ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Einfluß der Dogmatik auf die Ruhe und Heiterkeit der Seele. a

Anonym

Reflexionen eines ehemaligen Hypochondristen.

Die meisten Hypochondristen wird man, wo ich nicht sehr irre, unter den Gottesgelehrten antreffen. Die schwere und ernsthafte Natur ihrer Beschäftigungen, ich will noch, mit Erlaubniß, hinzusetzen, die Ungewißheit mancher Theile ihrer Wissenschaft, die überhaupt sehr oft mehr wissen will und soll, als dem Menschen überhaupt gegeben ist; — daß vielen ihrer Sätze eine ungleich höhere Wichtigkeit, als den Sätzen anderer Wissenschaften, entweder mit Recht, oder aus wirklicher Uebertreibung, beigelegt wird, die Gefahr, innerliche oder doch größtentheils äusserliche von den innungsmäßigen Vorstellungen abzuweichen, oder die Geissel [126]der Ketzermacherei; endlich, daß manche Vergnügungen oder wenigstens Zerstreuungen, die andere Stände aufheitern, für sie entweder geradezu sündlich, oder doch nicht schicklich seyn müssen; dies alles trägt zur Erweckung oder Vermehrung der Hypochondrie bei, die auch in der That an vieler Schwärmerei und Sonderlichkeit schuld ist, welche man ihnen, mit Grund oder Ungrund, zur Last zu legen Gelegenheit hat. Die leichtsinnigen, gefühllosen, oder dummen Köpfe fahren hiebei am besten.

Sie kommen entweder niemals an solche Scheidewege, wo die Gleise durch den Regen, oder übergewachsenes Gras unkenntlich werden; oder bekümmern sich doch nicht um die Erforschung des rechten Weges, und tappen wohlgemuth und mit rothen fetten Backen hinter dem grossen Haufen ihrer Partei her.

Die arbeitsamen, denkenden, untersuchenden, gegen Wahrheit und menschliche Glückseligkeit gefühlvollen Geister kommen aber hier oft ins Gedränge. Es ist bekannt, je mehr Einsichten, je mehr Schüchternheit. Wer die Welt lange kennen gelernt hat, wird je mehr und mehr, und im Alter am meisten, wo die Erfahrungen die höchste Stufe erreicht haben, mistrauisch.

Die größten Gelehrten nähern sich endlich dem Pyrrhonismus. Wenn nun in solchen Fällen die Gutherzigkeit und Furchtsamkeit des Hypochondristen dazu kommt, so giebt es öftere innerliche Käm-[127]pfe. Man will auf der einen Seite an keiner einzigen Seele Verwirrung gern schuld seyn, auf der andern aber auch nicht ein Schärflein seines erhaltnen Pfundes vergraben, und auf der dritten stellet man sich durch die alles vergrössernde Einbildungskraft und Furchtsamkeit, die allenfalls aus Abweichungen entspringen — die äusserlichen Uebel viel grösser vor, als sie sind. Dies muß diese Schwachheiten des Körpers erregen und unterhalten.

Wir haben seit zwanzig Jahren unglaublich viel Hypochondristen, vorzüglich unter den jungen Gottesgelehrten erhalten. Sollte nicht die, seitdem einreissende, aut si mavis, aufkeimende Heterodoxie vorzüglich daran schuld seyn? Der Lehrer schwur sonst ernstlich auf seine symbolischen Bücher. Man durfte durchaus nicht anders sprechen, ohne zu verhungern. Wer thut das gern, wer einen Magen hat?

Hierüber vergaß man um so leichter das Denken, und hielt also mit Bequemlichkeit seinen Schwur. — Der Student schwur auf seinen Lehrer, und wann er, mit der Ladung von einer hinlänglichen Partie Weisheit und sauber geschriebenen Kollegienheften, nach Hause kam, so wuste er, was er predigen, wie er dem Patron, dem Konsistorium gefallen sollte. Aber das ist denn jetzt so ganz anders, — und ist wahrlich zu unzähliger Hypochondrie Anlas; wenn mans nicht so machen will, als jener Kandidat, der nun freilich auch mehrere seines gleichen unter großen und kleinen haben mag.

Er wurde von einem Superior gefragt, halten Sie Christum für den Sohn Gottes, oder nicht? Mit der gefälligsten Verbindung und Dienstfertigkeit erwiederte er: wie Ew. ——— befehlen. —

Erläuterungen:

a: Vorlage für die ersten vier Absätze (bis "erregen und unterhalten") des Beitrages ist das Stichwort "Hypochondrie" in der von Johann Georg Krünitz begründete Enzyklopädie Krünitz 1783, S. 593f.