ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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IV.

Eine Unglücksweissagung.

Ulrici

Ich hatte einen Freund, der eine Viertelmeile von mir wohnte, mit dem ich meine angenehmen und widrigen Schicksaale theilte, einen Mann von sehr gesunden Leibeskräften und einer heitern und lebhaften Seele.

Wir kamen, wenn es irgend unsere Amtsgeschäfte verstatteten, wenigstens die Woche einmal zusammen, ja es schien uns beiden etwas zu fehlen, wenn wir uns in acht Tagen nicht gesehen hatten.

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In den letzten vier Wochen vor seinem Ende aber sprach er bei jeder Zusammenkunft von seinem sehr nahe bevorstehenden Tode.

Den Dienstag vor Pfingsten im Jahr 1776 kam er des Morgens ganz frühe zu mir und sagte: Freund, sind Sie heute von wichtigen Geschäften frei, so bleibe ich den ganzen Tag bei Ihnen, vielleicht ist es das letztemal, daß ich zu Ihnen komme.

Ich bringe Ihnen daher meinen Leichentext und einige Umstände von meinem Lebenslauf, die Ihnen nicht bekannt sind, Sie werden mir doch wohl der Gewohnheit nach eine Leichenpredigt halten müssen. Nach einigen freundschaftlichen Verweigerungen nahm ichs an.

Noch eins, sagte er: Mein Sohn wird im Feste zu mir kommen und nebst andern Freunden, die Sie schon kennen, auch seine Braut mitbringen, die müssen Sie sehen, und mir Ihr Urtheil sagen, ob die Person auch für ihn sei? Sie müssen daher den zweiten Pfingsttag, wenn wir unsere Arbeiten gethan, bei mir zu Mittage essen. Ich versprach, mit meiner Frau zu kommen.

Den ersten Feiertag schrieb er an mich: Freund! es bleibt doch bei ihrem Versprechen, Morgen Mittag zu uns zu kommen? Da ich aber noch einige Amtsverrichtungen habe und zuletzt der H.. nahe bin, meine Kinder aber gern da zu Mittage essen wollen, so habe ich ihnen dieß Vergnügen nicht versagt, und unser Mittagsbrod da besorgt, [49]aber mit dem Beding, wenn Sie mit ihrer Frau und Sohn uns dahin folgen wollen.

Ich versprach es, und wir entschlossen uns, nach verrichteter Feiertagsarbeit dahin zu reisen.

Den zweiten Feiertag gegen Morgen träumt mir, ich würde von den beiden Kindern meines Freundes nach R.. gerufen, um sie bei ihrem harten Schicksal aufzurichten, da sie in Gesellschaft ihres Vaters nach der H.. gereist und jenseit der G—brücke durch die scheugewordenen Pferde umgeworfen, ihr Vater mit dem Kopf an einen am Wege stehenden Fichtenbaum geschlagen, ihn zerschmettert und er ohne einen Laut von sich zu geben, todt liegen geblieben sei.

Mein Traum versetzte mich sogleich nach R.. in das Haus meines Freundes. Ich fand darin eine ziemliche Anzahl verschiedener aus seiner Gemeine, die ihren Prediger, der bei allen in so grosser Achtung stand, mit vielen Thränen beklagten.

Der damals daselbst wohnende A. R. H. kam mir entgegen und sagte: Ach welcher traurige Anblick ist hier! Ihr Freund ist todt — und es ist gut, daß Sie kommen, wir wissen nicht mehr, was wir mit den Kindern unseres Freundes machen sollen, die über den so unglücklichen Tod ihres Vaters ganz untröstbar sind.

Der A. B. kam dazu und führete mich zu meinem verunglückten Freund, der auf einem Tisch lag, und an dessen Kopf deutlich zu sehen war, daß er [50]mit dem Kinn auf einen spitzigen Zacken gefallen, der durch den ganzen Kopf gedrungen, und bei der Schläfe wieder herausgekommen war.

Ich suchte die Tochter meines seeligen Freundes und fand sie auf einen Lehnstuhl ohne Trost, den Sohn aber in gleicher Lage, in dem Hause des B. A. R. Fl...

Ich kehrete zu meinem todten Freund zurück, und suchte noch einige, die darüber heftig beunruhigt waren, aufzurichten, mir selbst aber flössen die Thränen darüber aus den Augen, daß ich nicht im Stande war, weiter zu reden.

In dieser Lage kam meine Frau vors Bette und weckte mich. Es hat schon sechs geschlagen, sagte sie, wie schläfst Du denn heute so sanft? — Du wirst aufstehen müssen, der Wagen wird schon zurechte gemacht, um nach der Kirche zu fahren.

Die Thränen liefen mir noch häufig aus den Augen, und ich sagte: Ach welchen traurigen Scenen entreissest du mich! Was ist Dir denn, sagte sie, Du weinst ja? Ich antwortete ihr: ich reise heute nicht nach R... Sie bemerkte meine heftige Unruhe, trocknete mir die Thränen ab, und ließ nicht nach, mich zu bitten, ihr meine Beunruhigung zu erzählen.

Ja, sagte ich, sogleich, laß mich nur erst aufstehen, und etwas erholen. Ich stand auf, und erzählete ihr beim Anziehen meinen ganzen Traum, der mir aber selbst immer trauriger wurde, je mehr ich ihn überdachte.

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Es blieb indeß dabei, nicht nach R.. zu reisen, und wenn ich mich dazu entschliessen wollte, so überfiel mich jedesmal ein kalter Schauer.

Ich reiste nach meinem Filial und predigte. Aber das Bild meines verunglückten Freundes schwebte mir unablässig vor den Augen. Ich kam zurück und predigte auch in hiesiger Kirche, aber noch immer in derselben Unruhe.

Meine Frau, der die Gegend, wo wir zu Mittage essen sollten, so schön beschrieben war, und schon lange gewünscht hatte, sie zu sehen, setzte aufs neue an, mich zu bereden, mein mündlich und schriftlich gegebenes Wort — und noch dazu um eines Traums willen, nicht so leicht zu übersehen — auch wäre die Küche schlecht besorgt, da sie nicht geglaubt, daß wir zu Hause essen würden.

Aber ich war dießmal — und vielleicht zum erstenmal in meinem Vorsatz unerbittlich und überwand alle die Vorwürfe, die ich mir größtentheils selbst machte, mit einer Art von Hartnäckigkeit, in der ich dießmal nur allein einige Beruhigung fand.

Ich wollte einigemal fortschicken, um meinen Freund zu warnen und mich zu entschuldigen, ich wußte aber nicht, wo er anzutreffen seyn würde? Und ausser den schon erwähnten und mir selbst gemachten Vorwürfen hielt mich das Gespötte eines Mannes zurück, von dem ich wußte, daß er mit [52]in der Gesellschaft seyn würde, der mir in vielen Stücken zu neu dachte, und zu alt spottete.

Meine Frau, die mich noch nie so beunruhigt gesehen hatte, vergaß beinahe unsern Freund und meinen Traum und war nur für mich besorgt, in Meinung, es würde mir selbst etwas widriges begegnen.

Sie folgte mir auf allen Tritten nach. Wir assen ein kleines Mittagsbrodt, so viel die kurze Zubereitungszeit verstattete — wenigstens beobachteten wir das äusserliche, und mein Sohn aß für uns beide.

Nach dem Essen bat ich meine Frau mit mir aufs Feld zu gehen und wir gingen zwei Stunden, aber doch immer mit gutem Bedacht dahin, wo sich der Weg nach R.. meinem Gesichte nicht ganz entzog. Wir gingen zu Hause und ich bat mir sobald als möglich Kaffee zu verschaffen.

Auf Bitte meiner Frau entkleidete ich mich, und sie fing an, einige häusliche Angelegenheiten zu besorgen.

Meine Unruhe aber, die ich selbst vor meiner Frau, die mir heftig darüber bekümmert zu seyn schien, verbarg, ließ nicht nach.

Ich zog mich aufs neue an, und sie fragte mich, wo ich denn schon wieder hinwollte? Ich sagte, ich wollte einen Kranken besuchen und so-[53]dann mit unserm Sohn das Sommerfeld besehen, da ich heute so grosse Lust zu spatzieren hätte.

Sie bat mich inständig, nur dießmal den Krankenbesuch einzustellen, und vielmehr für meine eigene Gesundheit zu sorgen, ins Feld wolle sie selbst mit mir gehen.

So schwer ihr dieser abermalige Spatziergang werden mußte, da sie erst von einem zwei Stunden langen, mit mir zurückgekommen war, so nahm ich doch an dem Tage auch dieses Anerbieten an.

Wir gingen fort, und beim Weggehen sagte ich meinen Leuten: Wir gehen wieder ins Feld, und wenn unterdeß jemand aus R.. kömmt, so könnt ihr uns in den Erbsen oder Gerste finden, kommt sodann sogleich und ruft uns. Wir besahen die Erbsen und die erst aufgehende Gerste.

Wir kehreten wieder zurück, und wie wir beinahe das Dorf erreicht hatten, so sahe ich meine Magd kommen. Meine Seele, die mit nichts als mit meinem verunglückten Freund zu thun hatte, war nur begierig diese Nachricht von einem andern zu hören, und es war mir, als könnte ich nicht irren, daß mir die Magd nicht die Nachricht von der ganzen Erfüllung meines Traums brächte.

Da haben wirs, sagte ich zu meiner Frau — die bringt uns Nachricht aus R.. von unserm verunglückten Freund.

[54]

Meine Frau beantwortete mir dießmal meine ungewöhnliche Uebereilungen mit nichts als einem tiefen Seufzer. Gott! sagte sie endlich, was wird noch aus dem heutigen Tag werden! Ich konnte indeß die Zeit nicht erwarten, sondern rief ihr schon einige dreissig Schritte entgegen: bringst Du mir Nachricht aus R..? Ja, antwortete sie mir, Sie möchten doch so gütig seyn, und noch heute dahin kommen. Es war ihr verboten, mir den ganzen Vorfall zu sagen, und ganz umständlich wuste sie ihn auch nicht. Ich fragte: was soll ich denn heute in R.. machen? sie antwortete mir: Sie sollen für den Hrn. Pr. ein Kind taufen.

Und warum thut er das nicht selbst? fragte ich. Sie antwortete: er kann nicht. Freilich, sagte ich, kann er nicht, denn er ist todt. So, wissen Sie das schon? sagte sie, und ich solls Ihnen nicht sagen! —

Ja, sagte ich, ich weiß es — und er ist in der Heide verunglückt, nicht wahr? Das kann ich nicht sagen, erwiederte sie, daß er aber todt sey, sagte der Bote, verbot mir aber ausdrücklich, es Ihnen zu sagen, sondern einen andern Vorwand zu machen, warum Sie hinkommen sollten.

Ich stutzte bei dieser Nachricht, und meine Frau stand ganz betäubt. Ists möglich, sagte sie, einen solchen Traum, der mir heute schon so viel Angst und Sorgen gemacht hat, schon erfüllet zu sehen! — Wir träumen heute wohl alle — und [55]wollte Gott! wir träumten, so hätten wir unsern Freund noch.

Ich befahl der Magd voranzugehen und dem Knecht zu sagen, daß er anspannen sollte, um uns sogleich nach R.. zu fahren. Wir fanden den Boten noch da, der uns die Nachricht von unserm verunglückten Freund mit den Worten brachte, als ich sie schon im Traum erhalten, und meiner Frau erzählt hatte, nur mit dem Beisatz, daß er die Zeit bestimmte, wenn dieser unglückliche Fall geschehen sei, nemlich heute Nachmittag gegen fünf Uhr.

Die Pferde standen vor dem Wagen, wir setzten uns, wie wir gingen, ein, und fuhren dahin. Meine präsagische Seele hatte mich schon mehrmals was voraussehen lassen, was genau eingetroffen, aber noch nie eine Sache, so deutlich und umständlich, als diese, in welcher so zu reden die Probe so vollkommen war, als die Tragödie selbst.

Wir kamen dahin. Mir schauderte die Haut vor jedem neuen Auftritt, den ich immer schon vorher wußte, und meiner Frau aus meinem erzählten Traum auch schon bekannt waren, da nicht einmal eine Veränderung des Anzugs von mehr als hundert Personen anzutreffen war, sondern jeder so erschien, als er mir schon eilf Stunden vorher erscheinen mußte. Meine Frau, die mich den ganzen Tag mit einer ängstlichen Unruh bei meinen vermeintlich un-[56]gewöhnlich abergläubischen Phantasien, betrachtet hatte, sahe mich nun bei der traurigen Erfüllung alles dessen, was und wie ichs ihr vorhergesagt, für einen halben Gott an.

Kurz, mein Freund war todt, und er war um fünf Uhr Nachmittag so gestorben, wie ich es früh um sechs Uhr nach allen Umständen im Traum vorher sahe.

Hat nun die Seele nicht ein Vorhersehungsvermögen? Hatte es nicht die Seele meines Freundes, der bei den muntersten Kräften seines Leibes und der Seele so viel von seinem nahen Tode sprach? Hat es wenigstens nicht meine Seele, die des Morgens um sechs Uhr etwas voraussieht, was Nachmittag um fünf Uhr erfolgt, aber durch keine Muthmaßungen oder Vernunftschlüsse herausgebracht werden konnte?

Ulrici.