ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Beschluß von Simmens Geschichte.

Moritz, Karl Philipp

(S. 2ten B. 1stes St. S. 38.)

Ruhig also, ja vergnügt über seine Grausamkeiten, verließ der Mörder das Haus, in welchem er sich so vielfach mit Blute befleckt hatte, wusch Knit-[102]tel und Messer im Schnee ab, wiewohl er hernach das letzte aus Abscheu nicht wieder brauchen mögen, machte sich auf den Weg, und kam unbemerkt in seine Wohnung zurück.

Am nächsten Morgen ging er auf einige Dörfer, wohin er sonst seinen Viehhandel gehabt, und wo er noch einige Reste einzufodern hatte; und, bis gegen Mittag, versichert er, sey er noch in diesem Rausch seiner Seele gutes Muths gewesen; alsdann aber sey er unruhig geworden, und habe von selbst angefangen, nachzudenken, was er verübt habe.

Indessen verfolgte ihn die Rache geschwinder, als er, der zur Flucht Gelegenheit und Zeit genug hatte, und schon in fremder Herrschaft war, wirklich aber nicht darauf gedacht zu haben scheint, sich es wohl einbildete.

Die ältere Schmidtsche Tochter, deren wir schon gedacht haben, erklärte, sobald sie von der Ermordung ihrer Eltern hörte, den Wachtmeister Simmen laut und öffentlich für den Thäter, behauptete es auch, als sie gerichtlich deswegen vernommen ward, und gründete sich auf die vieljährige Feindseligkeit desselben gegen ihren Vater, auf die letzte Verweigerung des von ihm bei ihrem Vater gesuchten Geldvorschusses, und vornehmlich auf die vielfältigen Drohungen, deren Simmen sich habe verlauten lassen, ihren Vater aus Rache umzubringen.

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Dieses gab denn Anlaß zu weiterer Untersuchung der Sache, und zuförderst zur Inhaftirung des Wachtmeisters, und unversehens wurde er auf öffentlichem Markte, wo er Frucht handelte, eingezogen, wobei sogleich die Veränderung der Farbe und starkes Zittern sein böses Gewissen den Zuschauern merklich verrathen haben soll.

Zugleich wurde aber auch zu einer Haussuchung bei dem Arretirten geschritten. Bei demselben fand sich ein blutiges Oberhemd, an dem die Flecken nur halb ausgewaschen waren, so wie auch Beinkleider, an denen Blutflecken zu bemerken waren; ein Beweis, daß den Mörder damals seine Geistesgegenwart und sein Scharfsinn größtentheils verlassen gehabt, da er nicht bedachte, daß ihn diese Anzeigen noch immer verrathen könnten.

Im ersten Verhör schien es anfangs, er werde sich aufs Läugnen und auf seine Verstellungskunst verlassen. Bewegliche und überführende Vorstellungen wollten lange nichts bei ihm verfangen, bis ihm, mit einem Feuer und ernstlichen Anrede, von seinem, sich hier vortreflich zeigenden, Richter, das blutige Hemd unter die Augen gehalten wurde.

Dieses machte ihn bestürzt, und, nun außer Fassung, gab er gute Worte, ergriff die Hand des Richters, versprach alles zu gestehn, und that es auch wirklich, unterwarf sich der Strafe, und bat nur um Beschleunigung seines Processes.

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Nach dem Geständniß, und während der Erwartung, zu welcher Genugthuung die menschliche Gerechtigkeit ihn verurtheilen werde, blieb er bei einem Betragen, das die Aufmerksamkeit des Menschenforschers auf sich zog.

Er behielt eine gewisse Freimüthigkeit im Anblick und im Reden, und ein freundliches Lächeln in der Mine, das manchen, die es nicht begreifen konnten, Leichtsinn und Frechheit schien.

Er blieb sich insgemein gleich, mochte wohl essen, und hatte einen guten ruhigen Schlaf, so daß von denen, die ihn am genauesten beobachten konnten, einstmals einer sagte, der Wachtmeister müsse ein sehr gutes Gewissen haben! ein Urtheil, das vermutlich paradoxer klingt, als es gemeint war, vielleicht aber auch auf Spuren der Denkungsart des gemeinen Mannes führen möchte, wenn wir ihm nachgehen könnten.

Für Dummheit konnte man dieses ruhige Wesen nicht halten, denn übrigens zeigten seine Reden und Erzählungen noch eben den guten Verstand, der ihm Achtung erworben hatte.

Daß es Verstellung gewesen, um ein heimliches Vorhaben, etwa der Flucht, oder Selbstentleibung, zu verbergen, hat auch im geringsten keine Wahrscheinlichkeit; man hat nie etwas bemerkt, daß auch nur auf eine entfernte Art darzu angelegt hätte scheinen können. Noch weniger konnte er [105]sich wohl mit der Hofnung täuschen, das Leben zu erhalten.

Das einzige, was ihm bei seiner Erzählung weich machen und Thränen ablocken konnte, waren, lange Zeit, nur seine Frau und Kinder, und das oben gedachte vierjährige Schmidtsche Kind; für die ersten bat er viel; soll ihnen auch, was von Personen, so ihn in seinem Arrest besuchten, ihm etwa geschenkt worden, alles geschickt und kaum davon wenige Pfennige, zu einen Maaß Bier oder Trunk Brandtwein, für sich behalten haben; das letzte, das Schmidtsche Kind, nannte er unschuldig, wollte aber, wie man merken konnte, damals noch damit sagen, daß seine Rache an dessen Eltern nicht so ungerecht gewesen sey.

Es brach aber seine Reue nicht in heftige Ausbrüche des innern Schmerzes, in Wehklagen und in Winseln aus, sondern zeigte sich in einer etwas tiefsinnigern Niedergeschlagenheit, in einer stillen Wehmuth, und mit unter durch das Herabfallen einiger Thränen.

Sein Vater, ein zwei und achtzigjähriger Greis, wurde vermocht, den Sohn noch einmal zu besuchen, der von ihm Vergebung alles dessen, worinn er etwa seine kindliche Pflicht aus den Augen gesetzt haben möchte, auch der letzten Kränkung durch sein Verbrechen, wehmüthig suchte, und sie unter guten Ermahnungen und Wünschen vollkommen erhielt, auch dagegen den kummervollen Greis rüh-[106]rend bat, seines Endes wegen sich zu beruhigen: da er versichert sey, daß er Vergebung und Gnade von Gott habe, und ihn bat, seiner Kinder sich noch ferner anzunehmen, daß der Greis auch willigst zusagte, und der Sohn ihm hingegen versprach, daß er auch seinen Kindern, dessen Enkeln, beim Abschied von ihm anbefehlen wolle, ihm in allen gehorsam und beiständig zu seyn.

Der nun beruhigte Alte war so froh, daß er sich Kräfte wünschte, dem besten Fürsten sich zu Füßen zu werfen, und ihm für die seinem Sohne erwiesene unverdiente Gnade danken zu können.

Zween Tage vor seinem Ende nahm der Unglückliche, in Gegenwart seines Beichtvaters, von seiner Frau und Kindern einen Abschied, der nicht zärtlicher und rührender seyn konnte.

Die Worte flossen ihm jetzt nicht, weil sein Herz zu beklemmt war und zu viel litte; seine Frau aber, die zu wiederholtenmalen bezeugte, daß er ihr niemal etwas zu leide gethan habe, konnte sich kaum von ihm losreissen, und sein jüngstes Kind nahm er auf den Schooß, und drückte es so weich an seine Brust, daß alle Anwesende mit ihm weinen mußten.

Von allen nahm er einzeln Abschied, aber seine Minen redeten mehr, als sein Mund.

Er versicherte den Morgen darauf, daß er in diesen Empfindungen zu väterlichen Vermahnungen unvermögend gewesen wäre, durch eine Tochter [107]aber, die unterdessen wieder bei ihm gewesen, es nachzuholen gesucht habe.

Er hat auch an demselben Abend, nachdem er sich wieder gefast hatte, einen Knaben, seinen Pathen, der Abschied zu nehmen kam, beweglich ermahnet, Gott vor Augen zu haben, und sich vor Sünden zu hüten.

Aus Vorsorge für die Seinigen, denen etwa Mildthätigkeit dadurch erweckt werden könnte, verlangte er bei seiner Ausführung von seinem jüngsten Sohne begleitet zu werden, weil er aber selbst empfand, daß ihn der Anblick leichtlich stören, und zu weich machen könnte, stund er davon ab; seinem Begehren aber geschahe doch, auf eine ihm unmerkliche Art, Gnüge.

Auch diejenigen, mit denen er im Streit gewesen war, kamen, von ihm Abschied zu nehmen, und freuten sich nachher innigst, sich mit ihm ausgesöhnt und ihn in der guten Gemüthsfassung gefunden zu haben, bewiesen auch, daß es ihnen anliege, in den Stücken, die sie selbst angingen, den nachtheiligen Vermuthungen und Urtheilen von Simmen zu steuren.

Bei einem solchen Besuch entfuhren ihm ein paar Worte, die ein Vorwurf zu seyn, und einen noch festsitzenden Groll zu entdecken schienen.

Er bat aber selbst den andern Morgen um Verzeihung dieses Ausdrucks, und bezeugte, daß damals noch eben, denn es war gleich nach dem Ab-[108]schied von den Seinigen, sein Herz zu voll von Empfindung, dennoch aber nicht voll Grolls, auch seine Worte nicht so gemeynt gewesen seyen, als sie hätten erklärt werden können.

Bei der ersten Bekanntmachung seines schärferen Urtheils veränderte er sich wenig, bei dessen Bestätigung aber gerieth er etwas mehr in Bewegung, und bat mit einigen Thränen, doch bescheiden und gefast, um die ihm auch verstattete Erlaubniß, um Milderung seiner Todesart nochmals nachzusuchen.

Nach der Rückkunft in seine Haft fiel er, wehmüthiger als sonst, auf seine Knie, und sagte, als ihm zugesprochen ward: Es sey doch ganz etwas anders So zu sterben; ein So, das sein Gefühl von allem entdeckte, was die Ursach und die Art seines Todes beugendes für ihn haben mußte.

Das Schimpfliche der letztern machte ein großes davon aus, und vielleicht war es ihm gewissermaßen schwerer als das Sterben selbst; es kränkte ihn besonders die Schande dabei, die er auf die Seinigen zu laden fürchtete.

Wenn auch in einem Gesang das Sterbebette vorkam, so ward immer seine Bewegung merklich, und bei den Worten: der Leib hab in der Erd seine Ruh, entfuhr ihm die Wehklage: Und der meinige nicht!

Doch auch diesen Schauder hatte er überwunden, als er den traurigsten Anblick in den Augen [109]hatte, und doch noch zu den Zuschauern seines Todes reden konnte.

Bei der Bekanntmachung der ihm angediehenen Milderung, brachen seine Dankbarkeit und Freude in Minen, Worten und Gebehrden auf das lebhafteste aus; er bezeugte, daß er so viel Gnade nicht gehoft hätte, und nun gerne sterben wollte.

Die Bekanntmachung des Todestages selbst, hat er mit dem gesetztesten Wesen und einer Art von Zufriedenheit angenommen, auch dabei nochmal mit Thränen für die gnädige Milderung gedanket.

Während der Zeit, da er nun ein verurtheiltes Opfer der Gerechtigkeit war, blieb seine Bereitung darzu sein ganzes Geschäfte; wie er aber auch in dieser Zeit in härtern Banden gehalten wurde, so behielt er ebenfalls die größte Gelassenheit und Geduld, auch seine lächelnde Mine, und in der Wehmuth selbst eine große Heiterkeit.

Alles zeigte von Schuldgefühl und Demüthigung, aber auch von Vertrauen und Muth.

Er verfehlte nicht, denen die ihm Liebe erwiesen hatten, seine Dankbarkeit und zwar mit merklicher Empfindung der Stärke ihres Wohlmeinens, und der Größe ihrer Verdienste um ihn, zu bezeigen.

Er erfüllte bei seinem langen beschwerlichen Todesgang, was er mit Gotteshülfe von demselben versprochen hatte, ging ihn getrost, aber nicht frech. Er ließ sich weder durch die viele Tausende, [110]deren Augen auf ihn gerichtet waren, noch auf dem Richtplatze durch die erblickten Anstalten zu seinem Tode und zu seiner Schande stören.

Auf dem Richtplatz selbst blieb er sich vollkommen gleich, ungeachtet der Anblick den Zuschauern selbst schauderhaft war, bedankte sich bei seinem ihm aufstoßenden Defensor, und denen, die ihn auf seinem Todesgang mit ihrem Zuspruch begleitet hatten, insgesammt einzeln und mit vieler Rührung, bezeigte, daß er geneigt sei, von den Zuschauern Abschied zu nehmen, nahm ihn auch mit gesetzten Wesen und fester Stimme, zwar kurz, aber so, daß nichts, was zweckmäßig war, vergessen war; Bekenntniß, Abbitte, Vermahnungen, Fürbitte für die Seinigen und Wünsche zu Gott für aller Wohlfarth, war ihr Inhalt.

Er kniete nochmals nieder, bezeugte die Beharrlichkeit seiner Reue und Glaubens, und ließ sich mit heitrer Mine einsegnen, betete inbrünstig, sorgte noch beim Auskleiden für seine Kinder, half dabei denen, unter deren Hand er sterben sollte, ließ sich von ihnen zurecht weisen, und mitten im Gebet floß sein Blut und büßete sein Verbrechen.

Er starb also, zwar den Tod eines Missethäters, und der andern eine Warnung bleiben sollte, aber er starb ihn getrost und muthig.

Sein Tod müsse jeden mit ihm aussöhnen, und sein letztes Wohlverhalten seine Verbrechen bedecken!