ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Todesahndung*). 1

Anonym

Den 13ten Junius 1773 starb hieselbst (zu Bleicherode in der Grafschaft Hohenstein) a ein junger[73] Mensch von vier und zwanzig Jahren, und die Art seines Todes machte einiges Aufsehen.

Er war ein Zwillingssohn eines hiesigen Raschmachers von gutem Vermögen, und er hatte seines Vaters Handwerk erlernet. Ueber ein halbes Jahr lang hatte derselbe über öftere, jedoch erträgliche Kopfschmerzen geklagt, und dennoch nichts dagegen gebraucht, als daß er einigemal sich schröpfen lassen und purgiret hatte. Bei allen dem hat er sein erlerntes Handwerk in dieser Zeit ordentlich fortgetrieben, neben her noch andere häußliche Geschäfte, woran er Vergnügen gehabt, abgewartet, und ist dabei kein Feind von Gesellschaften gewesen, sondern hat alle die Vergnügungen mit seinen Freunden und Bekannten, jedoch ohne Ausschweifung mitgemacht, denen Leute von seinem Alter gewöhnlich ergeben sind.

Den letzten Pfingsttag und also kurz vor seinem Ende, geht er noch mit einer starken Gesellschaft seiner Bekannten auf ein nahes Dorf, und macht sich mit Tanzen recht lustig, schweift aber weder im Trinken, noch in andern Stücken aus, verläßt auch die Gesellschaft zu rechter Zeit, und kehrt noch bei Tage nach Hause.

Kurz, man hat in keinem Stücke etwas melancholisches an ihm bemerken können. Den letzten Sonntag vor seinem Ende geht er spatzieren, er kömmt auf den Kirchhof, geht bei seines Bruders Grab, welcher vor sieben Jahren an einem hitzigen [74]Fieber gestorben war, und sagt zu seinen Freunden: »auf künftigen Sonntag könnt ihr mich auch hieher tragen«.

In dieser Woche nehmen die Kopfschmerzen zu, er klagt dabei von Tage zu Tage über mehrere Mattigkeit, arbeitet aber doch noch die Woche auf dem Gestelle bis auf den Freitag. Nachdem er an diesem Tage des Morgens aufgestanden, läßt er sich das Bette in die Stube bringen, declarirt gegen jedermann, daß er Morgen Abend um zehn Uhr sterben werde, und verlangt von seinem Beichtvater das heilige Abendmahl, das ihm auch gereicht wird, und wobei er sich nach dem Urtheil aller Anwesenden mit Beten und Singen und sonst ordentlich und vernünftig verhält.

Unterdessen kommt sein Vater nach Hause, der bei einem auswärtigen Medico sich Raths erhohlet hat. Er läßt sich zwar wohl einen Umschlag wider die Kopfschmerzen um den Kopf binden, nimmt aber innerlich nichts, sondern bleibt dabei, er müsse Morgen Abend um zehn Uhr sterben.

Die folgende Nacht hindurch bringt er mit unterbrochenem Schlummer zu. Beim Erwachen sagt er, er wäre bei den Engeln im Himmel gewesen, und als er das Blasen der Musikanten ohnweit seiner Nachbarschaft hört, versichert er, daß die Engel im Himmel viel schönere Musik machten. Endlich zeigt sich den Sonnabend ein offenbares Delirium, in dem er beständig mit den Fin-[75]gern am Bette zupft, dabei er immer viel spricht.

Als den Nachmittag die Gesellen seines Vaters Feierabend machen, nimmt er von einem jeden Abschied und ermahnet sie zu allem Guten; Er nöthigt auch seinen Vater, zehen Träger, die ihn zu Grabe tragen sollen, aufzuschreiben, die er ihm alle benennt. Endlich des Abends um zehn Uhr geräth er in eine völlige Wuth: Er schreiet heftig, redet von lauter fürchterlichen Dingen, macht fürchterliche Geberden und kann kaum von vielen Personen gebändigt werden.

Nachdem diese Scene mit einigen Remissionen, da er nemlich nicht so sehr wüthend gewesen, etwa drei Stunden oder drüber fortgedauert, wird er endlich des Nachts um ein Uhr dem Anschein nach ruhig, seine Helfer entfernen sich, um auszuruhen, als man aber wieder nach ihm siehet, ist er ohnbemerkt verschieden: daß er also desselben Tages gestorben, an welchem sein Bruder sieben Jahr vorher sein Leben geendigt hatte.

Nach seinem Tode hat man in einen Kleiderschrank von ihm eingeschrieben gefunden, daß ihm geträumet: er werde nach drei Jahren an eben dem Tage und um die Zeit sterben, da sein Bruder gestorben wäre.

Fußnoten:

1: *) Dieser Aufsatz ist mir von einem bekannten und glaubwürdigen Mann mitgetheilt, und aus den Akten des Obercollegii Medici würklich genommen. Ich behalte mir vor, in der Folge über diese und ähnliche Vorfälle einiges zu sagen, was mir zu ihrer Erklärung zu dienen scheint.
A. d. H.

Erläuterungen:

a: Kleinstadt im Landkreis Nordhausen, Thüringen. Die Grafschaft Hohenstein befand sich zu dieser Zeit in brandenburg-preußischem Besitz.