ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Zwei Selbsterfahrungen und eine Krankheitsbeobachtung von Herrn K. in T.

K.

T. den 8ten März 1784.

Auch ich wünsche nicht, wenigstens nicht für alle Fälle, daß die Seele ein Vermögen habe, künftige Dinge vorher zu sehen, oder auch nur zu ahnden. Wenn man doch aber solche Vorgänge an und mit sich selbst erfähret, die ohne dieses Vermögen, oder ohne Annahme einer andren, vielleicht noch kühneren, Hypothese, unerklärbar sind; was dann? Wenigstens mit dem bescheidenen Weisen sagen: Non liquet! a ― Hier sind ein Paar von mir belebte Fälle, für deren Wahrheit ich stehe.*) 1

[24]

Ich studierte in Königsberg, und hatte die Aufsicht über einen reichen Jüngling aus D..., der eine der dortigen Schulen besuchte. Diese Aufsicht brachte mir außer einer freien Wohnung verschiedne Vortheile, ohne welche ich bei den geringen Unterstützungen, die mir mein Vater angedeihen ließ, nicht hätte bestehen und meine Studien fortsetzen können.

Ich mußte eine Reise thun, und während meiner Abwesenheit machte man die Kabale und führte sie auch aus, jenen für mein Bestehen so unentbehrlichen Jüngling anderswo unterzubringen.

Ich behielt aber noch den Vortheil der freien Wohnung auf einige Zeit. Diese ging zu Ende, und einen Tag, da ich meine mässige Mittagsmahlzeit genoß, machte mich der Gedanke bekümmerter und ängstlicher, als je vorhin: wie wirds nun mit dir werden?

Ich überrechnete alle meine Bedürfnisse, und forschte nach Mitteln und Wegen, ihnen allen, oder doch nur den wichtigsten darunter, abzuhelfen. Aber da war kein Mittel zu finden, kein Weg zu sehen.

Die Bekümmerniß und Angst der Seele ward so groß, daß ich mit thränendem Auge gen Himmel aufsah, und das that, was Religion und Noth hieß.

Auf einmal entstand nicht nur Ruhe in meinem Innern, sondern auch eine so gewisse Ueberzeugung, es wird bald, sehr bald Rath zu dem allen werden, [25]wozu du keinen weißt, daß ich aufsprang, Huth und Stock nahm, um in ein Kollegium zu gehen, das in einer Viertelstunde angehn sollte, und hüpfend und singend aus meinem Stübchen eilte.

Vor diesem Stübchen lag ein andres, an dessen verschlossene Thüre hart angeklopft wurde, ehe ich sie erreicht hatte. Ich öfne sie, und sehe einen Postbothen vor mir stehen, der mir einen Brief mit 10 Rthlr. ― für mich, an dem Orte, zu der Zeit (es war 1754) ein wahres Kapital! ― übergab, und darüber quittirt seyn wollte.

Es war ein Brief von meiner Stiefgroßmutter, die mir wohl manches kleine, aber niemals ein so grosses, Geschenk in Gelde, immer nur persönlich, nie mit der Post, gemacht hatte, von mir sonst nie, am wenigsten jetzt um Eines gebeten war, und ihrer, mir bekannten Umstände wegen, um ein so wichtiges weder jemals gebeten worden wäre, noch gebeten werden konnte; die aber an dem Orte zum Behuf des Handels, den sie in ihrer kleinen Stadt trieb, mancherlei zu bezahlen oder einzukaufen hatte.

Der natürlichste Gedanke wäre mithin für mich unter diesen Umständen der gewesen: du wirst diese Summe für sie in einer oder der andren Weise anzuwenden haben, und ein ganz kleiner Theil davon wird für deine Bemühung seyn.

Aber dieses gerade dachte ich nicht, konnte ich nicht denken, sondern das, was das unwahrschein-[26]lichste war: siehe da Rath und Hülfe für deine Noth, und so bald! und Thränen der Freude entstürzten dem Auge.

Nu, sagte der Postbothe mit der befremdensten Miene, das hab ich doch nicht gesehn, daß ein Student weinte, wenn ich ihm einen Wechsel brachte; dieser muß wohl zu klein seyn. ― Freund, antwortete ich, hier ist die Quittung und ein Trinkgeld über das Gesetzte ― und nun schnell herum in mein inneres Stübchen zurück, den Brief aufgerissen und gelesen.

Weil mir, fing er an, der liebe Gott einen unerwarteten Gewinn zugeworfen hat; so schick ich Dir, mein lieber S., etwas davon zu Deinem Bedarf; nimm damit vorlieb, ich geb es aus gutem Herzen. ― ―

Der andre Fall ist folgender. Meine akademischen Umstände hatten sich nicht lange darauf zum Theil durch Veranlassung, obwohl nicht mit gutem Willen, eben derer, die sie vorhin verschlimmert hatten, ungemein verbessert.

Ich bekam im Hause eines französischen Predigers zween Pensionärs zu unterrichten, deren Väter Kaufleute von der Kolonie b waren, und kam dadurch in manche andre Verbindungen, die für mich so vortheilhaft wurden, daß ich keinen Wunsch mehr hatte, als den, in dieser Lage zu bleiben, die, ohne mich zu hindern, den akademischen Studien obzu-[27]liegen, mir Wohlstand, Vergnügen und völlige Zufriedenheit gewährte.

Der französische Prediger ward mir Vater durch Zärtlichkeit, Wohlthun und Fürsorge, und war es so ganz, daß er mich nicht nur kein Bedürfniß wollte haben lassen, sondern auch nicht einmal die Miene eines Menschen, der Eines haben könnte, dem etwas abginge.

Sein Kollege im Amte starb, und hinterließ eine trübsinnige Schwester, und eine wohlversorgte Wittwe, die er durch seinen letzten Willen verpflichtet hatte, jene bis zu ihrem Absterben bei sich zu behalten. Beide blieben das Gnadenjahr über in der Amtswohnung, und zogen hernach zu meinem Wohlthäter, bei dem ich nun mit ihnen bekannt werden konnte.

Weil die Predigerwittwe aus Berlin war, wollte sie mit ihrer Schwägerin dahin zurückkehren. Aber mit in Rücksicht auf diese suchte sie eine Mannsperson zum Begleiter. Schon war so eine gefunden, alles zur Reise veranstaltet, der Tag der Abfahrt angesezt.

Auf einmal zieht mich mein Wohlthäter auf die Seite, und trägt mir die Geleitschaft unter Bedingungen an, die nicht annehmlicher seyn konnten. Freie Reise, hieß es, hin und zurück; Vorschub, alles Sehenswürdige in und um Berlin herum zu sehen; Dank und besondre Vergeltung von der Kolonie; und alle Verbindungen mit allen ihren Vor-[28]theilen bleiben die nämlichen, und möchten wohl noch vortheilhafter werden; da reise nun ein andrer nicht nach Berlin!

Aber ich wollte doch nicht Berlin blos in seinen herrlichen Gebäuden, ich wollte es auch in seinen vorzüglichen, mich interessirenden Männern sehen, lief also zu meinen Professoren, die mir an sie Briefe geben konnten, und bat um welche.

Doktor S.., das wußte ich, hatte dort die wichtigsten Bekanntschaften. Hin also zu ihm! Aber je näher seiner Wohnung, desto langsamer wird der Schritt, je ängstlicher und beklommner wirds ums Herz. Ich stehe still, denke nach, arbeite mich zu beruhigen, setze von neuem an; es wird ärger.

Ich werde unwillig, wills durchaus durchsetzen, bin schon auf der Treppe vorm Hause; die Kniee wanken, die Hand, ich hatte sie nach dem Anklopfen der Hausthüre ausgestreckt, sie wird wie gelähmt. Himmel und Erde liegen auf mir. Ich muß alles Widerstrebens ohnerachtet zurück; nicht ohne Verdruß über mich selbst.

Je weiter vom Hause weg, je leichter wirds ums Herz. Kannst du doch, dachte ich, einen andern Tag hingehn, da du bis zur Abreise einige noch vor dir hast. Aber es ging den andren Tag nicht besser. Ich wohnte damals mit T.., einem meiner besten Freunde, zusammen. Dem erzähle ich den Vorgang, werde aber, da ich ihn für eine [29]warnende Ahndung ausgebe, die es wohl verdiene, beobachtet zu werden, weidlich ausgelacht. Das bitterte.

So willst du nun doch, beschloß ich, koste es was es wolle, zu dem Dokter S.. gehen, und deinen Vorsatz durchsetzen. Es geschieht. Wie? frägt mich der Mann, Sie nach Berlin? da ists ja recht, als ob Gott Sie mir schickte. Ich soll einen Hofmeister dahin schicken, habe dazu keinen, wie er seyn soll, aufgefunden, habe mich auf Sie nicht besinnen können, und nun laufen Sie mir in die Hand. Sie werden schon dort bleiben müssen.

Ich, Herr Dokter, versetzte ich? in Ewigkeit nicht. Denken Sie sich nur meine hier so überaus vortheilhafte Lage. ― Ei, war die Antwort, haben Sie den Artikel von der Fürsehung nicht besser bei mir gelernet? Wissen Sie nicht, daß Sie gehen müssen, wohin Gott Sie schickt? ― Das hieß nun wohl eigentlich; wohin ich Sie schicke, und es war gefährlich, von ihm sich nicht schicken zu lassen, der es damals ganz in seiner Gewalt hatte, einem armen Studenten der Theologie das fidele Consilium*) 2 entweder zu geben, oder zu versagen, welches eben so viel war, als, ihn in ein Amt zu lassen, oder nicht zu lassen.

[30]

Das Uebrige gehöret nicht zu der Absicht, zu welcher dieses erzählet wird. Genug, ich hatte nun die Aufklärung über die Ursachen meiner angstvollen Abneigung, zu dem Doktor S.. zu gehen. Und wie fest ich auch entschlossen war, auf welche Kosten es wolle, das nicht zu thun, was er wollte: so bestimmten mich doch verschiedne hier und in Berlin hinzugekommenen Umstände in Berlin zu bleiben, und Jahre, Gesundheit und Kräfte daran zu geben, um meine Lage da, der in Königsberg gehabten ähnlich zu machen. ―


Ein 78jähriger Bauer und Gerichtsmann zu Neudorf bei Brieg, Samuel Klose, hatte den 5ten Februar noch gedroschen, schlief die Nacht darauf gut, stand den 6ten munter auf, ging auf seinen Hof, und indem er in die Stube zurückgekommen war, ward er plötzlich so sehr krank, daß er gleich zu sterben fürchtete.

Der Gebrauch des Arztes rettete ihn vielleicht vom Tode. Den 2ten März ward er vom Schlage gerührt, und vermogte kein Wort zu reden, noch zu vernehmen, sondern lag ohne Bewußtseyn und Empfindung da.

Beides aber stellte sich bald nach vorgenommenem Aderlaß wieder ein, und den 3ten des Morgens auch die Sprache, nur mit dem sonderbaren Umstande. Er konnte drei ziemlich lange Morgenlieder und die gewohnten Gebethe ganz vernehmlich [31]hintereinander herbeten, allenfalls: in Gottesnahmen und dergleichen Formeln sagen, aber zu den Seinigen konnte er so wenig, als zu Besuchern, auch nur ein paar Worte nach einander vernehmlich und in vernünftigem Zusammenhange reden, geschweige irgend eine, ihm sonst geläufige, Vorstellung seiner Seele ganz und deutlich vortragen.

Er fühlte dieses Unvermögen, weinte oder wurde unwillig darüber, und gab seinen Unwillen durch die Worte, Christus Jesus Gottes Sohn, oder durch andre Ausdrücke zu erkennen. Heute den 7ten März ist sein Zustand noch der nämliche, wobei er seine übrigen Glieder, wie sonsten, brauchen, sich in der Stube bewegen, mit Appetit essen und gut schlafen kann.

Fußnoten:

1: *) Aus einer Stelle dieser Aufsatzes erhellet, daß Herr K. damals, als er dieß erlebte, an Ahndungen glaubte; hieraus ließen sich beide Ereugnisse wohl am besten erklären.
M.

2: *) Zeugniß der theologischen Fakultät, von dessen Beschaffenheit die Abweisung oder Annahme beim Konsistorium abhing.

Erläuterungen:

a: Rechtsbegriff: "Es ist nicht klar."

b: Die Hugenotten, protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich.