ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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I.

Ueber den Anfang der Wortsprache in psychologischer Rücksicht.

Pockels, Carl Friedrich

Fortsetzung.
(Siehe das vorhergehende Stück.)

Merkwürdiger und wichtiger als alle spekulative Untersuchungen über den Ursprung der Sprache überhaupt, ist für die Aufmerksamkeit des Seelenbeobachters der Anfang, und die Entwicklung der Kindersprache.— Hier hat er den Menschen selbst vor sich, nicht den Menschen, der, wer weiß, vor wie viel Jahrtausenden, in welchen Umständen, und auf welcher Stufe seiner Kultur, die Sprache erfunden haben mag, — und hier darf er nicht fürchten, wenn er anders richtig beobachtet, daß ihn seine Bemühungen höchstens nur zu wahrscheinlichen Hypothesen führen dürften.

Wir können es hier als eine ausgemachte Wahrheit voraussetzen, daß der neugeborne Mensch ohne menschliche Gesellschaft, und ohne eine schon vorhandene Wortsprache derselben nie würde re- [76] den lernen. Wortsprache ist für den einzelnen Menschen, wie Rousseau richtig bemerkt hat, kein Bedürfniß, auch bringt das Kind keinen Trieb für sie mit auf die Welt; sondern erst nach und nach entsteht in ihm eine Neigung dazu, indem es andere reden hört, andere es dazu auffordern, und indem überhaupt sein Verlangen körperliche Bedürfnisse sowohl, als Empfindungen seiner Seele andern deutlicher auszudrücken, und die Summe seiner erlangten Begriffe zu ordnen, größer und dringender wird.

Die ersten Sprachausdrücke des Kindes, wenn wir die unwillkürlichen Laute seiner Stimme schon so nennen dürfen, sind entweder ein thierisches unartikulirtes Geschrei, wenn es bald einen körperlichen Schmerz, ein dringendes Bedürfniß fühlt, bald auch von einem fürchterlichen, unerwarteten Gegenstande in Schrecken gesetzt wird; — oder ein lebhaftes Jauchzen der Freude, wenn es ein gewisses Wohlbehagen in sich empfindet; ein Gefühl, das in ihm leicht durch neue glänzende Gegenstände, durch den Anblick der zärtlichen Mutter, oder auch, wie ich oft bemerkt habe, schon dadurch hervorgebracht wird, wenn man es aus einem dunkeln Orte schnell in einen hellen bringt.

Das Lachen der Kinder, welches Hippokrates, wohl etwas zu früh, gleich nach ihrer Geburt an ihnen beobachtet haben wollte, gehört mit unter [77]die ersten Aeußerungen der menschlichen Natursprache, und ich möchte noch hinzusetzen, der Vernunft. Das Bisarre und Kontrastirende in äußern Formen sowohl als in Tönen fängt frühzeitig auf sie zu würken an, und sie lachen darüber, ehe sie noch reden können; eigentlich aber lachen sie mehr aus einer in sich gefühlten starken Freude, die zunächst das Wohlbehagen ihres Körpers betriff, und bloß thierischer Art ist.*) 1

Zwischen dem Gehör des Kindes und der menschlichen Stimme herrscht gleich vom Anfange seines Lebens an die feinste Harmonie, oder wenn ich mich so ausdrücken darf, das freundschaftlichste Verständniß. Das Kind erschrickt nie vor [78]der Stimme des Menschen, so lange sie nicht übertrieben, und wider ihre Natur in schreckliche Mißtöne gezwungen wird; sondern es hört sie mit einem Wohlgefallen an, das bisweilen in ein lautes Freudengeschrei ausbricht. Wie gern läßt es sich, so munter es auch ist, durch die mütterliche Stimme in den Schlaf singen: wie begierig hört es nicht den freundlichen Worten des guten Vaters zu; wie sehr wird es schon frühzeitig durch die Klagen und Thränen anderer gerührt, sonderlich derjenigen, die es lieb hat!*) 2 — Die Stimme der Thiere hat im Gegentheil gemeiniglich eine ganz andere Wirkung auf dasselbe. Sie hat nicht das Rührende, Einnehmende, Anziehende und Verständliche für sein Ohr, als die des Menschen, es wird da-[79]durch leicht in Schrecken gesetzt, und es gehört schon einige Zeit dazu, ehe es sich in der Nähe daran gewöhnt. Ich habe Kinder ängstlich weinen sehen, wenn in der Nähe ein Lämmchen blökte, oder ein Hahn krähete, — und wahrscheinlich fürchten sich Kinder auch wohl deswegen gemeiniglich so sehr vor Thieren, weil sie anfangs die Stimme derselben nicht vertragen können. Daß sich übrigens diese dem Gehirne des Kindes tief eindrückt, ist daraus sichtbar, daß es anfangs immer das Thier so benennet, wie es schreit.

So viel von den Ausdrücken des Kindes überhaupt, ehe es noch eine würkliche Wortsprache gelernt hat! — Aber wie gelangt es nun zu dieser; mit welchen Wörtern fängt es seine Sprache an; wie vermeidet es die Verwirrung seiner Begriffe, die durch Erlernung so vieler Sprachwörter, die ihm theils geflissentlich vorgesagt werden, theils durch den Zufall zu seinen Ohren gelangen, so leicht entstehen konnte — kurz wie lernt es sich ordentlich und verständlich ausdrücken? — Fragen, die allerdings beantwortet zu werden verdienen, ob ich mich gleich hier nur im Allgemeinen damit beschäftigen kann.

Wenn wir darauf Acht geben, wie sich Kinder nach und nach durch Worte ausdrücken lernen, so werden wir finden, daß ihre Sprache nichts anders, als eine Nachahmung der Sprache derjenigen ist, die mit ihnen umgehen; selbst diejenigen [80]Wörter, die in keinem Lexiko der Sprache stehen, und die sie oft zu unserer Bewunderung selbst erfunden haben, müssen sie irgend einmal von einem mißverstandenen Tone, abkopirt, oder durch Verwechselung und Vermischung einiger Sprachsilben, vielleicht nach einer unwillkürlichen Bewegung ihrer Zunge, zusammengesetzt haben; — aber auch jene Nachahmung der Sprache fängt selten vor dem ersten Jahre ihres Lebens an, nicht aus Mangel der Begriffe; sondern wegen einer noch vorhandenen Ungelenkigkeit ihrer Sprachorganen.

Ueber die Art und Weise nun, wie sie jene Nachahmung anstellen, und nach und nach zu dem Besitz einer würklichen Wortsprache gelangen, will ich nur folgende Bemerkungen hiehersetzen.

1) Kinder fangen zuförderst allemal an, körperliche Individuen auszudrücken; aber anfangs ohne Flexion, Verbindungswörter und Artikel. Von jenen Individuen haben sich von dem Gebrauche ihrer Sinnen, sonderlich der Augen an, lange vor der Erlernung einer Sprache, lebhafte Bilder in ihrer Seele abgedrückt, sie haben sich davon durch langes Betrachten, durch Vergleichung ihrer äußern Formen miteinander, und wo es anging, selbst durch das Gefühl klare Begriffe zu schaffen gesucht, und diese Begriffe wurden nun die Grundlage aller ihrer konkreten, wie hernach ihrer abstrakten Erkenntniß. — Es war natürlich, daß sie von jenen Individuen diejenigen am ersten aus-[81]drücken mußten, die ihnen am nächsten lagen; deren besondere Gestalten die Aufmerksamkeit erregen konnten; oder die sie auch mit einem gewissen Wohlgefallen betrachteten. Eltern haben daher immer das süße Vergnügen, worauf sie mit Recht Ansprüche machen können, daß ihre Namen zuerst von den kleinen Lieblingen ihrer Herzen ausgesprochen werden. Ueberhaupt lernen Kinder das gemeiniglich am ersten ausdrücken, was eine genaue Beziehung auf die Bedürfnisse ihres Körpers hat, aber sie verfahren dabei ohne alle Ordnung. —

Es ist in der That zu bewundern, wie wenig sich Kinder bei einem Geschäfte, das ihnen doch anfangs nichts weniger als leicht seyn kann, bei Erlernung so vieler unzusammenhängender Sprachwörter, verwirren, womit ihr Gedächtniß, bei ohnehin noch so vielen verworrenen, halbreifen und ungeordneten Begriffen derselben, überladen wird; — allein es kommen ihnen, wie mich dünkt, hier gewisse vortheilhafte Umstände zu Hülfe, die jene Verwirrung verhindern, und hierher rechne ich vornehmlich die schon vorhandenen Bezeichnungen der Abstrakten, der Geschlechter und Arten; (wodurch zugleich ihre Sprache einen weit schnellern Fortgang, als die der ersten Menschen erhalten mußte) die natürliche den Menschen vermöge einer Vernunft angeborne Fähigkeit, Aehnlichkeiten zu bemerken, und denn auch vornehmlich den Unterschied, welchen die Natur in die Be-[82]schaffenheit unserer Begriffe selbst gelegt hat, indem sie jedem Sinne sein eigenes Gebiet von Begriffen anwieß, die, so nahe sie auch oft aneinander zu gränzen scheinen, doch sich nicht leicht miteinander verwirren lassen.

2) Das Kind weiß gemeiniglich schon eine große Anzahl von Substantiven auszudrücken, ehe es Verben auszusprechen pflegt, und unter diesen lernt es wiederum die am ersten, welche eine starke in die Sinne fallende Handlung, oder ein nahes Bedürfniß anzeigen, z.B. reiten, schlagen, fahren, fallen, gehen, donnern, essen, trinken u.s.w. Zuerst drücken Kinder nur immer den Infinitiv solcher Verben aus; ihr Verbum wird anfangs gar nicht conjugirt, und die Personen bezeichnen sie gemeiniglich auf eine erfinderische Art durch Gesten. Nach und nach lernen sie das Vergangene; am spätesten aber das Zukünftige ausdrücken; wahrscheinlich weil in ihnen die Idee davon immer noch etwas dunkel ist. — Wir bilden offenbar diesen Begrif erst durch einiges Nachdenken, und durch eine wiederhohlte Erfahrung, daß etwas Vorhergehendes etwas Nachfolgendes nach sich ziehen mußte, oder nach sich zu ziehen pflegte; oder daß eine gewisse Ursache unter den nehmlichen Umständen immer wieder die nehmliche Wirkung nach einer gewissen Zeitfolge hervorbringt. Durch solche wiederhohlte Beobachtungen bilden wir uns den Begrif von Zeit überhaupt, [83]und folglich auch von künftiger Zeit insbesondere; ein Begrif, den wir als klaren Begrif, wohl allein durch Hülfe der Vernunft besitzen, und der mehr als thierischer Instinkt ist. Denn je mehr sich der Mensch der thierischen Natur nähert, deren Gefühle sich nicht, oder gewiß nicht weit, über das Gegenwärtige hinaus erstrecken; je weniger seine körperlichen und geistigen Bedürfnisse werden; je mehr sich sein Nachdenken über seine eigne Existenz und mithin auch die Wißbegierde, seine künftigen Schicksale und Entwickelungen voraus zu erforschen, verliert, desto düsterer und verworrener muß auch nothwendig die Vorstellung von etwas Zukünftigen in ihm werden.

3) Die Kindersprache besteht anfangs nur aus einsilbigten Wörtern, wahrscheinlich deswegen, weil es ohne eine schon längere Uebung den Organen des Kindes schwerer wird, mehrsilbigte auszusprechen. Es pflegt daher auch gewöhnlich diese in einsilbigte zu verwandeln, oder ein solches mehrsilbigtes Wort in zwei oder mehrern Zeitintervallen auszusprechen, so wie es auch nachher bei ganzen Perioden mehrere Ruhepunkte des Redens annimmt, und sich gleichsam die Begriffe nach und nach zuzählt. Ueberhaupt bemerkt man leicht, daß ihm das Reden anfangs äußerst schwer ankommt — ein Beweis, daß Sprache eine erst zu erlangende Fertigkeit, und nichts Angebornes ist; — daß es sich oft martert, ein Wort grade wieder so [84]auszusprechen, als es dasselbe gehört hat, und daß ihm eben deswegen diejenigen Wörter am willkommensten sind, die eine weiche Aussprache haben. Kinder reden daher am liebsten in Diminutiven, und ihre Wärterinnen ergreifen durch dergleichen weiche Sprachwörter einen bequemen Weg, sie ans Reden zu gewöhnen, ob sie wohl gleich niemals über diese gute Methode philosophirt haben mögen.

4) Unsere Vorstellungen, und die Art und Neigung, sie durch Worte auszudrücken, haben bei ihrer Entstehung in den Jahren der Kindheit eine, wie mich dünkt, merkwürdige Beziehung auf die Größe unseres Körpers. Dieser ist gleichsam unser erster Maasstab der Gegenstände, die wir um uns her wahrnehmen, was ihn nicht angeht, was für ihn zu groß, zu ungeheuer ist, damit beschäftigt sich auch die Seele des Kindes nicht. Man sieht es täglich, daß Kinder am liebsten ihre Aufmerksamkeit auf solche Sachen richten, und zunächst für sie Ausdrücke suchen, deren Größe nicht weit über die ihres Körpers hinausragt.

Wir haben die sonderbare Empfindung — so wie überhaupt die ganze erste Entstehungsart unserer Ideen — vergessen, nach welcher uns alle Gegenstände um uns her, wegen der Kleinheit unseres Körpers wahrscheinlich viel größer und ungestalteter vorkommen mußten, als sie uns jetzt erscheinen; wie Erwachsene noch ungeheure Riesen gegen uns, die Häuser noch eine Art hoher Gebürge in unsern [85]Augen seyn mußten; aber etwas Unangenehmes mußte wohl immer diese Empfindung für uns haben, ehe wir uns an die vielen großen Gestalten um uns her gewöhnten. Nichts konnte uns daher damals willkommen seyn, als Gegenstände, die uns an Größe gleich, oder noch kleiner als unser Körper waren; daher mit jene große Neigung der Kinder zu Kindern, und die unermüdete Liebe für ihr Spielzeug. Sie mögen gern Gegenstände um sich haben, deren Kleinheit sie zu sich einladet, an denen sie ihre Kräfte und Thätigkeit üben, und worüber sie gewissermaßen herrschen können —.

Ich breche diese wenigen unvollständigen Bemerkungen über den Anfang der Wortsprache der Kinder, die ich einandermal weiter auszuführen gedenke, und zu denen gewiß ein jeder aufmerksamer Beobachter des Menschen noch sehr viel neue hinzusetzen kann, mit einigen Gedanken ab, welche die ersten Fortschritte menschlicher Kenntniß durch Hülfe der Sprache betreffen, und in sofern noch hierher gehören.

Wir machen durch Hülfe der gütigen Natur, die uns auf eine mütterliche Art bald aus dem Schlummer unsrer Kindheit zu wecken weiß; durch den wichtigen Beistand der Sprache, und der für uns so wohlthätigen Gesellschaft der Menschen, schon frühzeitig einen nichts weniger als kleinen Fortschritt unsrer Erkenntniß. Sobald das Kind zu reden anfängt, oder im eigentlichen Ver-[86]stande ein Mensch wird, hebt es sich auch gar bald über die mechanische Einförmigkeit der Handlungen hinweg, die wir bei aller Verschiedenheit der Instinkte und der Himmelsstriche, durch das ganze Thierreich, von der Muschel bis zum Orangutang herrschen sehen. Durch die Sprache wird es ein Wesen höherer Art, eine Gottheit der Erde, ein Herr der Schöpfung, indem es alle andern vernunftlosen Geschöpfe durch den Besitz jenes vorzüglichen göttlichen Geschenks weit hinter sich zurük läßt, und die große Laufbahn des menschlichen Denkens frühzeitig beginnt, gleichsam noch in der Wiege beginnt, wenn jene maschinenähnliche Thiere oft schon halbe Jahrhunderte hindurch auf einer und eben derselben Stufe ihrer einförmigen Entwickelung stehen geblieben sind. Man erstaunt mit Recht, welch einen wichtigen Zuwachs von Kenntnissen wir schon in den ersten sechs bis acht Jahren unseres Lebens erhalten. In keiner folgenden Epoche desselben sammeln wir eigentlich wieder so viel neue Ideen, als in jener, denn in ihr lernen wir eine Sprache mit etliche tausend verschiedenen Wörtern, und deren Verbindungen, Versetzungen und Wendungen, und zwar eine Sprache, welche zugleich die weitläuftige Grundlage unsrer gesamten Kenntnisse ist, und an die sich gleichsam eine ganze Welt von neuen Gegenständen anschloß; anstatt daß wir durch Erlernung jeder andern Sprache nachher nicht neue Begriffe son-[87]dern größtentheils nur neue Wörter für schon vorhandene Begriffe bekennen. — Schade! daß wir nur alle gar zu zeitig vergessen haben, wie viel damals die Entwickelung unsrer Ideen; durch die Entwickelung unserer Sprache, und diese umgekehrt durch jene gewonnen hat; denn beide sind in einander gegründet, und ihr beiderseitiger großer Einfluß auf einander zeigt sich nachher sehr deutlich in der ganzen Geschichte des menschlichen Denkens und Empfindens.

Es ist leicht zu begreifen, daß Kinder von den unzählichen Sprachwörtern, womit gleich vom Anfang an ihr Ohr überladen wird, oft nur den kleinsten Theil verstehen. Sie können nicht eher bestimmte Begriffe von einer Sache haben, bis sie ihnen gezeigt wird, bis sie selbst Erfahrungen über ihre Beschaffenheiten angestellt haben. Ist aber die Menge von Wörtern womit ihr Gedächtniß frühzeitig angefüllt wird dem Fortkommen ihrer Begriffe nicht mehr höchst schädlich, als nüzlich? — Mir ist das Erstere nicht ganz wahrscheinlich. In einem gesunden Zustande unserer Seele ist uns ein dunkeler Begrif immer etwas Unangenehmes. Schon an dem Kinde sehen wir eine starke Begierde sich deutliche Vorstellungen zu verschaffen, und bemerken eine innere Unruhe an ihm, wenn es nicht zu seinem Zwecke kommen konnte. Der Trieb der menschlichen Seele, ihre Vorstellungen zu erweitern, ist ein mächtiger Trieb (und man kann [88]ihn mit Recht die einzige Grundkraft derselben nennen.) Darauf gründete Lessing sein Urtheil über das in unsern Zeiten so sehr verschriene Vokabel lernen, »wenn ich Jugend hätte, sagte er mir einst als wir auf die neuen spielenden Methoden zu reden kamen, wodurch man Kinder auf eine leichte Art zu großen Lateinern machen wollte, so sollten sie Vokabeln lernen, wie ich in meiner Jugend habe Vokabeln lernen müssen; es ist wahr! sie würden manches Wort nicht verstehen; aber eben das würde die Thätigkeit ihrer Seele zu neuen Begriffen mehr reizen, als unterdrücken — gesezt, daß es auch nur mittelmäßige Köpfe wären.«

C. F. Pockels.

Fußnoten:

1: *) Es ist nicht zu leugnen, daß Thiere, wenigstens die, welche näher an den Menschen angränzen, zuweilen ein ähnliches Gefühl der Freude haben, indem sie es deutlich genug durch ihre äußern Handlungen an den Tag legen; aber eigentlich lachen sie doch nie, so wie der Mensch, und der Grund davon liegt wohl darin, daß sie aus Mangel lebhafter und deutlicher Vorstellungen dessen, was wir lächerlich nennen, und einer feinern Einbildungskraft den hohen Grad der Freude nicht fühlen, dessen der Mensch fähig ist. Ueberdem scheint auch ihr gröberes, mit einer haarigten Haut umgebenes Gesicht, nicht einmahl zum sichtbaren Ausdruck des Lachens gebaut zu seyn. Doch bemerkt man an verschiedenen Thieren, z.B. an Hunden, wenn sie sich sehr freuen, eine Verzerrung ihrer Gesichtsmuskeln, die einem sichtbaren Lachen ähnlich sieht; so wie eine gewisse feine Modulation ihrer Stimme, die wohl nichts anders, als ein Ausdruck ihrer Freude seyn kann. Anm. d. Verf.

2: *) Wir haben es freilich wieder vergessen, wenn und in welchen Umständen die Leiden anderer zuerst auf unser Herz zu würken angefangen haben; aber gewiß ist dieses schon frühzeitig geschehen. Von unserer Geburt an sind wir selbst körperlichen Leiden unterworfen gewesen, der erste Ausdruck unserer Stimme war eine laute, weinende Klage über den mühseligen Anfang des menschlichen Lebens; wir scheinen eher einen Begrif vom Schmerz, als von Freude gehabt zu haben, und es war natürlich, daß, sobald wir die Leiden anderer bemerken konnten, in uns ein Gefühl des Mitleids gegen sie entstehen mußte, indem wir uns nehmlich dadurch bald auf eine schwächere, bald auf eine lebhaftere Art an das erinnerten, was wir gelitten hatten. Ohne diese Wiedererinnerung scheint unsere Natur damals keines Mitleids fähig gewesen zu seyn. Anm. d. Verf.