ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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IV.

<Anekdote über Prof. Reusch>

Anonym

Indem ich im zweyten Stück des zweyten Bandes der Erfahrungs-Seelenkunde die Erzählung des Hrn. Prof. Wenert las, erwachte in mir die Erinnerung einer ganz ähnlichen Begebenheit, die sich mit dem verstorbenen Prof. Reusch zu Jena zugetragen haben soll, dessen Schriften untrügliche Beweise eines tiefen Nachdenkens und einer scharfsichtigen Beurtheilung haben, ob er gleich auch manche Meinungen hat, denen wohl nicht jeder Beyfall geben wird.

Ein würdiger Prediger, Namens Hellering,*) 1 zu Geschwalde in der Ukermark, dessen Herz und Verstand gleiche Achtung verdienten, und ihn allen denen, die ihn kannten, ehrwürdig machte, erzählte an einem schönen Winterabende noch mancherley Bemerkungen über die Kräfte der menschlichen Seele. Er habe zu Jena studiert, und vorzüglich den Vorlesungen des Prof. Reusch beygewohnt, mit diesem würdigen Mann habe sich folgendes zugetragen. Nach der Reihe philosophischer Materien wolte Reusch die Gründe für die Unsterblichkeit der Seele vortragen, hatte aber so unvermeidliche Hindernisse, die ihn von der gehörigen Vorbereitung zu diesem wichtigen Vortrag abhielten, [109]so daß er die Vorlesung bis auf den künftigen Tag verschob. Gegen Abend sucht er nun mit allem angestrengten Nachdenken seinen Gegenstand zu prüfen und hängt mit ganzer Seele über der Würdigung der Gründe, kann aber zu keiner Berichtigung mit sich selbst kommen, verschiebt daher den schriftlichen Aufsatz bis auf den künftigen Morgen, zu welchem Ende er früher als sonst aufgeweckt zu werden verlangt. In der Mitternacht steht Reusch auf, geht zum Schreibepulte, nimmt Papier, Feder, Tinte, schreibt seinen Aufsatz über die Unsterblichkeit der Seele, und legt sich wieder zu Bette.

Den folgenden Morgen weckt man ihn aus einem tiefen Schlafe, er eilt an seine vorhabende Arbeit zu gehn. Indem er Papier nehmen will, sieht er einen Aufsatz von seiner eigenen Hand, und die völlige Ausführung seines Vorhabens zu seiner größten Zufriedenheit. Voll Erstaunen weiß er sich nicht zu fassen, und niemand kann ihm über die Ereigniß der Sache selbst einen Aufschluß geben. Daß es seine Arbeit war, konnte er nicht leugnen, wie, und wann er es aber geschrieben, davon wuste er sich auch nicht das mindeste zu erinnern. So hat es selbst der verstorbene Reusch oftmals erzählt.

Fußnoten:

1: *) Er ist der Verfasser einer Flora Borußica, die auch unter seinem Namen gedruckt worden zu Königsberg.