gesagt, daß ihr Haus in einem Garten lag.) Im Fortgehen erregte ich noch ihre Aufmerksamkeit auf den angenehmen Gesang der Vögel, und die niedlichen Grasblümgen.

Sie hielt ihr Versprechen, arbeitete fleißig, wobei ihr der von mir oben erwehnte, glücklicher Weise angebrachte Gedanke, (der für einen Lasterhaften sehr verderblich werden könnte,) unvergeßlich und tröstend blieb. Sie ward bald völlig gesund, und ist es nun schon seit länger als zehn Jahren geblieben, hat auch noch etliche gesunde Kinder gebohren.

Ohne Zweifel war der guten Frau, von ihrem Beichtvater, manches tröstende vorgesagt worden, nur war es in den gewöhnlichen Ausdrücken geschehen. — Der von mir gebrauchte, war ihr neu, darum that er eine so grosse Wirkung.

[32]

Ich bin dadurch in der Ueberzeugung bestärkt worden, daß man schwermüthigen Leuten nicht wiedersprechen, sondern nur ihre Aufmerksamkeit gleichsam, als von ungefähr, auf etwas ihnen neues zu richten suchen muß.

Z.B. Bei einer Jungfer, die täglich des Nachmittags, bis in die späte Nacht, seltsame Anfälle von Wahnsinn hatte, zeigten ein paar Worte aus Youngs Nachtgedanken, b die ich ihr zuweilen vorsagte, mehr Wirkung, als wenn ihr Geistliche und andere gute fromme Leute, die trostreichsten Sprüche aus der Bibel oder Liederverse vorsagten. Sie fühlte das selbst, legte es aber aus Liebe zu mir so aus, als ob mein Zureden, meiner ganz vorzüglichen Frömmigkeit wegen, eine so grosse Kraft habe.

Zwei Tage nach einander machte ich den Versuch, ihre wunderbaren Anfälle aufzuhalten, und er gelang mir. Den ersten Tag ging ich, gleich nach dem Mittagsessen, zu ihr, brachte das Gespräch auf die Verfassung des Weltgebäudes, von welcher sie nie etwas gehört hatte. — Als sie sehr begierig ward mehr davon zu wissen, nahm ich Feder und Dinte, und machte ihr viele Astronomische Zeichnungen, vielleicht nicht eine richtige, doch das that zur Sache nichts. Drauf machte ich ihr Begriffe vom Bauen unter dem Wasser, und von mancherlei andern Dingen, wodurch ihre Auf-[33]merksamkeit so unterhalten ward, daß sie sich des Abends ganz gesund schlafen legte.

Den folgenden Tag kam sie zu mir, und traf mich, weil ich sie erwartete, mit Landkarten umgeben an. Solche Dinge hatte sie nie gesehen. Wir suchten unzähliche Städte auf; von mancher las ich ihr die Beschreibung vor, von manchen Ländern erzählte ich ihr kleine Geschichten; und so blieb sie gesund, und begab sich mit diesen neuen Entdeckungen, in Gedanken beschäftigt, vergnügt zur Ruhe.

Wäre ich mein eigner Herr gewesen, so würden, wie ich glaube, stete Zerstreuungen der Gedanken, die ich ihr hätte machen wollen, sie wieder völlig hergestellt haben, wenn ich sie zu mir ins Haus hätte nehmen können.

Ernestine Christiane Reiske.

Erläuterungen:

a: Die Pocken (DWbBd. 2, Sp. 77).

b: Edward Youngs Gedicht, The Complaint: or, Night-Thoughts on Life, Death, and Immortality, erschien in neun Teilen zwischen 1742 und 1746 und wurde mehrfach neu aufgelegt.