ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: III, Stück: 3 (1785) >  Auszug aus einem Sendschreiben des Herrn Präpositus Picht in Gingst an den Herausgeber. Zu diesem Beitrag s. Goldmann 2015, S. 149-157.

Auszug aus einem Sendschreiben des Herrn Präpositus Picht in Gingst an den Herausgeber. a

Picht, Johann Gottlieb

Gingst, den 26. April, 1785.

Dank sey Ihnen, daß Sie es wagten, ein eignes Magazin für Kranke anzulegen, aus welchem diejenigen, denen das Erforschen ihres Ichs eine angelegentliche und ernsthafte Sache ist, Rath und Trost sich herhohlen können, wenn sie bey dem schweren Geschäfte der Selbstprüfung auf solche gefährliche Pfade gerathen, wo ohne Leitung ihr Untergang mehr als wahrscheinlich seyn würde. So habe ich Ihr Magazin in einer sehr schweren Krankheit angesehen; und in wie ferne ich es für meinen Zustand genutzet habe, werden Sie am besten daraus abnehmen können, wenn ich Ihnen meinen aufrichtigsten und wärmsten Dank für meine daraus gehohlte Nahrung zolle, und Ihnen versichere, daß es Aufrichtigkeit ist, mit der ich es thue.

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Und nun, Freund, lassen Sie uns untersuchen! — So lange wir denjenigen Zustand des Menschen, in welchem er wahnwitzig genannt wird, noch nicht deutlich und vollständig erkennen, müssen wir uns mit Hypothesen, und um die Sache doch etwas begreiflich zu machen, allenfalls mit Gleichnissen behelfen. Haben Sie nicht je einmal gesehen, wenn eine Uhr so schadhaft wird, daß die zurück- und in Ordnung haltende Kraft der Last der Gewichte oder der Spannkraft der Feder nicht mehr Widerstand thun kann, wie denn die Maschine schnell und mit einem regellosen Gerassel abläuft — Aber es ist denn doch das Räderwerk einer Uhr, was mit ungestümer Heftigkeit abgerollt wird. Nehmen Sie hingegen an, der Sturmwind faßt plötzlich die Segel einer Mühle, und zerstöret durch übermäßige Kraft das ganze Werk; so müsten Sie doch hier die zerstörende Ursache ganz anders finden und auch leicht genug aus ihren Wirkungen erkennen können.

Wenn nun der Mensch in den Zustand geräth, den wir Wahnwitz nennen; so ist sein Gehirn ohnstreitig einer Maschine gleich, in welcher ähnliche Ursachen, wie in den vorigen Gleichnissen, auch ähnliche Wirkungen hervorbringen, wo denn auch insonderheit die zurückhaltende, ordnende und regierende Kraft, welche die Vibrationen des Gehirns unter ihrer völligen Gewalt haben, und der Einbildungskraft in ihrem Lauf Grenzen setzen, und über-[118]dachte Gesetze geben sollte, wo der die Zeit dazu abgeschnitten ist, wo die außer Stand gesetzet ist, die ihr untergebenen Fibern, Nerven, Blutgefäße und dgl. jede zu dem Dienste anzuhalten, dessen regelmäßige Verrichtungen den Zustand unserer Gesundheit ausmachen.

Lassen Sie also Wahnwitzige sprechen, so wird in diesem Zustande der Unordnung jeder nur die Sprache reden, die er gelernt hat, — jeder wird Gedanken auskramen, die er an seinem Theil sonst jemals gedacht — vielleicht nur einmal — aber gleich verworfen hat.

Der wahnwitzige Franzose wird nicht deutsch sprechen, und der wahnwitzige Deutsche, der beständig gewohnt ist, hochdeutsch zu reden, wird sich nicht in der platten Mundart ausdrücken — Wenn dies, wie Sie mir zugeben werden, richtig ist, so folgt auch, ein Deutscher, der sonst gewohnt ist, reines gutes Deutsch zu sprechen, wird darum so fieberhafte Reden nicht in der niedrigen Sprache des schlechtesten Theils der Menschen hören lassen, weil er etwa in dem Zustande des Wahnwitzes ist, sondern er bringet als Maschine zu der Zeit die ihm sonst geläufigen Töne und Ausdrücke hervor.

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Mit dem lebhaftesten und deutlichsten Bewußtseyn, weiß ich mich noch zu erinnern, wie ich am [119]5. März 1784. von der Kanzel in der Kirche zu Gingst eine Schrift von Wort zu Wort ablas, in welcher unter andern sonderbaren Dingen auch etliche Beleidigungen gegen den Herrn General-Superintendenten Doctor Quistorp befindlich waren. Damit nun Niemand etwas anders irgendwo vorbringen möchte, rief ich sogleich nach Vorlesung derselben den Küster Westgard zu mir nach der Kanzel zu kommen, diese meine eigenhändige Schrift von mir entgegen zu nehmen, und sie unverzüglich nach Stralsund an die hohe Landes-Obrigkeit zu überbringen. Allein Westgard verließ seine Bank nicht. Hierauf forderte ich einen andern Einwohner in Gingst, den Herrn Cornet Sesemann, auf, die Schrift zu nehmen, und sie an die Behörde einzuschicken: allein auch dieser regte sich nicht. Ich legte darauf mein Manuscript in die Bibel, schloß mit dem gewöhnlichen Kirchengebete — und wankte in einem so kranken, schwachen und elenden Gesundheitszustande nach dem Pfarrhause, daß ich im eigentlichen Verstande einer Leiche ähnlicher als einem Menschen war. Doch wer sich nur der Leitung irgend eines guten Dämons erfreuen darf, der ist nie ganz verlassen, wenn er auch den Giftbecher trinken muß.

Schon auf der Kanzel warnte mein guter Dämon mich. Ich sagte es daher öffentlich, da die beiden Männer sich weigerten, das ihnen angebo-[120]tene Manuscript anzunehmen, und sonsten Niemand, so weit ich absehen konnte, in der Kirche zugegen war, dem es hätte anvertrauet werden können, ich würde nach geendigtem Gottesdienste sogleich nach Gurtitz reisen, und es dem Herrn von Platen übergeben.

Da ahndete mich nun das Unglück, das hieraus entstehen konnte, wenn meine Predigt verfälscht, mit Bosheit verdrehet, und so kund gemacht würde. Um diesem zuvor zu kommen, hatte ich nicht eher Ruhe, als bis ich meine eigene Handschrift in die Hände eines rechtschaffenen Mannes abgeliefert hatte, so äußerst schwach auch mein Gesundheitszustand war. Ich fuhr nach Gurtitz zu einem meiner nächsten adelichen Herren Eingepfarrten, erzählte ihm, was ich gethan hatte, mit der flehentlichen Bitte, diese Schrift mit seinem Pettschaft zu versiegeln, fiel seinem Herrn Sohn, der eben in die Stube trat, um den Hals, und ersuchte ihn um den größten Freundschaftsdienst, der mir unter diesen Umständen erzeigt werden konnte, diesen mit seines Herrn Vaters Pettschaft versiegelten Brief eiligst nach Stralsund an den Lehn-Secretair bey unserer hohen Landes- Regierung, den Herrn Tetzloff zu überbringen. Nie werde ich die herzliche Freundschaft und Bereitwilligkeit vergessen, mit welcher diese Herren sich meines in der That jammervollen Zustandes an-[121]nahmen — Es ist rührend, bis in die Tiefen der Seele rührend, einen alten selbst kranken Mann über sich weinen und seinen edlen Sohn auf Leben und Tod reiten zu sehen, um mich so bald als möglich aus der Bangigkeit, die mich ängstigte, zu retten! Nun ward ich ruhiger — und froh ward ich, als nach wenigen Stunden der junge Herr zurückkam, und mir (denn ich blieb so lange zu Gurtitz) die Nachricht brachte, daß der Brief richtig abgeliefert wäre. b

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Johann Gottlieb Picht.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag s. Goldmann 2015, S. 149-157.

b: Vgl. Goldmann 2015, S. 156.