ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Auszug aus einem Briefe von dem Verfasser der Geschichte meiner Verirrungen.

Anonym

Halle, den 17ten Sept. 1785.

Schon aus meiner Geschichte werden Sie beurtheilen, in welchem Grade ich fähig sey, den Menschen zu beobachten. Mir fehlt es noch an manchen philosophischen Kenntnissen; ich möchte mich daher mannigmahl zu weit in das eigentliche gelehrte Studium der Seelenlehre verirren, wozu ich doch in mancherley Rücksicht mich zu schwach fühle.

Ich habe mir indessen eine Bahn gewählt, von welcher ich wünschte, daß sie Ihren Beyfall haben möchte. Ich habe angefangen, mich auf die äußern Kennzeichen der Menschenkenntniß zu legen. Daß es deren giebt, werden Sie um so weniger in Zweifel ziehen, da die mehresten Dinge in der Natur (und vielleicht alle) das Zeichen ihres Innern an sich tragen — Sollte der Mensch allein davon ausgeschlossen seyn, der auf der obersten Stuffe der kör-[123]perlichen Dinge steht? Sollte es nicht möglich seyn, die Hauptzüge in den Charakter der Menschen nach dem Temperamente zu bestimmen? Sollte sich nicht jedes prädominirende Temperament durch gewisse Handlungen verrathen, und sollte dasselbe nicht auch äußere Kennzeichen haben? Sollte die Lehre von dem Einfluß der Temperamente in die Handlungen der Menschen so unwichtig seyn, daß daraus nicht auch so ziemlich richtig der Antheil oder die moralische Zurechnung bestimmt werden könnte, die der Mensch an einer Handlung hat? Würde dann nicht Billigkeit und mehrere Untrüglichkeit in unserm Urtheil eine der ersten und wohlthätigsten Folgen der Temperamentskunde seyn?

Und, sollte man auf diesem Wege die Menschen nicht eben sowohl klaßificiren können, wie man die übrigen Produkte in den drei Reichen der Natur klaßificirt hat? Würde man so weit in der Kenntniß der Natur seyn, wenn man nicht jedes Ding nach gewissen Maaßstäben zu messen, und dasselbe auf seine eigentliche Stelle hinzusetzen gewußt hätte? Ich bin nicht belesen genug, um zu sagen, ob ich der erste sey, der auf diese Hypothese gefallen ist. Ich finde viel Wahrheit in ihr, und deswegen wünsche ich um so eifriger, auch Ihre Gedanken darüber zu lesen.