ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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I.

Beobachtungen über Herrn Ch. während einer sonderbaren Krankheit.

Feder, Johann Georg Heinrich

Den 3ten Januar 1781 besuchte ich ihn Morgens nach zehn Uhr. Er schlummerte auf dem Bette in seiner Kammer eine Treppe hoch.

Schon ehe die Person, die bei ihm war, etwas von meiner Gegenwart wußte, gab er durch den gewöhnlichen unartikulirten Ton Freude zu erkennen, und nannte meinen Nahmen.

Ich erkundigte mich unten nach ihm und sprach auch einige Worte beym Eintritt in die Stube. Er konnte mich also, bey seinem sehr scharfen Gehör, an der Stimme erkannt haben.

Sobald er meine Gegenwart bei seinem Bette bemerkt hatte ― seine Augen waren beständig ge-[84]schlossen ― fühlte er nach mir herum, ich gab ihm die Hand, er küßte sie, welches er in der Folge noch öfter gethan hat, kratzte mich darauf sanft an der Stirn (eine bei dieser Krankheit gewöhnliche Liebkosung desselben) und gab durch unartikulirte Töne Freude zu verstehen.

Noch sprach er kein Wort. Darauf schickte er sich an, aufzustehen; wir verließen ihn, daß er sich ankleiden konnte. Und kaum waren wir aus der Kammer heraus, so schloß er die Thür ab.

Nachdem er sich angekleidet hatte, öfnete er sie wieder, und kam heraus in die Stube, immer mit verschlossenen Augen. Und so öfnete er eine verschlossene Kommode, indem er durchs Gefühl das Schlüsselloch suchte, nahm daraus mein deutsches Kompendium der Logik und Metaphysik, und schlug bei der ersten Oefnung desselben den §. auf, der die Ueberschrift hat: Ob alle endliche Geister einen Körper haben müssen, wieß mit dem Finger darauf und hielt mir das Buch hin. Auch schlug er sein nachgeschriebenes Collegium über die Moral auf, und zeigte auf eine Stelle, wo es hieß: Von der Trägheit muß man Unfähigkeit der Kräfte unterscheiden.

Bald darauf ging er vor sein Klavier, das auch verschlossen war, schloß es auf, nahm den darauf liegenden Marsch aus der Medea, fühlte herum, um zu entdecken, welches die rechte Seite und Richtung des Blatts, und nachdem er dieß durch Be-[85]fühlung des Beschriebenen und nicht Beschriebenen entdeckt hatte, legte er es vor sich hin, als ob er vom Blatt wegspielen sollte; probierte aber noch eine Zeitlang die Töne herum, bis er den rechten ersten Accord hatte; (so daß ich glaubte, es würde aus dem Spiele nichts werden) sobald er aber den ersten Griff hatte, spielte er das ganze Stück ohne den mindesten Verstoß mit seiner sonstigen großen Geschicklichkeit weg.

Er hatte diesen Marsch sonst oft gespielt, und kurz vorher meinen ältesten Sohn ihn spielen gelehrt. Darauf nahm er Bachs Sonaten, legte das Buch wieder nach Anweisung des Gefühls zu rechte, und spielte ohne allen Anstoß die zweite Sonate, mit außerordentlichem Nachdruck der empfindungsvollern Stellen.

Er hatte aber dabei eine verstimmte Saite bemerkt, schickte sich also an, sie zurecht zu bringen, und wurde gleich aufs beste damit fertig.

Unterdessen hatte ein Anwesender, um ihn zu versuchen, das Notenbuch verkehrt hingelegt, mir es aber leise ins Ohr gesagt. Dieß mußte er gehört haben. Denn als er wieder zu spielen anfangen wollte, kehrte er sogleich das Buch um, ohne es vorher zu befühlen.

Darauf sagte ich, ob er zufrieden wäre, wenn ich ein wenig auf dem Claviere spielte, er bezeugte dabei und während des Spielens seinen Beifall. Ich fragte ihn: sehen Sie mich denn, lieber Freund? [86]Er antwortete nicht, ging aber vor den Schreibtisch, und fing einen Brief an seinen Bruder an zu schreiben. Da keine Dinte mehr in der Feder war, schrieb er demohngeachtet zwei bis drei Zeilen fort, weil er den Mangel der Dinte nicht bemerkte. Ich sagte ihm alsdann, daß die Feder keine Dinte mehr habe; er tunkte sie wieder ein, und schrieb noch einige Worte zum Schluß, alles gerade leserlich und vernünftig. Nun fehlte es an Streusand, er fühlte darnach herum. Als man ihm sagte, daß keiner vorhanden: schloß er eine andere Kommode auf, wo noch ein Schreibzeug mit einer Sandbüchse war, und bediente sich derselben.

Bei der Gelegenheit nahm er noch einmal meine deutsche Logik und Metaphisik, schlug mit einemmale das Blatt auf, wo das Kapitel von der unendlichen Substanz anfängt, und zeigte mit dem Finger auf diese Ueberschrift.

Nun wollte er dieß Buch in die Schlafkammer tragen, stieß aber so gewaltig gegen die Thür, daß er sich die Hand verwundete; worüber er durch stumme Zeichen Schmerz zu erkennen gab.

Ich wünschte Eau de Lavande oder Englisch Pflaster zu haben, um seinen Schmerz zu heilen; man schickte aus nach dergleichen, als aber die Nachricht zurückkam, daß nichts zu haben, zog er seine Uhr aus der Tasche, nahm da Englisch Pflaster heraus, und ließ sich von mir seine kleine Wunde damit zudecken.

[87]

Er hatte auf mein Ersuchen sich zu Bette gelegt, und bisher kein Wort noch gesprochen. Weil ich erfahren hatte, daß er seit einigen Tagen keine Arzenei eingenommen, und daß er gar keine mehr einnehmen wolle, suchte ich ihn dazu zu bereden.

O ne, war da sein erstes Wort. Wobei er sich etwas verdrießlich herumlegte, und tief zu schlafen schien. Nach einiger Zeit fing ich wieder von der Medicin an, sagte, daß wenn ich krank bin, ich den Aerzten folge, daß er dieß doch auch thun sollte.

Darauf versetzte er: wenn Sie mir Gründe sagen, thue ichs auch; und so unterredeten wir uns über dieß Thema weiter fort, wie vernünftige Leute bei verschiedenen Meinungen thun. Er blieb dabei: die Aerzte verstehen seine Krankheit nicht; und es sey gefährlich für ihn, ihnen zu folgen.

Er hat hernach gegen andere geäußert, daß er befürchte, durch Erbrechungen, wozu ihm Arznei gegeben werden sollte, sein Gesicht zu verlieren.

Einmal schlug er sich heftig vor den Kopf; und einmal wollte er auf einen umgekehrten Stuhl treten, und dann auf eine Kommode hinaufsteigen, wobei er in Gefahr war, das Bein zu brechen. Dieß ist das einzige Ungeschickte, was er in meiner Gegenwart gethan hat.

Daß er nichts sehen konnte, erhellet aus allen Umständen. Auch bei andern Auftritten bemerkte man dieß. Er schlug z.B. einmal Feuer, um ein Licht anzuzünden, da dasselbe schon im Zimmer [88]brannte; und kam wirklich mit einem brennenden Schwefelhölzchen zu diesem Licht hin, und hielt es, um dieses anzuzünden, mitten in die Flamme.

Heute Nachmittag aber, schien es, als ob er mit verschlossenen Augen sahe. Er sagte nemlich, es schneiet, da es wirklich schneite. Und als man, um sich zu überzeugen, ob er wirklich sähe, ihn fragte, ob er sonst noch etwas sähe, sagte er, daß der Besitzer des gegenüberstehenden Hauses am Fenster stehe, und das Hüte (der Studenten im Auditorio) am Fenster hiengen.

Es war alles so. Aber ich bin, indem ich dieses schreibe, noch nicht gewiß, ob er nicht das Schneien wußte, weil er es gehört hatte, und das andere, weil es etwas gewöhnliches war, nur vermuthete und in der Einbildung vor sich hatte.

Verschiedenemale hat er Briefe in diesem unnatürlichen Schlafe geschrieben. Heute noch einen an mich über einen moralischen Gegenstand.

Uebermäßige Anstrengung im Studieren, und eine sehr lebhafte Imagination ist mir von ihm wohl bekannt. Auch sagte mir sein ältester Herr Bruder, daß er schon in seiner frühen Jugend einigemale starke Anfälle von Schlafwandlungen hatte.

Er erwachte in diesen Tagen bisweilen so weit, daß er zu essen verlangte; schlief aber gewöhnlich mitten im Essen wieder ein.

[89]

Er sprach bisweilen in allerhand Sprachen. Vor einigen Tagen hielt er mit einem Gegner, den er im Kopfe hatte, eine lateinische Disputation über den Satz der Seele. Besonders aber sprach er viel Englisch; und hatte mit einer ihm verhaßten Person aus einer romantischen Geschichte in diesen seinen Träumen viel zu thun.

Beobachtungen über Herrn Ch. in seiner Krankheit.

Den 4ten Januar besuchte ich ihn wieder Nachmittags um vier Uhr, und blieb bis sechs Uhr bei ihm. Es fielen Auftritte derselben Art vor, wie Tags vorher. Er sprach einigemale mit Bildern seiner Phantasie für sich, öfter mit den Anwesenden und vernünftig. Die meiste Zeit sprach er nicht; sondern gab nur abgebrochne Laute von sich. Immer mit verschlossenen Augen spielte er auf dem Klavier, stimmte dasselbe, schlug Feuer, wobei er den Schwamm vors Ohr hielt, um an dem Knittern (er war mit Pulver eingerieben) zu hören, ob er brannte u.s.w.

Daß er bisweilen die Augen ein wenig öfnete, und einigen Schein der Gegenstände hatte, wurde nun durch einige Beobachtungen außer Zweifel gesetzt.

Auf vieles Zureden ließ er sich endlich bewegen, das Vomitiv einzunehmen, und weil die erste Portion nicht wirkte, nahm er es noch bey meiner Anwesenheit zum zweiten- und drittenmale.

[90]

Gegen neun Uhr, da die Arzeney noch immer nicht gewirkt hatte, bekam er entsetzliche Beängstigungen und Schmerzen, die ihm den Schweiß austrieben, und vieler Personen Gewalt nöthig machten, um ihn von gefährlichen Versteigungen, die er unternehmen wollte, abzuhalten.

Einer der Aerzte wurde geholt, welcher darauf drang, daß sogleich mit Gewalt ein Klistier ihm beigebracht wurde. Sogleich wurde er etwas ruhig, und noch mehr, als dieß Klistier, und darauf auch das Vomitiv endlich gewirkt hatte. Er schlief bis gegen den andern Morgen mehrentheils ruhig.

Diesen Tag über (den 5ten) war er völlig erwacht, und blieb länger im Wachen, als in den vorhergehenden Tagen. Er wußte nichts von allem, was er in dem Schlafwandeln bisher vorgenommen hatte, nichts von dem gestrigen Schmerz, den das Vomitiv ihm verursacht hatte, nichts von meinem und anderer Personen Besuchen, von den Briefen, die er geschrieben, und von seinem Klavierspielen.

Man hatte die Unvorsichtigkeit gehabt, ihm den Inhalt eines dieser Briefe zu sagen, über den betrübte er sich sehr, ohne große Ursache dazu zu haben.

Ueber sein Klavierspielen verwunderte er sich, indem er die Stücke, die er so vortreflich gespielt, vorher beim völligen Wachen nie ohne die Noten [91]vor sich zu haben, gespielt, und itzt noch nicht aus dem Kopfe zu spielen sich getraut hatte.

Um halb fünf Uhr besuchte ich ihn heute wieder. Er schlief, und so tief, daß er meine Gegenwart, auch da man ihm meinen Namen etlichemale genannt, und ich ihn selbst angeredet hatte, nicht merkte. Bald darauf wurde doch dieser Schlaf durch ängstliches Stöhnen unterbrochen, er rief etlichemal die Frau C. und hatte um diese Zeit auch starke Krämpfe und Zuckungen in Händen und Füßen.

Als die Frau C. gekommen war, wurde er noch unruhiger, richtete sich auf, krümmte sich, daß er zu Boden sank, wurde mit Mühe wieder zu Bette gebracht, gab darauf die deutlichsten Zeichen eines heftigen Schmerzens im Kopfe, vorn an der Stirn, über welche Stelle er auch bey seinem heutigen Wachen noch beständig geklagt hatte; und, nachdem dieß vier bis fünf Minuten gedauert hatte, richtete er sich auf einmal auf, öfnete die Augen, und sagte: nun ists da vorn weg.

Gefragt, ob er nicht eben heftige Schmerzen im Kopfe gespürt habe, antwortete er, daß er etwas, aber nichts rechts davon sich bewußt sey.

Man behauptete, daß er diese seine Genesung auf die Stunde vorhergesagt habe. Auf halbfünf hatte er sie diesen Morgen vorhergesagt; sie erfolgte um fünf Uhr. Des Tags vorher aber hatte er sie auf drey Uhr versprochen, und sie erfolgte nicht.

[92]

Er hatte diesen Nachmittag wieder ein Klistier und des Morgens eine Purganz bekommen. Seine Zunge soll sehr unrein und sein Stuhlgang sehr stinkend gewesen seyn. Die Ursache scheint also im Unterleibe zu seyn.

Auch itzt, da er völlig erwacht war, wollte er mir beym Weggehn die Hand küssen, welches er die beiden vorhergehenden Tage in seinem Schlafwandeln, sonst aber nie gethan hat. Also hat vielleicht die Handlung, die er im Schlafe vorgenommen, eine mechanische Disposition erzeugt.

Beobachtungen über Herrn Ch. den 24sten Januar geschrieben.

Nachdem Herr Ch. durch viele Evacuationen dahin gebracht war, daß er mehrere Tage hintereinander sich wohl befand, nur daß er mehr als gewöhnlichen Reizen zum Lachen unterworfen war, wozu sich bisweilen schmerzhafte Krämpfe gesellten: so wurde er wieder rückfällig.

Bei diesem Rückfall hatte er, wenn er einschlief, die meiste Zeit die Augen ganz weit offen; und es bewies sich, daß er vieles sehr deutlich sah; ob er gleich keine völlige Besinnung und Gegenwart des Geistes hatte, und an alles, was er that, hernach beim völligen Erwachen sich nicht erinnerte.

So sahe er es z.B. daß eine anwesende Person nähte, und sagte: Mademoiselle L. Schneider; daß einer seiner Freunde den Hut unter dem [93]Arm hielt, und sagte: L. Hut unterm Arm, L. Petit Maitre u.d.gl. mehr.

Es ist also möglich, daß er auch bei den vorhergehenden Schlafwandlungen, wo es doch schien, daß er die Augen geschlossen hatte, von Zeit zu Zeit einiges gesehn.

Und es wird wahrscheinlich, bei dem vorher bemerkten Aufschlagen der ihm interessanten Stellen in den Compendien und nachgeschriebenen Discoursen, wegen des Umstandes insbesondere auch, daß er seine Hefte über die Moral kurz vorher erst hatte binden lassen, und also keine mechanische Disposition just da sie zu öfnen, wo die angezeigten Stellen waren, vorausgesetzt werden kann.

Er hat auch dem Professor K., als der ihn besuchte, genau gezeigt, wo er in der biblischen Erklärung stehen blieb, als er das letztemal das Collegium besucht hatte.

Ein sonderbarer Zufall hat sich gestern ereignet. Er hatte seit einigen Tagen die meiste Zeit in seinem unnatürlichen halben Schlaf zugebracht. Die ganzen letzten zwölf Stunden über, oder noch länger, schwärmte die Zahl 6 in seinem Kopfe, auf vielerlei Weise.

So wollte er z.B. 6 mal um den Wall herumgeführt seyn, und ließ sich, als ob es auf dem Wall wäre, 6 mal in der Stube im Kreis herumführen; wobei er die Thore ordentlich angab, wie eines auf das andere folgte, und befahl, daß jeder-[94]mann ganz still sich betragen solle, weil, wenn man das geringste Geräusch machte, sein Leib sogleich in 6 Stücken zerfallen würde.

Er schrieb 6 Briefe, und jeder fing an mit der Anrede: Mein lieber Sechser, Sechser, Sechser, S. S. S.*) 1

Er wollte 6 Fensterscheiben eingeschlagen haben, und schlug wirklich einige ein; und viele dergleichen Dinge mehr.*) 2 Besonders anzumerken ist, daß er auch mehrmahlen sagte: Er werde nur 6 Krämpfe bekommen; und 6 Krämpfe oder Zuckungen mit den Armen etc. erfolgten wirklich.

Am meisten aber setzte die Anwesenden (von denen ich alles dieß habe, denn ich bin nicht selbst zugegen gewesen) in Verwunderung, daß er den ganzen Tag über vorhersagte, um 6 Uhr werde sein Uebel wieder vorbei seyn; und so geschahe es aufs genaueste, d.h. da erwachte er.

Er hat bald darauf Ipecacuanha bekommen, und heftig darauf vomirt. Seit der Zeit ist er die [95]meiste Zeit wach gewesen, oder hat einen sanften erquickenden Schlaf gehabt. Nach jenem Erwachen gestern 6 Uhr war er äußerst entkräftet, so sehr, als er sich noch nach keinem Erwachen gefühlt hatte.

Sein Erwachen um die vorherbestimmte Zeit erkläre ich mir so:*) 3 Sein Schlaf war ein unvollkommner Schlaf. Er hatte die meiste Zeit über, wenigstens abwechselnd, Empfindungen durch alle äußere Sinne. Er hörte insbesondre alles; hörte die ganze Zeit über die Glocke schlagen, und gab dabei an, wie lange es nun noch währen würde, bis seine Krankheit ihn verließe. Nur ein Theil seiner Vernunftideen, die zum völligen Bewußtseyn seines wahren Zustandes, zur allseitigen Besinnung gehörten, schlummerten, oder waren gefesselt.

Auf den Glockenschlag 6 lauerte er also mit großer Erwartung, d.h. mit vielen regen und interessanten Ideen.

Alle diese Ideen wurden also, als es 6 schlug, in lebhafte Bewegung gesetzt, und dieß konnte ihn zum völligen Erwachen bringen.

So erwacht man immer leicht zu einer gesetzten Zeit; wenn man wegen der Absicht dann zu er-[96]wachen, unruhig, halb nur schläft, und wenn die bestimmte Sensation, die Paroption des Zeitpunktes kömmt, mittelst der paraten sich zugesellenden Ideen stärker davon afficirt wird.*) 4

Er hat während dieses letzten Paroxismus auch mit musikalischen Kompositionen sich beschäftiget; sie gespielt auf dem Klavier, und einem anwesenden Freund, den er für seinen Bedienten nahm, befohlen, was er spielte gleich auf Noten ihm nachzusetzen. Da dieser sich stellte, als ob er nachschriebe, ließ Ch. sich hernach das Papier geben, auf welches jener aber gar nichts geschrieben hatte.

Ohne zu bemerken, daß gar nichts darauf stand, schimpfte Ch. nur auf ihn wegen der vielen Fehler, die er gemacht habe, und zeigte einen um den andern an.**) 5

[97]
Ueber Herrn Ch. den 16ten Februar 1781.

Seine Krämpfe zogen sich von den innern Theilen des Kopfs weg, so daß das Schlafwandeln ausblieb. Ehe sie ihn aber ganz verließen, verursachten sie einen sehr schmerzhaften Priapismus cum mictu cruento.

Vierzehn Tage ohngefähr war er von allen Uebeln dieser Art frei, gab wieder Unterricht auf dem Klavier und verschiedene Besuche, kehrte auch zu seiner gewohnten Diät, zum Gebrauch gemeiner harter Speisen zurück.

Die Witterung war um diese Zeit fast immer naß und stürmisch. Bei einer solchen Witterung besuchte er den Herrn Professor Cl. des Abends; und da wurde er wieder plötzlich von seiner unnatürlichen Schlafsucht und den Krämpfen überfallen, so daß er von etlichen Personen nach Hause, im Schlafe, mehr getragen als geführt wurde.

Er schlief etliche Tage meist in einem fort. Nun warf sich auf einmal die böse Materie auf andere Theile. Er bekam fürchterliche Ohnmachten, aller Puls war weg, und man wartete auf sein Ende.

Er erholte sich davon wieder, hatte aber die Sprache verlohren. In diesem Zustande der Sprachlosigkeit besuchte ich ihn den 14ten Februar Abends. Er war bei vollkommenen Verstande, und munter, unterhielt sich mit mir, indem er lebhaft eins ums andere aufschrieb.

[98]

Den folgenden Tag verlohr er auch das Gehör, und in der Nacht vom 15ten bis 16ten endlich auch, nach so heftigen Krämpfen in den Augen, daß zwei Personen Mühe hatten, seine Hände zurückzuhalten, womit er gegen seine Augen schlagen und drücken wollte, das Gesicht.

Der Geruch war äußerst scharf; und gegen allerlei, was ihm sonst keinen unangenehmen Geruch machte, zeigte er sich nun sehr empfindlich.

Doch den 16ten Vormittags, unmittelbar nach einem warmen Bade, kam die Sprache, und da bald darauf ein gegebnes Brechmittel gewirkt hatte, auch Gehör, und zuletzt das Gesicht wieder. Er befindet sich jetzt, nach der Aussage des vorher oft gemeldeten Freundes Herrn B. munter, und aß diesen Mittag mit dem besten Appetite.

Nachschrift den 29sten December 1783.

Dieß sind meine Beobachtungen, Reflexionen und mit Vorsicht eingezogenen Nachrichten über diese merkwürdige Krankheit. Ich theile sie Ihnen mit, völlig so, wie ich sie jedesmal niedergeschrieben habe, damit es in aller Rücksicht Geschichte seyn möchte. Gern legte ich auch die Beobachtungen und Gedanken der Aerzte bei; ich bin aber bisher nicht so glücklich gewesen, sie zu erhalten. Vielleicht macht sie einer derselben doch noch bekannt.

Als Vermuthung kann ich nur hieher setzen, daß man die Ursache der Krankheit in der Folge an-[99]ders beurtheilte, als anfänglich; und auf eine andere Art von Evacuation die Heilung gründete. Auch scheint mir die entfernte, zum Theil psychologische Ursache nicht einfach, sondern aus mehrern solchen zusammengesetzt zu seyn, wovon eine jede Nervenkrankheiten nach sich ziehen kann.

Verstellung und Betrügerei im mindesten zu vermuthen, würde hier, nach dem Urtheil aller Beobachter, eben so lächerlich als unwahr seyn.

Aber zwei Bemerkungen habe ich mehreremale Gelegenheit gehabt hiebei zu machen: einmal, wie schnell das Wunderbare sich vergrößert, auch in den Erzählungen derer, von denen man die genausten Beobachtungen erwarten sollte; sodann, wie leicht es auch bei solchen Krankheiten seyn müsse, daß ein Mensch an sich selbst irre werden könne, wenn es sich fügte, daß er selbst unwissend und mit lauter einfältigen und abergläubischen Personen umgeben wäre. Beides war hier nicht der Fall; und doch hatte ich Gelegenheit die Möglichkeit davon zu bemerken.

J. G. H. Feder.

Fußnoten:

1: *) Er tunkte immer die Feder sechsmal ein, ehe er wieder schrieb.

2: *) Er wollte auch den Spiegel sechsmal zerschlagen. Sein Freund aber brachte ihn dadurch ab, daß er sagte: wenn Sie ihn einmal zerschlagen haben, so können Sie ihn nicht wieder zerschlagen. Und erstens, das ist eine schlechte niedrige Zahl. Worauf er ihm die Stirn sanft kitzelte, das Zeichen seines Beifalls.

3: *) Die 6 Krämpfe lassen sich noch leichter begreifen, denn die Seele kann solche Zuckungen willkührlich anwirken; und also können sie auch durch eine große Vorstellung, daß sie kommen werden, erregt werden, halbwillkührlich.

4: *) Man sieht aber aus diesem Vorfall, was auch unabsichtlich wirkende, nicht von der Vernunft aufgestellte Ideen vermögen; wie etwas Betrügerei, Verstellung scheinen kann, was es im mindesten nicht ist.

5: **) Dieser sein Freund und mein geschickter Zuhörer sagte mir noch diesen merkwürdigen Umstand, daß er in seiner etliche Stunden fortwährenden Rede über die Zahl 6, und alles was damit vorzunehmen, auf einmal sich selbst unterbrach mit den Worten: Aber ich möchte nur wissen, wie meine Seele so auf die Zahl 6. gekommen; gleich darauf aber wieder in seinen theils scharfsinnigen, theils sehr träumerischen Combinationen fortfuhr.