ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: III, Stück: 2 (1785) > I. Eine Selbstbeobachtung auf dem Todbette. Zu diesem Beitrag s. Goldmann 2015, S. 73-85.

I.

Eine Selbstbeobachtung auf dem Todbette. a

Hufeland, Christoph Wilhelm

Ich schicke Ihnen hier eins der seltensten Dokumente von Selbstbeobachtung, das wenigstens dieser Seltenheit wegen Ihren Lesern nicht unangenehm seyn wird: — ein Fragment von Bemerkungen über sich selbst, die der Selbstbeobachter in seiner letzten sehr schweren Krankheit gemacht hat.

Hätte dieser Mann den Anfang Ihres Journals erlebt, er wäre gewiß einer der eifrigsten Beförderer desselben geworden; denn der Bildung der menschlichen Seele nachzuspüren war sein Lieblingsstudium. Als ein Mittel vom ersten Range dazu schätzte er nun freilich Selbstbeobachtung; allein diese Art von Beschäftigung, und die dadurch entstehende Selbstkenntniß war ihm noch in manchem andern Betracht äußerst wichtig und schätzbar.

Er hielt die Kenntniß des innern Zustandes seiner Seele und das Vermögen, jede Veränderung derselben schnell und richtig zu bemerken, für eine der edelsten Fähigkeiten des Menschen, für ein gros-[64]ses Mittel zur Tugend, für das wahre Mittel zur möglichstgrößten Wirksamkeit eines jeden —

Doch warum laß ich ihn nicht selbst reden, da ohnehin Gedanken über die Vortheile der Selbstkenntniß nirgends besser Platz finden können, als in einem Werke, welches das γνωθι σαυτον an der Stirne trägt? — Hier sind also seine eignen Worte:

»Ich will das nicht einmal anführen, in welche Verwirrung es den Menschen stürzt, wenn er sich unrichtig beurtheilt, und daß der Uebergang vom Guten zum Bösen gewöhnlich durch Selbstbetrug verursacht wird; nur das will ich bemerken: wie gewaltig müßte ein Geist nicht in allen andern Vollkommenheiten zunehmen, der seine Fähigkeiten, und den besten Gebrauch derselben, der die ganze Richtung seiner Neigungen völlig kennte! Wenn wir nur hier auf der Erde mit unsern Gedanken bleiben, was würde ein Mensch nicht ausrichten können, der eben keine außerordentlichen Naturgaben hätte, aber der diese »nun gerade auf das richtete, wozu sie eigentlich gestimmt sind; und seine Seelenstärke so wirken ließe, wie sie mit dem möglichstgrößten Erfolge wirken könnten! Dem ginge keine angewandte Bemühung verloren; seiner Seele ganze Kraft würde gehörig gebraucht, und er würde in diesem Stück dem ihm in diesem Leben erreichbaren Ziel nahe kommen, und das ist hoch.

»Kennte ein Mensch seiner Neigungen wahre Richtung, so würde er jetzt schon wissen, wieviel [65]jede zukünftige Sache ihm Vergnügen oder Schmerz verursachen würde; und dieß setzte ihn in den Stand, sein wahres und falsches Glück aufs genaueste zu unterscheiden. Und wie fest müßte sich nicht ein Mensch in der Tugend machen können, der sie immer von der Seite betrachtete, wo sie jedesmal für ihn den stärksten Reiz hätte, und die Mittel zu ihrer Beförderung wählte, die für ihn gerade die wirksamsten wären! Darum ist Selbstkenntniß mit dem Vermögen, richtig und schnell jede Veränderung seiner Seele zu bemerken, etwas sehr vorzügliches, darnach der Weise mit Eifer trachten und nicht aufhören muß, es auszubilden, bis er sich so genau kennt als Gott, das ist, niemals.«

Dieser große Werth, den Selbstkenntniß in seinen Augen hatte, und überdem die starke Neigung seiner Seele zu innrer ununterbrochner Wirksamkeit, und zu jeder Art des abstracten Denkens, die aus vorzüglicher innrer Anlage dazu entstanden war, und die er durch viele Arbeiten in der Mathematik und Philosophie noch immer mehr ausgebildet hatte, waren die Ursachen, daß er sich sehr früh zur Selbstbeobachtung gewöhnt hatte, und daher war seine Fertigkeit darin durch Uebung zu einem ungewöhnlichen Grade gestiegen, und er hatte dazu einen so großen Hang bekommen, daß er die Befriedigung desselben unter seine vornehmsten Vergnügungen rechnete.

[66]

Vermuthlich redete er fast ganz aus eigner Erfahrung in folgender Stelle: »Wer immer bei seinen Handlungen und Wünschen auf den ersten Grund derselben zurückgeht, und gleichsam so verfährt, als wenn er aus einzelnen Zügen eines Fremden dessen Character entwerfen wollte, der kommt zuletzt so weit, daß er die Fähigkeiten und Triebe seines Geistes, auch die sehr verborgenen, ziemlich genau bestimmen lernt. Und diese durch Vernunft und Aufmerksamkeit vermehrte Selbstkenntniß hat nun wieder die Folge, daß der Geist inskünftig auf jede kleine Veränderung, die in ihm vorgeht, acht giebt, und daß auch sogar sein Vermögen, die geringste andre Richtung der Vorstellungen in sich selbst zu bemerken zunimmt.«

Mit dieser Selbstbeobachtung war beinahe natürlich verbunden die genaueste Beobachtung aller seiner, auch der kleinsten, Schicksale, die Schätzung ihres wahren Werths in Beziehung auf ihn, und besonders ihrer Wirkungen auf seine Moralität. Diese Aufmerksamkeit hatte bei ihm dieselbe Folge, die sie bei jedem unbefangenen und aufrichtig Wahrheitsuchenden Beobachter haben muß; nemlich den unumschränktesten Glauben an Vorsehung; und wirklich, er hatte eine sehr hohe Stufe von Ergebung in den Willen Gottes erlangt; wie er sich auch auf der andern Seite einen seltnen Grad von Tugend und Selbstbeherrschung erworben hatte.

[67]

Dieser Mann bekam nun den 10ten Juni 1781 frühmorgens den ersten Blutsturz, nachdem er vorher einige Tage an einem leichten Schnupfenfieber krank gewesen war. Sobald nur sein Körper einigermaßen in Ruhe war, so nahm seine Aufmerksamkeit wieder ihre gewohnte Lieblingsrichtung auf den innern Zustand seiner Seele an, (wie man aus den nachfolgenden Blättern sehen wird) welches ohne die vorhergehende Uebung und Gewohnheit schwerlich mit der Anhaltsamkeit und Deutlichkeit möglich gewesen wäre.

So gefährlich indessen auch sein Zustand war, so ließ er nicht das mindeste von Kleinmuth merken. Ihm wurde nun ein sehr strenges Verhalten von seinen Aerzten verordnet, welches er auf das pünktlichste erfüllte; er vermied jede, auch die geringste Bewegung, lag fast unbeweglich still, sprach kein Wort, und alles, was er genoß, wurde mit der größten Sorgfalt abgemessen, damit er ja nichts mehr bekam, als er durfte, und damit er auf diese Art alle Pflichten der Selbsterhaltung erfüllte, die er sich und den seinigen schuldig war — er lebte damals fast blos von dickgekochtem Haberschleim.

Eben so suchte er auch seinen Geist in der gleichförmigsten Ruhe zu erhalten, und vermied jeden Anlas zu starken Empfindungen. Dieser Zustand der Unthätigkeit und Unbeweglichkeit währte ungefähr vier Wochen, während welchen er einige Rückfälle der Krankheit hatte. Endlich schien die Lunge [68]besser zu werden, und er durfte wieder außer dem Bette sitzen; nur das Reden und eine weniger strenge Diät erlaubte er sich noch nicht, und gehen konnte er nicht viel; in dieser Zeit hat er die folgenden Blätter geschrieben. Er befand sich aller seiner Beschwerden unerachtet jetzt in einer großen Heiterkeit, und erlaubte sich nun auch einige sanfte Gefühle, angenehme Rückerinnerungen oder schmeichelnde Hofnungen.

Nun stellte sich eine unmerkliche Auszehrung ein, mit noch immer anhaltender Schwäche verbunden. Seine Diät und Lebensart blieb noch die nehmliche; seine Seele befand sich in einer stillen, sanften Ruhe, und es schien, als wenn er nicht mehr nöthig hätte, seine Empfindlichkeit zu bekämpfen.

Vielleicht war er durch die lange Gewohnheit in eine gewisse Unempfindlichkeit versetzt, oder es war Folge von den allmählig sinkenden Kräften. Er hatte daher gar nichts von dem eigensinnigen, mürrischen Wesen, welches oft bei langwierigen Krankheiten ist; seine ganze Seele schien abgespannt zu seyn, er hofte und fürchtete nichts. Daher kam es auch wohl, daß er in dieser Zeit nichts mehr zu den folgenden Bemerkungen geschrieben hat. Dieß dauerte bis zu Anfang des Monats August.

Mit diesem Monat erhielt die Krankheit eine andere Wendung; er bekam mehr Heiterkeit und Lebhaftigkeit, erlaubte sich mehr zu reden, hatte viel heftigere Empfindungen, und der Mann, der [69]sonst so wenig Wünsche hatte, dem es in seinem kleinen Kreise so wohl war, machte jetzt viele weitaussehende Projecte. Diese Lebhaftigkeit stieg nun immer mehr, bis zum 21sten August, wo das Nervenfieber überhand nahm, und er in der Nacht anfing, heftig zu phantasiren. Des Morgens kam er wohl wieder zu sich, aber seine Seele hatte eine ganz andre Stimmung; er empfand alles mit der größten Heftigkeit, keine Ideen von seinem gewohnten Leben hatte er; dachte er noch zu leben, so waren es Reisen, neue Entwürfe u. dgl., die ihn beschäftigten; oder er unterhielt sich mit der Vorstellung des Himmels, und dachte sich schon im Kreis der Seligen. Diese Idee war aber doch meistens die bleibendste.

Mit großer Freude hofte er überhaupt auf die Entwickelung seines Schicksals, die nun nicht mehr weit entfernt seyn konnte. In solchem Zustande, bald mehr bald weniger bei sich, verlebte er seine letzten Tage.

Sonderbar war es, daß er einst in der Phantasie etwas sehr richtig berechnete, und überhaupt sich in dieser Zeit der arithmetischen Berechnung der Wahrscheinlichkeiten für und wider eine Sache bediente, um über sie zu urtheilen, weil ihm dieß sein Urtheil erleichterte; und hiebei verließ ihn die Richtigkeit der Berechnungen nicht, bis in seine letzten Tage — offenbar eine Folge davon, daß er sich ehemals so viel mit Mathematik beschäftigt hatte. [70]Nach dieser überspannten Heiterkeit versank er endlich in einen Schlummer, der sich den 26sten August mit seinem Tode endigte. Er starb im 30sten Jahre.

Ich glaube, diese kurze Krankengeschichte wird Ihren Lesern nicht ganz unangenehm seyn. Ich habe, soviel möglich, nichts darin aufgenommen, was nicht entweder zur Erklärung und Verständlichkeit des folgenden Aufsatzes dient, oder doch psychologische Bemerkungen, soviel äußere Beobachter sie machen konnten, enthält, die gewissermaßen zur Fortsetzung seiner Selbstbeobachtungen dienen könnten.

Ich hoffe nun, daß die folgenden Blätter völlig verständlich seyn werden. Die Bemerkungen selbst sind fast ohne alles Räsonnement; aber offenbar sind sie bei aller Treue, mit der sie angestellt sind, doch in der Absicht hingeschrieben, um einst darüber zu denken und zu räsonniren; wie denn auch schon zuweilen Fragen zum einstweiligen weitern Nachdenken aufgeworfen sind.

Man wird es mit mir bedauern, daß der Bemerkungen nicht mehrere sind; besonders da sie soviel Beweise von der grossen Herrschaft des Körpers über die Seele enthalten. Ich habe es gewagt, einige wenige Anmerkungen hinzuzusetzen, nicht um die Erklärungen des Beobachters zu ersetzen, sondern blos um meine Gedanken hie und da andern zum Fingerzeig weitern Nachdenkens dienen zu lassen.

H—d.

[71]
Bemerkungen über mich selbst in meiner Krankheit, die den 10. Junius 1781 anfing, von R.

Weber, Ernst Adolf

Heute (den 15ten Jul.) sind es nun fünf Wochen. Noch darf und kann ich nicht allein gehen, noch nicht viel reden, noch bin ich fast in allen Stücken eingeschränkter als andre Kranke in der Mitte ihrer Krankheit. Und doch weiß ich lange keine Zeit so vergnügt zugebracht zu haben, als diese letzten Tage, die immer in einem Gleise bleiben. — — Während mich andre beklagen, bin ich glücklich — war auch wohl zuweilen, wenn sie mich beneideten, elend.

Erstaunlicher Einfluß des Körpers! Sobald der Körper sich den 10ten Jun. durch den Auswurf des Bluts erleichtert hatte, war auch die Seele unbefangen und heiter.*) 1 Drei Möglichkeiten stellten sich mir vor: Wiederherstellung und längeres Leben mit noch mehrern Beschwerlichkeiten und ängstlicherer Vorsicht, als bisher; oder in einigen Ta-[72]gen tod; oder langsam nach verschiedenen Recidiven zum Tode schleichende Schwindsucht. Meine Einbildungskraft war vermögend, in jeder dieser Vorstellungen etwas Angenehmes zu finden, und dieses zu fassen.

Am wahrscheinlichsten war ihr der letzte Fall; den mittelsten konnte sie nicht wohl denken, eben weil ich mich so behaglich fühlte; und vom ersten hatte ich zu wenig Beispiele gegen die Menge der entgegengesetzten gesehen.

Eine Sache, deren Nothwendigkeit und Pflichtmäßigkeit ich erkannte, war neben der äußerlichen, die innerliche Ruhe. Abstrahirt also mußte werden von Ueberdenkung aller Folgen der Krankheit auf meine ganze äußerliche Lage, und dieß schwere Vorhaben ist mir noch bis jetzt (den 17ten Jul.) zum Erstaunen geglückt.

Ich habe bisher noch an das mancherlei Unangenehme, das nothwendigerweise, wenn es auch am glücklichsten geht, Folge dieses Vorfalls seyn muß, gar nicht oder kalt und ohne Theilnehmung gedacht; und es ist mir noch, Gott sey Dank! nicht schwer geworden, ihm die Lenkung desselben ungeheuchelt anzuvertrauen. Wie aber dieß mir Hypochondristen möglich gewesen ist, kann ich auf keine Weise begreifen, als I) aus der Leichtigkeit und Sparsamkeit der Nahrungsmittel; 2) dem Mangel dicken Bluts; 3) der Einförmigkeit aller mich umgebenden Gegenstände und Folge der Zeit; [73]und 4) als ich schon im Genesen war, aus der Mannichfaltigkeit, welche ich in die Einförmigkeit meiner Beschäftigungen, nebst etwas Ordnung und Zweck, gebracht hatte. — Eine von den möglichen beschwerlichen Folgen kehrte ich sogar in etwas Angenehmes um: nemlich die, vielleicht lange, vielleicht stetsanhaltende Entäußerung von manchen Genüssen des Lebens.

Mir hatte schon lange vorher das Beispiel des Mannes, der sich mit der größten Diät seine Unzen Nahrung zuwog, beneidenswürdig geschienen. c Ein Hauptgrund dagegen war: es möchte der Körper im Ganzen wohl gesund, und den Geist behaglich erhalten, aber beide schwächen. Allein jezt, da es nothwendig ward, fielen alle Gründe dagegen weg, und ich weidete nun meinen Blick mit der Aussicht in ein Leben voll Geistesbehaglichkeit mit ein paar leicht verschmerzten sinnlichen Aufopferungen erkauft.

Bei aller Indifferenz (ich weiß kein bessers Wort) aber war die Empfindlichkeit erstaunlich. Wer nur schnell, nicht einmal laut, redete, brachte meinen Puls gleich in Unordnung. Der bloße Anblick von mehr als höchstens drei Personen in meiner Kammer erhitzte mich. Diese so hochgespannte Empfindlichkeit hatte noch eine andre Folge. Jeder Keim von Trieb, jeder Ueberrest eines alten bedurfte nur die geringste Veranlassung, um die ganze Seele zu seinem Eigenthum zu machen; gleich klei-[74]nen Häufchen Pulver, die man nie bemerkt haben würde, wenn nicht das ganze Zimmer in Brand gerathen wäre, die nun aber, so wie an jedem die Flamme kömmt, den Glanz des übrigen überstralen. Die flüchtigen Regungen, welche sonst zuweilen durch die Seele fliegen, und ehe sie wahrgenommen werden, verschwinden, verwandelten sich bei mir in bleibende ausgemahlte Bilder; die unbemerkte vorübereilende gefällige und mißfällige Empfindung an etwas hielt nun an, und schien die Stelle eines festen Begehrens und Verabscheuens einnehmen zu wollen; denn alles, was gereizt ward, war in der gleichgültigen Lage der Seele Herr.

Dieß gab zum Theil schreckliche Phänomene; der Gedanke, den ich verfluchte, ward Bild, annehmliches Bild. Das heftige Mißfallen an diesem entdeckten bösen Zuge, und oft gar die Unfähigkeit, ihn nur so weit zu dämpfen, daß er nicht wirklicher Wunsch ward; und bei allen diesem, Kraftlosigkeit sich zu ermannen; die Zügel der Einbildungskraft zu ergreifen — das alles versetzte die Seele in — nicht Traurigkeit, sondern — Unmuth und Verdrießlichkeit. — Ich würde mich unendlich schämen, wenn zu solcher Zeit ein Mensch meine Seele hätte sehen können. Deswegen fühle ich mich auch zu schwach, einen einzelnen von diesen Fällen hier anzugeben, obgleich ich erwarten kann, daß diese Art von Erscheinung wohl von jedem redlichen Beobachter seiner selbst wahrgenommen ist.

[75]

Aber dieß scheint mir doch bemerkenswürdig. Da der Ausbruch jedes Triebes und jeder Gesinnung stärker sich auszeichnete, so hätte dieß bei den guten eben sowohl Statt finden müssen.

Lagen also in meiner Seele eben soviel gute als böse Triebe schlafend, so mußten sich beide unter diesen Umständen gleich häufig entdecken. Das war aber gar nicht der Fall. Es ist wahr, zuweilen überströmte ein gutes Gefühl die Seele eben so gänzlich, als ein böses; aber weder hatte das gute den Grad von Edelmuth, welchen das böse von Niederträchtigkeit; noch hatte ich so oft Ursache, mich des hellen Gedankens der Tugend zu freuen. — Ist denn nun meine Seele in gleichem Grade gut und böse? — Und woher rührt denn das merkliche Uebergewicht der Triebe, die ich seit so vielen Jahren, vielleicht vom Anfange meines vernünftigen Denkens an, nie ohne Abscheu und heftiges Gegenstreben der ganzen Seele gegen sie in mir bemerkt habe?*) 2 — Aber Gottlob! Unterschied ist zwischen Triebe haben und Triebe nähren.

[76]

Die Nacht vom 11ten zum 12ten Jun. war eine von den übelsten. Vor- und Nachmitternacht erfolgten zwei neue Blutstürze, das Blut tobte ungestüm durch alle Adern; Ideen von der verschiedensten Art kreuzten unordentlich durcheinander, und ich war halb im Zustande der Phantasie.

[77]

Was ich von den Vorstellungen dieser Nacht noch herausbringen kann, ist etwa dieß: Zur Genesung war alle Hofnung verschwunden, und des nahen gewissen Todes Bild schwebte mir vor. Hier kamen einige verwickelte Phänomene zum Vorschein. Wenn ich die Frage aufwarf: ob ich lieber jetzt sterben, oder meinen siechen Körper noch ein halb Jahr hinschleppen wollte? so wählte ich gleich mit Empressement das Letztre.

Die Todesfurcht schien also ganz die Oberhand zu haben. Analysirte ich aber diese Wahl weiter, so fand ich, daß meine Seele nicht den Tod heut und den Tod nach einem Jahr verglichen hatte, sondern es ging so zu: Sie dachte sich einen Schwindsüchtigen, freilich mit vielen Unbequemlichkeiten dem Grabe entgegenschleichend, der aber doch ein wenig reden, ein wenig gehen, ein wenig sich bewegen konnte. Ich hingegen lag, ohne Hand oder Fuß regen, ohne ein Wort reden zu dürfen, in der unbequemsten Stellung, die mir an manchen Orten empfindliche Schmerzen machte; mein Athem drängte sich durch die beklemmte Brust, und in dieser Verfassung sollte ich die Ankunft des Todes erwarten. Da war das Bild dessen, der doch ein wenig mehr Freiheit hatte als ich, offenbar angenehmer.

Bald präsentirte sich der Tod in einer andern Gestalt als Ende aller Unbequemlichkeiten und Besorgnisse. Ich fing wieder an zu husten, ein throm- [78] bus verschloß die Luftröhre, und den nächsten Augenblick waren alle die dunkeln Gegenstände um mich her verschwunden, ich lag ohne Bewegung und war der Erde entflohen. In dieser Gestalt mißfiel mir der Tod nicht, und ich machte noch mitten im Paroxismus die Bemerkung, ob es nicht Täuschung ist, daß wir den Tod fürchten sollen; ob nicht Todesfurcht bei jedem, Schauer vor dem, was den Tod begleitet, vorhergeht, oder folget, sey?

Die Zukunft nach dem Tode wirkte gar nicht auf mich. Kein lebhafter Gedanke von Ewigkeit, Sünde, Strafe — nichts davon! Ein unabsehliches Blachfeld, das ich nicht kannte, auf dem ich nicht wußte, wo ich war, war alles, was ich mir von der Zukunft dachte. Das Bild war nicht anziehend, aber auch nicht widrig.

Was dem Unangenehmen das Uebergewicht gab, war das Schauervolle, was Ungewißheit immer mit sich führt. Und hieraus entstand denn natürlich der Wunsch, lieber noch von dieser Seite des Styx das gegenüber liegende Ufer etwas zu betrachten, als gleich überzuschiffen. Kurz alles, was sich der Seele vormahlte, waren schwebende Bilder, die, nie ruhig, immer eins vor dem andern vorbeitanzten. In dem Augenblick, da sie vorschwebten, fällte die Seele schnelle Urtheile und Wahrnehmungen — denn sie war nicht matt, sie [79]war gereizt.*) 3 — Von Gegenständen des gemeinen Lebens, Bekannten, Freunde u.s.w. kamen keine Bilder vor.**) 4

Der darauffolgende Tag (den 12ten Jun.) war wieder etwas ruhiger. Die Nacht darauf kamen von neuem zwei Blutstürze, die mich aber weniger unruhig machten. Ich wollte doch etwas, soviel ich konnte, meine Seele zu dem grossem Schritte bereiten, aber ich fand das, was ich immer geglaubt und mit Nachdruck eingeschärft habe, sehr wahr, daß es auf dem Krankenbette, so lange die Krankheit Ernst, schwerlich angeht, sich zum Tode vorzubereiten. Das einzige, was, wie ich mich erinnere, etwas wirkte, war der Gedanke: Gott betrübt die Menschen nicht von Herzen. Die grosse, lange Reihe von Folgerungen aus demselben in meiner gegenwärtigen Lage schwebte meinem Blick vor, und gab Stärkung.

Fußnoten:

1: *) Als nemlich das Gehirn von dem Blute, wodurch es gedruckt worden, sich erleichtert hatte, so wurden seine Bewegungen leichter und ungehinderter, und die Ideen heller. — Ueberhaupt enthalten diese Blätter viele, zum Theil neue, zum Theil aber auch sonst schon bekannte, Beobachtungen zur Lehre von den materiellen Ideen, oder wie Platner Aphor. I. Theil, b §. 298. wie ich glaube, sehr gut nennt, von den Bewegfertigkeiten in den Gehirnfibern.

2: *) Dieß geschieht oft bei vorzüglicher Schwachheit des Körpers; und viele treue Selbstbeobachter werden vermuthlich dieselbe Bemerkung gemacht haben. — Vielleicht kann man dieß so erklären: das Blut und die Säfte des groben Körpers tobten umher, wirkten durch Bewegung, Stoß, Druck oder Berührung auf den feinen Nervengeist, und weckten dadurch die verschiedensten Ideen. Die guten, als solche, an die der Geist ohnehin schon gewohnt war, fielen durch nichts auf; destomehr aber zogen die seltner gereizten bösen die Aufmerksamkeit der Seele durch ihre Neuheit auf sich; und da die Seele ihrer Aufmerksamkeit ohnehin nicht mächtig war, so wurden diese durch den stärkern Reiz so hell und wirkend. Vielleicht wäre bei bösen Menschen das Gegentheil erfolgt; vielleicht läßt sich ein Theil der beruffnen Bekehrungsgeschichten auf dem Todbette mit aus diesem Phänomen erklären. Wenigstens wird man mir es, wie ich hoffe, vergeben, wenn ich ein psychologisches Problem lieber aus der Philosophie als aus der Theologie zu erklären suche, obgleich es viele Erklärungen von entgegengesetzter Art von theologisirenden Philosophen, besonders aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, giebt. — Ein analoger Fall ist bei den figirten Ideen; d nehmlich wie bei einer grossen Schwäche des Gehirns eine sehr unbedeutende Idee sogar leicht figirt werden kann, so kann bei einer beträchtlichen Unordnung und Unruhe desselben manche schlechte wider Willen sehr lebhaft werden. — Das im Texte angeführte Gleichniß von kleinen Häufchen Pulver u.s.w. scheint mir für dieß Phänomen ganz unpassend zu seyn.
Noch will ich hier bemerken, wie offenbar sich das Gegenstreben der Seele hiebei von den vorgestellten Ideen so sehr unterscheidet; wie denn auch in Spaldings Fall, dessen in einem der vorigen Hefte gedacht worden, e die vorgehaltnen Ideen von der Einwirkung der Seele sich auch bei dem Selbstbeobachter merklich unterschieden gezeigt haben.

3: *) Weil hier überhaupt die Thätigkeit des Nervengeistes äußerst unruhig war, so war es natürlich, daß die Vorstellungen in unordentlicher Reihe aufeinander folgten. Eben dieser Unruhe wegen waren die Ideen auch in ihrer Lebhaftigkeit sehr verschieden.

4: **) Auch dieß ist sehr erklärbar. Die heftige Spannung der Aufmerksamkeit auf den einen Gegenstand machte, daß er seine Ort- und Zeitverhältnisse vergaß; wie dieß bei tiefem Nachdenken oft zutrift, und besonders hier, da überdem noch die äußern Sinne in einer großen Betäubung lagen, um desto eher zutreffen konnte.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag s. Goldmann 2015, S. 73-85.

b: Platner 1784, S. 91.

c: Vgl. Goldmann 2015, S. 83f.

d: Vgl. Goldmann 2015, S. 84.

e: MzE I,2,38-43.