ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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V.

Geschichte meiner Verirrungen an Herrn Pastor W*** in H***. a

Probst, Johann Gotthilf

Ich soll Ihnen ein Gemählde meines Lebens aufstellen; soll alle meine Verirrungen und Fehltritte Ihnen treu und aufrichtig erzählen, soll sie in ihren ersten Quellen aufsuchen, die kleinen Triebfedern, die von außen auf mich wirkten, und durch die ich das wurde, was ich bin ― bemerken ― werde ich auch zu diesem schweren Geschäft genug Wahrheitsliebe, genug Scharfsinn, genug Selbstüberwindung besitzen, ohne meine Erröthung ― die eine unausbleibliche Folge davon seyn wird ― zu scheuen? Wird mein starker Trieb nach Menschenbeifall auch dieses zulassen? Und werde ich mich nicht mit niedergeschlagnen Augen Ihnen nahen, wenn Sie nach Lesung dieses meines Geständnisses ― dessen Veranlassung nur Sie wissen, und ― nur Sie interessiren kann ― ausrufen werden: ists möglich! Aber Sie sind auch Philosoph; Ihnen kann ich mich sicherer anvertrauen als ― dem bloßen Handwerkstheologen (verzeihen Sie mir diesen etwas unschicklichen Ausdruck) der sich nie in das Heiligthum menschlicher Schwäche gewagt, noch ihre Triebfedern hat kennen lernen, und der mit kaltem Herzen den Bannstrahl des Gesetzes auf den Unglücklichen loßschleudert ― ohne etwas zu seiner [37]Rettung zu unternehmen. Da, wo Ihr Herz ― bei dem ersten Anblick ― wird richten wollen, wird Ihre Vernunft entschuldigen. Hochschätzen werden Sie mich vielleicht ― ohne eine höhere Hülfe ― nie können; aber, bemitleiden werden Sie mich. Und dieß ist es auch alles, worauf ich Tiefgesunkener werde Rechnung machen dürfen; mein Stolz empöre sich auch noch so sehr dagegen.

Ist es wahr, daß der Weg der Heiligung erst durch die oft traurigen Gefilde der Erfahrung geht? Ist es wahr, daß das Gefühl der Fehltritte und ihrer Folgen bei manchem Unglücklichen eher den Willen lenkt, als die kräftigste Ueberzeugung des Verstandes? Sucht die Vorsehung ihre in der Erziehung verwahrlosete Geschöpfe selbst zu erziehen, indem sie es zugiebt, daß sie sich auf mancherlei Weise erst verirren, und daß auch in diesen Verirrungen die große Absicht des Ewigen nicht fehlschlägt? (denn von einem so weisen Erzieher, der nie durch Kurzsichtigkeit und Uebereilung getäuscht werden kann, läßt sich alles hoffen) o so ist wohl noch Hofnung für mich übrig, und ich darf nur einmahl wieder Ruhe genießen; ich darf nur jetzt aus meiner traurigen Lage herausgerissen werden, um alle meine traurigen Erfahrungen alsdann auf mein Herz und Geist anwenden zu können. Ich getraue mir alles auf meine fehlerhafte Erziehung zurückbringen zu können, denn ich glaube, ich würde mir nie so manches haben zu Schulden kommen [38]lassen, (aller Dazwischenkunft fremder Ursachen, die mich oft bestimmten, ohngeachtet) wenn meine Anlagen, die gut sind, nicht eine schiefe Richtung erhalten hätten. Doch es ist Zeit, daß ich nun meine Geschichte selbst anfange.

Ich wurde zu H*** den 21sten August 1759 mitten unter den Troublen des siebenjährigen schlesischen Krieges gebohren. Mein Vater war ein Weinhändler, der zwar nicht reich, doch auch nicht arm war, so daß er hoffen konnte, seine Kinder, deren er aus der zweiten Ehe (denn die aus der ersten waren nicht mehr am Leben) drei hatte, ehrlich erziehn zu können. Allein eben dieser verheerende Krieg zerrüttete bald seine häußlichen Glücksumstände. Unser Haus war am Anlauf; und folglich bei jedem feindlichen Ueberfall immer das erste Opfer. In zwei unglücklichen Abenden hintereinander wurden für 2000 und etliche hundert Thaler der theuersten Weine ein Raub der Feinde, die ihn theils aussoffen, theils auf die Erde laufen ließen, theils mitnahmen, nachdem sie den Fässern den Boden ausgeschlagen hatten. Mein Vater hatte flüchten müssen, weil sie ihn einigemahl sehr hart mit Schlägen behandelt hatten, und einer von den Kroaten hatte schon einmahl den Säbel aufgehoben gehabt, um ihm auf seine Weigerung, keinen Wein mehr herzugeben, ein Merkzeichen zu geben, wenn meine Mutter ihm nicht mit bloßen Händen in den Säbel gefallen, und ich und mein ältester Bruder uns nicht [39]um die Knie dieses Barbaren geschlungen, und um das Leben unsers Vaters geflehet hätten, der unterdessen Zeit gewonnen hatte, zu entspringen. Ohne aber gerührt zu werden, schleuderte er uns von sich, stieß meine Mutter zu Boden und eilte meinem Vater nach, der aber schon in Sicherheit war. Nun kam er zurück, und zwang meine Mutter mitzugehen. Noch einige seines Gelichters hängten meiner Mutter, die hoch schwanger ging, vierundzwanzig Feldflaschen um, und stürzten sie damit eine vierundzwanzig Stufen hohe Treppe hinunter, doch ohne ihr den mindesten Schaden zuzufügen. ―

Meine Eltern, die beide sehr gute Herzen, vielleicht zu gut, haben, thaten vielen Armen Gutes, borgten und liehen viel aus; ein Wort, ein Handschlag war ihnen genug, und ― wurden betrogen. Unser Weinlieferant, der meinem Vater immer für einige tausend Thaler vorstreckte, hatte den größten Nutzen davon, wenn viele Necker und Rheinweine abgingen; allein da der König gleich nach dem Kriege einen außerordentlich starken Impost darauf legte, so stieg natürlich der Preis derselben beim Wiederverkauf ziemlich hoch, und die Folge davon war: sie wurden hernach weniger gekauft. Da mein Vater aber natürlich darunter litt, so verschrieb er sich französische Weine, die viel wohlfeiler an Ort und Stelle ― und auch in Ansehung der Auflage waren. Darüber wurde der Lieferante genöthiget, meinem Vater das Conto [40]aufzusagen, weil er keinen Nutzen davon hatte. Allein mein Vater mußte sich auch nun mit ihm abfinden, und er that es auf eine solche Art, daß er sich gerade ganz erschöpfte ― denn jetzt fühlte er die Folgen des Krieges erst deutlich.

Er gab also seinen Weinhandel auf, rafte den Rest seines Vermögens zusammen und kaufte sich in der Vorstadt ein Gartenhaus, in Willens daselbst einige Wirthschaft zu treiben. Er hatte auch die Freiheit Wein zu schenken, so daß er hoffen konnte, sich ohne großes Geräusch, und hoffentlich ohne Furcht vor großem Verlust, gut zu nähren. Ich und mein Bruder waren bisher in eine Winkelschule gegangen, deren Lehrer aber um eben die Zeit verstarb, als diese Veränderung vorging. Das 1765ste Jahr aber war für mich ein unglückliches Jahr, und mit diesem wurde der Grundstein zu meiner künftigen unglücklichen Lage gelegt. Da uns unsre Eltern sehr liebten, so verstatteten sie uns alles, was uns unsre jugendliche Munterkeit eingab. Sie ließen es uns an nichts mangeln, und eben daher schreibt sich in der Folge meine wenige Kraft her: mir einen Wunsch zu versagen ― doch ich schweife aus. Man sagt: ich sei in der Jugend ein sehr schönes Kind gewesen, und meine Munterkeit hätte mir viel Freunde erworben. Diese hätte mich mit Näschereien überhäuft, mich oft mit dem stärksten Weine überladen, und da-[41]durch den Grund zu dem Unglück gelegt, welches mich in diesem Jahr traf.

Dieses Jahr wütheten die Pocken b ganz entsezlich. Da nun mein kleiner Körper viel böse Säfte in sich enthielt, so konnte auch ich nicht von diesem Uebel befreiet bleiben. ― Siebzehn Tage lag ich blind, und in dieser Zeit schwebte ich immer abwechselnd zwischen Leben und Tod. Dazu kam ein entsetzlicher Durchlauf, der nicht zu tilgen war. Schon war ich dem Tode nahe: denn der Brand wüthete schon in meinem Innersten ― als sich auf einmal ― ich weiß nicht mehr wodurch ― der Durchlauf stillte, die Hitze sich legte, und ― Ruhe bekam. Endlich öfneten sich auch meine Augen wieder ― aber welcher Schreck für meine Eltern und ― für mich: ich hatte ein Auge verlohren. Aus Unvorsichtigkeit schrie meine Mutter überlaut und machte mich gleichsam darauf aufmerksam, da ich immer noch wie betäubt gelegen hatte. Ich probierte und ― ich konnte nur mit einem Auge sehen. Ich schrie nach einen Spiegel; man brachte mir einen ― und o wie wurde meine kleine Eitelkeit gedemüthiget, da meine Schönheit verschwunden war. Ich erinnre mich noch gesagt zu haben; nun bin ich nicht mehr der schöne C., nun wird mir Niemand mehr gut seyn, und gleich darauf fing ich an bitterlich zu weinen.

Ich wurde wieder zusehends schlechter, so sehr hatte mir dieser schnelle Auftritt geschadet. End-[42]lich erholte sich meine gute Natur doch wieder, und ich wurde, nachdem meine Krankheit volle dreiviertel Jahr gedauert hatte, wieder gesund.

Durch die Veränderung unsrer Wohnung und unsrer übrigen Verhältnisse erfolgte auch eine in Ansehung unsrer Erziehung. Hatten wir vorher viel Willen und Freiheit gehabt, so hatten wir jetzt noch mehr, da unser Vater jetzt wegen seiner neuen Einrichtung selten um uns seyn konnte, und meine Mutter ― eine außerordentlich nachgebende gütige Frau ― die ihr größtes Vergnügen darin findet, allen Menschen zu Willen zu leben, und etwas zu ihrem Vergnügen beizutragen, versagte auch hier uns keine unsrer Bitten. ― Da wir ziemlich entfernt wohnten, so waren uns die öffentlichen Schulen ziemlich weit ― doch besuchten wir sie zuweilen ― und in dieser machten wir allerlei Bekanntschaften. Unser Obst, das wir immer mitnahmen, machte uns viel Tischfreunde. ― Einer darunter zeichnete sich vorzüglich aus, indem er unsre Freundschaft mehr als andre suchte. Er hat vielen Einfluß in mein folgendes Schicksal gehabt; deswegen muß ich ihn mit in meine Geschichte, ohne seinen Nahmen zu nennen, einführen. Ich thue dieß aus Ehrfurcht für das Amt, das er bald willens ist zu bekleiden; eigentlich verdiente er es eben nicht: denn er hat viel zu meiner Verschlimmerung beigetragen, und das aus wirklich bösem Herzen: denn er war schadenfroh, diebisch, neidisch, verläumderisch und [43]im höchsten Grad eigennützig, ob er gleich ein vortrefliches Genie und viele gute Talente hatte, die er aber immer zur Verspottung anderer anwendete. Sein Witz war unerschöpflich, immer an einer Sache eine Täuschseite zu finden, und da er von Natur beredt war, so konnte er sich in die Gemüther einschleichen, ehe man es gewahr wurde.

Es ist bei dieser Schule die Einrichtung, daß die Schüler sich des Sonntags zu einer Art Gottesdienst versammlen müssen. Wer nicht kam, mußte sich den Montag bei dem jedesmaligen Aufseher der Schule melden, und ohne zu untersuchen, ob triftige Gründe des Außenbleibens da waren oder nicht, wurde der Außengebliebne von dem damaligen Aufseher immer bestraft. ― Da es nun unsre häußlichen Einrichtungen gewissermaßen unmöglich machten, daß wir alle Sonntage diesen Gottesdienst besuchen konnten, so wartete immer ein Puckel voll Schläge auf uns. Mein Bruder, der sich mehr davor fürchtete als ich ― (weil ich das Unbesonnene dieses Verfahrens schon damals in seinem ganzen Umfange einsahe, und dieses Einsehn bewirkte bei mir eine gewisse Verachtung und Geringschätzung dieser Schläge; es gab meiner Seele einen gewissen Schwung, der mich zu gewissen Zeiten unempfindlich dagegen machte) mein Bruder also beredete mich immer des Montags an seiner Statt hinzugehen, und gleichsam auch für ihn die Strafe auszustehen. Aber ich war auch nur zu gewissen [44]Zeiten unempfindlich; je nachdem meine Seele gestimmt war. Zu einer andern Zeit wars auch mir wieder unerträglich. In einer solchen Laune beredete ich meine Mutter an einem solchen Tage mir ein Schnupftuch voll Aepfel mitzugeben, weil ichs probieren wollte, ob sich unser gestrenger Herr Aufseher bestechen ließe. Und es gelang mir. So oft ich nun ein Tuch voll Obst mitbrachte, geschahe mir nichts: bliebs aber einmahl außen, so zog sich geschwind wieder ein Ungewitter über meinem Puckel zusammen. Meine Verachtung gegen diese Schule stieg nun von Tage zu Tage, und weil ich vielen Unsinn darinn wahrnahm, so wurde sie mir bald verleidet. So wie nun die Zeit herannahete, daß das Obst alle wurde, so ging meine Noth wieder an. Ich frug meinen N*** (so will ich ihn nennen, mit welchem ich auf dieser Schule in Bekanntschaft gerathen war) um Rath, und er gab mir den Rath: ich sollte hinter der Schule weggehen. Das that ich nicht nur an diesem Tage, sondern auch öfters, und nicht selten war N*** mein Begleiter. ― Und die Folge davon war? ― die Zukunft soll es entwickeln.

Um diese Zeit fingen die Umstände meiner Eltern an schlecht zu werden. Die Ursach war: die neue Einrichtung der Königl. Accise-Verordnung. Dieser nach durfte keiner, der eine Thüre auf das Feld hatte, sie offen halten, sondern sie wurde verschlossen oder zugemauert. Und gerade dieser Fall, [45]nebst dem Verbot, Wein zu schenken, und der theure Preiß desselben waren die Ursache, daß unsre Nahrung ins Abnehmen gerathen mußte. ― Ich kann mich vieler Ursachen wegen nicht darüber bestimmter erklären, so gern ichs auch wollte ― und eile noch mehrere Ursachen von dem Verfall unsres Glücks anzugeben.

So ging es einige Zeit, bis sich die entsetzliche Theurung 1772 c dazu gesellete. Hier war mein Vater genöthiget, hintereinander zwei Capitalia, jedes von 200 Rthlr., aufzunehmen. Unser Eigenthum war baar bezahlt mit 660 Rthlr., und beinahe eben so viel hatte mein Vater daran gewendet, um es vollends auszubauen und zu seinem Zweck einzurichten. Zum Unglück hielt die Theurung sehr lange an, und da unsre Nahrung durch obigen Fall einen entsetzlichen Stoß gelitten hatte, so war auch nun mein Vater nicht einmal im Stande, die landüblichen Zinsen zu geben. Ohne daß unsre Schuldener Nachsicht mit uns in einem so entsetzlichen Zeitpunkt gehabt hätten; so forderten sie vielmehr mit der größten Härte Capital und Interessen. Nun waren in so bedrängten Zeiten die Grundstücke damals im außerordentlichem Verfall; niemand wollte etwas darauf leihen. Es kam also zum Anschlag. Nirgends fand sich ein Helfer, der sich unsrer erbarmt hätte, und bei solchen bangen Aussichten in die Zukunft war nun vollends an kein Schulgehen mehr zu gedenken. Jetzt waren [46]wir uns also die meiste Zeit selbst überlassen. ― Denken Sie sich nun diese Freiheit, diesen Müßiggang, immer noch unter der Gesellschaft unsres bösgesinnten leichtsinnigen N***, und es wäre ein Wunder, wenn es nicht für mein feuriges lebhaftes Temperament (für das Temperament meines Bruders hatte es nicht solche schädliche Folgen, denn das war schon träger, gelassener) schlimme Wirkungen gehabt hätte.

Ein halb Jahr vorher, ehe dieses sich ereignete, waren wir von dem jetzt verstorbenen Prediger S** zum Abendmahl zugelassen worden, nachdem er uns zwei Jahr dazu präparirt hatte. Ich war unter allen im Antworten der Fertigste; dieß mochte auch den guten Mann bewogen haben, mich im 13ten Jahre schon loszusprechen. Allein dieser Unterricht ist eine mit von den Ursachen meiner Gleichgültigkeit gegen gewisse Wahrheiten der Religion, die bloß das Gedächtniß, am wenigsten der Verstand gefaßt hatte. Ich war zu flüchtig, als daß seine Methode tiefen Eindruck auf mich hätte machen können; denn der gute Mann besaß die Kunst nicht: die Wahrheiten der Religion auf einer liebenswürdigen Seite meinem Herzen zu empfehlen. In der Schule hatte ich einen schlechten Grund gelegt; da hätte es nun hauptsächlich vom Prediger geschehen sollen. Und so wurde ich denn der weder kalt noch warme Christ, der bei reifern Jahren leichtsinnig genug war, sich über die göttlichen Gesetze hinwegzusetzen, zwar kein [47]Bösewicht aus Grundsätzen wurde ― denn dazu hatte ich zuviel gutes Herz ― aber doch immer ein Spiel der Leidenschaften war, die mich immer wie ein Strom mit sich fortrissen. ―

Nach vielen vergeblichen Bemühungen von Seiten meines Vaters Geld zu borgen; nach den dringendsten Vorstellungen bei seinem Bruder, der ein wohlhabender Mann ist, ihm das Geld vorzustrecken, damit er es hernach aus freier Hand hätte verkaufen können, und der es vielleicht gethan hätte, wäre seine Familie ihm nicht zuwider gewesen ― erfuhr er endlich, daß ein gewisser Kaufmann Gelder ausleihen wollte. Er ging zu ihm und besprach sich mit ihm; dieser kam und besahe es: es gefiel ihm. Kurz er versprach es meinem Vater. Noch waren drei Termine und der letzte ― der Adjudications-Termin. d Auf diesen wollte er das Geld zahlen. Zutraulich verließ sich mein Vater auf sein Wort, und schlug ein andres Anerbieten, das ihm gethan war ― zuversichtlich aus. Mein Vater machte nunmehro schon wieder Anschläge, wie er sein künftiges Hauswesen einrichten, und die unnöthigen Ausgaben einschränken wollte. Er faßte Entschließungen unsertwegen. Mein Bruder wählte, da er älter war, die Jubelierkunst, und zeigte darinnen viel Talente; ich war damals vierzehn Jahr, und noch war ich unentschlossen, auch war es immer noch nicht zu spät.

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Der Tag kam, der unser Schicksal entscheiden sollte. Den Abend vorher kam der Kaufmann, und meldete meinem Vater: er könnte das Geld nicht zahlen, weil er das Geld, worauf er gerechnet hätte, nicht einbekommen. Denken Sie sich unsren Schreck, und das Entsetzliche, daß unser wartete. Diese Nacht war eine erschreckliche Nacht für uns. Unter Seufzern und Thränen und Händeringen wurde es endlich Tag. Mein Vater ging nun vor Gericht ― und durch einen gewissen Gerichts-Consulenten erstand der Kaufmann das ganze Werk für 530 Rthlr. Mein Vater protestirte und erzählte die ganze Sache ― allein man hieß ihn schweigen. Das Geld wurde gezahlt, die Creditores befriediget, und ein Ueberschuß von etlichen 30 Rthlrn. meinem Vater eingehändiget. Ein entsetzlicher Abschlag von einem Werk, das beinahe 1200 Rthlr. gekostet hatte!

Wir alle schauderten, als mein Vater zu Hause kam, und uns nun den Mann, auf den wir uns so sicher verlassen hatten, näher kennen lehrte. In der Folge sahen wir es noch besser ein: denn ein Vierteljahr darnach mußten wir heraus, und er war so hart, daß er uns nicht einmal die Obst-Erndte noch überließ, sondern sie sogleich im Ganzen für 50 Rthlr. verkaufte. ― Acht Tage nach diesem schrecklichen Tage kam ein gewisser P., der es noch nicht wußte, daß das Werk nicht mehr unser war, und bot meinem Vater 1000 Rthlr. Wie [49]sehr dieser redliche Mann erschrack, ist nicht zu beschreiben, da er erfuhr, daß wir auf eine so schändliche Art darum waren betrogen worden.

Zwar rieth dieser Mann meinem Vater den Proceß wieder unsern schleichenden Betrüger fortzusetzen; allein, theils neigt sich meines Vaters Charakter sehr zu einer gewissen Furchtsamkeit, die bei der geringsten Wiedersetzlichkeit von außen, gleich bis zur gänzlichen Muthlosigkeit herabsinkt; theils mochte der Gedanke: was richtet ein armer zu Grunde gerichteter Mann gegen einen reichen Bösewicht aus, der einige 20 000 Rthlr. zu Befehl hat ― ihn besonders abschrecken. Schade! daß es jetzt nicht hat geschehen können, bei unsrer neuen Justitz-Verfassung. Ich hätte mich zu den Füssen des Königs geworfen, und ihn um Gerechtigkeit so lange geflehet, bis er mich erhöret hätte. Und ich weiß es, daß Friedrich keineswegs einen solchen Bösewicht, der eine ganze Familie (die ihn nie beleidiget hatte, noch je was schuldig gewesen war) in die bitterste Armuth stürzte, ungestraft gelassen hätte. ―

Doch ich muß auch das nachholen, was eigentlich mich angeht. N** hatte eine Schwester, die von einem Officier geschwängert wurde. Ihr Vater wollte ihre Niederkunft in seinem Hause nicht gestatten; der Officier kam also zu meinem Vater (ein halb Jahr vorher, ehe wir gänzlich ruinirt wurden) und bat ihn, daß er sie doch einnehmen [50]möchte. Mein Vater weigerte sich aus gegründeten Ursachen lange ― allein das Königl. Gebot: solche Personen einzunehmen, und sein Mitleid, stimmten ihn bald um. Sie zog ein, und nun waren ich und N** vollends unzertrennlich. ― Die Zukunft zeigte, wie schädlich dieses für mich war. ―

Da ich nichts zu thun hatte, und meine geschäftige Seele nicht lange müßig seyn konnte, so verfiel ich aufs Lesen. Romane und Robinsonaden ― je wunderbarer, je schlüpfriger, je besser. Dadurch wurde meine Einbildungskraft mit wunderbaren und wollüstigen Bildern angefüllt. Bald suchte ich wirkliche Gegenstände, und ― die Gelegenheit hatte ich im Hause. ― Die Schwester des N** war ein junges koquettes Ding von siebzehn Jahren. Sie war eigennützig und ― spröde. Ich wurde bald heftig verliebt. Und da N** seinen Vortheil dabei hatte, und mir mein Geheimniß bald abgemerkt hatte, so wurde er mein Vertrauter. Ich fühlte durch das häufige Lesen in mir Triebe erwachen, die ich vorher nicht gekannt hatte, und selbst da, wo die Beziehung nur entfernt war, zauberte sich meine schöpfrische Phantasie Wirklichkeiten hin. Da ich wirklich wollüstige Absichten auf N** Schwester hatte, so suchte ich zu meinem Zweck zu gelangen. Aber wie sollte ichs machen? Ich hätte ihr gerne was geschenkt, und hatte doch nichts, und auf andere Art wuste ich nicht [51]mein Ziel zu erreichen. Ich klagte ihrem Bruder das, was mich drückte. Er wußte bald Rath, denn er rieth mir, etwas von meiner Eltern Sachen, die sie nicht sogleich wüßten, zu verkaufen. Mein Vater hatte ziemlich gute Bücher, und über diese geriethen wir. Er verkaufte sie; brachte mir dafür was er wollte, und ― für das übrige kauften wir einige Galanterien, und was übrig blieb, wurde vernascht.

N** Schwester nahm immer ohne zu fragen: woher? und nach drei ganzen Jahren, nachdem man mich zu vielen Diebstählen an meinen armen Eltern verleitet hatte ― war ich immer noch weit vom Ziel entfernt. ― Dieß zog eine andre schlimme Folge nach sich: ich fing an die Selbstbefleckung zu treiben: denn meine Triebe verlangten Befriedigung, weil sie durch den Widerstand desto stärker wurden. ―

Mein Vater kam am Ende hinter meine Streiche, und zwang mich durch harte Mittel das Haus zu meiden, das ihm so viel gekostet hatte. ― Und doch bin ich nicht der Einzige, mit welchem sie so gespielt hat. Den Sohn eines ― hat sie durch ähnliche Streiche so weit gebracht, daß ihn sein Vater fortjagte und ― enterbte.

Die Bekanntschaft mit der Schwester war zwar nun aufgehoben, allein mit dem Bruder dauerte sie noch. So lange er etwas bei mir merkte, verließ er mich nicht. Er kannte meine Triebe und lenkte sie bald durch seine Vermittelung auf ei-[52]nen andern Gegenstand. Es war ein gemeines Gassenmädchen, und wir hielten sie uns gemeinschaftlich ― natürlich immer noch auf meine Kosten, bis alle Quellen erschöpft waren. Sobald N** das merkte, fing er mich an zu meiden und sich andre Bekanntschaften zu suchen. Begegnete ich ihm dann, so that er als kennete er mich nicht; sprach von mir das allerschimpflichste; spottete öffentlich über mein Gebrechen, und wurde nun mein offenbarer Feind. ―

Er frequentirte immer noch die Schule, und ging endlich auch ab. Ich hingegen war immer noch der Elende, der mit genauer Noth schreiben konnte. Die Noth meiner Eltern fing nun an sehr groß zu werden. Ohne Einnahme mußten sie alles verkaufen, was sie hatten, um sich das Leben zu fristen. Mein Bruder, der nun bald ausgelernt hatte, trug einen tiefen Gram über den schlechten Zustand seiner Eltern bei sich herum. Auf mich machte es nur so lange Eindruck, als ich zu Hause war, und das Elend sahe; ich war zu flüchtig, um mich darüber sehr zu betrüben. Meines Bruders Charakter neigte sich zu einer stillen Melancholie, die nur zu weit in die Zukunft sahe. Da er gar keine Aussichten zu einiger Unterstützung weder für sich noch für seine Eltern voraussahe, so setzte sich dieser Gram immer fester und nagte so lange an seinem Herzen, bis er im 18ten Jahre ein Opfer desselben wurde. Er hatte ein sehr gutes Herz, war [53]sparsam, mäßig und arbeitsam, auf ihn hatte also die fehlerhafte Erziehung nicht die schlimme Wirkung gehabt, als auf mich ― und doch war sie dieselbe; derselbe Umgang. ― Kommt nicht erstaunend viel darauf an, aus welchem Zeuge der Mensch gebildet ist? Und wird dies angebohren? Wahrscheinlich! also ist mir ja auch nicht so viel zuzurechnen: denn das ich just so ein Temperament, solch Blut erhielt; hab' ich dazu durch meine freien Handlungen etwas beigetragen? Diese Gedanken hatten sich in einigen Jahren ziemlich bei mir festgesetzt, und wurden die Quelle, woraus ich Entschuldigung für manchen Fehltritt ― und Nahrung für meinen Leichtsinn schöpfte. ―

Ich beschloß mich nun zu etwas zu entschließen, da es nirgends mehr mit mir fort wollte. Ein Handwerk zu lernen ― ich ging sie alle nach der Reihe durch ― zu keinem hatte ich innern Trieb. Ich habe mir diesen Widerwillen gegen alles, was dem Menschen mechanisch wird ― immer nicht recht zu erklären gewußt. War mir die Beschäftigung zu einfach? Das ewige Einerlei der mehresten Handwerker zu ermüdend? Oder war es Stolz; oder vielmehr ein unbekannter vielleicht noch unentwickelter Trieb zu höhern Beschäftigungen des Geistes? Wahrscheinlich ist mir das letzte in der Zukunft geworden ― ob ich gleich es nicht gewiß behaupten kann. Indessen legten es meine Anverwandte für wirklichen Stolz aus. Diesem wahren und auch nicht [54]wahren Urtheil zu entgehen, und weil es doch auch nun Zeit war, einen gewissen Stand zu wählen, wählte ich die Chirurgie. Vermuthlich, weil dieser Stand in seiner eigentlichen Bedeutung ― weniger ermüdend zu seyn schien, und, weil ich vielleicht in meinen Robinsonaden gelesen hatte, daß ein Schifschirurgus sein Glück machen könnte. Mein Ziel war also zur See zu gehen. Ich kam acht Tage auf die Probe. Mein Gesicht wurde probiert ― und für gut befunden ― weil ich im Stande bin, die Gegenstände in der Entfernung einer halben Stunde nicht bloß klar, sondern auch deutlich anzugeben. ― Es war an dem, daß ich aufgedungen werden sollte; als ein andrer kam und mich ausstach.

Damals murrte ich zum erstenmahl wider Gott, daß er mir ein körperlich Leiden aufgelegt hatte, welches jetzt zum Vorwande dienen mußte, daß ich nicht angenommen werden konnte. Allein nachher erfuhr ich, daß bloß das daran schuld gewesen war, daß ich kein Lehrgeld geben konnte. Hier war denn also der erste Strich durch meine Rechnung gemacht, und ich wußte nicht, was ich anfangen sollte.

Nach vielem Hin- und Hersinnen wünschte ich irgendwo Schreiber werden zu können. Aber meine Hand war schlecht; wer konnte mich brauchen, da ich nicht einmahl Rechtschreibung verstand? Ich fing an mich zu üben; las Bücher und bemerkte [55]darinnen, was groß und klein geschrieben wurde. Daraus schloß ich: alles was groß gedruckt sei, sei ein Stammwort; die übrigen ließen sich von jenen herleiten; müßten also klein geschrieben werden. Ich bemerkte, daß allemal nach einem Punktum ein großer Buchstabe folgte. Die mehresten Schwierigkeiten machten die Zeichen ? ! ; : , doch lernte ich ihren Gebrauch eher, als ich ihren Nahmen kannte. Ich fing an mich im Briefschreiben zu üben. Doch ich merkte bald selbst, daß es mir an Ausdruck fehlte. Mein gesundes, richtiges Gefühl sagte mir immer selbst, ohne daß ich mir die eigentliche Ursach anzugeben wußte: dieses sei schlecht; jenes leidlich. Die Eigenliebe in diesem Fall ist nie mein Fehler gewesen. Und da ich meine Schwäche kannte und mich oft vor mir selbst schämte, so wurde dieß ein Sporn, mich zu vervollkommnen. Ich lieh mir vom Antiquar Bücher. Die Kosten bestritt ich von dem, was ich mir zurückbehielt, wenn ich was für meine Eltern verkaufen mußte. ― Allein, ich las bloß Romane, die wunderbar waren. Freilich mitunter auch manche gute. Allein, da ich keine Auswahl kannte, so hatte es immer Schaden für mein Herz, ob ich gleich mehr Sachkenntniß bekam.

Um diese Zeit zog ein Student, ich will ihn S** nennen, in das Haus, wo wir wohnten. Ein Mensch von den herrlichsten Talenten, sehr guten und oft großmüthigen Herzen; aber äußerst [56]leichtsinnig, verschwendrisch und stolz. Wir wurden bald gute Freunde. Er war einiger Streiche wegen von der H. Schule weggejagt worden, und kam ohne Wissen seines Vaters auf die Universität. Ein ganzes Jahr hatte er schon das äußerste Elend erlitten, bis sich sein Vater über ihn erbarmte und ihm einiges Geld schickte. Allein, das war zu wenig für einen bis zur Verschwendung freigebigen Menschen. Da er aber überall sich beliebt zu machen wußte, so borgte ihm jedermann, und er nahm es, ohne zu wissen, wovon er bezahlen sollte.

Da meine Hand jetzt etwas leidlich wurde, so verschafte mir S** einige Collegia abzuschreiben. Er theilte immer sein weniges, was er hatte, so oft er sahe, daß ich Mangel litt, gern und willig mit mir. So vergingen einige Jahre unter mancherlei Abwechselungen, unter Kummer und Sorgen, und unter allem, was die Armuth Schreckliches in ihrem Gefolge hat.

Nach Verlauf von dritthalb Jahren hatte S** 100 Rthlr. Schulden, und ― keine Hofnung, sie je bezahlen zu können. Er wollte eben H** verlassen, als er plötzlich Nachricht von seinem Vater erhielt, daß er sich wieder verheirathet hätte, und daß seine zukünftige Mutter seine Schulden bezahlen wollte. Mit Entzücken denke ich mir auch noch jetzt seine Freude, da er nun bezahlen konnte. Sein Herz war immer weit vom Betrug entfernt, so leichtsinnig er auch Schulden machte. Dieß hat [57]er noch vor einigen Jahren bewiesen, da er noch zwanzig Rthlr., die seine Mutter nicht bezahlt hatte, nebst der Interesse ersetzte. ― Er ging nach Hause, und da er gut französisch sprach und ziemliche Fertigkeit auf dem Clavier hatte, so kriegte er bald Condition, und jetzt ist er mit einem gewissen Großen auf Reisen.

Er hat viel zur Bildung meines Verstandes beigetragen, doch habe ich ihm auch einige Zweifel in Absicht der Religion zu danken. ― Er hatte in allen nur fünfviertel Jahr Collegia besucht; die mehresten hab' ich ihm abgeschrieben und nachgeschickt. Jetzt ist er schon examinirt, und auf ihn wartet eine der besten Pfarren, sobald seine Reisen geendiget sind.

Durch ihn bekam mein Geschmack in der Wahl der Bücher eine andre Wendung. Vorher hatte ich nur Romane gelesen, und Reflexion und Moral immer überschlagen, weil mich nur das Historische vergnügte. Allein auf einmal bekam ich Geschmack daran. Die Elogen, die S** oft meinem natürlich guten Verstande machte, mochten wohl Eindruck auf mich gemacht und meinen Ehrgeitz angefacht haben. Da ich vorher nur flüchtig über alles, was Nachdenken verursachte, hinweggeschlüpft war, so bedurfte es just einer solchen Erschütterung, um mich darauf aufmerksam zu machen. Und meiner richtig gestimmten Seele konnte das wahre Schöne nicht lange fremd bleiben. Vor-[58]her mochte die Schreibart so elend sein als sie wollte, jetzt fing sie mir an zum Eckel zu werden. Ich verlangte nun Schönheit im Ausdruck, ob ich gleich mir keine Rechenschaft geben konnte: warum mir etwas gefiel oder nicht gefiel? ― Da ich aber keinen Wegweiser mehr hatte, so verfiel ich aufs Schwülstige, Erhabene. Daran hatte ich lange Geschmack, und meine Briefe, die ich an meinen Freund schrieb, sind die redenden Beweise davon: denn sie sind voll von entlehnten hohen und erhabnen Phrasen, die oft der Sache gar nicht angemessen waren.

Endlich sahe sich meine nun angefachte Wißbegierde nach mehrern Gegenständen um. Ich hatte durch das Collegien-Schreiben manches behalten, manches durchdacht; es waren in denselben viel theologische Bücher citirt, auf die ich aufmerksam gemacht wurde. Hier und da erwischte ich denn manches, allein ich las sie mit mehr Schaden als Nutzen. Weil mir zu viel Vorerkenntnisse fehlten, und ich daher das Ganze nicht überschauen konnte, so konnte es nicht fehlen: ich mußte irren und in mancherlei Zweifel verfallen; zum Unglück mußten immer meine Zweifel auf gewisse moralische Wahrheiten Einfluß haben, deren Gewißheit dadurch erschüttert wurde, und da ich von Natur leichtsinnig bin, so hatte es für meine Sitten die schlimmsten Folgen.

Mein Herz war damals weder gut noch böse. Oft regten sich zwar in mir gewisse Triebe, allein, [59]da es mir an Gelegenheit fehlte, so war mein Leben ziemlich einförmig. Ich hatte auch zu viel mit meiner Armuth und Bedürfnissen zu kämpfen, daß ich daher selten daran dachte. Dabei las ich viel, und da ich ― so flüchtig ich auch bin ― mit ganzer Seele beim Lesen bin, sobald mich der Gegenstand nur interessirt, so war meine Seele immer zufrieden, und ich habe bemerkt, daß ich nur dann am ersten mich verirrte, sobald ich geschäftloß war.

Jetzt hatte ich in langer Zeit nichts mehr zu schreiben gehabt, und die Noth und der Mangel drängten sich wieder von allen Seiten herein. Wir hatten oft in zwei Tagen kein Brod. Ich wußte nicht mehr, was ich anfangen sollte. Ich sann auf Mittel, meiner Noth ein Ende zu machen, und doch wußte ich nicht, wie? Endlich entschloß ich mich, Schulhalter zu werden. Ich entdeckte mich Herrn P** und dieser wirkte mir die Erlaubniß aus. Im Anfang ging es recht gut; ich hatte den Winter durch über vierzig Kinder. Zwei Monathe lang bekam ich mein Geld so ziemlich richtig, so, daß ich ungefähr wöchentlich 1 Rthlr. einnahm. Davon mußte ich aber wöchentlich 6 Gr. für die Stube geben, die ich gemiethet hatte. Von achtzehn Groschen sollten nun drei Personen leben; ich sollte mich kleiden. Den ganzen Tag mußte ich darauf wenden; nebenbei konnte ich nichts verdienen. Und wenn die Stunden vorbei waren, war ich müd' und verdrossen. Zwei, höchstens drei Tage hatte [60]ich was zu essen; die andern Tage sollte ich mit nüchtern Magen unterrichten. Dazu kam noch mancher Verdruß von Seiten der Eltern. Bald war ich ihnen zu strenge, bald zu gelinde. Nach Verlauf dieser zwei Monat fingen sie auch an das Schulgeld schuldig zu bleiben, mahnte ich sie, so wurden sie grob und ― schickten sie nicht wieder. Die Anzahl wurde immer kleiner, und um Fastnacht, so wie anfing gut Wetter zu werden, brauchten viele Eltern ihre Kinder zu Hause und auf dem Felde, und ich hatte kaum noch achtzehn. Nun überstieg bereits der Stubenzins die Einnahme. Ich mußte Schulden machen, ich mochte es anfangen, wie ich wollte. Wahr ist es zwar, daß ich allein wohl gesehen hätte, wie ich mich hätte hingebracht; allein wie konnte ich meine arme hülflose Eltern, denen ich das ihrige auch mit aufgezehrt hatte, verlassen? Mein Kummer war damals sehr groß, und der Gedanke: was nun meine Bekannte sagen würden, wenn ich nun wieder ohne Beschäftigung herumgehen würde, nagte unaufhörlich an meinem Herzen. Ich verbarg oft den Kummer vor meinen Eltern, aber die verborgne Kammer und das weite Feld ist oft Zeuge meiner geheimen Thränen gewesen, die ich im Drange der äußersten Noth weinte.

Ohne Hülfe, ohne Aussichten nach einer glücklichen Zukunft, ohne einen Freund, vor welchem ich mein Herz ausschütten konte, ging ich eines [61]Abends in der Stadt ganz traurig und niedergeschlagen spazieren. (Ich habe vergessen zu sagen, daß der niederträchtige N*** meine Freundschaft wieder gesucht hatte, sobald er wieder sahe, daß ich einige Einnahme hatte ― Ich, der ich gern und willig verzeihen kann, hatte mir seine Besuche wieder gefallen lassen ― denn nur in dem Augenblick der Beleidigung bin ich fähig, mich zu rächen, allein, sobald zwei bis drei Tage verflossen sind, so ist der Eindruck nicht mehr derselbe; ich fange an zu entschuldigen ― und vielleicht vergeben die mehresten Menschen mehr aus Temperament, als aus Pflicht. Ich wenigstens habe die Bemerkung gemacht, daß leichtsinnige Temperamenter am ersten zur Verzeihung bereit sind.) Eines Abends also, da ich so spazieren ging, stieß er mir auf, da er mir entgegen kam. Ich fragte ihn: wo er hinwollte? und er antwortete mir: spazieren! Er frug mich, warum ich niedergeschlagen schien? und ich entschuldigte mich: es wäre mir nicht wohl, darum machte ich mir eine kleine Motion: denn Vertrauen hatte ich zu ihm nicht, weil ich sein Herz kannte. »So wollen wir miteinander gehen!« sagte er, und ich ließ mirs gefallen. Wir waren kaum einige Häuser weiter gekommen, als mich auf einmal ein Schmerz in meinem Leibe überfiel, daß ich genöthiget ward, mich auf die Treppe eines Hauses niederzusetzen. N*** stand bei mir. So eben ging ein Frauenzimmer vorüber, welche wir im [62]Gesicht nicht gut unterscheiden konnten, die aber von hinten eine wirkliche Schönheit vermuthen ließ. N** hatte sie kaum erblickt, als er auf sie zueilte. Ich blieb sitzen. Nach einer Weile hörten meine Schmerzen auf, aber ich hatte keine Lust, ihm nachzugehen. Nach einer kleinen Weile kam er wieder und hatte das Mädchen an der Hand. Sie weinte, und mir fiel das auf. Ich frug nach der Ursach, und N*** sagte: wenn Du das wüßtest; das gute Mädchen hab' ich verkannt. Ich wurde immer neugieriger, und das Mädchen weinte fort. Endlich bat ich sie, uns ihr Unglück und die Ursach ihrer Thränen zu entdecken. Sie weigerte sich lange; endlich gab sie nach. Sie gab sich für eine Predigerstochter bei St** aus. Ihr Vater und Mutter sei ihr zeitig abgestorben, und sie wäre dann unter die Aufsicht einer Großmutter mütterlicher Seits gekommen, die aus Alter sich nicht viel um sie hätte bekümmern können. Sie sei daher in liederliche Gesellschaft gerathen; unter andern hätte ihr ein gewisses Mädchen immer sehr viel von Leipzig vorgeschwazt ― daß sie sich endlich von ihr hätte bereden lassen, ihre Großmutter zu bestehlen, und mit ihr fortzugehen. Sie wären bis nach H** gekommen, da hätte sie ihre Reisegefährtin bestohlen, ihr alle Kleider und Geld mitgenommen, und sie ― verlassen. Im Wirthshaus sei sie einige Thaler schuldig gewesen, und da sie von nichts hätte bezahlen können, so hätte ihr der Wirth den [63]Rath gegeben, zu einer gewissen Kuplerin zu gehen ― dieß hätte sie aus Noth gethan, und ― ein gewisser H** hätte sie also ausgelößt. ― Darauf sei sie nach Leipzig gegangen, wo sie sich hätte vermiethen wollen; sie sei aber ― in ein Bordell gerathen. Da sei sie bald angesteckt worden und ins Lazareth gekommen. Sie sei aber, da ihre Krankheit noch nicht viel zu bedeuten gehabt, glücklich kurirt worden, und wäre nun hieher gekommen, um auf eine ehrlichere Art ihr Unterkommen zu finden. Jetzt hielte sie sich bei einem gewissen Wollwirker auf; und sei nun erst seit acht Tagen hier. Sie äußerte zugleich den Wunsch: wieder zu ihrer Großmutter zurückzukehren.

Diese ganze Erzehlung kam mir im Anfange ziemlich romanhaft vor. Allein in der Folge lernte ich einen Landsmann von ihr kennen, der ihre ganze Herkunft genau kannte, und ihre Erzehlung stimmte mit dessen Aussage ziemlich überein. ― Wiewohl ich auch eigentlich nicht an der übrigen Erzehlung zweifelte, sondern nur an ihrer Herkunft. Man denke sich nun ein Mädchen sehr gut gebauet; in ihrer Miene noch unverkennbare Spuren noch nicht ganz verlorner Unschuld ― Thränen in einem sehr sanften blauen Auge; dann meine damalige Gemüthsstimmung, die selbst so tief fühlte, was Leiden und Verlassung von allen Lebendigen war. Dann mein ohnedem mitleidiges Herz. Man rechne noch dazu meine romantische Begriffe, herz-[64]liche Ergreifung und Durst nach solchen Abentheuern ― und man wird sich nicht mehr wundern, wenn ich sage, daß mein Mitleid sich bald in Liebe verwandelte ― und für sie thätig werden zu können wünschte.

Das erste, was mir einfiel, war: ich wollte an ihre Großmutter einen rührenden Brief schreiben, und sie darinn bitten, Carolinen (so hieß sie) wieder anzunehmen. Ich entdeckte diesen Gedanken N**, und er hatte seinen ganzen Beifall. Wir arbeiteten gemeinschaftlich an den Briefen, und wir schrieben drei hintereinander ohne Antwort zu erhalten; das erschütterte sie tief. Wir besuchten sie gewöhnlich alle Abende; allein nach und nach wurde mir N**s Gegenwart lästig. Ich fühlte eifersüchtige Regungen auf die heftigste Art. Und ob sie mir gleich mit ganz vorzüglicher Achtung begegnete, so konnte ich doch nicht umhin, ihr oft merken zu lassen, daß ich N** fürchtete. Meine Eifersucht floß einmal aus einem gewissen Vorurtheil, welches ich, ich weiß nicht wo, aufgeschnapt hatte, daß ein Frauenzimmer, die einmal in den Geheimnissen der Liebe eingeweihet sei; einmal ihre Süßigkeiten gekostet habe ― auf ihr ganzes künftiges Leben nun nicht mehr im Stande sei, ihren Lockungen zu wiederstehen (ich mochte vermuthlich da von mir auf andre schließen) und das andremal floß sie aus einem gewissen Stolz: (beinahe die gewöhnlichste Quelle der Eifersucht) der sich gekränkt [65]fühlte, wenn ihn ein Mensch von N**s Charakter vorgezogen werden sollte. Es mochte auch eine vormalige unangenehme Empfindung, die mir sein schlechtes Betragen ehemals gegen mich verursachet hatte, wieder in ihrer ganzen Stärke erwachen, daraus konnte wohl eine gewisse Mißgunst fließen, die ihm das nicht gönnte, was ich eigentlich zu besitzen wünschte; dazu mochte auch wohl ein kleiner Trieb, sich rächen zu können, gekommen seyn, wozu ich um so mehr Recht zu haben glaubte, weil ich ihm einen großen Theil meines Unglücks zu danken hatte. Nie hatte sich die Begierde zu rächen, stärker bei mir geregt, und nie ist sie anhaltender gewesen. Ich habe das in der Folge, nachdem ich mich gewöhnte, oft über mich nachzudenken, deutlich bemerkt.

Die Liebe verursachte jetzt eine ganz besondre Aenderung meines Charakters. Ich war sonst nie sehr fürs Empfindsame gewesen, ob ich gleich deswegen nicht gleichgültig war. Empfindsame Schriften waren mir immer in gewisser Absicht eckelhaft. Denn ich fands in der wirklichen Welt nicht so. Allein, sobald ich verliebt war, bekam ich Geschmack daran, und meine Einbildungskraft wußte bald das Unwahrscheinliche hinwegzuzaubern. Vorher prüfte mein Verstand ― jetzt meine Phantasie. Schienen mir sonst dergleichen Begebenheiten romantisch; so hatte ich jetzt schon eine eigne solche Erfahrung und diese ― diente mir als ein Beitrag [66]aus der Geschichte der würklichen Welt. Ich wurde nun mit ganzer Seele empfindsam. Meine unglücklichen Verhältnisse schienen mir ein Recht zu geben, auf die Verhältnisse der Welt zu schimpfen. Ich ahmte den Helden meiner Romane nach. Ich wollte mich in meine Tugend hüllen, und ― doch meine Geliebte sollte ähnliche Grundsätze mit mir hegen. Ich fing an zu reformiren, entdeckte ihr ihre Fehler, empfahl ihr die Tugend und mein ― Beispiel. ― Berichtigte ihre Religionskenntnisse, schrieb Briefe über Briefe, die voll von Moral, von Beßrung des Herzens und der zukünftigen Welt waren, und in währender Zeit, da meine Hand das alles aufs Papier niederschrieb, fühlte ich, daß mein Herz ― mir oft widersprach. ―

N***, der sehr scharfsichtig ist, entdeckte bald die Harmonie unsrer Herzen. Auch er wurde eifersüchtig; seine häufigen spöttischen Anspielungen gaben mirs zu verstehen. Seine Neigung brach bald aus ― bei mir versteckte sich eben derselbe Trieb unter Empfindsamkeit, Scheintugend und Reformirsucht. Alle diese Dinge legten mir einen gewissen Zwang auf. N*** hatte zwar auch im Anfange mit in denselben Ton gestimmt; allein nicht aus kalter Ueberlegung ― es war bloß Ueberraschung und um nicht schlechter zu scheinen als ich; die Folge bewieß dieß. Eines Tages, da ich sie wegen nöthiger Beschäftigungen nicht besuchen konnte, und N*** dieses wußte, so hatte er die [67]Gelegenheit nicht aus den Händen gelassen, sich seiner Last, die sein Herz drückte, zu entledigen, und war Abends zu ihr gegangen. Wohlstands wegen konnte sie ihn schon nicht meiden ― denn ob sie ihm schon einige Verbindlichkeiten schuldig war (denn er hatte ihr, obgleich mit vielem Geräusch einige Wohlthaten erzeigt) so stimmte ihr Herz doch nicht mit dem seinigen zusammen. Kaum war er also gekommen, als er schon ihr seine stürmischen Begierden zu erkennen gab. Sie wieß ihn mit den Worten ab: »ob das mit seinen guten Lehren übereinstimmte, die er ihr gegeben hätte, künftig ihr Leben zu bessern?« Dieß ärgerte ihn, und er warf ihr vor, daß er so vielen und noch mehreren Antheil an ihr hätte als ich ― (Wie eigennützig!) »Aber ihr Freund verlangt so etwas nicht;« antwortete sie ihm, und kurz darauf war er fortgegangen und hatte geschworen nicht wieder zu kommen.

Ich erfuhr des andern Tages gleich den ganzen Vorfall. Sie erzählte mir ihn mit Thränen. Ich kannte sein schlechtes rachgieriges Herz und ― meine Lage war schlimm. Er konnte, so unschuldig mein Umgang damals noch war, ihn doch ins häßlichste Licht stellen. Es vergingen acht bis vierzehn Tage, er ließ sich nicht sehen und nicht hören. Ich hing nun mit Leib und Seele an meiner neuen Liebe. Sobald meine Stunden mit meinen wenigen Kindern vorbei waren, ging ich zu ihr. Wir liebten uns zärtlich; denn unsre Gemüther stimm-[68]ten zusammen. Ihr Herz war sehr gut, nur ein wenig zu eitel. Es fehlte ihr überhaupt an Bildung, und hätte sie eine gute Erziehung gehabt, so hätte sie eine ganz gute Gattin und eine noch beßre Mutter abgegeben; denn sie hatte alles das Sanfte, Gefällige, Duldende, was den Charakter einer guten Mutter ― dazu noch gerechnet ihre zärtliche Kinderliebe ― ausmacht.

Ich gestehe es gern, daß dazumal meine Absichten ganz auf sie und ihren völligen Besitz gingen. Ich hätte sie geheirathet, hätte ich hinlänglich Brodt, keine Eltern und weiter nichts zu bedenken gehabt. Ihr Fehltritt war ihr von mir längst verziehen; und nie würde ich denselben gerügt haben. Allein keine Aussichten anderwärts mein Brodt zu finden; in einer so kritischen Lage mit meinem angefangenen und auch wieder mißlungenen Werk ― sahe ich die Unmöglichkeit meines Verlangens wohl ein. Dazu kam noch die üble Nachrede ― ein solches Mädchen zu meiner Gattin gewählt zu haben; wenn auch sonst die Umstände die vortheilhaftesten in meiner Vaterstadt gewesen wären. Ihr schöner, wohlgebauter Körper mußte natürlich oft den Wunsch ihres ganzen Besitzes in mir rege machen, und diese Wünsche wurden oft so heftig, daß sie nicht selten in Murren und Wuth ausbrachen. So verging der Sommer unter Kummer, Sorgen und Berathschlagen, und unter den heftigsten Anfällen von Liebe, die nun [69]schon anfing körperlich zu werden. Meinen Unterricht hatte ich schon aufheben müssen, denn die Kinder blieben alle zu Hause. Ich sahe mich daher genöthiget, alles zu verkaufen um den noch schuldigen Miethzins bezahlen zu können, und um Johanni zog ich wieder zu meinen Eltern. Vier volle Wochen ging ich wie tiefsinnig herum, denn meine Leiden waren jetzt doppelt. ― Und nur der Abend heiterte mich ein wenig auf, wenn ich meinen Kummer (ich hatte weiter keinen Freund) an ihrem freundschaftlichen Herzen ausweinen konnte. Ein Kuß, ein Händedruck war alles, was ich verlangte und sie verstattete. Aber bald fing (ohngeachtet aller meiner Sorgen) mein verwöhntes Herz an, ein gewisses Leere zu bemerken. Anstatt, daß meine Noth meine Triebe hinunter hätte stimmen sollen, stimmte sie sie vielmehr hinauf ― und vielleicht mochte eine gewisse Gleichgültigkeit gegen alles, der Gedanke: du hast nun nichts mehr zu fürchten, und mein gewöhnlicher Leichtsinn vieles dazu beitragen, mich nun auf alle nur mögliche Art zu vergnügen, da ich mein Loos ohnedem für das allerunglücklichste Menschenloos ansahe. Die sanften Berührungen ihrer Hände, ihres Mundes wurden nach und nach elektrische Funken, die mein ganzes Blut in Wallung setzten. Das Enthusiastische unsrer Liebe fing an abzunehmen; meine Reformirsucht fing an zu erkalten ― und nicht selten erschien sie mir jetzt schon in einem komischen Lichte. ― Vielleicht mochte [70]sie selbst schon ähnliche Regungen gefühlt haben, denn wie ist es möglich, daß ein junges, wieder zur völligen Gesundheit gelangtes Mädchen, die schon oft das Ziel der Liebe (ein Ausdruck, der sich eigentlich für ein feiles Mädchen, die sie doch gewesen war, nicht schickt) nun auf einmal ganz und gar enthaltsam geworden sey. »Es ist in dem Wesen der Liebe, sagt Wieland, so lange zuzunehmen, bis sie das Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint.« Eine Bemerkung, die ich selbst durch meine Geschichte bestätiget habe.

An einem schönen Abend im August zog sich bald ein fürchterlich Gewitter zusammen. Wir gingen, wie gewöhnlich, auf dem Felde spazieren. Kaum erreichten wir ihre Wohnung, als das Gewitter sich näher zusammenzog und entsetzlich zu wüthen anfing. Der Regen und Sturmwind dauerte bis zwölf Uhr. Ich konnte nun unmöglich nach Hause gehen: denn sowohl die Thore als mein Haus waren verschlossen. Ich entschloß mich, da zu bleiben, und wir wurden einig, die ganze Nacht zu wachen. Um ein Uhr klärte sich der Himmel auf, und es wurde schön Wetter. Alles schlief nun ― nur wir allein wachten. Die Stille der Nacht ― der erquickende kühlende Geruch nach dem Gewitter ― allein, ohne Zeugen, ohne Beschäftigung (denn die Quellen, woraus wir sonst schöpf-[71]ten, waren erschöpft). ― Erlauben Sie mir hier abzubrechen.

Indessen muß ich zu meiner Rechtfertigung sagen, daß ich nie den Vorsatz gefaßt hatte, es ihr wirklich anzutragen. Denn davon hielt mich eines Theils eine gewisse Ehrerbietung für diejenigen Wahrheiten, die ich ihr gelehrt hatte, theils auch eine innre Schaam ab. (Denn ich habe das immer für sehr schimpflich gehalten, sich den Leuten auf zwei Seiten zu zeigen.) Und das mußte ich doch thun, wenn ichs ihr antrug. Dazu konnte ich mich aber, aller meiner stürmischen Begierden ungeachtet, keinesweges entschließen, und gewiß wäre es nie geschehen, hätte der Zufall nicht die Umstände so verkettet, daß es hier erst keiner langen Erklärung bedurfte. ―

Aus diesem werden Sie nun glauben, wenn ich Ihnen sage, wie schrecklich mir der Morgen war, wo sich Aug' und Auge sehen sollte. Beschämt hob sie ihr blaues Aug' empor, und weinte. Ich war in einer unbeschreiblichen Verwirrung. Auf einmal entstand in meiner Seele eine so außerordentliche Gleichgültigkeit gegen die Unglückliche, daß ich wie bezaubert da stand und nicht wußte, was ich von mir denken sollte. Kalt und traurig schlich ich mich fort, und ― sahe sie nie wieder. Ich konnte es nicht über mich vermögen, ihr wieder unter die Augen zu treten. War es Schaam, [72]war es ein Rest von Tugend? Nein! diese Härte konnte keine Tugend sein. Auch kam sie nicht unmittelbar aus dem Herzen ― denn mein Herz ist nicht hart, das bleibt mir das sonderbarste Ding in meinem ganzen Leben, worüber ich mir in der Folgezeit sehr oft den Kopf zerbrochen habe.

Und die Folge für die arme Unglückliche war? eine traurige. Aus Verzweiflung über meine Treulosigkeit ergab sie sich einem liederlichen Handwerksburschen, mit dem sie endlich fortging, und vielleicht ― jetzt noch tiefer gesunken ist. Ich habe nie wieder etwas von ihrem Schicksal erfahren.

Und mein Feind N***, der sich nicht wieder hatte sehen lassen, erfuhr's aus ihrem eignen Munde, und frolockend breitete er meine ganze Geschichte aus. Doch lassen Sie mich abbrechen. Wenn Reue, wenn Thränen genug sind, meine Sünde wieder gut zu machen; o so kann ich auf Vergebung Rechnung machen; denn mancher Morgen fand mich ohne Schlaf und mit thränenvollen Augen.

(Der Beschluß künftig.)

Erläuterungen:

a: Dieser Aufsatz bildete den Keim für eine ausführliche Autobiographie, . In der Vorrede begründete Probst die spätere, ausführliche Veröffentlichung durch den Wunsch die Lücken auszufüllen, die im Aufsatz blieben, weil er seine Identität geheim halten wollte, die aber zu "manchen harten und beugenden Vermuthungen Anlaß gegeben" hätten, die sein "häusliches Glück" getrübt habe (S. XVI).

b: Die Pocken oder Blattern gehörten zu den großen Seuchen des 18. Jh.

c: Der siebenjährige Krieg hinterließ eine wirtschaftliche Katastrophe. 1772 führten die hohen Getreidepreise zu großem Hungersnot in Preußen.

d: Adjudikationstermin: gerichtlich anberaumter Termin nach einer Versteigerung, an dem die richterliche Zuerkennung, der Zuschlag erfolgt. GWb Bd. 1, Sp. 267.