ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Beispiel eines sehr empfindsamen Nervensystems.

Anonym

Ich kenne eine Person von vornehmen Stande, die bei dem Wort: Aderlassen, allemal in eine Art von Ohnmacht verfällt. Daß es keine Verstellung sey, davon bin ich hinlänglich überzeugt, denn alle Umstände lehren das Gegentheil. Wenn diese Person in einer Gesellschaft auch noch so aufgereimt und völlig gesund ist, und es entfährt etwa jemanden dieser Ausdruck, wenn von derglei-[47]chen Sachen die Rede ist, so wird sie blaß und kraftlos, und man sieht es augenscheinlich, daß dieß Wort ihren Ohren völlig unerträglich sey. Da sie sich doch des Gedankens an das Aderlassen durch ihr ganzes Leben hindurch ohnmöglich verwehren kann, so ist freilich merkwürdig, daß sie just alsdenn eine Anwandlung von einer Ohnmacht bekömmt, wenn sie es aussprechen hört. — Es hat aber damit vielleicht eben die Bewandniß, die es in ähnlichen Fällen bei anderen Personen hat. So ist mir z.E. die Empfindung ganz unausstehlich, wenn jemand mit dem Messer Korke schneidet. Der Mund läuft mir dabei voll Wasser, und ich bekomme einen Frost am ganzen Leibe, ohnerachtet ich von dieser unangenehmen Empfindung reden hören, und selbst davon reden kann.