ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: III, Stück: 2 (1785) > I. Ein neuer Werther.

I.

Ein neuer Werther. a

Sch., K. R.

Auszug aus einem Briefe.

Nunmehr machen Sie sich gefast, die traurige Geschichte des L .....*) 1 ganz ausführlich, und dabey Sachen zu hören, die über alle Ihre Erwartung gehen.

[116]

Ich mußte verreisen, als er noch an demjenigen Stücke zeichnete, so er zum Geburtstage seines Herrn Vaters gemacht hat, dieses war ihm schon vorher zweimal verunglückt, und es gefiel mir sehr, daß er dessen ohngeachtet Lust hatte, es auch zum drittenmal zu machen.

Ich empfahl ihm daher Fleiß und gute Aufführung, bat ihn, seine Eltern zu grüßen, und gab ihm Vorschrift, was er arbeiten sollte, während meiner Abwesenheit.

Hätte er nicht gerade die Arbeit vorgehabt, und wäre ich nicht, meine Reise zu beschleunigen, gezwungen gewesen, so hätte ich beschlossen ihn mitzunehmen. Indessen versicherte mir meine Frau in allen Briefen: L..... ist fleißig und gehet wenig aus.

Ich schrieb also: den Sonntag als den ersten Feyertag oder Sonnabend vorher hoffte ich wieder einzutreffen, kam aber schon den Donnerstag als den 12ten Mai eben zurück, als meine Frau im Begriff war, nach dem Thiergarten zu ziehen, wo wir alle Jahre wohnen.

Er kam herunter gelaufen, und schien sich über meine Ankunft zu freuen, hatte aber den Landconducteur B..., der auch zurückgeblieben war, und eben, als ich ankam, im Fenster lag, gleich gefragt, da dieser ihm sagt, der [117]Kr. Rath kommt: ist auch L... mit dabey? Dieser ist ebenfalls ein Conducteur, den ich bey mir habe, der aber schon verpflichtet ist, und in Königl. Diensten stehet.

Ich hatte noch nichts gegessen, als ich um 3 Uhr Nachmittags ankam, setzte mich zu Tische und ließ ihn mit B... herunter zu mir rufen. Er erzählte mir, daß er einen Brief von seinem Herrn Vater erhalten, und daß er auch an seine Mutter geschrieben hätte.

Ich frug ihn: was er gearbeitet habe? alles was ich ihm aufgegeben, war die Antwort, und da ich von meiner Frau gleich bei meiner Ankunft die Nachricht erhalte, daß er sich gut aufgeführet und fleißig gearbeitet, so war ich damit zufrieden, folgte meiner Frau nach dem Thiergarten, und hatte meinen Wagen bestellet, daß ich den 13ten Freitags um 7 Uhr wieder in der Stadt seyn wollte.

Der Conducteur L... war zu seinen Verwandten gegangen, und kommt Abends wieder zu Haus, gehet mit dem B... zu rechter Zeit schlafen; und weil L..... nicht mit will: so fragen sie ihn: warum nicht? er müße noch schreiben, giebt er zur Antwort, hat sich aber vorher barbiret, rein angezogen, und sich einen neuen Zopf gemacht, so daß die andern ihn fragen: warum er das thue? darauf antwortete er: der Kr. Rath kommt morgen zeitig herein, da muß ich gleich fertig seyn.

[118]

Kurz L... und B... gehen zu Bette. Nachmitternacht ungefähr kommt L..... nach der Stube, wo sie schlafen, gehet nach seinem Koffer, und langt sich etwas heraus, darüber erwacht L... und sagt: sind Sie doch noch nicht zu Bette! O ich habe Sie wohl gestöret? das schadet nichts: und so schläft L... wieder ein.

Des Morgens frühe, da mein Bedienter um sechs Uhr hinzukommt, und auch in die Stube, wo die Conducteurs arbeiten, herein will, um Nachtigallen zu füttern, findet er solche zugeschlossen; er gehet nach der Stube, wo sie schlafen, und siehet, daß L....s Bette noch gemacht, worüber er, so wie die übrigen beiden Conducteurs, die beim Anziehen begriffen, sich wundern, zusammen nach der Stube gehen, mit Gewalt die Thür eröfnen wollen, aber so wenig damit als mit dem stärksten Lerm daran, das geringste ausrichten können.

Sie gehen also in meine Stube, wo man auch durch eine Thür hereinkommen kann, allein auch diese, welche ich beständig verschlossen gehalten, können sie nicht öfnen.

Von ohngefähr siehet sich mein Bedienter um, und wird ein Bund Schlüssel gewahr, passet alle durch und findet den dazu gehörigen. Er ruft [119]die beiden Conducteurs und sagt, ich kann nun aufschließen, allein aber gehe ich nicht hinein.

Sie kommen also, um mit dabey zu seyn. Mein Bedienter schließet auf, und da er die Thüre, so nach inwendig aufgehet, kaum einen Fuß breit aufgemacht, so siehet er den L..... vollkommen angezogen, mit fliegendem Haar ganz weiß als Kreide stehen, und saget schon die Worte: Herr L..... — um weiter zu sprechen: was fehlet Ihnen? aber ehe er letzteres sagen kann, hebt er schon die Pistole in die Höhe, setzt solche ins rechte Auge, und Knall und Fall ist eins.

Alles aufs äußerste erschrocken, läuft bestürzt die Treppe herunter — nachdem sie sich vom Schreck erhohlet, gehen sie zusammen wieder herauf und finden ihn todt, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben, auf dem Gesichte zur Erden liegend, und im Blute schwimmend. Auf seinem Tisch lieget der Werther aufgeschlagen S. 218, wo es heißt: es ist zwölf — sie sind geladen, u.s.w.

Eine ganze Schachtel voll Kugeln und über ein halb Pfund Pulver liegt auf dem Tische. Aus den Betten, die auf der Stube stehen, hatte er sich zwei Unterbetten herausgenommen, auf ein Canapee gelegt, und vermuthlich die Nacht darauf geschlafen.

[120]

Aus allem vorhergehenden schließe ich, daß er mir den Schreck zugedacht hat, ihn sich todtschießen zu sehen; denn er wußte, daß ich um 7 Uhr kommen wollte, daß zu der Thür kein andrer als ich den Schlüssel hatte: und wollte vermuthlich so lange warten, bis ich die Stube öfnen würde.

Fußnoten:

1: *) Dieser L..... war schon in seinem achtzehnten Lebensjahre durch allerlei Ausschweifungen sehr berüchtigt. Da er seinen Eltern die ängstlichsten Sorgen verursacht hatte, wurde er nach Berlin geschickt. Hier betrug er sich eine Zeitlang gut, alsdann fing er wieder an, auszuschweifen, schlich sich auch einmal des Nachts aus dem Hause weg, worin er in Pension war, und ging in ein H...haus. Als er hier alles zugesetzt hatte, lieh er eine Pistole, kaufte Pulver und Schrot und ging in die Hasenheide, um sich zu erschießen. Er saß auf der Erde, hatte das Pulver vor sich liegen, und wollte die Pistole zubereiten, als ein Funke ins Pulver fiel, welches aufflog, und ihn versengte. Ganz betäubt von Schreck fiel er um, sah aber einen Mann, den er bat, nach seinem Hause zu gehen, und zu bitten, daß man ihn in einer Kutsche abholen möchte, welches auch geschahe. Ein halbes Jahr nachher erschoß er sich wirklich, wie in diesem Briefe des Herrn K. R. Sch. beschrieben steht.

Erläuterungen:

a: Dieser Fall wird erwähnt in Büsching 1783. Der Protagonist wird beschrieben als ein »sehr junger Mensch aus H- -, der sich hier zu Berlin am 20. May 1780 erschoß«, S. 39.