ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Psychologische Bemerkungen über das Lachen, und insbesondere über eine Art des unwillkührlichen Lachens.

Pockels, C. F.

Der Mensch, welcher vermöge der ganzen Anlage seiner Natur, in so vieler Absicht, weit über [90]das Thier erhaben ist, hat auch so gar sein Eigentümliches im Ausdrucke seiner Freude, und seiner Schmerzen; was wir eigentlich bei keinem Thiere bemerken, — der Mensch lacht, wenn er sich lebhaft worüber freut, welches selbst im Traume geschehen kann — und er weint, wenn er entweder selbst einen körperlichen Schmerz, einen Kummer seines Herzens fühlt; oder durch die Leiden anderer sehr gerührt wird, indem er sich durch eine schnelle, bald schwächere bald lebhaftere Zurükerinnerung an ähnlich gehabte Leiden, in die Stelle des andern sezt, und dessen Schmerz zu empfinden glaubt. Hier fehlt offenbar den Thieren das Vermögen einer vernünftigen Vergleichung ihrer eigenen, und anderer Schmerzen, und des deutlichen Ausdrucks derselben, durch eine Sprache, wodurch der Mensch so leicht Mitleid gegen sich erregt, und ohne die daher das Thier wohl eigentlich keiner Empfindungen des Mitleids, wenigstens keiner solchen, als der Mensch, fähig ist. —

Wenn gleich beim Lachen immer ein inneres Wohlbehagen, eine lebhafte Freude über eine Handlung, oder einen sichtbaren Gegenstand zum Grunde liegen muß; so lehrt uns doch die Erfahrung, daß nicht jede Freude Lachen erregt; ja in gewissen Fällen würden wir, um mich so auszudrücken, jene Empfindung der Freude zu beleidigen, und zu beschimpfen glauben, wenn wir sie durch ein Lachen an den Tag legen wollten. [91]Hierher kann man alle die Fälle rechnen, wo wir uns, — auch wohl in einem sehr hohen Grade, und bei der stärksten Ueberraschung, über ernsthafte Gegenstände, z.B. über den reizenden Anblik der Natur, über ein Meisterstück der Kunst, über Handlungen eines edeldenkenden Herzens, über Entdeckungen neuer Wahrheiten, u.s.w. freuen. —

Auf der andern Seite erregt wiederum nicht jeder Schmerz Thränen, wenn er nehmlich nicht stark genug ist, wenn er durch eine Menge Nebenempfindungen, durch Vorstellungen, die uns leicht zerstreuen, gleichsam in seinem Wege nach dem Auge hin, aufgehalten wird; — oder wenn er auch zu stark ist, daß er unsere Seele betäubt. Der stumme Schmerz, der sich nicht ausdrücken kann, der noch keine wohlthätige Thräne in unsre Augen kommen läßt, der Schmerz der gleichsam an dem Innern unsrer Seele nagt, ist auch der qualvollste, — wir seufzen alsdann nach dem Ergusse unsrer Thränen, und wenn diese sich erst ergießen; so scheint auch seine mörderische Wuth an uns nachzulassen.

Lachen und Weinen, dünkt mich, sind beides Erscheinungen an den Menschen, welche gar sehr die Aufmerksamkeit des Psychologen verdienen, indem sie dem Menschen allein zukommen, und ehe er noch reden kann, schon die deutliche Sprache seiner Leidenschaften, Schmerzen und Bedürfnisse sind, und gewiß aus sehr guten Absichten des Schöpfers [92]dazu gemacht wurden. Mehrere Schriftsteller haben ihren Ursprung zu erklären gesucht; allein sie scheinen mit ihren Untersuchungen darüber noch nicht ganz zu Ende gekommen zu seyn, wenn wir darunter nicht sowohl die Untersuchungen verstehen, welche Gelegenheiten in diesen und jenen Gemüthszuständen, Lachen und Weinen erzeugen; sondern wie, und warum diese Phänomene grade unter gewissen Umständen und keinen andern, so und nicht anders entstehen, und wie vielen Antheil daran bald der Körper, bald die Seele des Menschen hat. Der unerklärbaren Erscheinungen der menschlichen Natur, besonders in dem Gebiete der Freude und des Schmerzes; der dunkeln in uns liegenden Vorstellungen die uns oft ganz unwillkürlich zu Empfindungen beider Art reizen; der verschiedenen Modifikationen unsrer Vorstellungen, die sich bei heftigen Leidenschaften alle Augenblicke durch den gegenseitigen Einfluß des Leibes und der Seele auf einander, verändern, sind so unendlich viele, daß es uns allerdings schwer werden muß in Absicht des Ursprungs jener Erscheinungen, etwas mit vollkommner Gewißheit zu bestimmen, — und mehr dürfen wir doch darüber nicht bestimmen, als was uns unser Gefühl sagt, und was sich aus einer richtig angestellten Vergleichung mehrerer Gefühle analogisch schließen läßt; wobei uns aber immer noch die innere Natur und Entstehungsart derselben unbekannt seyn kann.

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Was das Lachen insbesondere betriff, so lehrt uns die Erfahrung, daß dabei vornehmlich folgende Ursachen zum Grunde liegen müssen; wir müssen entweder durch das Witzige, Sonderbare und Unerwartete eines launigen Gedankens auf eine angenehme Art gerührt werden; oder es müssen uns ungewöhnliche, bizarre Gegenstände vermöge ihrer lächerlichen Gestalt; oder auch ihrer unregelmäßigen Verbindung, in welcher sie sich mit entgegenstehenden Objekten würklich, oder auch nur unsrer Einbildung nach befinden; — aber auch wegen des Unerwarteten ihrer Handlungen, sehr auffallen. Das Lachen welches durch einen Kitzel des Körpers hervorgebracht wird, oder das sogenannte animalische Lachen, rechne ich nicht hierher, weil unsre Seele daran keinen Antheil zu haben scheint; auch nicht das erzwungne und verstellte Lachen, weil ihm das Angenehme und Erquickende fehlt, welches die andern Arten des Lachens seiner Natur nach allemal begleitet.

Zu den vorher angegebenen Ursachen des Lachens rechne ich noch die Schadenfreude. Ohne mich auf eine genauere Untersuchung der Moralität dieser Art des Lachens einzulassen, die ohnedem hier gerade am unrechten Orte stehen würde, bemerke ich nur, daß dieses Lachen in den allermeisten Fällen, vorausgesezt, daß wir an dem Unglück des andern nicht Schuld sind, nichts böses ist, ob es gleich allerdings sehr unanständig seyn kann. [94]In dem Augenblicke, wenn wir davon unwillkürlich überrascht werden, z.B. wenn jemand auf eine lächerliche Art hinfällt, ist es uns nicht leicht möglich, die bizarren Ideen, die sich uns zudrängen, und die schnell auf einander folgenden Bilder unsrer spielenden Phantasie, wegzuschaffen, welches gemeiniglich nicht eher geschieht, als bis wir ausgelacht haben, und die Vorstellungen von dem Schaden des andern, und das daher entstehende Mitleid, mehr Stärke in uns erhalten. — Ausserdem sind oft die Leiden andrer von einer so besondern Art, das Betragen der Leidenden selbst so albern, und ihre Denkungsart von der unsrigen, die wir nach unsrer Meinung in gleichen Fällen an den Tag legen würden, so verschieden, daß wir oft mit Mühe, oft auch gar nicht an ihren Schiksalen Theil nehmen können. Wer einen Don Quixote würklich leiden sähe, würde sich eben so wenig des Lachens enthalten können, als wenn er die Geschichte seiner lächerlichen Unglücksfälle in dem meisterhaften Romane des Cervantes lieset.

Es ist nicht zu läugnen, daß sich alle jene verschiednen Arten des Lachens aus einer einzigen Quelle, nehmlich aus einer lebhaften Stimmung der Freude über das Neue und Auffallende gewisser Dinge, und Ausdrücke erklären lassen, obgleich die individuellen Veranlassungen dazu unendlich verschieden seyn können, und sich ohnmöglich alle angeben lassen. Wir haben noch keinen [95] Maasstab, den Grad dieser Stimmung anzugeben, der zur Hervorbringung des Lachens vorhanden seyn muß, und der nach den so sehr verschiedenen, bald feinern, bald gröbern Empfindungsfähigkeiten der Menschen, und ihren eben so verschiedenen Anlagen des Geistes, Aehnlichkeiten mit einander schnell zu vergleichen, so wie auch nach den jedesmaligen Gemüthszuständen derselben, nicht anders als sehr verschieden ausfallen kann. Manche Menschen können aus Mangel eines feinern Gefühls durchaus nicht das Witzige eines Gedankens empfinden, worüber andre sich nicht satt lachen können; andre scheinen nur für eine einzige Art des Lächerlichen einen Sinn zu haben; einige, besonders Kinder, und kindischwerdende Alte, lachen über jede Kleinigkeit; wieder andre behalten den ewigen kalten Ernst auf ihre Stirne. — Man zeigte uns in der Geschichte eine Menge von Männern, die in ihrem Leben kein einzigesmal gelacht haben sollen, und man hat unsern Erlöser, um ihm wahrscheinlich eine große Ehre dadurch zu erweisen, mit darunter gesezt.*) 1

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So viel dünkt mich ist gewiß, daß wir, sey es nun von einem äussern Gegenstande, oder Gedanken, der mit einem andern in einem auffallenden Kontrast steht — überrascht werden müssen, wenn wir darüber lachen sollen. Das Lächerliche bleibt zwar seiner Natur nach immer lächerlich, aber es bleibts nicht immer für jeden einzelnen Menschen, und für jeden Zustand unserer Empfindungen. — Es kann den Wiz seiner Neuheit verliehren; es kann nach und nach Ideen in uns aufwecken, die unsre Seele zu einem gewissen Mismuth stimmen, der die folgende Wirkung des Lächerlichen auf uns hindert. Wir können das oft nach einiger Zeit mit unverändertem Gesichte hören, und betrachten, worüber wir sonst in ein lautes Lachen ausbrachen — ja der nehmliche Scherz zu oft, und noch dazu von einem elenden Kopfe gesagt, — oder der auch nur sonst etwas Unangenehmes für uns hat, — kann uns endlich gar zum Ekel werden, der mit einem Aerger über diejenigen verbunden ist, die daran noch Geschmak finden können. Allerdings kommt es bei dem Gefühl des Lächerlichen mit sehr viel auf die jedesmalige Disposition unsers Körpers an. Es giebt Tage und Stunden, wo wir froheres Muths als sonst sind, ohne daß wir gerade den hinreichenden Grund davon in ein vorhergehendes Nachdenken über angenehme Gegenstän-[97]de, und die dadurch hervorgebrachte Heiterkeit unsres Geistes setzen könnten. Alle Gegenstände haben für uns in solchen unwillkürlich entstandenen frohen Augenblicken ein lachendes Ansehn; unsre Vorstellungen folgen mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit und Zufriedenheit auf einander; schlüpfen gleichsam vor verdrüßlichen Gegenständen vorüber, und machen uns geneigt, selbst das, was uns sonst Kummer macht; von seiner lächerlichen Seite anzusehn. —

Eben so wird jeder die Erfahrung an sich selbst gemacht haben, daß wir oft eine Neigung zum Lachen in uns wahrnehmen, ohne daß wir die eigentliche Ursache davon bestimmt anzugeben im Stande sind; zumal da diese Neigung oft schnell wie ein Bliz verschwindet. Wahrscheinlich waren es einige dunkle Vorstellungen, und Erinnerungen an gewisse lächerliche Scenen unsres Lebens, die vor der Seele schnell vorübergingen, (wie wir auch oft im Schlafe haben) die jene Neigung einige Augenblicke in uns erzeugten; — eben so lacht man gemeiniglich wenn andre lachen, ohne daß man den Grund davon weiß; — oder auch wenn in einer lauten Gesellschaft auf einmal eine feierliche Stille entsteht. Verschiedne meiner Freunde haben mich versichert, daß sie wegen einer solchen entstandnen Stille sich gemeiniglich zwingen müßten, um nicht während des Tischgebets in ein lautes Lachen auszubrechen, und daß sie in ihrer Kindheit, weil sie sich beim Gebete durchaus nicht des Lachens erwehren [98]konnten, oft vergebens von ihren Eltern gezüchtigt worden wären.

Am ungewöhnlichsten, und sonderbarsten scheint aber die Neigung zum Lachen zu seyn, die manche Menschen, auch wohl ernsthafte Leute, denen man gewiß keine Leichtsinnigkeit Schuld geben kann, alsdann in sich empfinden, wenn ihnen andre ihre gehabten, oder gegenwärtigen Leiden schildern. — Es ist uns freilich nicht immer leicht, uns sogleich in die Stelle eines Elenden zu versetzen, der uns seine Leiden klagt, und natürlich eine schnelle Theilnehmung von uns verlangt. Wir können grade zu der Zeit, daß uns ein Unglücklicher aufstößt, zu froher Laune seyn, als daß wir uns sogleich für ihn umstimmen könnten; der Leidende kann auch uns nicht besonders angehen; er kann zu viel Schuld an seinem Unglücke haben, seine Art zu klagen, und sich auszudrücken kann unartig, ungesittet seyn; er kann Leidenschaften verrathen, die mit unsern moralischen Begriffen nicht zusammenpassen; oder wir können auch glauben, daß der größte Theil seines Uebels nur eingebildet ist, diese und mehrere Umstände können zusammenkommen, welche unser Mitleid zurückhalten, und uns wohl gar in eine Art Gleichgültigkeit gegen den Leidenden versetzen. — Aber unsre Natur scheint uns doch dabey, um mich so auszudrücken, einen unanständigen Streich zu spielen, wenn sie uns da ein Lachen abzwingen will, wo andre einen mitleidsvollen Eindruck auf unser [99]Herz machen sollten. Mich haben viele Leute, auf deren Aussage ich mich verlassen kann, versichert, daß sie sich oft gezwungen sähen, bey den Klagen andrer das Gesicht von ihnen wegzuwenden; oder sich geschwind einen Schmerz auf der Zunge zu verursachen, um nicht in ein lautes Lachen auszubrechen; — oder auch sich sogleich eines Ausdrucks, einer Wendung ihrer Gedanken zu bedienen, die in dem Augenblick, ohne den Elenden auf einen Verdacht von Gefühllosigkeit zu bringen, mit einer lachenden Miene gesagt werden konnte; ein Lachen wodurch sie nach ihrem Geständnisse, das durch den Leidenden unwillkürlich verursachte, gleichsam bemänteln wollten.

Woher nun diese unwillkürliche Erscheinung an den Menschen, und zwar grade alsdann, wenn wir uns selbst ihre Leiden vorstellen, und sie sogar vor uns leiden sehen? — Mich dünkt, man könne die Sache ohngefähr so erklären.

Wir mögen entweder von einem körperlichen Schmerz, oder von irgend einem Kummer unsrer Seele angegriffen werden, so ändern sich auch sogleich an den meisten Menschen hundert Dinge, die nun wegen ihrer veränderten Gestalt einen ganz andern Eindruk auf uns, als sonst machen müssen.

Die Sprache, Geberden, der Gang, oft die ganze Denkungsart des Menschen wird gemeiniglich anders wenn er leidet, und diese schnelle Veränderung des Menschen, die oft den angesehnsten [100]Mann zum lächerlichen Betragen eines Kindes herabsezt, diese weinerliche Stimme, diese ernsthafte zusammengezogene Stirne, dieser schleichende furchtsame Gang, und dann auch vornehmlich das Bizarre, Auffahrende, Ungeduldige, was viele Menschen in ihrem Unglücke an den Tag legen, hat etwas sehr auffallendes und Kontrastirendes an sich, und dieses Sonderbare kann denn leicht, zumal wenn wir uns das Elend des andern noch nicht deutlich genug vorstellen, uns eine Neigung zum Lachen einflössen, wozu noch der besondere Umstand kommt:

Das Gesicht des Traurigen hat in Absicht der Verzerrung seiner Muskeln, eine Aehnlichkeit mit dem Gesichte des Lachenden, durch dieß letztere werden wir auf eine mechanische Art selbst zum Lachen gestimmt. Das Verzerrte und Verzogene unsrer Mienen erregt es schon ohne Begleitung witziger Gedanken. — Etwas ähnlich Verzerrtes sehen wir im Gesichte des Klagenden, zumal wenn sein Schmerz körperlich ist, und diese verschobene Gesichtsform, die sonst gewöhnlich uns zum Lachen geneigt macht, wenn der andre keinen Schmerz fühlt, ist es, nach meiner Meinung, welche uns auch denn lächerlich vorkömmt, wenn der andre leidet. Eben so kann es leicht geschehen, daß uns ein Lachen auch alsdann anwandelt, wenn wir andern unsre Leiden zu schildern anfangen wollen, indem die, welche uns anhören, entweder aus würk-[101]lichem Mitleid, oder aus einer verstellten Theilnehmung ihr Gesicht in ernsthafte Falten zu legen suchen, was uns oft nicht anders als lächerlich vorkommen kann.

Zur Erläuterung des Vorhergehenden will ich nur noch folgende Bemerkungen hinzusetzen, die sich von allen Menschen, doch nach den verschiednen Graden ihrer Empfindungsfähigkeiten, und Organisation verschieden abstrahiren lassen. Wenn wir auf uns genau Acht geben, sonderlich wenn wir uns in dem Zustande gemischter Empfindungen befinden, — (und wahrscheinlich befinden wir uns immer darin, ob wir uns dieses Zustandes gleich nicht allemal deutlich bewust seyn können; — ) so kann es uns nicht schwer werden zu bemerken, daß die Empfindungen des Angenehmen und Unangenehmen gar leicht in der Seele mit einander abwechseln, unbegreiflich schnell in einander übergehen, und sich in einander auflösen lassen — und zwar nicht immer nach einer Folge vorhergegangener deutlicher Vorstellungen darüber, sondern sehr oft durch einen plötzlichen Tausch unsrer Gefühle, um den wir uns keine Mühe gegeben hatten. Unzählig oft sind wir uns der Gründe nicht ganz bewußt, wie und durch welche Mittelwege sie aus einem angenehmen Zustande in einen unangenehmen, und umgekehrt, übergehen. Nach einem langen heftigen Schmerz unsrer Seele fühlen wir oft auf einmal ein inneres Wohlbehagen; obgleich [102]die Ursach des Schmerzes noch nicht aufgehört hat, und wir durch keine vorhergehenden Vorstellungen zu dieser wohlthätigen Empfindung gestimmt wurden. Freilich dauert dieser Zustand selten lange; der Schmerz fängt bald wieder von neuem zu wüthen an, hört auch verschiednemal wieder auf, bis wir ihn nach und nach erträglicher finden. In dieser schwankenden Bewegung der angenehmen und unangenehmen Empfindungen, sehen wir sehr oft, vornehmlich lebhafte Geister, und die noch weiche Seele junger Kinder, die man oft in einer Minute weinen und lachen sieht.

Noch ein andrer hierher gehöriger Erfahrungssatz ist der, daß ein solcher Wechsel zwischen angenehmen und unangenehmen Empfindungen gemeiniglich leichter erfolgt, wenn die Seele irgend auf eine Art entweder durch lebhafte Freuden, oder Leiden sehr erschüttert ist, als wenn sie sich, um mich so auszudrücken, in einem Gleichgewicht ihrer Empfindungen und Vorstellungen befindet, und sich also mehr in ihrer Gewalt hat. Für die meisten Menschen sind sehr froh durchlebte Stunden gefährliche Vorboten trüber Gedanken und Empfindungen, von denen sie nicht selten mitten im Genuß der Freude unwillkürlich überrascht werden, und wodurch sich auf einmal alle Kanäle des Frohseins in ihren Herzen verstopfen. — Umgekehrt zerreissen oft die Bande womit uns ein heftiger Schmerz gefangen hielt, ehe wir's uns versehn, — und [103]ohne daß vorher die stärksten Gründe der Vernunft etwas zu unsrer Beruhigung beitragen konnten, ist es oft ein einiger äusserer kleiner Umstand, der uns auf einmal froh machte, und eine ganz neue angenehme Folge von Vorstellungen in uns erweckt.

Es entsteht hier die Frage, nach welchem Gesetze dieser unwillkürliche Wechsel unsrer Empfindungen, der so sichtbar von unserm Körper abhängt, erfolgt? — mich dünkt, um die Sache sinnlich auszudrücken, nach einer bald stärkern, bald schwächern Nervenerschütterung als der vornehmsten Werkzeuge unsrer Empfindungen*). 2 [104]Wird ein Theil unseres Nervengebäudes so afficirt, daß dessen Erschütterungen in einer gleichmäßigen, der Gesundheit der Maschine vortheilhaften Bewegung erfolgen, wodurch der Zusammenhang der Theile nicht getrennt, sondern in der natürlichen Ordnung des Gebrauchs jener Theile gelassen wird; so stellen wir uns vor, daß die Empfindung eine körperlich angenehme Empfindung seyn müsse; aber unsre Nerven können auch unregelmäßig, mit zu vieler Anstrengung, und wider die Regeln der Gesundheit der Maschine erschüttert werden; alsdenn glauben wir, daß die Empfindung unangenehm sey. Wie nahe grenzt nicht Vergnügen und Schmerz bei dem Reiben einer Wunde zusammen! — jenes wird durch ein sanftes Berühren, dieser durch ein stärkeres hervorgebracht; das Licht der Sonne, wenn wir es von andern Körpern und sonderlich durch die Farben zurückgeworfen, erhalten, ist angenehm und wohlthätig, da es uns hingegen Schmerzen in den Augen verursacht, wenn wir sie selbst nach der Sonne richten. — Das Sanfte und Harmonische einer Musik theilt sich un-[105]serm Ohre auf die angenehmste Art mit, es dringt in die Seele, und erregt Leidenschaften, die nur sonst die edle Sprache der Zunge, und die Gründe einer nachdenkenden Vernunft erzeugen können; allein wir verstopfen die Ohren, wenn wir Dissonanzen hören müssen, oder wenn auch die Harmonie der Töne zu laut und schreiend wird. In allen diesen, und noch hundert andern Fällen, ist es sichtbar, daß die Verschiedenheit unsrer Empfindungen von den verschiedenen Graden der Nervenerschütterung abhängt, und daß, weil diese bald stärker bald schwächer werden kann, jene Empfindungen selbst unendlich leicht, als körperliche Bewegungen unsrer Maschine betrachtet, in einander übergehen, und sich in einander auflösen können. Aber noch mehr. — Nicht nur der Wechsel solcher Empfindungen, die sich unmittelbar auf unsere Sinne, und die feinern Werkzeuge derselben, nemlich auf den Bau und die Bewegung unsrer Nerven beziehen, hängt von ihrer bald stärkern bald schwächern Erschütterung ab; — sondern das ganze Geschäfte unsres Denkens, und die Empfindungen, welche sich zunächst allein auf den Einfluß eines einfachen Wesens auf unsre sinnliche Natur, oder sogenannter abstrakter Vorstellungen auf dieselbe zu gründen scheinen, werden nicht selten nach obigen großen mechanischen Empfindungsgesetze bestimmt, und wechseln so leicht mit einander ab, als die blos thierischen Gefühle von Schmerz und Lust es nur [106]immer thun können; langes fortgeseztes Nachdenken erregt nicht selten Unlust der Seele, so viel Vergnügen es auch anfangs gewährte; die zu lebhafte Vorstellung eines nahen Glücks ist nicht selten in den nehmlichen Augenblicken mit einer heftigen ahnenden Unruh verbunden, die wir uns nicht erklären können, und wer kennt nicht Leute, die sich selbst bei einem gegenwärtigen Glücke nicht so wie sie wünschen, freuen, weil sie nicht über den unwillkürlich, immer von neuem aufsteigenden Gedanken hinwegkommen können, daß ihr Glück von kurzer Dauer seyn werde; ob sie gleich keine Gründe zu dieser Furcht haben. Das Weinen aus Freude kann man sich gleichfalls nicht anders, als aus solch einem schnellen Uebergange einer frohen in eine unangenehme traurigmachende Empfindung erklären, die uns zu einer Wehmuth reizt, welche Thränen aus unsern Augen lokt, und die wir denn durch eine Täuschung unsrer Empfindungen, für Würkungen der Freude allein halten.

C. F. Pockels.

Fußnoten:

1: *) Lächerlich genug war der Gedanke eines bekannten Theologen dieses Jahrhunderts, der allenfalls zugestand, daß unser Erlöser habe lachen können; — aber über nichts anders, als über die — Bekehrung eines busfertigen Sünders. Sieh. d. Art. Lachen in Walchs Philos. Wörterb. a Anmerk. d. Verf.

2: *) Der menschliche Beobachtungsgeist und Scharfsinn wird es wohl schwerlich dahin bringen, daß man die Bewegungen unsrer Nerven, die nöthig sind um Schmerz und Vergnügen in dem menschlichen Körper hervorzubringen so wie die verschiednen Erschütterungen einer Saite angeben, und berechnen könnte. Ein Calkulus unsrer Empfindungen beider Art würde uns aber gewiß sehr tiefe Blicke in die Natur der menschlichen Seele thun lassen. — Wir würden alsdenn nicht mehr nach dem Gesicht allein, sondern nach Gründen der Vernunft, die Grenzen bestimmen können, wo sich eigentlich Schmerz und Vergnügen, ob sie gleich in einem Organ vereinigt sind, von einander trennen; wir würden richtigere Begriffe von der Natur gemischter Empfindungen bekommen, und der Ursprung aller unsrer Ideen und ihrer unendlichen Abwechselungen, sonderlich ob wir durch ganz freie Willkühr von einem Gedanken zu dem andern übergehen; wie Gedanken auf unsern Willen würken, und wie weit wir eigentlich frei, oder nicht frei handelnde Wesen genennt werden können — würde uns alsdenn viel einleuchtender als jezt seyn, da wir um mich so auszudrücken, das innere Räderwerk unsrer Empfindungen und Vorstellungen nur nach seinen Aussenwerken kennen, und uns mit einem Unterschiede quälen, den die Schule zwischen zwei einander entgegengesezten Substanzen — nicht ohne Grund; aber auch ohne Vortheil für die sogenannte Seelenlehre gemacht hat. Anm. d. Verf.

Erläuterungen:

a: Walch 1726, Artikel "Lachen", Sp. 1596-1600.