ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

Seidel, Johann Friedrich

Der kleine **, ein Knabe, oder vielmehr ein Kind von etwa acht Jahren hat ungemein viel Drolligtes und Unschuldiges an sich. In seiner Mine herrscht außerdem noch etwas Ernsthaftes, welches sich immer mehr und mehr zu entwickeln scheint, und mehr Fähigkeiten und Nachdenken verspricht, als ich anfangs, vor einem halben Jahre, vermuthete. Er hat außerordentlich viel Ehrbegierde. Ueber einen seiner Mitschüler zu kommen, das macht ihn ungemein vergnügt, und sein freudiges Lächeln hat dann etwas Anziehendes, etwas Gefälliges an sich.

Will ihm einer seiner Mitschüler den folgenden Tag seinen Platz streitig machen: so bezeigt er seinen Eifer dagegen durch große Gesprächigkeit, wodurch er seine Sache ins Licht setzen will. Wird man überzeugt: so lächelt er, so freut er sich; will man aber nicht überzeugt werden, so verdoppelt sich sein Ernst; er arbeitet dann mit beiden Händen um sich her, faßt sich in die Haare, gleichsam als ob er sagen wollte: was soll ich nun wohl anfangen?

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Sehr oft giebt es dergleichen Streitigkeiten mit ihm, und ich habe noch nicht gefunden, daß er Unrecht gehabt hätte. Auch kömmt er dann zu mir, und frägt: ob er nicht den und den Platz habe, und voll Zutrauen, daß ich ihm beistehn werde, setzt er hinzu: daß man ihn da nicht wolle sitzen lassen, und er sey doch bei der und der Gelegenheit heraufgekommen.

Einmal bat er einen andern Lehrer, wenn er wieder etwas fragen würde, ihm doch die rechte Antwort darauf vorher zu sagen, damit er heraufkommen möchte. Und das dünkte ihn sehr etwas Wichtiges und Ernsthaftes zu seyn.

Als ich einmal eine kleine Geschichte erzählt hatte, wie ein Reicher von seinem Gelde dem Armen geben und ihm dadurch seine Noth erleichtern könnte, und ich ihn nun fragte: was ein Reicher mit seinem Gelde thun könnte: so bekam ich zweimal hintereinander die Antwort: er kann sich Frühstück, Brod und Kleider, und endlich Rosinen kaufen; und gleichwohl verrieth er bei einer andern Gelegenheit wirklich mehr Mitleid und Gutmüthigkeit.

Ich las eine andre kleine Geschichte: wie eine Schwester, die von ihrem Bruder war geschlagen worden, ihn doch nicht wieder schlagen wollte, als der reuige Bruder es ihr erlaubte und verdient zu haben vorgab. Ich fragte: wer es wohl wie dieses kleine Mädchen machen würde. »Ich!« fing er an, und außer ihm noch ein Kleiner von seinem [126]Alter, dem ich es ebenfalls zutrauen würde. Allein ich glaubte doch: er hätte mich nicht recht verstanden, und fragte noch einmal: da wiederholte er dann die ganze Geschichte recht deutlich, und behauptete: er würde sich lieber noch einmal schlagen lassen, als daß er seinen kleinen Bruder schlagen würde.

Auf der Straße hält er sich, wenn er irgend kann, zu mir, und sagt mir dann mit großer Zutraulichkeit: daß er zu Hause recht fleißig wäre.

Ich werde meine Beobachtungen über ihn fortsetzen; denn im Ganzen ist freilich Anlage da; aber sie ist noch zu wenig entwickelt und zu wenig sichtbar, als daß man mit einiger Sicherheit mehr schließen könnte, als: er kann ein geschickter, gutmüthiger Mensch werden.


** von zwölf bis dreizehn Jahren hat für sein Alter so viel Sonderbares, daß er sich vor vielen dadurch auszeichnet. In seinen Minen herrscht eine gewisse Einfalt, die aber schon vermuthen läßt, daß sie nicht das herrschende seines jetzigen Karakters allein ausmacht. Und so ist es auch.

Seine Einfalt ist mit dem auffallendsten Eigensinn und Eigendünkel verknüpft. Er ist dabei immer geschäftig, immer unruhig. Es fehlt ihm durchaus alles Gefällige, wodurch er sich bei seinen Mitschülern beliebt machen könnte. Entweder sitzt er vor sich, und beschäftigt sich, so viel es an-[127]geht, mit Nebendingen, schreibt oder zeichnet, oder lieset, wenn er nichts davon thun soll; oder er sieht auf Andre, und bemerkt, was sie thun.

Es darf ihn nur einer berühren: so macht er ein so großes Aufsehn davon, als ob man ihm, wer weiß was zu Leide gethan hätte; und er weiß es so wichtig und so wahrscheinlich zu machen, daß man ihn kennen muß, um gewöhnlicher Weise seinen Klagen keinen Glauben beizumessen. Er ist dabei so redselig, daß man ihn oft mit Mühe nur zum Stillschweigen bringen kann.

Eben so heftig entschuldigt er alle Fehler, die man von ihm vorbringt. »Ich habe nichts gethan ― es ist der gewesen ― der läßt mich nicht zufrieden!« Das sind ihm so gewöhnliche Ausdrücke, daß sie immer abwechselnd wohl zehnmal hintereinander von ihm gebraucht werden. Dabei ist sein Blick trübe, schüchtern, und verräth viel Tücke, die er denn auch, sobald er Gelegenheit oder mehr Freiheit hat, dadurch ausübt, daß er um sich schlägt, schimpft, und die gemeinsten Reden ausstößt. Er ist unordentlich in hohem Grade. Bald weiß er nicht, wo er sein Buch, bald nicht, wo er etwas von seinen Sachen gelassen hat. Und dann ist sein Suchen mit so großer Heftigkeit und Unruhe verbunden, daß man ihn wirklich nicht gleichgültig beobachten kann.

Er läuft gradezu, es mag ihm begegnen wer da will, sieht sich zuweilen wild um, arbeitet mit [128]seinen Händen, redet dabei mit der größten Aengstlichkeit, und nennt die Sachen, die er sucht, auch wenn keiner um ihn ist, dem ers etwa sagen könnte.

So läuft er auf und ab, und wohl zehnmal an denselben Ort, wo er schon gesucht hat. Sein Blick, wenn ers gefunden, ist derselbe, ob er gleich nun die größte Freude anzeigen soll. Denn nun läuft er eben so hurtig und für Freude taumelnd hin und her, und sagt es laut, daß er das Verlohrne wieder gefunden habe.

Seine Fähigkeiten sind unbedeutend und er wird es niemals weit in einer Sache bringen.

Aber ein unglückliches, sich selbst lästiges Geschöpf scheint er zu werden, wenn nicht eine große Verwandlung mit ihm geschieht, wozu in der That fast keine Hofnung ist.

Seine Unruhe wird ihn in Streitigkeiten mit seinen Mitmenschen verwickeln; seine Zanksucht wird ihm Feinde verursachen, und in seinem Herzen wird er kein Mittel finden, sich irgend eine von den menschlichen Wiederwärtigkeiten zu versüßen.

Seidel.