ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

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Startseite > Bandnavigation > Band: II, Stück: 3 (1784) >  (Aus einem Aufsatz des Herrn Professor Büsch, zum Andenken Alemanns des Menschenfreundes.)Quelle: Büsch 1784, S. 140-146, 149-150.

(Aus einem Aufsatz des Herrn Professor Büsch, zum Andenken Alemanns des Menschenfreundes.) a

Büsch, Johann Georg

Arbeit und Nahrung zu geben war keinesweges der ganze Zweck dieses Institutes.*) 1 Da der größte Theil der in dieß Haus eingebrachten Armen aus jungen Menschen unter zwanzig Jahren bestand, so konnte Alemann sich zur Absicht setzen, diese noch umzubilden, und sein Haus eben so sehr zu einem Erziehungshause für die niedrigste Volksklasse, als zu einem Arbeitshause, zu machen.

Ich sage: zu einem Erziehungshause, in welchem die schon durchs Betteln erniedrigten jungen Seelen wieder zu menschlichen Empfindungen erhoben, zur Arbeitsamkeit und selbst mit der Arbeit zum Gefühl einer gewissen Glückseligkeit erweckt würden. Hier müßte etwas geleistet werden, was Waisenhäuser und Armenschulen nicht leisten dürften, und was durch Zuchthäuser zu leisten nicht zum Zweck gesetzt werden kann.

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Das Betteln giebt einer jeden Seele eine fast unauslöschliche Bösartigkeit und Niedrigkeit. Das Herz des Menschen, der nur auf kurze Zeit sich hat überwinden können, andre um Brodt und Geld, nicht als Lohn von Arbeit, anzusprechen, bleibt für jede Verleitung zu den niedrigsten Handlungen nur gar zu gern offen.

Oft habe ich mich durch die Klagen eines verarmten Menschen bewegen lassen, ihm Beschäftigungen zuzuweisen, die seinen Fähigkeiten gemäß waren, und ihm ein hinlänglich Auskommen verschaften. Aber ich habe fast nimmer Dank und Freude daran gehabt.

Die Hand, die eine Zeitlang zum Betteln hingestreckt war, arbeitet nie mit Ernst wieder. Das Herz, dem es nicht mehr wehe that, Gaben von Unbekannten anzunehmen, schämet sich nicht leicht einer niedrigen Handlung wieder, wenn die Gelegenheit dazu entsteht, und Habsucht oder Sinnlichkeit dazu reizen.

Nur bei dem jungen Bettler ist Hofnung, daß es gelingen könne, diese häßliche Falte wieder auszuglätten. Daß es Alemann gelungen sei, davon will ich einen Beweiß geben, ehe ich beschreibe, wie es ihm gelungen sei.

Ein Bettelknabe ward aufgegriffen und in dieß Haus gebracht, wo er sich bald sehr gut betrug. Nach einiger Zeit bat er die Aufseherin des Hauses, ihm behülflich zu seyn, daß er sich recht rein-[112]lich für den Tag kleiden möchte, auch ihm ein wenig Puder für sein Haar zu erlauben, weil er den Herrn Bürgermeister, der an diesem Tag kommen würde, besonders sprechen müßte.

Nun trat er vor ihn hin, und sagte ihm in einer nach seiner Weise studirten Rede: Er fühle sich nun so glücklich und so gebessert in diesem Hause; er habe aber noch einen Bruder, und es bekümmre ihn äusserst, daß dieser so auf den Gassen noch immer umherliefe, und ein Taugenichts werden würde; er bäte ihn also herzlich, diesen doch auch ins Haus holen zu lassen.

Alemann ließ sich anzeigen, wo er anzutreffen sei, und versprach es ihm. Als er aber hinsandte, wurden ihm zwei Knaben statt einem gebracht. Siehe, sagte er nun zu dem ältern, da hast du mir Unwahrheit gesagt. Du hast ja zwei Brüder, nicht einen. Jener bat um Vergebung. Ich dachte, sagte er, wenn der Herr Bürgermeister hörte, daß unser mehr wären, so würde ihm das zu viel werden, und er würde nicht einen nehmen wollen, um nicht beide auf den Hals zu bekommen. Gut! aber nun sind sie doch beide da; welchen willst du am liebsten behalten? Unschlüssig stand der Knabe da; seine Augen irrten von einem Bruder auf den andern, und die Wahl blieb ihm unmöglich. ― So behalte sie denn alle beide, sagte Alemann.

Nie, sagte er mir, als ich ihm diese Geschichte, die man mir schon erzählt hatte, wieder abfragte, [113]habe ich die lauterste Freude so auf dem Gesichte eines Menschen gemahlt gesehen, als in dem Gesichte dieses Burschen.

Auch diese beiden verhielten sich so gut, wie der Bruder, ihr Vorsprecher. Ich wollte sie, oder wenigstens einen davon, gerne sehen; aber sie waren schon alle, geschwinder als alle, weil sie so gutartig und bei ihrem Eintritt keine Kinder mehr waren, zu guten Handwerken befördert.

Ich muß selbst bezeugen, daß der erste Anblick der jüngern Hausgenossen beiderlei Geschlechts (ich darf sie nicht Züchtlinge nennen) als ich sie sowohl verstreut bei ihren Arbeiten, als nachher auf Alemanns Befehl alle versammlet sah, etwas Auffallendes für mich hatte.

Einige Neulinge ausgenommen, auf welche die gute Zucht noch nicht gewürkt haben mogte, standen sie da alle Funfzig mit offenem, auf eine gutmüthige Fröhlichkeit deutenden Blick.

Diese Zöglinge sind zwar ans Haus gebunden. Aber niemand hütet sie oder sperrt sie ein. Indessen hat das Haus andere Gäste, die mindere Freiheit genießen. Dieß sind die erwachsenen ältern Bettler beiderlei Geschlechts, insonderheit unzüchtige Weibsleute. Diese arbeiten nach dem Geschlecht abgesondert in Sälen miteinander unter mehrerem Zwange.

In einem Gemach, welches Alemann mir ungern öfnen lassen wollte, und ich auch zu betre-[114]ten nicht wünschte, waren einige unter den Folgen ihrer Ausschweifungen leidende Weibsbilder versperrt; und in einem andern wälzte sich ein an der Seele ganz unheilbarer alter Bettler auf seiner Britsche.

So wurden denn auch die schlechten Beispiele und gefährlichen Bekanntschaften von jenen abgehalten, welche man noch ziehen zu können glaubte. Ich vergaß zu fragen, ob eine entschiedene Besserung jenen für bösartiger gehaltenen zu mehrerer Freiheit verhelfen könnte.

Das erzählte mir Alemann selbst, daß es ihm auch wohl gelinge, ältere zu bessern, insonderheit an dem Beispiele einer dem Trunk ergebenen Frau, die ihr Mann, ein Handwerker, in dieß Haus gethan; nun aber wieder bei sich hätte, ohne einige Klage über sie führen zu dürfen.

Indessen mag doch der Zustand der Eingeschränkten leidlich genug seyn, um ihnen nicht lebhafte Wünsche nach Freiheit zu erwecken. Denn Gefangnenwärter, selbst einen Pförtner, hat das Haus nicht. Nur ein Ehepaar von mittlerem Alter, und eine Spinnemeisterin sind es, unter welchen alle Aufsicht und Vorsorge für die ganze Gesellschaft steht. Und diese mögten einem jeden Versuche kühner über ihre Einsperrung unwilliger Züchtlinge schlecht widerstehen können.

Die Arbeiten, zu welchen ich sie angehalten sah, waren mannigfaltig, aber insonderheit in der Ab-[115]sicht, damit die jüngern mehr als eine Beschäftigung kennen lernen, und zu seiner Zeit mit destomehrerer Kenntniß der Sache ihre Bestimmung wählen könnten.

Weberei zur Kleidung der Hausgenossen, und die von groben verkäuflichen Zeugen und Bändern, war die Hauptsache. Aber es ward auch gedrechselt, und nach Tischlerart gearbeitet. Wenn ein Bursche sich lange genug in einer Arbeit geübt hatte, ward er für einen Gesellen erklärt.

Da um Hannover her der Anbau von Gartengewächsen ein Hauptgewerbe ist, so hatte Alemann nach und nach die nächstgelegenen Grundstücke an das Haus gekauft, und nun wurden Knaben und Mädchen auf dieß Geschäfte angeleitet.

Dieß war ihrer Gesundheit zuträglich, ein Hauptbedürfniß des Hauses ward gröstentheils dadurch erfüllt, und sie zu einer Beschäftigung vorbereitet, die in der Nachbarschaft einer jeden Stadt ein sicheres Brod giebt, und die deswegen bei solchen Instituten nie fehlen sollte, weil man in Städten keine arme Kinder zum eigentlichen Ackerbau erziehen kann, aber auch so manchen jungen Menschen in denselben zu erziehen hat, der selbst für jedes Handwerk zu schwach am Kopf, aber doch gesund genug am Leibe ist, um die Erde zu graben.

In Seestädten ist die Seefahrt eine Aussicht, die man nehmen kann. Aber wird auch der im Waisenhause aufgewachsene Knabe einen Reiz dazu [116]finden? Zum Seemann wird es ihm nicht verderben, wenn er Erde gegraben hat, wohl aber, wenn er auf seine Schulbank geheftet, unter einem Unterrichte, für den er gar keinen Kopf hatte, Jahre lang die Zeit getödtet hat. Zudem dient diese Aussicht nur für ein Geschlecht, die Gärtnerei aber für beide.

Die Reinlichkeit und Ordnung waren auffallend. Aber die Hausgenossen waren es selbst, die dafür sorgen mußten. Die ganze Maschine ging unter der Aufsicht eines guten Ehepaars ihren Gang.

Beweiß genug, daß dem Geiste dieses vorhin so ungeschlachten Haufens schon die beßre Wendung gegeben, daß Geist der Ordnung und Folgsamkeit schon so in ihn gebracht war, daß man auch nichts mehr von den Lastern und Mängeln der neueingebrachten zu besorgen hatte, sondern gewiß war, sie bald gleich den andern umzubilden.

Denn wie könnten diese zwei Leute der Wiedersetzlichkeit und dem Hange zur Unordnung und Unsauberkeit begegnen, wenn sie jemals unter mehreren zugleich entstünde oder sich lange erhalten könnte!

Die Folge, die sich davon voraussehen läßt, ist, daß auch diese Menschen mit dem gehörigen Geist der Ordnung in die bürgerliche Gesellschaft wieder eintreten müssen, je weniger dieselbe durch Befehl und Strafen erzwungen ist.

So können aus Bettelkindern gute Dienstboten wieder gezogen werden, wenn sonst die gewöhn-[117]liche Klage ist, daß nichts launischer, störrischer und fahrläßiger sei, als es gewöhnlich die aus Waisenhäusern und Armenanstalten gezogne Dienstboten sind.

Auch hier bestätigt es sich, daß die erste Erforderniß zu einer guten Erziehung für alle Stände ein hinlänglich ausgebreiteter Cirkel der Beschäftigungen, und eine hinlängliche Abwechselung und Mannichfaltigkeit in denselben sei.

Der Mensch sei bestimmt, oder bestimme sich selbst, wozu er wolle, so muß er doch ein Theil einer großen Gesellschaft werden, und kann nicht frühe genug mit der Mannichfaltigkeit derer Beschäftigungen bekannt gemacht werden, welche der Mensch zum Leben und zu seinem Wohlseyn nöthig hat.

Fehlt dieses, wird für die Ordnung seines Lebens immer durch andre gesorgt, wirkt er nicht selbst auf eine thätige Weise in dieselbe mit ein, so erziehe, so unterrichte man ihn, so viel man will; es wird sich doch keines derer Talente, die man glaubte ihm mitgetheilt zu haben, gehörig entwickeln, und nützliche wohlüberlegte Betriebsamkeit daraus entstehen.

Fußnoten:

1: *) Eines von dem verstorbenen Hofrath Alemann in Hannover gestifteten Armenhauses.

Erläuterungen:

a: Quelle: Büsch 1784, S. 140-146, 149-150.