ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Einfluß äußrer Umstände auf die Krankheiten der Seele.

Reiske, Ernestine Christiane

Magister Fr — — der jüngste Sohn eines wohlhabenden Rathsherrn zu — — war zwei Jahre auf der Universität ziemlich fleißig gewesen, als er, auf Anstiften einer verheuratheten Schwester, welche glaubte, das Studiren kostete zuviel, [34]nach Hause kommen mußte. Diese Schwester, die reich und geizig war, hätte es drauf gerne gesehen, wenn er sich um eine Informatorstelle beworben hätte; dazu war er aber zu schüchtern und hatte zu wenige Weltkenntniß. Ueber ihre öftern Vorwürfe, daß er zu Hause müßig läge, klagte er sehr; und ihnen giebt man seine nachherige Krankheit schuld. Doch könnte man auch glauben, daß der Gesundheitszustand seiner Eltern, zu der Zeit, als er sein Daseyn erhielt, viel dazu beigetragen haben könnte.

Sein Vater, der stets ein Mann von schwachen Geistesfähigkeiten gewesen war, näherte sich der Kindheit mit den Jahren immer mehr; so daß er in den funfzigen schon ganz Kind war, ob er gleich über 70 Jahre alt ward; und die Mutter ward, in mittlern Jahren, von der Gicht, an Händen und Füßen gelähmt; in welchem Zustande sie wohl noch 30 Jahre leben mußte. Seine noch lebenden Geschwister waren zwar gesund, allein sie waren viel älter als er, und also gebohren da die Aeltern noch um vieles gesunder waren.

Er predigte zuweilen für den dortigen Superintendent; zu dem er überhaupt viel Vertrauen zu haben schien. Man hörte ihn, seiner guten Aussprache wegen, gerne, obgleich die Predigten ziemlich leer an Gedanken waren; und weil er sie sehr kurz machte, so konnte man doch nicht über lange Weile klagen.

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Ungefehr ein Jahr lang, mochte er im väterlichen Hause gelebt haben, als er den Zufall bekam, daß er oft einige Minuten lang, nicht wußte, was er that.

Wenn er des Nachmittags in Gesellschaft war, stand er zuweilen, ehe man es sich versahe, mit den Worten, vom Stuhle auf: Es ist Zeit, daß man zu Bette geht! und fing an sich auszukleiden. Doch bald kam er wieder zu sich, und nahm beschämt und traurig Abschied.

Nun grämte er sich, daß der Superintendent Bedenken trug, ihn ferner predigen zu lassen; der es doch endlich, auf sein flehendliches Bitten und Versichern, er habe den Zufall eine Zeitlang nicht gehabt, noch einmal geschehen ließ. Er brachte zwar die Predigt glücklich zu Ende, da er aber die Abkündigungen herlesen sollte, überfiel ihn die Krankheit, die doch schon wieder vorbei war, als ihn der Küster von der Kanzel führen wollte; so daß er allein herunter gieng, weil der Cantor den Gesang schon angefangen hatte.

Da er nun nicht mehr predigen durfte, vermehrte sich seine Niedergeschlagenheit täglich, und sein Verstand ward zusehends schwächer. Er quälte sich mit der Vorstellung, daß man ihn sehr hasse, und aller Laster schuld gäbe. Z.B. so oft ein uneheliches Kind zur Welt kam, grämte er sich, daß man ihn im Verdacht haben möchte, er sey der Vater dazu. Zuweilen hörte er eine Stimme vom [36]Himmel; glaubte, man verlange ihn nach Dresden als Oberhofprediger, und nach Petersburg als ersten Minister; er wußte nur nicht was er wählen sollte; und zu einer andern Zeit, klagte er bitterlich daß man ihn, aus großer Verachtung, das Predigen verwehrte. Endlich verführte ihn sein schwacher Verstand, viel Brantewein zu trinken; er bekam oft Anfälle von der Epilepsie, ward ins Tollhaus gebracht, und starb bald drauf.

Ernestine Christiane Reiske.