ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: III, Stück: 1 (1785) > I. Eine wahnwitzige Passionspredigt.

I.

Eine wahnwitzige Passionspredigt. a

Picht, Johann Gottlieb

Gehalten vom Herrn Präpositus Picht zu Gingst
in Schwedisch-Pommern, Freitags den 5ten März 1784.)

Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, sei mit uns in dieser Stunde. Amen.

Textus. Maleachi, Cap.2, v.7. (Ohne das Vater Unser zu beten, und ohne Eintheilung der Predigt.)

[2]

Der Prophet Maleachi spricht im 2ten Capitel seiner Weissagung, im 7ten Vers, also: des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, daß man aus seinem Munde das Gesetz suche, denn er ist ein Engel des Herrn Zebaoth. Allein wie kann der Priester die Lehre bewahren, wenn sie zu ihm kommen und lassen sich Jungfer kündigen und sind Huren? Wie kann denn der Priester die Lehre bewahren, da das Pöbel kömmt und lügt ihm vor, sie sagen, sie sind Jungfern, und sind Huren? Muß denn der Priester nicht zum Lügner werden? Aber ich will noch die Huren und diebischen Weiber aus Gingst herausfegen. Ich darf ja nur an Sr. Durchlaucht schreiben, sonst muß ich ja Lügen an dieser Stätte predigen, und nicht die Wahrheit. Sie meynen, wenn sie nur dort in den verfluchten Beichtstuhl mit ihrem verdammten Groschen kommen, und mir die Beichte vorplappern; dann meynen sie, soll ich ihnen die Sünden vergeben, aber sie kommen mir nur, ich will sie ganz auf eine andere Art kriegen!

Eben so macht es hier der Pöbel in Gingst, da hier nun die Pocken grassiren, so kommen sie nicht zu mir und fragen, was ihren Kindern, die die Pocken haben, gut und nützlich ist; da läßt das Pöbel nur den Schaafmist von mir holen, und den Schaafkoth geben sie ihren Kindern zu fressen. Das soll den Kindern für die Pocken gut seyn; wenn der Gingster Pöbel noch zu mir, oder zu sol-[3]chen Leuten kämen, die es wüßten, was den Kindern bey der Pockenkrankheit gut und nützlich wäre? Es kommt auch keiner, so sich erkundiget, wie ich es mache, daß mein Junge, mit den Pocken im Gesicht, sich auf dem Eise picken kann?

Die Gingster sollten mir nur den Schaafmist auf dem Acker lassen, denn ich kann ja den Schaafdung besser auf dem Acker brauchen, als daß der Pöbel seinen Kindern solchen zu fressen giebt, denn sie wissen es nicht, daß es den Kindern ein Gift ist. (Nun kriegte der Herr Präpositus einen Bogen Papier aus der Tasche, und las davon ab folgendes:)

Weil der Kerl da, in Greifswalde, der Mammonsknecht, sich um sein Amt und um die Schulen gar nicht bekümmert, so entsage ich mich hiermit gänzlich der Bothmäßigkeit des Superintendenten in Greifswalde, eines solchen Geitzhalses, und fordre diese ganze christliche Versammlung zu Zeugen auf, daß ich mit meiner ganzen Diöces unter dem Befehl des Kerls in Greifswalde nicht mehr stehn will. Denn es stehet geschrieben im 132sten Psalm: Deine Priester laß sich kleiden mit Gerechtigkeit — der seinen 15jährigen Sohn zum Edelmann machen läßt und kauft ihm grosse Edelgüther. Ich aber bin hier euer Präpositus, das heißt auf deutsch: ein Vorgesetzter, und ich will hier ein neues Leibregiment Christen anlegen, und dann will ich euer Obrister seyn, und der Durch-[4]lauchtigste Fürst in Stralsund, der edle Mann und Fürst Friedrich Wilhelm von Hessenstein soll Chef seyn; und ich will einen jungen schnellen Boten, noch heute, mit dieser schriftlichen Verordnung an Sr. Durchlaucht nach Stralsund senden, und der soll diesen Brief an den Durchlauchtigsten Fürsten übergeben, und diese Schrift selbst überreichen an Se. Durchl. den Fürsten v. Hessenstein, und das soll der junge Herr Carl von Platen seyn, der diese Schrift noch heute nach Stralsund an den Durchlauchtigsten Fürsten bringen soll.

Es schicket sich aber nicht allzugut, daß ein Prediger einem jungen Edelmann, der nicht seine männlichen Jahre erreicht hat, Befehl gebe; daher sollte der Hochwohlgebohrne Herr Oberforstmeister von Barneckow dem jungen Herrn Carl von Platen diese Sache auftragen, weil aber der Herr Oberforstmeister von Barneckow anjetzt nicht als Zeuge gegenwärtig ist, so soll es der Herr Cornett Sesemann thun.

Denn der König von Schweden, Gustavus der Zweite, b hätte mir ja keine Uhr gegeben, wenn ich nicht als Obrister eines Leibregiments dienen sollte, aber die Uhr ist das Handgeld, und ich will auch, so wahr mir Gott helfen soll! dem König Gustav dem Zweiten, bis auf den letzten Blutstropfen dienen; und denn sollte ich mir von solchem Kerl, als der in Greifswalde ist, befehlen lassen, von solchem Schurken, der seinen Sohn zum Edelmann [5]machen läßt, ich, da ich der Obriste des Leibregiments bin, worüber der Durchlauchtigste Fürst in Stralsund Chef ist, darum so der junge schnelle Bote nicht heute reiten will, so will ich selbst reiten. Ich weiß es schon, daß die Gingster mit mir processiren wollen, aber ich will dem hiesigen Pöbel weisen, daß ich ihr Präpositus und ihr Vorgesetzter bin; aber ich will nicht mit ihnen processiren, denn ich weiß wohl, daß sich hier schon Priester todt geärgert haben, und nun kommen sie mit ihren verdammten Lügen, und ich muß mich noch vor meinem fünfzigsten Jahr hier todt quälen.

Ich habe nun hier schon funfzehn Jahre die Passionsandachten, so viel mir meine Kräfte zugelassen haben, gehalten, allein die mehreste Zeit vor ein paar alten Weibern predigen müssen, und die leeren Bänke vor mir gesehen, und dabey meine Gesundheit, Leben, Muth und Blut zugesetzet. Wer hat also wohl die Schuld, wenn der Priester Lügen predigen muß?

Aber ich will nun wohl bessere Ordnung halten, und so wahr wie Gott im Himmel lebt! will ich mich der Sachen besser annehmen, die Gingster können mich nur verklagen; aber wo wollen sie mich verklagen? Bei Sr. Durchlaucht, oder bey dem König Gustav dem Zweiten? denn nach dem Königlichen Amtshauptmann können sie nur hingehen, der ist mein guter Freund, und ich will mich doch nicht in einen Proceß geben. (Nun wandte sich [6]der Herr Präpositus mit dem Bogen Papier in der Hand gegen den Küster Westgard, und fing nachfolgendes zu lesen an.)

Weil nun die Küster allenthalben so viel Branntwein saufen, und der hiesige Küster Carl Gustav Westgard, ein rechter aufrichtiger Lehrer und redlicher Mann, ein liebreicher Ehegatte gegen seine Frau, und ein rechtschaffener Vater gegen seine Kinder ist, so will ich ihn, den Küster Westgard hiermit bey dem neuen Leibregiment Christen, zum Obristwachtmeister, verordnen. Ist er gesonnen, das Amt, redlich und getreu als Obristwachtmeister, bei dem neuen Leibregiment, wobei der Fürst in Stralsund Chef ist, anzutreten? (worauf aber nicht geantwortet wurde.) Westgard hört er nicht? kennt er den Fürsten nicht? antwortet er mir nicht? kennet er ihn nicht? (allein es erfolgte gar keine Antwort.)

Ich Picht! bin hier Präpositus, und Obrister des Fürsten, bey seiner Leibcompagnie, und der gute Geist Gottes redet aus mir, denn des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, daß man aus seinem Munde das Gesetz suche, denn er ist ein Engel des Herrn Zebaoth. Die Zunge des Priesters ist sein Schwerdt. Meine Zunge ist ein scharfes zweischneidiges Schwerdt, und durchdringet Seel und Geist. Amen.

Ich will doch noch Priester hier bleiben, und euer Präpositus, und das heißt auf deutsch: ein [7]Vorgesetzter, und will doch noch Beicht sitzen, und predigen will ich, wenn ich auch auf die Kanzel kriechen soll. Wenn die Kinder sollen eingesegnet werden, denn will ich sie examiniren, da sollen gar keine Einfältige und Unwissende hinzugelassen werden, sondern die nichts wissen, die will ich dort hinaustreiben, und die guten frommen Kinder, die will ich einseegnen, so wie ich den reichen, vornehmen Mann eingeseegnet habe, hier vor dem Altare.

Als wir mit der Leiche in der schönsten Pracht waren, und in bester Majestät daher zogen, die ehrlichen Bauern ritten mit schönster Anstalt beiher, und die hochadelichen Herren des Gefolges waren mit ihren besten Kleidern und Zierde angethan: aber wie wir hier in Gingst in die Kirche kamen, so mußte der Pöbel, hier im öffentlichen Gotteshause, solchen Spectakel und Rumor machen.

Was die vornehmen hochadelichen Herren davon wohl gedacht haben? Ich weiß, daß sie sich alle rechtschaffen geärgert haben, denn ich habe mich zum wenigsten damals aufs äusserste geärgert. Aber sie mögen sagen, was sie wollen, der reiche, vornehme Herr, der damals beerdiget ward, daß der seelig geworden ist, dafür stehe ich ein, denn ich habe ihn ja hier vor dem Altare zur seeligen Ewigkeit und zur freudigen Auferstehung von den Todten eingeseegnet; eine solche Ehre kann nur solchen frommen, reichen und vornehmen Leuten zukom-[8]men, denn das andere Pöbel wird nur so um die Kirche geschleppt, aber den reichen, vornehmen Mann, der damals beerdiget ward, habe ich hier vor dem Altare zur ewigen Seeligkeit eingeseegnet, und der Durchlauchtigste Fürst soll auch noch hier kommen und den Kirchhof besehen.

Auch soll noch am bevorstehenden Sonntage ein feyerliches Dankfest gehalten werden, wegen des seeligen Herrn Cammerherrn v. der Lanken, und Vormittags Gott gelobt und gedankt werden, und Nachmittags können die Leute in ihren Häusern mit ihren Familien tanzen und spielen mit ihren Hausgenossen und sich lustig machen.

Also ist auch eine Sache bekannt von dem Buche des Schuster Friedrich Henning, so er betitelt hat: Reiner Krystallstrom; c welches alle Gingster gelesen, und worinnen er die Priester aufs ärgste heruntermacht und schimpfet sie vor Schalksknechte, Bälge, Lügner und Mammonsknechte; allein sagt nicht der Prophet Maleachi: Die Lippen des Priesters sollen die Lehre bewahren, aber wie ist es möglich, daß die Priester die Lehre bewahren können, wenn sie auf solche Art behandelt werden.

Es ist euch doch noch wohl bekannt, wie ich vor vier Jahren an meinem Verstande verworren war, d und das Blut in mir damals so in Heftigkeit gerathen war, daß ich meine eigne Glieder nicht in meiner Macht hatte, und ich euch selbst bat, daß ihr mich binden mußtet.

[9]

Bat ich euch nicht, daß ihr mich solltet binden? Das kam damals von meinem bösen Gewissen her, und von den Unordnungen, die ich gemacht hatte, und von den Verwirrungen, worin ich mich zu der Zeit befand.

Ich weiß es auch wohl, daß ihr nun wieder hingeht, wenn ihr aus der Kirche kommt, und sagt: unser Priester ist nun wieder närrisch worden, das weiß ich alles recht sehr wohl, aber ihr mögt nur hingehen und sagen, was ihr wollt, ich weiß doch wohl, daß ich ein getreuer Obrister bin unter den acht Compagnien des Leibregiments unsers Fürsten und dabey will ich auch bleiben, so wahr Gott im Himmel lebt! und will dem König dienen als ein getreuer Deutscher und Schwede zusammen, und will mich davon nichts abbringen lassen, noch mich davon abwenden, so lange ich das Leben habe, etc.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag s. Goldmann 2015, S. 143-147, 152-156.

b: Eigtl. Gustav III.

c: Henning 1781/82.

d: Vgl. Goldmann 2015, S. 155f.