ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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IV.

Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit, ein Pendant zu denen im ersten Stück des ersten Bandes p. 65 u.f. enthaltenen Geschichten.

Pockels, C. F.

Von meiner frühesten Jugend auf behauptete ich, einmal weiße Bären vor unserm Hause tanzen, und einen Papagei in der Stube meiner Großmutter in einem grossen Käfigt gesehen zu haben, welche beide Dinge doch, nach der Versicherung meiner Mutter, niemals seit meiner Geburt mir unter die Augen gekommen seyn konnten.

Meine Erinnerung davon ist so lebhaft, daß ich, aller Versicherungen meiner Mutter ungeachtet, es mir lange Zeit nicht aus dem Sinne schlagen konnte, die Sache für wahr zu halten.

Wenn mich meine Mutter fragte, in welcher Gegend der Stube denn der Papagei mit seinem Käfigt gehangen habe, so konnte ich ihr die detaillirteste Beschreibung davon geben, und sie mußte gestehen, daß wirklich einmal an diesem Orte ein Papagei gehangen habe, allein dieß sei, sagte sie, lang vor meiner Geburt gewesen, denn zu der Zeit, da ich geboren worden, sei der Vogel lang todt gewesen. Ich wußte ihr auch sogar die ganze Farbe des Pa-[104]pagei, und das, was er von artikulirten Tönen nachzusprechen gelehrt worden, auf das genaueste und mit der eigenen Ueberzeugung meiner Mutter übereinstimmendste zu sagen, wiewohl ich nach ihrer Versicherung und meiner eignen Erfahrung in meinem Leben keinen Papagei gesehen habe.

Eben so wenig wollte meine Mutter von den weißen Bären, die ich gesehen zu haben vorgab, etwas wissen, denn auch diese, sagte sie, hätte sie einmal lang vor meiner Geburt gesehen. Ich aber ließ mich sehr lange Zeit von dieser Meinung nicht abbringen, denn ich war von meinem vierten oder fünften Jahre an vest davon überzeugt, und auch gegenwärtig noch würde es mir schwer werden, davon abzugehen, wenn ich mir nicht die ganze Sache durch Hülfe der Einbildungskraft erklären könnte.

Denn die Bilder von diesen Gegenständen schweben meiner Seele immer noch so lebhaft vor, als wenn ich die Gegenstände selbst erst gestern gesehen hätte, und ich kann auch die Sache nicht anders begreifen, da ich doch die öftere Versicherung meiner Mutter für wahr annehmen darf, als wenn ich mir sie so vorstelle, daß man mir in meiner frühesten Jugend von diesen Dingen erzählte, und sich die Bilder davon der jungen Seele so stark eindrückten, daß ich sie nachher, da ich die Erzählung vergaß, für selbst gesehene Gegenstände hielt.

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