ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Beschluß des Aufsatzes: Geschichte meiner Verirrungen an Herrn Pastor W*** in H***.

Probst, Johann Gotthilf

Unter der Hand bewarb ich mich nun wieder um Kollegien-Abschreiben. Dadurch bekam ich wieder Zutritt, und manches gute Buch geliehen. Jetzt las ich nicht mehr bloß Romane (am allerwenigsten [10]mehr empfindsame —) Ich las alte und neue Dichter, Lust- und Trauerspiele, besonders letztere am liebsten, so wie ich überhaupt mehr Gefühl fürs Ernste, Rührende als fürs Komische, Tändelnde habe. Ich suchte meine Sprache zu bilden, indem ich mir das Eigenthümliche eines Verfassers dadurch deutlich machte, daß ich ihn mit andern verglich; ihre Wortfügung, ihren Periodenbau bemerkte. Ich fing an, mir selbst kleine Aufsätze zu machen; mir ein gewisses Thema aufzugeben, worüber ich schon viel gelesen. Das brachte ich nun nach meiner Art zu Papier; nur schade! daß ich keinen Freund hatte, der meine Gedanken recensirt hätte. Ich machte mir Auszüge aus Büchern über Gegenstände der Religion, Philosophie, Naturgeschichte und Naturlehre. Besonders fand ich viel Vergnügen in Büchern, worinnen ich Bemerkungen übers menschliche Herz fand. In diesen habe ich viel und fleißig gelesen. Niemeiers Charakteristik der Bibel; a die Faramondsche Familiengeschichte; b Franz von Kronenburgs und Ernst Grato's Briefe zur Beförderung der Menschenkenntniß. c Wagenseils Beiträge zur Weisheit und Menschenkenntniß; d Tagebücher über sich selbst u.a.m. Auch über Erziehung habe ich viel gelesen, und sie wurde, da sie so genau mit der Menschenkenntniß verwandt ist, bald mein Lieblingsstudium. Auch fing ich einmal Bemerkungen über mich selbst aufzusetzen; allein die anhaltenden Unruhen meiner Seele mach-[11]ten mich zum Beobachten unfähig. — Zudem hatte ich nicht Selbstüberwindung genug; vielleicht fehlte es mir auch noch an Wahrheitsliebe — und so blieb es wieder liegen.

Aber diese neue Wendung meiner Fähigkeiten hat mich auch wieder auf Abwege geleitet. Ich kann mich von dem Zweifel nicht befreien: daß den Menschen so viel sollte zugerechnet werden können, als man gewöhnlich glaubt. Wie vieles hängt nicht von seiner Erziehung, Umgang und andern zufälligen Dingen ab, wofür er gar nicht kann. Die Worte Christi: Richtet nicht! scheinen überhaupt die Unzulänglichkeit menschlicher Urtheile, und selbst eine äußerst billige Beurtheilung Gottes anzudeuten. — Mich kränkts, wenn Menschen sich mit frecher Stirn hinstellen, und über menschliche Handlungen urtheilen, ohne das Ganze ihres Lebens, und seiner einzelnen Theile überschaut zu haben. Und manche Handlung, die in spätern Jahren geschieht, hat ihren Grund oft in der vorbereitenden Bildung, in dem Umgange mit diesem und jenem; ist also oft Folge, nothwendige Folge. — Daher kommts, daß Menschenkenner auch meistens billig und gelinde urtheilen. Ja selbst auf mich hat mein bischen Lektüre dieser Art ähnliche Wirkung gehabt.

Gutes und böses Herz werden wohl angeboren, ob ich gleich nicht läugne, daß auch Erziehung seinen grossen Theil daran hat. Und wer theilte die-[12]ses gute und böse Herz aus; wer ließ solche Eräugnisse zu, daß der Mensch mit wenigerer Anlage des Herzens — nothwendig noch schlimmer werden mußte? Sehen Sie hier die Klippe, woran ich scheitere; die mich mit Zweifel gegen die allgemeine Güte Gottes erfüllt. »Sie gehören zum Ganzen« sagt der Philosoph. Gut! so sind sie nöthig und können also unmöglich ganz verworfen werden. — Aber auch dieß ist ja schon Unglück für sie, und scheint es nicht eine gewisse Partheilichkeit in der freien Willkühr Gottes anzukündigen? Wer befreiet mich von diesem Zweifel? Und selbst die Erfahrung scheint zu bestätigen, daß das gute, so wie das böse Herz angeboren wird; denn wird nicht das gute Herz auch bei seinen gröbsten Vergehungen einen Schimmer desselben blicken lassen? Wird es so tief sinken, daß es so wie das böse, einen wirklichen Wohlgefallen an seinen Lastern, eine gewisse Schadenfreude dabei empfinden wird? Menschen zu quälen; aus Lust sie zu quälen, dazu gehört der größte Grad von Bosheit, deren ein gutes Herz nicht fähig ist. Obiger Zweifel hat vielen Einfluß in mein künftiges Leben gehabt: denn ich habe mich nie zu demjenigen Vertrauen auf die göttliche Güte und ihre allgemeine Vorsorge erheben können, welches die Religion verlangt. Meine besondern Schicksaale, meine so vielfältig fehlgeschlagenen Hofnungen, und mein anhaltendes Elend haben auch viel dazu beigetragen.

[13]

Unter diesen Beschäftigungen vergingen wieder zwei Jahr. Ich sahe mich überall nach Hülfe um; nach einem zweckmäßigern Leben, denn ich wurde ja immer älter. Durch Zufall erhielt ich eine gedruckte Nachricht von einem neu errichteten Schulmeister-Seminario zu H***. Ich las es mit innigem Vergnügen: denn mein Herz wird bei jedem Schritt, welchen die Menschheit zu ihrer Vervollkommung thut, empfindlich gerührt. In mir entstand der Wunsch, darinnen aufgenommen zu werden. Ich schrieb an den Aufseher desselben, schilderte ihm meine Lage und bat um Aufnahme. Ich erhielt bald Antwort. »Wenn Sie der sind, welchen ich aus Ihrem Briefe haben kennen lernen, so eilen Sie zu mir,« hieß es darinn. Allein mir fehlte Equipage. Das erstemal in meinem Leben überwand ich mich, und schrieb an einige würdige Männer meiner Vaterstadt und bat um Unterstützung bei meinem Vorhaben. Ich erhielt sie, und — dürfte ich sie doch nennen, diese Redlichen — aber gewisse Umstände verbieten mirs. Aber meinen heißen innigen Dank nehmt hin Ihr Edle! In meinem Herzen wohnt Euer Andenken und Gott wirds Euch längst vergolten haben: denn durch Euch erhielt ich doch wieder auf einige Zeit, wenns weiter nichts war, die nöthigsten Bedürfnisse des Lebens: Kleidung und Wäsche.

Der Aufseher des Instituts schrieb mir wieder, und diesen Brief erhielt ich durch dessen Bruder; [14]vermuthlich in der Absicht, mich auch persönlich kennen zu lernen. Er mochte nun meinen körperlichen Fehler gesehen, und es seinem Bruder gemeldet haben; kurz darauf erhielt ich die Nachricht: »er könne mich wegen meines körperlichen Fehlers unmöglich annehmen; weil es die Grundsätze des Instituts keinesweges gestatteten; er bedaure übrigens, daß ich meine neue Aussicht wieder verschwinden sehen mußte.« Und so war ich wieder der Elende, Verlassene, dessen körperlicher Fehler ihn nun zum zweitenmale an seinem Glücke hinderte. —

Um aber das Kränkende einer fehlgeschlagenen Hofnung bei einem so äusserst Unglücklichen einigermassen zu mildern, so meldete mir der Herr Aufseher, der Hr. Domh. v. R** würde mich in meinen elenden Umständen einigermassen unterstützen. Ich erhielt kurz darauf einen Dukaten. Mir war diese Hülfe dazumal um so nöthiger: da mich der Gedanke: »so nimmt doch noch Ein Mensch Antheil an deinem Leiden,« von der gänzlichen Muthlosigkeit und Verzweiflung, die ich schon mit raschen Schritten sich mir nähern sahe, einigermaßen befreite. Denn ich habs mehr als einmal empfunden, wie leicht sich das gepreßte Herz wieder auf den reizenden Hügel der Hofnung erhebt, wovon es fehlgeschlagene Erwartung verdrängt hat. Und ich glaube, mancher Unglückliche würde nicht ein Raub der Verzweiflung ge-[15]worden seyn, wenn seine Brüder nicht ihre Herzen vor ihm verschlossen gehalten, und den sanften Trieben des Mitleids Gehör gegeben hätten, wenn sie ihm auch keinesweges thätige Hülfe leisten könnten.

Nein, nie will ich dir, du Unglücklicher! der du vom Schicksaal verfolgt nirgends keine Rettung mehr siehst, wenn du mir im Gange des Lebens aufstößest, (wenn ich weiter auch nichts für dich thun kann) dir mein Mitleid versagen. Und wenn ich dir auch nur auf einige Augenblicke den Standpunkt verrückte, aus welchem deine geschwärzte Phantasie dein Loos ansieht — so hab ich schon gewonnen, und vielleicht hebt ein künftig günstiger Augenblick dein niedergedrücktes Herz vollends wieder empor.

Kurz darauf erhielt ich wieder einen Dukaten. Dieß steigerte meine Hofnung noch höher. Und da der Geber desselben (wie vielleicht jedem bekannt ist) ein Mann von dem besten Herzen und ausgebreitetsten Wirkungskreise ist, so erhielt ich denjenigen hohen Grad von Zutrauen zu ihm, welchen wir nur erhalten, wenn wir genau wissen, daß der, an welchen wir uns wenden wollen, Kraft genug hat, seinen Willen in That zu verwandeln, — und wozu noch kam, daß er selbst ein grosser Beförderer der von mir einmal erwählten Laufbahn (die ich immer noch nicht aufgegeben hatte) ist. Aber ich wollte mir seine Fürsorge nicht erschleichen; noch weniger ihm vorschreiben, wozu ich mich wünschte emploirt zu sehen. Deswegen schrieb [16]ich einen ziemlich langen Brief und schilderte ihm meinen ganzen Charakter, so weit ich mich selbst kenne. Ich verschwieg keine meiner Schwächen. Ich bekannte, daß ich stolz, leichtsinnig und sehr empfindlich sei. Daß ich mir einen Weg wünschte angewiesen zu sehen, auf welchem ich meine guten Anlagen ausbilden, und die Fehler meines Temperaments und meiner Erziehung unschädlicher machen könnte. Ich schloß so, wenn er dich ganz kennt, so weiß er am besten, wozu du taugst, und wenn du sonst wozu zu gebrauchen bist, so ist in ihm so viel Willen mit That vereinigt, daß er dir helfen wird.

Die Antwort blieb außen. Ich schrieb wieder und bat um gütige Antwort, und — ich erhielt sie mit einem Louisd'or und der Erklärung: er verbäte sich fernere Correspondenz und er würde mir, sobald sich Aussichten für mich zeigten, es selbst melden.

Ich weiß es nicht, war ich zu zudringlich; hatte ihm etwas in meinem Briefe mißfallen; genug ich nahm, da ich zumal just in einer üblen Laune war, als ich den Brief erhielt, dieses Verbitten fernerer Correspondenz als ein Zeichen der Verachtung an. Mein Stolz fühlte sich erschrecklich gedemüthiget. Man nehme noch dazu: wieder vereitelte Hofnung, und man wird mirs verzeihen, wenn ich schief sahe. War es denn sehr zu verwundern, daß ein Mann, wie er, der gewiß einen [17]sehr weitläuftigen Briefwechsel hat, meine Briefe verbat? Ich glaubte Zorn in seinem Briefe zu sehen; da es doch weiter nichts als die Sprache des Wohlthäters gegen den Dürftigen war; die Sprache eines Vornehmen, der sich seiner Grösse bewußt ist — gegen einen stolzen Armen, den herablassender Ton von einem höhern, nur Nahrung seines Stolzes würde gewesen seyn. So suchte ich mirs bei kälterm Blute zu erklären, und man wird sehen, daß auch hieran mein Stolz wieder grossen Antheil hatte: denn ich suchte bald den Gedanken von Verachtung wieder zu verscheuchen.

Indessen bewieß es die Folge, daß der Herr v. R.** keinesweges zornig auf mich war. Ehe ich aber dieß beweise, muß ich mehrere Vorfälle nachholen.

Ich wurde mit einem jungen B** bekannt, mit dem ich bald sehr vertraut wurde. Er beredete mich mit ihm zu seinem Vater zu reisen, der in der Altmark auf einem Dorfe Kantor war, und da ich wenig zu versäumen hatte, auch wirklich in meiner Lage Zerstreuung bedurfte, und auf einige Tage ohne Nahrungssorge seyn sollte, so ergrif ichs mit beiden Händen — Wir hielten uns vierzehn Tage auf. Sein Vater, ein alter würdiger Mann, dem ich gefallen mochte, frug mich einst im Scherz, ob ich sein Substitut werden wollte? Ich sagte mit Freuden: Ja! Es ist keine Orgel hier, fuhr er fort, allein der Edelmann hat ein [18]Positiv stehen, welches er nach meinem Tode, da ich nicht musikalisch bin, oder wenn ich Alters wegen den Dienst nicht mehr versehen kann, will in die Kirche setzen lassen. Wenn Sie daher Musik verstünden, so glaubte ichs wohl dahin zu bringen, daß Sie mein Nachfolger würden. Schon wieder eine neue Hofnung! dachte ich, aber wenig Aussichten dazu, (denn wo sollte ich die Kenntniß des Klaviers hernehmen) und reißte mit meinem Freund wieder ab.

Ich kehrte nun zu meinem alten Elende wieder zurück. Meine Bedürfnisse waren zwar wenig; allein auch diese wenigen konnte ich mir nicht verschaffen. Bange Sorgen der Zukunft — Mangel an Unterhalt, keine Beschäftigung, nichts, das meine Seele in Thätigkeit setzen konnte; mein Leben war sehr einförmig. Es wurde mir eine Information angetragen bei einem hiesigen Bürger, der in einer angenehmen Gegend ein Gasthaus hielt. Ich hielt meine Stunde des Nachmittags, weil da immer Gesellschaft war, und ich das gesellschaftliche Leben liebe. Nach der Stunde unterhielt ich mich denn mit diesem und jenen; um auf eine Zeitlang mein Elend zu vergessen. Ich blieb da gewöhnlich bis 10 Uhr Abends. Ich ließ nicht leicht einen unangeredet weggehen, und da ich von allem möglichen sprechen konnte, so hatte ich immer Stoff zur Unterredung. Meine Lern- und Forschbegierde war beinahe zur Leidenschaft geworden. [19]Ich beobachtete genau die Reden und Handlungen andrer, und verglich sie oft zusammen. Da bekam ich denn manchen Aufschluß übers menschliche Herz, das ich mir dann aufzeichnete, und dann nicht selten bei ähnlichen Eräugnissen wieder richtig anwenden konnte! Allein eben diese große Forschbegierde verursachte bei mir oft den Fehler der Zudringlichkeit; gute Menschen besonders ziehen mich unaufhaltsam an sich. Haben sie noch überdem den Vortheil, daß sie Leidende sind, so bin ich nicht abzuhalten: ich suche mich ihnen verbindlich zu machen. Hätte ich denn nur Kräfte genug, um ihnen zu dienen; ihrer Leiden weniger zu machen, aber leider! ich bin selbst unglücklich, und da ich denn doch etwas für sie thun will, so nimmt dieser Trieb eine falsche Richtung, und ich opfere dann in meiner Begeisterung grosse Pflichten kleinern auf.

Man wird diese Anmerkung, (die man mir erlauben wird, weil doch nur jeder selbst im Stande ist, die alleinigen Bewegungsgründe seiner Handlungen anzugeben) in der Folge bestätiget finden.

Unter andern Gästen, die da hinkamen, um sich zu vergnügen, zog besonders ein junges aber ganz ungleiches Paar meine ganze Aufmerksamkeit an sich. Stellen Sie sich einen Mann vor, von ungefähr 28 bis 30 Jahren, mit einer bleichen Gesichtsfarbe, eingefallenen Augen und Schläfen mit einem engbrüstigen Odem, den ein nicht seltener [20]heftiger Husten ganz ausser aller Lebenskraft setzte. Mit langen Fingern, daran die Nägel blau und weit über das Fleisch überstunden, und Füssen, die die stillen Zeugen einer übel vollbrachten Jugend waren. — Kurz ein Mann, dessen Aeusseres seinem Alter die ärgste Satire war. Seine Frau, ein junges feuriges Weib von einigen 20 Jahren, von starken robusten Körper, der von Gesundheit glühte. Mit einer recht ehrlichen Miene und einem ganz hübschen blauen Auge, das aber etwas schwermüthiges und unzufriednes verrieth. Uebrigens einen guten Wuchs und einen ausserordentlich schönen Fuß. Wie abstechend gegen ihren Gatten! Und wie ganz dazu geschaffen, meine ganze Aufmerksamkeit und mein Mitleid rege zu machen. Ich ließ mich mit beiden in Gespräch ein, und da die Gesellschaft zahlreich war, so wußte ich bald das Gespräch auf die Ehen zu lenken. Ich thats aus der Absicht, um zu sehen, wie sie sich dabei nehmen würde, weil ich gleich beim ersten Anblick — das Urtheil gefällt hatte, daß ihre Ehe eben nicht die glücklichste seyn könnte. Ich sahe sie seufzen und ihren Gatten eine mürrische Miene annehmen — dieß war Wink genug für mich und ich brach ab. Unterdessen zerstreute sich die Gesellschaft, und ihr Gatte entfernte sich zu einer Spielparthie. Jetzt waren wir allein. Meine Neugierde, vielleicht auch eine dunkele Empfindung — und mein Mitleid, das schon rege gemacht war, [21]trieben mich an, sie zu fragen: was ihr fehle? Sie schlug die Augen nieder und schwieg. Dadurch noch mehr angefrischt (wars nicht unverschämt?) drang ich weiter in sie. Endlich sagte sie: Sie können mir doch nicht helfen. »Aber doch vielleicht einen guten Rath ertheilen, liebes Weibchen!« und indem ich ihre Hand ergriff, »ich sehe, Sie haben Kummer; entdecken Sie sich mir.« Sie sah mich hierauf starr an. Der Ton, mit welchem ich das sagte, mochte Eingang in ihr Herz gefunden haben. Sie wollte eben ihren Mund öfnen, als sie ihr Gatte hinausrief, und mir schien es, als wenn seine Augen mich durchforschten — doch die Folge bewieß, daß ich mich geirrt hatte.

Ich konnte sie nun diesen Tag nicht wieder allein sprechen, denn sie gingen kurz darauf nach Hause.

Ein gewisser H***, der sich auch immer an diesem Orte befand, und mit welchem ich eine Art von Freundschaft errichtet hatte, weil er ein offner Kopf war und kein schlechtes Herz hatte, hatte auch seine Bemerkungen über dieses Paar gemacht und theilte sie mir mit. Er war ein Naturalist und hatte den Grundsatz: die Natur ließe sich nicht zwingen. Ich mochte ihm diesen Satz bestreiten, wie ich wollte, so blieb er bei seinem Kopf. »Sehen Sie nur, sagte er, dieses gute Weib ist unglücklich in der Ehe; ihr Mann ist ihr zu wenig, [22](Sie müssen sich an seine Ausdrücke nicht stoßen) daher entsteht ihre Traurigkeit.« Aber woher weiß er denn das so gewiß? sagte ich. »Ei nun, sehen Sie nur, fuhr er fort, seinen und ihren Körper an; wie will ein solcher ausgemergelter Körper (ich muß seinen Ausdruck ändern) dem ihrigen Freuden gewähren?« Und warum, muß es denn just thierischer Trieb seyn? Können nicht noch andere Ursachen ihrer Traurigkeit da seyn? Ihr Charakter stimmt vielleicht mit dem Seinigen nicht; sie hat vielleicht einen andern geliebt; und hat diesen aus Privatabsichten nehmen müssen. »Es wird sich ausweisen, sagte er, wer recht hat.«

Nun konnte ich nicht ruhen noch rasten: ich mußte ihre geheime Geschichte wissen. Und da ich einige Tage wegen anderer Abhaltungen nicht hinauskommen konnte, so schrieb ich ein Billet, gab es meinem Naturalisten, und bat ihn, er möchte es ihr heimlich zustellen. Dieses Billet enthielt nichts als: Bedauerungen, Anerbietung meiner Freundschaft (was konnte ihr diese in meinem eingeschränkten Kreise wohl helfen!) und Angelobung völliger Verschwiegenheit, im Fall sie mich zu ihrem Vertrauten machen wollte. Am Ende bat ich sie, mir einen Ort zu bestimmen, wo ich sie ohne Zeugen sprechen konnte.

Als ich wieder hinkam, so war der Brief schon den Tag vorher übergeben worden. »Sie hätten nur sehen sollen, sagte mein Abgeordneter, wie [23]sie so begierig darnach griff, und mit welcher Freude sie ihn an einem unbemerkten Orte las. Tausendmal frug sie mich: ob Sie nicht selbst herauskämen. Sehen Sie, daß ich recht habe.« Ich hatte genug zu thun, um ihm Einhalt zu thun, denn mir wollte es immer noch nicht recht im Kopf, daß eine Frau sich so leicht einem anderen überlassen sollte, von dem sie glauben könnte, daß er sie auf bloß physische Art schadlos halten würde. — Freilich ich gestehe es gern, war ich zu einer andern Zeit — wieder geneigter es zu glauben; es entstanden in mir gewisse Empfindungen, die michs wahrscheinlich vermuthen liessen: denn man schließt immer von sich gern auf Andre; — allein ich rechnete auch wirklich viel auf weibliche Schaam, und die Folge bewieß, daß dieser Schutzengel weiblicher Tugend auch durch die nachläßigste Erziehung nicht, und nur durch böses Beispiel verdrängt wird.

Auf den Tag harrte ich sehnlich, wenn ich sie selbst sehen würde; denn da hofte ich auf Antwort. Der Tag erschien, und mein Herz klopfte wie ein Hammer, als ich sie sahe ankommen. Sie wurde roth, als sie mich ansahe, und da wir nicht bemerkt wurden, so lispelte sie mir zu: kommen Sie künftigen Sonntag früh um acht Uhr zu mir. Ueber diese Einladung erschrack ich herzlich; denn die hatt' ich mir gar nicht vermuthet. Doch faßte ich mich; nur hütete ich mich, ihr in die Augen zu sehen, denn ich fühlte, daß mein Gesicht [24]glühte. — Auch sahe ich jetzt nicht mehr das leidende — sondern das willige, ausschweifende Weib. Aber diese Denkungsart verschwand bald, nachdem ich näher von ihrer schlimmen Lage unterrichtet war, und mein Mitleid wuchs bis zu einer erstaunenden Höhe.

O wie oft ist mir aus Meißners Gedicht: Noch hab' ich nie gefunden, die meine Seele sucht, die Stelle daraus eingefallen, die so ganz für mich paßte: e

Sah' manches holde Weibchen

verknüpft mit Alberts Hand;

beseufzte sie und bebte

für meine Ruh und schwand.

Schwand hin, wie Frühlings Wölkchen

am Himmel leis' entfliehn;

denn in des Mitleids Nähe

sah' ich die Liebe glühn —

Wie wahr die letzten Strophen, und wie treffend für mich. Ja, fliehn hätte ich sollen, aber ich blieb — und mein weiches Herz riß mich hin und jetzt seh' ichs erst ein, wie wahr Gellert geschrieben: f

Oft kleiden sich des Lasters Triebe,

in die Gestalt erlaubter Liebe

und du erblickst nicht die Gefahr?

Ein langer Umgang macht uns freier,

und oft wird ein verborgnes Feuer,

aus dem, was anfangs Freundschaft war.

[25]Der Sonntag kam, und mit klopfendem Herzen ging ich hin. Sie empfing mich mit einer sehr guten Art und nach einigen gewechselten Höflichkeiten fing sie ihre Erzählung an: Um das schwerfällige in der Erzählung zu meiden, will ich sie selbst reden lassen:

Ich habe, fing sie an, meinen Mann bloß aus Verzweiflung geheirathet, um der üblen Begegnung meines schlechten Bruders zu entgehen. Ich habe viel gute Vorschläge gehabt, aber mein Bruder, der lieber gesehen hätte, wenn ich gestorben wäre, damit sein Erbtheil desto grösser geworden, wußte sie alle zu hintertreiben. Ich wurde mit meinem jetzigen Manne bei einer Hochzeit bekannt, und da seine Brust dazumal noch nicht so übel war, als jetzt, so ließ ich mir seine Anträge, mich zu heirathen, gefallen. Ich konnte, wenn ich heirathete, auf 70 Rthlr. Rechnung machen, denn von meinen Eltern hatte ich wenig zu hoffen. Er hatte kein Vermögen, und da er sich sehr gut stellte, so beschloß ich, das Geld zu seiner Etablirung und zur Erlegung der gewöhnlichen Gebühren zu seiner Aufnahme ins Metier herzugeben. Man verwarf sein erstes Meisterstück, und da ich schon 40 Rthlr. darzu geliehen hatte, so mußte ich mich zu einem zweiten entschließen. Mein Bruder wendete nun alles an, um unsere Verbindung zu hintertreiben und suchte mir ihn auf alle mögliche Art verhaßt zu machen; allein ich war hart-[26]näckig und setzte es durch. Schuldig war ich einmal; wie wollte ich das Geld bezahlen, wenn ich ihn nicht nahm? Ich fing also meinen Ehestand mit Schulden an. Wir lebten so einige Jahre, ohne hinlängliche Arbeit zu haben; wir mußten also noch immer zusetzen, und also immer tiefer in Schulden gerathen. Unter der Zeit gerieth seine Gesundheit immer mehr in Abnahme, und er wurde von Tage zu Tage eigensinniger, so wie er es auch noch jetzt ist. Nichts kann ich ihm mehr recht machen; alles tadelt er, ist ihm verdrießlich, und da ich von meinen Eltern eben nicht zu großen Geschicklichkeiten bin angehalten worden, so hat er zwar freilich in manchen Stücken recht; allein er hat ja dieß gewußt, denn ich hab' ihm kein Geheimniß daraus gemacht. Jetzt anstatt mir meine Fehler in Güte zu sagen, thut ers mit den härtesten Worten, wirft mir meine Unwissenheit in vielen häußlichen Dingen des Tages zwanzigmal vor, und nie wird er wieder gut, als wenns Abend werden will. — Also liebt er mich nur, wie man eine H** liebt; so lange er seine Triebe befriedigen kann, so ist er ruhig und gelassen, und des Morgens geht meine Qual von neuem an. Am Tage verlangt er die strengste Unterwürfigkeit und auch wohl Ehrerbietung — und des Nachts erzählt er mir seine vorigen Liebschaften; nennt sie alle nach der Reihe her, und hat mir sogar gestanden, daß er schon einmal sei angelaufen. — Wie [27]kann ich, fuhr sie fort, Liebe und Hochachtung haben, da er mich wie seine Sclavin behandelt, mir seine Ausschweifungen entdeckt, und sich damit groß macht, und ich nun die Folgen seiner ausschweifenden Lebensart durch seinen Eigensinn und mürrische Laune büssen muß? — (Hier konnte sie sich der Thränen nicht mehr enthalten.) Er hat mich, fuhr sie fort, als ein reines unschuldiges Mädchen erhalten; denn ich bin fast zu einfältig erzogen worden. Durch ihn hab' ich meine Unschuld verloren. Wenn ich jetzt an diejenigen denke, die ich geliebt habe, ordentliche, gesunde und bemittelte Leute, und denke dann an meinen Mann, können Sie sich da wundern, wenn der Gram tief in meinem Herzen steckte. Jetzt haben wir nun zwar hübsche Arbeit, allein wir stecken noch tief in Schulden, und wenn wir auch einige Thaler beisammen haben und ich dringe darauf, Schulden zu bezahlen, so will er nicht daran und wirft mir bei jedem Bissen Brod, den ich genieße, vor: ich koste ihm so viel. Oft läßt er mich mit meinem Kinde halbe Tage allein, läßt mir 6 Pf. zurück, und er verzehrt 3 bis 4 Gr. Dadurch hat er mich zur Diebin gemacht, weil ich mein Kind unmöglich Noth leiden lassen kann. Ich schlage ihm daher, wo ich es möglich machen kann, alles etwas höher an, und wenn ich hieran Unrecht thue, so verzeihe mir's Gott! (Hier weinte sie wieder.) Kommt er denn einmal dahinter, so können Sie sich leicht [28]vorstellen, wie er mit mir verfährt. Indessen hat er mich noch nie geschlagen, weil ich ihm geschworen habe, gleich von ihm zu gehen, sobald er eine Hand an mich legt; auch mag er sich wohl vor mir fürchten. Keinen Freund hab' ich, dem ich meine Noth klagen kann, und meine Blutsverwandte gönnen mirs. Kurz, mein Leben ist das unglücklichste, was man sich nur denken kann. Jetzt schwieg sie stille.

Meine ganze Seele war erschüttert und mein Haß und meine Verachtung stieg in eben demselben Augenblick gegen dem Urheber ihrer Leiden so hoch, als das Mitleid gegen sie. Ich tröstete sie so gut ich konnte; ermahnte sie zur Geduld, als ihrer vornehmsten Pflicht, und ich kann sagen, daß ich dazumal noch keinen Funken von Anspruch empfand. Mitleid war jetzt die herrschende Empfindung meiner Seele und durch meinem Kopf fuhr eine Menge Projekte, die alle für ihr Wohl abzweckten. Aber —

Vielleicht, sagte ich zu ihr, warten noch künftig Freuden auf sie. Nein, war ihre Antwort, darauf warte ich nicht, denn stirbt er über lang oder kurz, so hinterläßt er mir Schulden, und wer wird sich heut zu Tage an eine arme Wittwe machen, die im Ruf steht, als habe sie sich in ihrer Ehe nicht gut vertragen? Stirbt er bald (und wie kann ich ihm ein langes Leben zutrauen, da sein Blutspeien und Husten täglich zunimmt) so [29]ists mir wohl, (denn ich läugne es nicht, daß ich es wünsche) so verkauf ich, was ich habe, bezahle meine Schulden und gehe mit meinem Kinde in die weite Welt hinein. Ich bin noch jung, stark, und wovor ich Gott vorzüglich danken muß, bei allen meinem Kummer und Gram immer gesund. Ich kann mich also wohl noch mit meiner Hände Arbeit ernähren; Ich bete dann fleißig (denn auf Gott hab' ich mein ganzes Vertrauen gesetzt) und dann gehe es, wie es will. Daß ists eben, fuhr sie fort, daß kein Seegen bei uns ist. Denn den ganzen Tag wird geflucht und gezankt! kein Buch, keine Bibel nimmt er in die Hand. Will ich vor oder nach Tische beten, so will er nicht. Bete ich Morgens und Abends, so spricht er: Bete lange, Gott wird Dir nichts vom Himmel werfen, arbeite, verdiene etwas. Sage ich dann: womit soll ich was verdienen; soll ich denen Gehör geben, die mir so oft Anleitung gegeben haben, Dir untreu zu werden, so kann ich Geld verdienen — Hier schweigt er still, und ich glaube immer, er nähme es stillschweigend mit an, wenn ich ihm nur viel erwürbe. Diese Anmerkung ist mir in der Folge auch wahrscheinlich geworden. Singe ich ein Lied, so sagt er: sing nur nicht immer, wenn ich komme oder zu Hause bin, und so geht das beständig. Wunder war es nicht, ich hätte schon oft verzweiflende Mittel ergriffen.

[30]

Es schlug neun Uhr, als sie mit ihrer Erzählung zu Ende war, und nun bat sie mich, mich zu entfernen. Ich that es, nachdem ich ihr noch einmal völlige Verschwiegenheit angelobt, und sie meiner fortdaurenden Freundschaft und nahen Antheils an ihren Schicksaalen versichert hatte. Meine Empfindungen waren verschieden, mit welchen ich mich wegbegab. Der Wunsch: die Ruhe in dieser Familie hergestellt zu sehen, war der erste, ob ich gleich die Schwierigkeiten dabei einsahe. Freilich war Dulden für sie das Beste, aber wie konnt' ichs andern anrathen, da ich selbst Zweifel dagegen hatte. — Und endlich verdrängte diese Empfindung bald eine andere, die wahrscheinlich aus dem hohen Grad von Abscheu herfloß, welchen ich gegen ihn gefaßt hatte. Ich habe das überhaupt oft bei mir bestätiget gefunden, daß mich eine verübte Beleidigung an andern in der Folge dann am heftigsten reute, wenn mir der Beleidigte als ein edler Mensch erschien. Je mehr ich von seiner Tugend, Unschuld und gutem Herzen überzeugt war; je weniger war mir's möglich, ihm auf die geringste Art zu nahe zu treten, und je heftiger war dann meine Angst, wenn ichs (auch ohne Absicht) gethan hatte. Das heißt: ich mache mir mehr Gewissen, einen Rechtschaffenen als einen Niederträchtigen zu beleidigen. Das ist diejenige Empfindung, die desto stärker ward, je mehr sich meine Seele alles das Schlechte in dem Betragen [31]dieses Mannes, anschaulich machte. Eine gewisse Rachbegierde, die aus dem Zorn herkam, welchen ich gegen ihn gefaßt hatte — flammte die glimmende Asche zum Feuer an. Diese vergesellschaftete sich mit den sinnlichen Empfindungen, und nun war es möglich, daß ich mich ganz leicht überredete: es würde keine so grosse Sünde seyn, wenn man einem Menschen ein Gut entriß, der es nicht zu schätzen wüßte.

Indessen kann ich auch zu meiner eignen Rechtfertigung sagen: Nie hab' ich den Zwiespalt zwischen beiden, unterhalten, genährt, zu meinem Nutzen angewendet. Nein, dieß Zeugniß giebt mir mein Herz: ich habe immer zum Frieden geredet. Ich sagte ihr oft: daß sein Eigensinn eine Folge seiner geschwächten Gesundheit sei, daß er keinesweges so Herr seiner Leidenschaften seyn könnte, als ein Gesunder, dessen Nerven nicht geschwächt, und also nicht solcher schnellen Erschütterungen fähig sei. Vieles müsse sie also übersehen, und sobald sie sich gewöhnte, manches zuzudecken, manches gelinder zu erklären, so bliebe nur noch ein kleiner Theil zu tragen übrig. — Er, der es ihr aufgelegt hätte, würde es erleichtern helfen.

Freilich war eine vernünftige Vorstellung auch ein kleines Mittel, daß er etwas besser mit ihr umgegangen wäre, allein da ich wußte, wo der Grund lag, daß das Uebel bereits unheilbar sei, zudem [32]sich zwischen Eheleute zu mischen, ohne eine gewisse Verbindlichkeit zu reden zu haben, auch eine sehr delikate Sache ist, und überdem von seinem Charakter wahrscheinlich urtheilen konnte, daß er wenig Widerspruch vertragen würde, so ließ ichs dabei bewenden, bloß ihr willige Ertragung ihrer Leiden anzurathen.

Man erlaube mir, ehe ich meine Geschichte weiter fortsetze, daß ich einige Zweifel gegen die allgemeine Güte und Vorsehung Gottes, worauf ich durch das Schicksaal dieser Unglücklichen gebracht wurde, darlege. Zuerst fiel ich auf das gewöhnliche Sprichwort: die Ehen werden im Himmel geschlossen. Ist dieses ohne die geringste Einschränkung wahr, so findet eine Vorherbestimmung statt; so mußte der Bruder just immer das Werkzeug werden, wodurch eine vielleicht glückliche Verbindung nicht an sie kommen durfte; so mußte sie am Ende aus Verzweiflung diesen Menschen heirathen. Und das ist die sogenannte Freiheit des Menschen? Es scheint ja wirklich, als wenn die Freiheit zu handeln, nur so lange statt fände, als sie dem Laufe des Ganzen nicht hinderlich fällt. Also eine Vorsehung übers Ganze und nicht über jeden einzeln Theil? O du Unglücklicher! so ist dein Vertrauen auf Gott in den unglücklichsten Lagen deines Lebens nur so lange anwendbar, als deine Hülfe, oder die Aendrung deines Schicksaals, das du erwartest; oft unter Gebet und Thränen [33]von Gott zu erringen glaubst, dem Ganzen nicht hindert. — Bis denn endlich der Lauf der Dinge es zuläßt, daß durch Aufopferung vieler Tausende, dein Gebet erhöret werden kann. Unglücklicher Vorzug! auf die Glückstrümmer meiner Brüder, mein eignes zu gründen! — Mein Herz kann sich unmöglich mit diesem Gedanken vertragen. Womit hatte es denn die Unglückliche verschuldet, daß ihr dieses schwere Kreuz aufgelegt wurde? Ein Kreuz, daß nicht erträglich gemacht werden konnte, als durch Verbrechen. — So durchkreuzen sich die Schicksaale der Menschen: die Sünden des Einen, ziehn Sünden des Andern nach sich. Auf wem liegt nun die Schuld, und wer soll sie tragen? Wo soll die Kraft herkommen, wenn sie Gott nicht giebt? »Standhaft dulden und — schweigen; keinen Fuß breit von seiner Pflicht abweichen, Gott um Unterwerfung, um Aendrung seines Schicksaals anflehen und gelassen dieselbe erwarten — Das lehrt die Religion bei schwerem Kreuz.«

Gut! aber wollen Sie noch einige meiner Zweifel anhören, die selbst die Erfahrung und der Begriff von Gott und seinen Eigenschaften zu bestätigen scheinen?

Dulden. Thut Gott jetzt noch Wunder? und wär es nicht Wunder, wenn das rasche, feurige Temperament auf einmal bis zu einer gewissen Trägheit, ohne vorhergegangne andere Umstände, [34]herabgestimmt würde? Und mich dünkt, zum Dulden wird ein gewisser Grad von Ruhe im Blute erfordert; folglich ist es schon physisch unmöglich, daß das angegebne Temperament bei den schrecklichsten Ereignissen des Lebens, gelassen seyn sollte. Hieraus folgt aber auch, daß wenn Gott keine Wunder mehr thut, — erst Jahre verstreichen müssen, die alles Schreckliche menschlicher Schicksaale in sich begreifen, wodurch der Ausbruch der Ungeduld, oder die Kühlung des Bluts bewirkt wird, und die so lang erbetene Geduld dann eine Folge davon ist. Ein Grund, warum, sobald wir keine Wunder annehmen, die das im Augenblick bewirken, was erst die Frucht vieler Jahre ist, der Höchste nicht so unbefangene Gebete erhören kann. —

Ich sage nicht, daß mir diese Gedanken alle zum höchsten evident sind. Es sind Zweifel; nichts mehr als Zweifel: keine ausgemachte Wahrheiten, und ich bitte auch, die folgenden so zu betrachten, denn ich bin bereit, sie abzulegen, sobald mich ein Freund der Wahrheit eines bessern belehrt.

Unterwerfung unter den Willen des Ewigen ist bei vielen oft ein Werk des Zwangs; nur bei einigen (und auch bei denen habe ich selten heftige Leidenschaften angetroffen) ein Werk der Ueberzeugung, wozu sie besonders ihr kälteres Blut fähiger machte, als jene. —

[35] Vertrauen auf die göttliche Hülfe ist im Grunde nichts anders, als: Hofnung der baldigen Aendrung seines Schicksaals. Diese verschwindet bald, wenn das Uebel zu lang anhält; wenn diese Hofnung zu oft täuscht; wenn jede Aussicht sich nur zeigt und dann — schnell wie Morgennebel verschwindet. Dadurch wird das Vertrauen zu Gott geschwächt — und mich dünkt, wir verlangen zu viel von einem Menschen, wenn wir diese angenommene vornehmste Eigenschaft des Gebets von ihm verlangen, der in seinem ganzen Leben wenig auffallende Beweise einer besondern göttlichen Fürsorge, einer solchen Stärkung seines Glaubens, aufzuweisen hat, die auch bei einem Abraham erst vorgehen mußten, ehe Gott das grosse Opfer — von ihm fordern konnte.

Ich bemerk' es jetzt deutlich, daß Jahre lang anhaltende Leiden die menschliche Seele muthlos machen.

Dieses Vertrauen wird noch durch andere Zweifel geschwächt. Mir scheint es ganz unnöthig, und selbst der Ehre Gottes zuwider, daß ich ihn um etwas bitten soll. Weiß er, als der Allwissende, denn nicht, was mir mangelt? Oder ist er (verzeih Allbarmherziger, wenn ich irre!) zu hart, oder so ehrbegierig, daß ich ihn erst durch vieles Bitten erweichen und bewegen muß, mir seine Wohlthaten zufließen zu lassen? Und verdunkelt das nicht seine göttlichen Eigenschaften? Ist [36]der Fürst nicht (menschlich davon zu reden) edler und gütiger, der seinen Freunden und Unterthanen mit seiner Gnade zuvorkommt, als der, der um jede Kleinigkeit erst einen Fußfall verlangt? Ehre ich daher Gott nicht mehr, wenn ich ihn für denjenigen Herrn halte, der mir ohne mein Gebet alles Gute zuwendet, und mein Gebet nicht verlanget noch erwartet, ausser den Ausbrüchen der Dankbarkeit und des Lobes? denn diese geben wir Menschen, die uns Wohlthaten erwiesen haben; wie viel mehr sind wir sie Gott schuldig, von dem wir alles haben.

Allein hiermit ist ja noch nicht die Verheissung erklärt, die das Evangelium Jesu mit dem Befehl zu beten verbindet. Dieses verspricht eine Erhörung und stellt das Gebet als eine Sache vor, die den Höchsten beweget, uns etwas zu geben, welches er uns sonst nicht würde gegeben haben. Und streitet das nicht geradezu mit der Unveränderlichkeit der göttlichen Rathschlüsse, die er gewiß schon von Ewigkeit her faßte? Denn wenn er seine Rathschlüsse ändert, so kann ihn etwas gereuen; und ist er dann der vollkommene Gott, der keinen menschlichen Leidenschaften unterworfen ist? Sind aber die Rathschlüsse Gottes unveränderlich, so können sie auch durch mein Gebet nicht verändert werden; im Fall es der Ewige nicht von Ewigkeit her beschlossen hat, mir zu einer festgesetzten [37]Zeit zu helfen: und das ist doch immer ausser der Sphäre menschlichen Wissens. —

Dieß sind meine Zweifel in Ansehung einer besondern Vorsehung und des Gebets, wozu mich sowohl mein eignes als das Schicksaal dieser Unglücklichen brachten. Ich konnte sie nicht übergehen, weil sie zur Geschichte meines Lebens nothwendig gehören. Ich lege sie mit Freuden ab, sobald sie mir gründlich widerlegt werden; denn ich fühle, daß ich bei allen meinen Zweifeln nicht glücklich bin. — Das Vertrauen auf ein allmächtiges Wesen und der Glaube an eine, auch auf die kleinsten Theile der Schöpfung sich erstreckende Vorsehung, hat selbst zu manchen Stunden etwas süsses für mein kummervolles Herz; aber wie gesagt — ohne einen recht sichtbaren Beweiß einer göttlichen Vorsehung auch auf mich von aller Welt Verlassenen — dürfte sich mein Herz wohl nie zu dem hohen Grade der zuversichtlichsten Hofnung zu dem Herrn meines Lebens erheben, wenn auch mein Verstand durch die bündigste Demonstration überzeugt würde. Eigene Erfahrung wirkt mehr aufs Herz, als alle Vernunftschlüsse. — Jetzt will ich in meiner Geschichte fortfahren.

Schon hegte ich gegen die Unglückliche wirklich Liebe, die den Wunsch gebahr, immer um sie zu seyn. Aber wie konnte das angehen, da ich unmöglich immer ohne Vorwissen ihres Gatten hingehen konnte, ohne ihre und meine Ehre in Ge-[38]fahr zu setzen. Doch die Gelegenheit dazu bot sich bald dar. Da ich sie einst wieder beide an dem Orte traf, wo ich sie hatte kennen lernen, so suchte ich ihm Rede anzugewinnen. Ich hatte gehört, daß er gern Bücher von gewöhnlicher Art las; ich lenkte daher das Gespräch dahin. Er wurde bald gesprächig. Ich versprach ihm einige Bücher nach seinem Geschmack zu verschaffen, und — er bat mich zu sich.

Auf eine so leichte Art hatte ich nun meinen Zweck erreicht. Kurz darauf wurde die Witterung schlechter, das Spazierengehen wurde eingestellt; die Abende wurden länger und — Langeweile blieb nicht aus. Ich bat ihn daher, daß er mir erlauben möchte, ihn des Abends besuchen zu dürfen, und er war es sehr gern zufrieden. Ich hatte neben meiner Liebe noch einen Endzweck: ich wollte sie beide in ihrem häuslichen Verhältniß — näher beobachten, um wo möglich bei ihren Zwisten ein Wort des Friedens zu reden. Die Gelegenheit dazu blieb auch nicht lange aus, aber ich wurde auch überzeugt, daß ich mich in meinem vorigen Urtheil: daß er schien, wenig Widerspruch vertragen zu können, nicht geirrt hatte. Ich war kaum dreimal da gewesen, als sich sein hitziger ungestümer Charakter schon äusserte. Sie schwieg mehrentheils stille, und wenn sie dann einmal sich regte, so gerieth er in eine solche Wuth, daß ich mich immer weit wegwünschte.

[39]Acht Abende hinter einander war er zu Hause; vermuthlich Wohlstandes wegen, und nun — ging er wieder in Gesellschaft und ich und seine Gattin waren mehrentheils allein. Ich blieb denn gemeiniglich da, bis er wieder kam, und kam er denn, so war er freundlich und gesprächig. Ich wußte nicht, was ich zu diesem Betragen denken sollte; seine Freundlichkeit schien mir zweideutig — wenigstens wars wider meinen Begrif von Ehe, einen Fremden, den ich noch nicht weiter kenne, zu ganzen Stunden bei meiner Gattin zu wissen, mit der ich so gespannt lebe. Entweder (so erklärte ich mirs) Eigennuz war bei ihm stärker als Eifersucht, oder er hatte zu viel Eigenliebe, die ihn immer überredete: ein anderer könne sich nicht in den Besiz eines Herzens setzen, worinnen er (vielleicht) unumschränkt herrsche. Aber er kannte das menschliche Herz nicht. Konnte denn das öftere Alleinsein gegründet auf ein reges Mitleid, eine andere Folge haben, als Liebe? Eine junge Frau, die von Natur munter war und das gesellschaftliche Leben liebte, mußte ich der nicht nach und nach unentbehrlich werden, da ich ihr durch Vorlesen und Discuriren, durch Trost und guten Rath die Langeweile vertrieb, und sie ihr Elend auf eine Zeitlang vergessen machte? Ich war unglücklich; sie auch. Sie hatte keine Freundin, gegen die sie ihren Kummer hätte ausschütten können; ich keinen Freund, von allen Lebendigen verlassen: wars Wun-[40]der, wenn uns dieß noch fester zusammenband? Nur der, der selbst so unglücklich, so von allen fremden Antheilnehmen an seinem Leiden entfernt gewesen ist, als ich, und wenn er dann irgend ein menschliches Wesen findet, das ihm ohnedem nicht gleichgültig ist — das dann einen Theil seiner Last tragen hilft; an dessen Busen er sein Elend vergessen kann, nur der wirds mir glauben, wie mit beiden Händen er nach der Gelegenheit hascht, sie fest hält, und — sie so gut benutzt, als er kann. -—

Ueberdem fand ich auch an ihr eine gewisse Aehnlichkeit mit mir, in Ansehung des Herzens. Sie fand ihr größtes Vergnügen darinnen: dienstfertig gegen jeden und äusserst mitleidig gegen Arme zu seyn. Freilich war dieß nicht Tugend, es war Temperament. Bei ihren guten Handlungen war sie etwas eitel, und verrichtete sie mit einigem Geräusch. Allein das war Fehler der Erziehung: denn man hatte sie in ihren jüngern Jahren oft gelobt, wenn sie irgend einem Armen etwas gab; das war ihr nun so zur Gewohnheit geworden — — —

(Hier ist durch Zufall ein Blatt Mspt. verloren gegangen.)

Ich habe mich nicht überwinden können, meiner Freundin diese meine letzte fehlgeschlagne Hofnung zu hinterbringen. Und doch wär es in der Folge vielleicht besser gewesen. Nun traue ich keiner Aussicht mehr, denn ich bin zu oft getäuscht.

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Der Winter verstrich beinahe, aber die letzte Zeit, (o könnte ich diese Tage wieder zurückrufen) nicht mehr so schuldlos — Erlassen Sie mir eine Beschreibung, die mich zu sehr beugt; denn ich fühle jetzt die Folgen desselben. — Ich bin gestraft dafür, schrecklich gestraft. Der Himmel hat sich meiner Armuth bedient, um meine Schande der Welt vor Augen zu legen. Ich wollte eine Unglückliche retten, und sie wurde durch ihre Liebe gegen mich noch unglücklicher. Noch wär sie zu retten, aber — meine bittre Armuth! O fände sich doch ein Menschenfreund, der sich meiner erbarmte, und mir ein Plätzchen auf Gottes grosser Welt anwieß; vielleicht könnte ich meine traurigen Erfahrungen zum besten meiner Mitbrüder nutzen. —

Das übrige Detaillirte meiner Geschichte interessirt keinen, als mich — Auch muß ichs, da ich unmöglich mich noch kenntlicher machen kann, verschiedener anderer Personen wegen, verschweigen.

Erläuterungen:

a: Niemeyer 1775–1782.

b: Timme 1779-1781.

c: Kronenburg und Grato 1780.

d: Wagenseil 1780-1783.

e: August Gottlieb Meißner, "Noch hab ich nie gefunden, / Die meine Seele sucht;" erschien in Taschenbuch 1778, S. 120-123.

f: "Warnung vor der Wollust" in Gellert 1757, S. 245.