ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Ahndendes Vorgefühl der Krankheit.

Anonym

Ich stand in dem vorigen 7 jährigen Kriege als Feldprediger bei einem Regiment, das in einer angesehenen Stadt in Schlesien in die Winterquartiere kam. Ich war kurz vor dem Ende des Feldzuges genöthiget gewesen, auf dringendes Ansuchen meiner Anverwandten, bei dem Commandeur des Regiments, auf einige Wochen um Urlaub anzuhalten; um meine sterbende Mutter, die ein großes Verlangen, mich noch vor ihrem Ende zu sehen, bezeiget hatte, noch vor ihrem Tode zu sprechen. Ich fand sie schon bei meiner Ankunft in meine Vaterstadt auf der Bahre, und kam nur so eben zur rechten Zeit, um ihrem Sarge nachfolgen zu können. Ich hielt mich noch einige Wochen bei meinem Vater auf, und sobald ich von dem Regiment die Nachricht erhalten hatte, daß es in der erwehnten Stadt in die Winterquartiere sey verleget worden, reisete ich, ohne weiteren Verzug, und nach völlig besiegter Traurigkeit, von meiner Vaterstadt dahin ab. Ich war kaum einige Tage bei dem Regiment wieder angekommen, als ich bei einem heiterm Tage einen Spaziergang um die Stadt that, und auf demselben auf den in der Vorstadt belegenen, sehr schön angelegten Kirchhof kam. So angenehm mir das Aeussere desselben auch in [21]die Augen fiel, so konnte ich mir doch unter einem empfindlichen Schauer nicht des Gedankens erwehren, sollte auch wohl auf diesem Kirchhof dir dein Grab bestimmet seyn? Es erwachte damit das Angedenken an meine verstorbene Mutter, und an die Beerdigung derselben, daß ich in geraumer Zeit mich nicht von diesem Gedanken, und von den damit einmal verbunden gewesenen Nebenvorstellungen losmachen konnte. Ich befand mich indeß gesund und stark, und wohnte bei einem Wirthe, der vieles Vermögen besaß, und mich sehr lieb gewann. Er ließ mich an allen seinen Gesellschaften, die insgesammt sehr vortreflich waren, Antheil nehmen; und es fehlte mir auch sonst bei dem Regiment nicht an angenehmen und guten Umgang: daß darüber der Eindruck jener traurigen Vorstellung, die ich indeß, weil sie mir doch ihrer Lebhaftigkeit wegen, zu merkwürdig schien, einigen guten Freunden, ganz beiläufig mitgetheilet hatte, nach und nach sich fast gänzlich verdunkelt hatte.

Indeß werde ich kurz vor dem Ende der Winterquartiere in ein Lazareth, das in einer weit entlegenen Vorstadt befindlich war, gerufen. Es war das bei den vielen Kranken, die das Regiment insonderheit in demselben Winter hatte, nichts ungewöhnliches. Ich gehe daher auch ohne das geringste Bedenken, oder ohne die geringste Empfindung von Furcht hin, wohin ich gerufen ward. Allein indem ich das Haus betrat, und mir die Laza-[22]reth stube, in welche ich war gerufen worden, geöfnet wurde, so sahe ich einen starken Qualm aus derselben herauskommen: und indem ich selbst hineintrat, sahe ich eine Anzahl von vielen Kranken auf beiden Seiten der Stube, neben einander liegen, wodurch freilich ein gewisser Schauer bei mir veranlaßt wurde, den ich aber sogleich unterdrückte, und wie ich glaubte, zugleich alle Furcht besiegte. Es war dieses an einer Mittwoche geschehen: an welchem mein Wirth bei einem andern guten Freunde zum Abendessen zu seyn pflegte. Ich hatte es versprechen müssen, wenn ich aus dem Lazareth nach Hause gekommen seyn würde, und er schon fortgegangen seyn sollte, ihm gewiß dahin zu folgen. Das geschieht, ich finde daselbst noch mehrere gute Freunde, die sämtlich eine Veränderung an mir zu bemerken glauben, und mich alle fragen, ob ich mich nicht wohl befinde, wie sie aus meinem Ansehen bald schliessen sollten. Ich empfand keine Ueblichkeit, keinen Schmerz, und beklagte es im Scherz, daß ich zu wenig verzärtelt worden sey, um mich für krank auszugeben und selbst zu halten, wenn gute Freunde solche Besorgniß für mich äusserten. Den darauf folgenden Donnerstag empfinde ich schon viele Trägheit, und insonderheit Kopfschmerz, und die äusserste Armuth an Gedanken, da ich die schon angefangene Ausarbeitung der Predigt fortsetzen wollte, die ich den künftigen Sonntag halten sollte. Den Freitag nimmt die Ueblich-[23]keit noch mehr zu, und ich fange an zu besorgen, ob ich auch wohl den Sonntag im Stande seyn werde, predigen zu können. Um recht sicher zu seyn, wünsch ich, mich vertreten lassen zu können, und geh um deswillen zu dem Feldprediger eines andern Regiments, der mit mir einen Sonntag um den andern predigen muste. Ich ersuche ihn, den nächsten Sonntag für mich die Predigt zu übernehmen, weil ich befürchtete, selbst nicht predigen zu können; ich würde gern zu einer andern Zeit ihm gleiche und alle mögliche Gefälligkeit erzeigen. Er entschuldigte sich aber: die Zeit sey für ihn dazu zu kurz. Ich würde gegen den Sonntag wohl wieder besser mich befinden, und auf allen Fall könnte bei beiden Regimentern alsdann die Kirchenparade abbestellt werden, und der Gottesdienst ausfallen. Das letztere war mir äusserst misfällig; und ich verließ ihn mit den Worten: das kann ich nicht zugeben, es komme denn auch wie es wolle. Den Sonnabend erhält die Ueblichkeit einen ganz ausnehmenden Grad; ich empfinde den heftigsten Kopfschmerz, und stehe dabei viel aus, an einer Verstopfung von einigen Tagen. Mein Wirth besuchet mich auf meiner Stube, und da er weiß, daß ich den folgenden Tag predigen soll: so erbietet er sich, dem Commandeur des Regimentes selbst von meiner Krankheit die Anzeige zu thun, und daß ich unmöglich predigen könne. Und hier drang sich der Gedanke mit größter Lebhaftigkeit hervor: Nein du must pre-[24]digen: predigest du nicht, so kömmst du nicht von dieser Krankheit auf; predigest du aber, so sey von deiner gewissen Wiederherstellung versichert. Und zum Zeichen davon nimm dies Merkmal, wenn du noch heute Oefnung erhältst. Ich antworte also nach dieser Vorstellung meinen Wirth, und bat ihn inständigst, dem Commandeur von meiner Unpäßlichkeit nichts wissen zu lassen, und mir nur einen Thee von Sennsblättern gütigst besorgen zu lassen. Das letztere geschieht sogleich, und es findet sich auch bald darauf ein Stuhlgang ein. Dadurch wurde nun in der damaligen Lage meines Gemüths, der Vorsatz selbst zu predigen, so ungemein verstärkt, daß mich keine Vorstellungen meines gütigen Wirthes davon zurückbringen konnten. Ich habe eine ziemliche unruhige Nacht, und befinde mich am Morgen äußerst entkräftet und so schwach, daß ich kaum vermögend bin, mich anzukleiden. Mein Wirth wiederholt seine Vorstellungen noch dringender. Es sey noch Zeit, die Kirchenparade sey noch nicht angetreten, und könne noch abbestellet werden. Es sey unmöglich, daß ich nur auf die Kanzel kommen, geschweigen dann predigen könne. Ich dankte ihm für seine Freundschaft, und bat ihm, davon nichts mehr zu erwähnen, ich müste predigen. Mein Leben hinge von dieser Predigt ab. Ich gehe also fort, mit schwankenden Schritt und taumelnden Kopf. In der Sacristei finde ich dem Feldprediger des andern Re-[25]giments schon gegenwärtig. Er sieht mich mit zurückgehaltener Erstaunung an. Ich bat ihn, kurz vorher ehe ich auf die Kanzel ging, genau nach der Uhr zu sehen, und sobald ich eine halbe Stunde würde geprediget haben, mir ein Zeichen zu geben. Die Officiere und insonderheit die beiden Obersten saßen sehr nahe bei der Kanzel; meine Stimme, die schwach und zitternd war, meine Gesichtsfarbe, meine ganze Stellung war ihnen zu auffallend, als daß sie nicht auf einen hohen Grad der Krankheit hätten schliessen sollen, die davon die Ursach sey. Endlich höre ich das verabredete Zeichen, des andern Feldpredigers, ich schließe meine Predigt und gehe nun halb ohnmächtig von der Kanzel. Zu Mittage bin ich bei meinem Wirth zu Tische, ohne freilich etwas zu geniessen. Ich bin kaum wieder auf meiner Stube, so muß ich mich ins Bette legen. Um 4 Uhr Nachmittags sahe ich Flecken auf meinen Händen, und in der Fieberhize vermuthe ich daß es die Kräze sey: Mein Wirth hatte indeß Anstalt gemacht, daß eine ordentliche Cur mit mir vorgenommen werden möchte. Er hatte den Arzt bestellt, und der findet mich schon im grösten Delirio. In 4 Wochen weiß ich nun nicht, was alles mit mir vorgenommen worden ist, oder was ich geredet oder gethan habe. Man hat mir verschiedenes davon erzählt, z.E. ich ließ den Auditeur des Regiments zu mir bitten, und ersuchte ihn, an meinen Vater zu schreiben, und [26]zwar von Wort zu Wort, wie ich es ihm vorsagte: Er möchte nächsten Morgen Vormittag wieder kommen, ich wollte gern eine Abschiedspredigt an das Regiment halten, und die wollte ich ihm dictiren. —— Von alle dem aber war nicht die geringste Erinnerung in meiner Seele zurückgeblieben. Sobald ich aber wieder zum eigenen Bewußtseyn kam, so war der erste Gedanke, mit dem ich gleichsam zu denselben erwachte, der, du hast gepredigt, und nun wirst du wieder gesund — und nimm die Erfüllung dieser Versicherung als ein Merkmal von einer andern Versicherung an, die in Zukunft auch gewiß nicht unerfüllt bleiben wird. —