ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Einige Scenen aus meiner Kindheit.

Spazier, Karl

So oft ich im Herbste spaziren gehe und besonders gelbgewordene Baumblätter herabgeworfen sehe, so oft fällt mir eine Scene aus meiner ersten Kindheit ein. Ich konnte noch nicht über sechs Jahre alt seyn, als ich an einem Sonnabend um eilf Uhr aus der Schule kam. Auf meinem Wege nach Hause sang ich mir etwas von dem Liede, das zum Schlüsse der Woche gesungen worden war, und meine junge Seele hing besonders an dem Bilde, das im ersten Psalm vorkömmt, und wo der Fromme mit einem Baume verglichen wird, der an Wasserbächen stehe. Dies Bild war in diesem Liede nachgeahmt, und ich kann nicht sagen, mit welcher Freude ich das Bild bey mir unterhielt, und mit welcher Innigkeit und herzlichen, kindischen Einfalt ich besonders die Worte sang:

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Seine Blätter werden alt,

Und doch niemals ungestalt.

Gott giebt Glück zu seinen Thaten,

Was er macht muß wohlgerathen. a

Mehr noch als bei allem fühlte ich bei dem Worte: Und doch niemals ungestalt, wo ein beruhigender Uebergang der Harmonie ist, und wo sich der Gesang aus dem feierlichen Mollton mit ungemeiner Kühnheit in den zunächst verwandten Durton auflöst. Freilich versteht sich, daß ich mir das jetzt denke, was damals nur dunkle Empfindung war. Aber es rührte mich doch vorzüglich, und noch jetzt singe und spiele ich mir die Stelle mit mehr Wohlgefallen, als sich von der simpeln Wirkung eines gut aufgelösten Akkords erwarten läßt; es drängen sich mir alle die Ideen von meiner Kindheit auf, wo mir jeder Gegenstand der ewig schönen Schöpfung noch neu war, und diese Neuheit einem jeden Gegenstand einen Reiz gab, der mit jedem Genusse schwächer wird. — Vorzüglich erinnerlich ist mir noch dieses — und das vermehrte die Stärke des Eindrucks. — Wie ich so im besten Singen begriffen war, befand ich mich unter einem großen Nußbaum. Ein heftiger Herbstwind, der den ganzen Tag über anhielt, rauschte stark in die dürren Baumblätter, und ich stand mitten in lauter gelben Nußblättern. Das [107]Rauschen meines Fußes in denselben war mir etwas schreckhaft, und noch jetzt gehe ich nicht gern durch einen Haufen zusammengewehter Blätter. Ich weiß noch eben, wie ich unter dem Baume dastand, und mit einer gewissen Wehmut in die halb entblätterten Aeste lange Zeit hinauf sahe, bis mein Bruder hinzu kam und mich nach Hause rief.

Diese Erzählung soll mir zu einer und der andern Folgerung Anlas geben.

Erstlich. Diese Verse von dem einfachen Gesänge begleitet, rührten mich, drückten sich mir ein, ich hatte Wohlgefallen an ihrer Wiederholung. Wie kams, daß ich von alle dem, was ich die übrigen Vormittagsstunden gehört und gesehen, — doch nein, was mir eingebläut worden war, nichts behielt und noch weniger jetzt das Geringste davon weiß, da hingegen ich mir jene Scene lebhaft, bis auf jede Kleinigkeit vormalen und nachempfinden kann, was ich damals empfand? Ohne Zweifel, weil die Worte simpel, verständlich und — bildlich waren. Ich habe nachher mit unglaublicher Anstrengung Vokabeln und grammatikalische Regeln, und noch dazu in Versen gelernt, und konnte sie unter dem aufgehobenen Zepter meines despotischen Schulmonarchen ohne Anstoß hersagen. Aber ich [108]verstand sie nicht, nicht einmal die einzelnen Worte, aus denen sie zusammengesetzt waren, sie interessirten mich unendlich weniger als mein Kräusel, und für die schreckliche Qual, die ich bei Erlernung der Regel: mascula sunt thorax, wo sich alle Wörter in x endigen und wo dem Gedächtniß nichts zu Hülfe kömmt, als allenfalls der gleichförmige Schall der ausgesprochenen Silbe ex, ist mir jetzt nichts mehr übrig geblieben als der Anfang davon und das traurige Andenken an die damaligen Zeiten.

Es ist beinahe überflüssig zu erinnern, wie sehr beim ersten Unterricht es darauf ankomme, mit Kindern in schicklichen Bildern zu reden; ihnen alles, so viel es geschehen kann, zu versinnlichen; sie nichts lernen zu lassen, was sie nicht verstehen können, was nicht aus ihrer Sphäre hergenommen ist, oder nicht durch irgend eine Beziehung darauf deutlich gemacht werden kann. Besonders heilsam wäre es aber, wenn jeder Lehrer bei Gedächtnißübungen — die allerdings für sich als Vorbereitung zum Sprach- und wissenschaftlichen Unterricht nöthig und dienlich sind — etwas mehr sich auf die Gesetze der Einbildungskraft und des Gedächtnisses, die auf jenen beruht, verstände, durch Aehnlichkeit, Aneinanderkettung und Beziehung der Ideen aufeinander, das meist so martervolle Auswendiglernen den [109]Kindern erleichterte; wodurch er zugleich einen Zweck mehr erreichen, ihren Verstand beschäftigen und ihre Thätigkeit mehr und zweckmäßiger anregen und unterhalten, und ihnen dadurch Lust und Neigung zum Lernen überhaupt einflößen würde.

Zweitens. Man hört und lernt oft etwas besser wegen der äussern Umstände oder der Gemüthslage, in der man sich befindet. Was auf diese Weise interessirt, setzt sich in der Seele mehr fest, verwebt sich gleichsam mit dem Empfindungssystem, und daher ist in der Zukunft ein zufälliges Wort, ein Zeichen, ein Laut, eine Idee, die der in der Seele schlummernden Idee analog ist, im Stande, mit einemmale alle ähnliche Ideen zu wecken und Leben in die ganze Seele zu bringen. Daher die Kunstgriffe des verständigen Erziehers und des öffentlichen Redners, Kinder und das Volk zu rühren, von so erstaunlicher Wirkung seyn können. Wie gut wäre es also, wenn Erzieher auf diese Erfahrung fortbauen, die Umstände und Merkmale an jedem Orte der Unterweisung, auf dem Felde und in dem Lehrzimmer, vervielfältigen, und, bei dem Vorsatz, einem Kinde eine Sache, eine Wahrheit eindrücklich zu machen, schickliche Gelegenheiten dazu veranlassen, und Zeit und Umstände wählen wollten, die auf die Seele desselben besonders wir-[110]ken, als z.B. Tod, Krankheit, Trennung von den Seinigen oder denen, die ihm lieb sind, Geburtstagsfeier, ein ausserordentlicher Spaziergang, eine einsame Unterredung an einem besonderen Orte u.s.w. die Nebenumstände, die Hülle, in der etwas gekleidet ist, thun nach den Gesetzen der Einbildungskraft öfters das meiste, und ein konkreter Fall, eine Fabel, eine Geschichte und Erzählung sind für das Kind mehr werth, als tausend abstrackte Wahrheiten, für die es keinen Sinn hat. Es abstrahirt zwar seit dem ersten Tag seines Lebens, macht bald Schlüsse, ohne es zu wissen: aber das ist etwas anders; daran ist mehrentheils Sprache, Redegebrauch und Nachahmung schuld.

Drittens. Wie behutsam muß man bei der Wahl der ersten Eindrücke und Bilder seyn, die man, soviel es in unsrer Gewalt steht, in ihnen rege macht und ihnen vor die Seele führt! Wie viel Vorsichtigkeitsregeln sind dabei zu beobachten, weil dergleichen Eindrücke in spätern Jahren sehr oft unerklärbare Neigungen, Abneigungen, Launen und Gewohnheiten erzeugen, und sich nicht selten in unerkannte Motive zu Handlungen formiren! Schon daraus, wenns auch an sich nicht schon schädlich wäre, erhellet, wie sehr man sich in Acht nehmen müsse, Kindern unschickliche und schreckhafte Vor-[111]stellungen von Gott, und abergläubische Schilderungen von der Hölle und Gespenstern beizubringen, und ihnen grämliche, menschenfeindliche Bilder von der Welt und andern Menschen zu entwerfen. Warum wollen wir ihnen nicht lieber, soviel wir können, alles unter der Gestalt des Angenehmen darstellen und ihnen schon die ersten Scenen ihres frohen Jugendalters im voraus verfinstern, da sie überdem noch manchen Regentag erleben müssen und des dicken Nebels noch genug übrig bleibt, der ihnen die freie Aussicht benehmen wird.

Viertens. Es ist vielleicht gut, Kindern, besonders solchen, auf die wenig oder gar keine eigentliche Erziehung gewandt werden kann, einen simpeln, kräftigen Spruch, ein gutes, faßliches Lied beizubringen, das ihnen vielleicht im Alter, wenn sie den Katechismus sammt der Glaubenslehre längst vergessen haben, noch übrig bleibt und ihnen Trost und Erbauung gewährt. Es scheint sich daraus erklären zu lassen, warum der gemeine Mann und besonders alte Leute so steif auf alte Lieder halten, und es scheint gewissermaßen grausam zu seyn, ihnen alte umgeänderte, oder ganz neue Lieder und Gesangbücher aufdringen zu wollen, ihnen einen Spruch zu rauben, an dem manchmal ihre ganze Beruhigung und Trost im Leiden, ja vielleicht ihre ganze Religion hängt.

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Fünftens. Sehr gut ists auch wohl, wenn man den Gesang mehr zu einem Hülfsmittel der bessern Erziehung und Ausbildung erhebt und ihn allgemeiner macht. Versteht sich, nur den guten, einfachen Liedergesang. Sollte man auch nicht überall den Zweck erreichen, daß dadurch der Sinn für Harmonie und Wohlklang, musikalisches Gefühl und folglich Verfeinerung der Seele, sofern sie davon abhängt, befördert wird, so kann man ihn doch zum Vergnügen, zur Aufheiterung und dazu brauchen, wozu der Arzt seinen Gold- und Silberschaum braucht, zur Einfassung gewisser Lehren, die ohne Zusatz genossen, dem Kinde nur zu bitter seyn und entweder gar nicht genossen oder bald vorbeigegangen seyn würden.

Noch eine Scene aus meinen Schuljahren.

Spazier, Karl

Ich war noch ein kleiner Knabe und konnte kaum lesen. Mein Lehrer, den ich wegen der Pfefferkuchen, die er alle Sonnabend austheilte, ungemein lieb gewann, schrieb nach der Hähnischen Litteralmethode, lauter Reihen Namen und Anfangsbuchstaben von Wörtern an die Tafel, von denen ich noch nichts verstand. Ich, der ich durch ihn nicht beschäftigt werden [113]konnte und als ein lebhafter Knabe doch unterhalten seyn wollte, machte mir dadurch selbst Beschäftigung, daß ich theils mit meinen Nachbaren spielte, theils Kirschkerne, die ich zu dem Ende mit in die Schule genommen hatte, bald in die Tasche hinein, bald herauszählte, und wenn ich konnte, verstohlen aufknackte. Ein unversehner derber Schlag auf die Hand verleidete mir indeß dieß Händespiel und ich sahe nun auf die Tafel. Mein Blick und meine freudige Mine, mit der ich dem Manne nie von der Hand wegsahe, nahmen ihn wieder für mich ein! Er hielt das für Aufmerksamkeit auf die Sachen, die er anschrieb, und im Grunde das, was mich anzog, waren seine Hemdeknöpfe, die ich von ungefähr zu Gesichte bekam, und die von Glas, in Silber eingefast waren, und eine rothe Folie zur Unterlage hatten. Mit jeder Bewegung der Hand, die durch das Anschreiben geschähe, bewegten sich auch die Knöpfe, und mit innigem Wohlgefallen bemerkte ich, wie sie sich an dem weißen Hemde stießen und schimmerten. Mir ist noch, als sähe ich die Mine des ehrlichen Mannes, mit der er mir entgegenlächelte und sich mir nahete. Mit jeder Annäherung verdoppelte sich meine Freude, denn die lieben Knöpfe kamen mir dadurch näher, und nicht froher war ich, als wenn er mir mit Wohlgefallen die Haare [114]und dann die Knöpfe mein Haupthaar berührten. —

Lehrer und Erzieher, wie oft werdet ihr von dem kleinsten Kinde hintergangen! Aber noch öfter seyd ihr es selbst, die ihr euch hintergeht. Hätte mein Lehrer damals verstanden, daß Aufmerksamkeit für Kinder eigentlich Anstrengung der Seele ist, und daß ein starres, ununterbrochenes Hinsehen auf eine Tafel voll unverständlicher Wörter entweder Betrug oder Einfalt beweisen, so würde ein Knabe, wie ich, ihn nicht haben betrügen, und er in Austheilung der Belohnungen und Strafen gerechter seyn können.

Karl Spazier,
Lehrer am Dessauischen Erziehungs-Institut.

Erläuterungen:

a: Gedicht von dem evangelisch-lutherischen Theologen und bedeutenden Kirchenlieddichter Paul Gerhardt, "Wohl dem Menschen, der nicht wandelt", Erstdruck 1653.