ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: II, Stück: 1 (1784) > V. Geschichte eines Hofmeisters oder die traurigen Folgen einer melancholischen Gemüthsart bei einem Erzieher.

V.

Geschichte eines Hofmeisters oder die traurigen Folgen einer melancholischen Gemüthsart bei einem Erzieher.

Seidel, Johann Friedrich

Zu Michaelis 1781 hatte ich einen Auftrag, für einen Mann, den ich kenne und schätze, einen Hofmeister für seine Kinder und für noch einen Knaben, der ihm vom Lande zur Erziehung übergeben war, zu besorgen. Es fand sich endlich jemand, den ich zwar selbst nicht kannte, der mir aber von seinem Verwandten, einem rechtschaffenen Mann, als ein guter und geschickter Pädagoge geschildert wurde, und besonders ward er mir von der Seite gerühmt, daß er viel Geduld besitze. Ich erhielt auch bald nach seiner Ankunft die Versichrung, daß man mit diesem Manne zufrieden se` und daß er sich in seine Lage gut zu schicken wisse. Allein dieß währte nicht lange. Der folgende Brief schildert den so sonderbaren und gemischten Karakter dieses Hofmeisters, daß ich ihn wohl des weitern Nachdenkens werth halte. Ich lasse den Mann, der ihn schildert, selbst reden, und wenn man etwa hie und da einen Ausdruck finden wollte, der vielleicht dem kaltblütigen Leser einigermaßen zu hart oder zu wenig ausgeschmückt zu sein scheint; so bedenke man, daß dieser Brief nicht zum Druck selbst, wozu ich nun Erlaubniß habe, geschrieben war, und man wird [21]überdies überall den Gewissenhaften, den Einsichtsvollen reden hören, der freilich bei der ganzen Erzählung am stärksten interessirt war.

Am 19ten Januar 1782.

Dieser Mann erhielt einige Tage nach seinem Aufenthalte bei mir gegen Sie, mein Theurer, schriftlich, und gegen Herrn C. mündlich das vortheilhafteste Zeugniß, das man einem solchen Manne nur geben kann, und er verdiente es damals. ― In der Folge sah ich, sah meine Frau manches, was uns nicht so allerdings gefiel; was uns wohl schon etwas hätte verrathen können, was doch aber noch nicht von der Beschaffenheit war, daß ich darüber hätte mit ihm Rücksprache nehmen müssen. Dieß Etwas betraf nicht seinen Fleiß im Unterrichte, auch nicht seine Lehrart, ob ich gleich mit der auch nicht allerdings zufrieden war, und deshalb öfter mit ihm sprach; auch nicht seine Aufsicht über die Kinder, denn diese war eben so genau, als sein Fleiß im Unterrichte treu war; sondern ein gewisses unanständiges Verhalten gegen die Kinder, selbst in unsrer Gegenwart. Z.B. er machte, wenn die Kinder, besonders der kleine M. über Tische eine oder die andre, freilich oft kindische Frage that, worüber er belehrt sein wollte, beiden und besonders dem letztern wahre todtschlägerische Mienen. Er nahm es sich nicht übel, ihm in unsrer Gegenwart zu sagen: schmatzen Sie nicht so, wie ein Schwein! Wenn das Kind ihm nach [22]Tische die Hand küssen wollte: so stieß er es mit einer fürchterlichen Miene von sich, oder drehte es bei beiden Armen herum, daß es von ihm fortturkelte, u.s.w. Dieß alles ist bereits vor mehr als sechs Wochen geschehen. Seit eben so vieler und vielleicht noch längerer Zeit bemerkten wir an dem jungen M. ― denn mit diesem hat er, wie Ihnen die Folge sagen wird, seine Rolle hauptsächlich gespielt ― bald an den Backen, bald am Knie, bald am Halse blaue, gelbe und schwarze Flecke. Das Kind wurde darüber befragt, und die Antwort war: es hätte sich durch das Wälzen im Bette, an der Bettstelle gestossen. Herr G. (der Hofmeister) bekräftigte dieß gefragt und ungefragt; und that noch obendrein, um sich destomehr zu verstecken, sehr böse darüber. Noch weiterhin und gegen Weihnachten zu, beobachteten wir, daß beide Kinder, vornämlich aber wieder der kleine M., eine wahre knechtische Furcht vor ihrem Lehrer hatten, die so weit ging, daß wenn etwa meine Frau ihn etwas, was ihm angenehm war, thun hieß, er erst etlichemal seinen Lehrer ansah, ob der auch die Gnade hatte, darein zu willigen; bis es meine Frau mit Ernst noch einmal sagte. Schon aus diesem mehrmals merklich gewordenen Ernste hätte der Mensch, hätte er ein redliches Herz, richtige Erkenntniß davon gehabt, daß wir bei den Kindern mehr gälten, als er; und wäre er nur im Schlafe Beobachter gewesen, merken sollen, daß uns eine solche Erziehungsart [23]nicht gefiele. Wie er es gemerkt, und, wenn er es gemerkt, angewandt habe: das soll Sie die Folge lehren. In dem ersten Froste vor Weihnachten, der ziemlich scharf war, merke ich mit einemmale ein starkes Gepolter in der Kammer, die an meiner und Herrn G. Stube stößt. Ich höre es noch einmal, und dabei die winselnde Stimme des kleinen M. Ich sehe heraus, und siehe, der arme Junge steht in der schrecklichen Kälte mit Thränen in den Augen, und mit von Frost aufgetriebenen Händen da. »Was machen Sie hier?« ― Herr G. hat mich zur Strafe hiehergestellt. ― »Warum das?« ― Ich habe mein Adjektivum nicht gekonnt. ― Das Blut stieg mir zu Kopf; allein ich faßte mich und sagte kein Wort weiter, als: mein Kind, das thut mir leid! Sie müssen hübsch fleißig sein. ― Und so hat der Knabe, nach Herrn G. eigener nachheriger Aussage, anderthalb Stunden in der Kälte stehn müssen. Ich gab ihm mit einem entfernten Blicke mein Misfallen darüber zu erkennen, und damit ließ ich es gut sein. Denken Sie aber, wie ich die That selbst ansehen mußte, da er ihm theils diese harte Strafe um des Lernens willen aufgelegt hat, theils der Knabe nur erst bei ihm, d.i. seit Michaelis die Buchstaben des Lateins erlernt hatte, theils dem Herrn G. vorausgesagt und ernstlich eingeschärft war, mit diesem Kinde, dessen Seelenkräfte seit ganzer acht Jahren beinahe völlig brachgelegen hatten, Geduld zu haben, und von ihm [24]nicht so viel zu fordern, als er von meinem Kinde fordern könnte, welcher unter ganz andern Uebungen gestanden hatte.

Ich denke, daß Sie nun aus diesen wenigen Zügen, die ich leicht vermehren könnte, sehen werden, mit welcher Geduld wir den so schätzbaren Erziehungsgrundsatz beobachtet: »Man muß durchaus nicht dem Lehrer und Erzieher zu früh merken lassen, daß man mit einem oder dem andern an ihm nicht zufrieden sei;« ― und noch mehr den: »man muß sich sehr hüten, den Zöglingen Mistrauen gegen ihre Erzieher zu erwecken, man muß jenen nicht wissen lassen, daß diese grobe Fehler begehn könnten.« ― Wer hätte es uns bei jenen Anzeigen wohl verargen mögen, wenn wir uns früh um die Ursach einer solchen knechtischen Furcht bei den Kindern selbst erkundigt, und sie ausgefragt hätten, auf was Weise denn der Lehrer wohl mit ihnen umginge? Und in diesem Augenblick, da ich jene Grundsätze gut heißen muß, werfe ich es mir vor, sie so lange beobachtet zu haben. So wahr ist es, daß vielleicht nicht zwei Grundsätze in der Erziehung allgemein anwendbar sind; ein Gedanke, worüber wir uns ehedem oft unterhalten haben. Und nun weiter zur traurigen Geschichte.

Unter solchen mislichen Gedanken, ob der Mann, der uns bis dahin gefallen hatte, wohl der Mann sein möchte, der unsre Kinder gut erziehn würde; und unter den sichtbarsten Spuren eines sich nach [25]und nach immer mehr äußernden misanthropischen Wesens verlebten wir Weihnachten und Neujahr. Die sklavische Furcht vor dem Menschen blieb bei den Kindern, besonders bei dem kleinen M. vor wie nach. Das Kind verlor seine Munterkeit; es hing den Kopf und schlief bei der geringsten Stille ein. Wir schalten es deshalb oft in seiner Gegenwart, und es behauptete immer, es fehle ihm nichts. Der Lehrer schwieg bei diesem allen gewöhnlich ganz stille. Endlich aber wollte die gute Vorsehung, die ich dafür ewig preisen werde, daß die Sache zum Ausbruche kommen sollte; und dieß geschah auf folgende Art. Ferdinandchen, (der kleine M.) ein Kind, das ein goldnes Herz hat, fragte mich am verwichnen Sonntage beim Abendessen: »Herr Sander (merken Sie, der einzige Lieblingsschriftsteller des Herrn G., aus dem er auch sogar seine Predigten und seine Neujahrswünsche stiehlt, und an welche er denn seine Lappen annähet) ist doch wohl der größte Philosoph?« ― Kaum war diese in höchster Unschuld, wie ein jeder Rechtschaffene fühlt, aufgeworfene Frage; aber meine Antwort noch nicht da: so verzerrte sich das Gesicht seines Lehrers dergestallt arg, daß Kains Gebeerde unmöglich fürchterlicher hat aussehen können. Er schoß Blicke voll Unmuths, voll des bittersten Unmuths auf das arme Kind. Wir bemerkten es; aber ohne mich daran zu kehren, sagte ich: mein Kind, dafür wird sich Herr Sander wohl selbst nicht ausgeben.[26]Herr Sander ist noch ein junger Gelehrter, der aber freilich sehr groß werden kann. Ob der größte? das ist eine andre Frage. ― »Was er doch redet«, brach hierauf der ergrimmte Lehrer aus; und ich sagte: lassen Sie ihn doch! Er meints recht gut; er weiß schon von Philosophen zu schwatzen. ― Auf dies alles blieb er bei seiner Miene, und wie man sagt, mopsig, und redete kein Wort mehr über Tisch. Wir hatten vor Tische gespielt; wir setzten es nun noch mehr der Langenweile wegen fort; aber so, daß weder ich, noch meine Frau ihn eines Worts würdigten, um ihn unser Misfallen über sein unanständiges Betragen fühlen zu lassen. Bei diesem Abendessen war es auch, wo er dem Ferdinand wiederum gebot, nicht wie ein Schwein zu schmatzen, weil ihm ein mehreres zu thun nicht erlaubt war. Daß er nichts gefühlt habe, das lernen Sie daraus, daß er eben die wiedrige Miene vom Sonntage an bis zum Donnerstage fortsetzte; so, daß er kaum antwortete, wenn ihm etwas gesagt wurde.

Als ich mich diese Zeit hindurch mit meiner Frau über dieses Betragen besprach: so fiel letztere auf allerlei Gedanken, unter andern gar auf den: daß es mit dem Menschen nicht richtig im Kopfe seyn müsse. Ich aber schrieb diesen und andre Auftritte, selbst seiner zu großen Strenge, die uns nun immer mehr sichtbar wurde, seinem schwarzen und überflüssigen Blute zu, weil er selbst einigemal sich davon hatte etwas merken lassen. Indem wir uns [27]unsrer seits den Kopf darüber zerbrachen, was ihm doch wohl im Kopfe stecken möchte, konnte er es seiner seits nicht mehr aushalten, daß nicht mit ihm gesprochen wurde, und daß er mit einemmale aus unsrer Gesellschaft verbannt war. Er bekömmt also den Einfall, an meine Frau dieser Sache wegen zu schreiben, sich wegen seiner Laune zu entschuldigen, ja, sogar deshalb um Verzeihung zu bitten, hundert süsse gestohlne Sachen zu sagen, und alle Schuld davon auf Ferdinandchen zu schieben. Die Antwort meiner Frau war in einem solchen Ton abgefaßt, daß, wenn er noch einen Funken gesunder Vernunft vorräthig gehabt hätte, er dadurch zu einem weichern und rechtschaffenern Betragen, besonders gegen das M..sche Kind hätte bewogen werden müssen. Aber Sie werden sich wundern, wenn Sie hören werden, daß grade das Gegentheil geschehen ist. Meine Frau sendet ihm die Antwort am 17ten dieses Nachmittags um 4 Uhr, und er hatte sein Schreiben an demselben Tage Vormittags geschickt. Gleich nach Tische geht er mit den Kindern aus, kömmt etwa um zwey oder halb drei Uhr wieder, als ich grade in der zwischen seiner und meiner Stube gelegenen oben erwähnten Kammer war. Mit einemmale höre ich in seiner Stube ein starkes Gepolter und Ferdinandchen weinen. Ich reiße die Thür mit Hitze auf. »Weinen Sie?« (mit barscher Stimme) ― Nein! ― und hält noch den Schnupftuch vor die Augen. ― »Ich will [28]schlechterdings wissen, ob Sie weinen?« Ja! endlich ― »Warum?« ― Ich bin auf der Treppe gefallen und habe mir den Kopf zerstoßen ― »Und darüber weinten Sie, Sie, die Sie sich wohl zehn Löcher in den Kopf durch Fallen schlagen könnten, ohne zu weinen? ― das ist nicht richtig! Damit Sie wissen, ich erinnere Sie heute, und dann die pure reine Wahrheit!« ―

Voll der betrübtesten Ahndung, was ich nun wohl alles erfahren möchte, gehe ich herunter, und erzähle jenen Vorfall meiner Frau. Dieser leuchtete es fast noch heller ein, als mir, daß die schreckliche Brausche, die das Kind am Kopfe, nahe über dem Auge, hatte, nicht von einem Falle, sondern von einem Schlage sein müßte. Sie ward äußerst unruhig darüber. Zum Unglück konnten wir den Abend des 17ten das Examen nicht halten, weil wir Fremde von außen her bekamen. Ein vorläufiges Examen aber, das meine Frau mit meinem Sohne hielt, überzeugte uns nicht allein, daß Ferdinandchens Beule am Kopfe nicht vom Falle auf der Treppe, sondern vielmehr von dem Stocke seines Lehrers auf dem Spatziergange ― und wohl zu merken, in der Zwischenzeit, da er an meine Frau geschrieben hatte, und Antwort erwartete ― verursacht sei; sondern entdeckte uns noch weitere schrecklichere Sachen, von denen ich nicht weiß, wie ich sie Ihnen mit Geduld und ohne die heftigste Wuth ― Ja, Wuth ist der rechte Ausdruck! Sie sollen [29]richten und alle Redliche sollen richten! ― niederschreiben soll. Mir wurde den Abend nur etwas entdeckt. Den 18ten lasse ich bis zum Abende nach vier Uhr vergehen, nachdem wir mit Beben die Kinder den Abend zuvor hatten mit ihm hinauf gehen lassen; und nun rufe ich die Kinder selbst von ihm ab. Ich nehme den Ferdinand ganz besonders vor, halte ihm eine lange Predigt von dem Guten, das er bei mir bisher genossen hätte; wie dies Dank verdiene; wie er mir an Kindes Stelle sei, wie ich ihn so gut, wie meine eigne Kinder liebe und schütze; wie ich dies auch ferner als Vater thun würde; wie ich dafür aber auch erwartete, daß er mir auf alles, was ich ihn fragen würde, die lautere Wahrheit gestehn würde ― das wolle er thun! ― »Nun, mein Kind, woher haben Sie die Beule am Kopfe?« ― Und denken Sie sich mein Erstaunen, als das Kind, ungeachtet meiner Ermahnung, behauptete, es sei gefallen. ― »Ich weiß es besser, es ist vom Schlage.« ― Nein, nein! mein Lehrer thut mir nichts Böses, außer daß er mir dann und wann eine Maulschelle giebt, und die hatte ich verdient. ― »Junger Mensch (mit an den Kopf gelegter, geballter Faust) ich will die Wahrheit wissen, hören Sie es?« ― Nein, ich bin gefallen; und das ist die reine Wahrheit. ― »Mensch, ich rufe meinen Sohn, und wie, wenn ders Ihnen ins Gesicht sagt, wie die Sache ist?« ― Ich könne ihn rufen lassen: der würde es nicht anders sagen können. Ich [30] lasse diesen und meine Frau kommen. Mein Sohn ermahnt ihn zur Wahrheit, und ― nun bekennt er erst: ja, Herr G. hat mich mit dem Stocke geschlagen. ― Ich bitte Sie, um Gottes willen, mein Freund, was denken Sie von diesem Kinde, das seinem Lehrer bis zum Laster treu war? denn Sie können sich leicht einbilden, ohne daß ich es Ihnen sage, daß von dem Menschen noch etwas ärgers, als der Schlag, oder vielmehr die Schläge selbst (denn er hat deren drei bekommen) geschehen war; daß er ihm nämlich unter Androhung der härtesten Züchtigung, und selbst unter den niederträchtigsten Schmeicheleien, aufs festeste eingebunden hatte, zu uns zu sagen, er sei auf der Treppe an der Bretterwand gefallen. Und dieser Mensch, der seinem Zöglinge, von dem er selbst ― schreibt sogar, daß er ein edles, gutes Herz habe, etliche Schläge am Kopfe, und etliche, wie wir nachher bei weiterer Untersuchung sahen, auf dem rechten Arm dergestallt gegeben hatte, daß der Arm so dick aufgeschwollen war, daß man kaum den Rock herabziehen konnte; dieser Mensch wollte kurz nach der That das arme Kind noch darum: weil es auf der Stube vor Schmerz das Weinen nicht lassen konnte, in dem Augenblick, da ich die Thür aufriß, (wie ich erzählt habe) zur Strafe aus der Stube stossen. Und es war doch die höchste Zeit zu den Stunden; und er hatte doch dies Weinen verursacht; und er versprach sich doch auf seinen süssen Brief von meiner Frau [31]noch an eben dem Tage Antwort; und er konnte doch, wenn er nicht wahrhaftig verrückt im Kopfe war, schon zum voraus wissen, wie diese ausfallen würde. Diese Minute ließ mich meine Frau herunterrufen, um Ferdinandchens zerschlagenen Arm zu sehen. Mit der bittersten Wehmuth und mit eben so bittern Thränen sahe ich ihn eine Spanne lang wie eine Wurst aufgetrieben, und wie ein dunkelblaues Tuch. Gott! daß ich grade heut in den Umständen bin, ihn noch zwei Nächte unter meinem Dache beherbergen zu müssen!

Aber weiter im Examen. »Warum sind Sie denn so zerschlagen worden?« ― weil ich nicht rennen wollte. ― Geht Ihnen nicht, mein Werther, ein kalter Schauder durch die Glieder? ― und das, sagt mein Sohn, geschieht allemal, so oft wir spatzieren gehen; wenn Ferdinandchen nicht rennen will, dann bekömmt er entsetzliche Schläge. Letzthin, als Sie auch nach seinem zerschabten Gesichte fragten, hat er ihn mitten unter dicke Fichten gestossen, auch, weil er nicht rennen wollte, wir aber mußten auf sein Geheiß sagen: er sei von selbst so gerannt und sei zwischen die Fichten gefallen. Und dies ist nicht allein wirklich geschehen, sondern Herr G. bekräftigte es auch in beider Kinder Gegenwart, welche die Augen dabei niederschlugen.

Und das wäre es alles, meinen Sie? Schicken Sie sich auf noch gräßlichere Dinge, wenn es [32]anders noch gräßlichere giebt. Aber ja, die folgenden sind es wirklich noch. Ich fasse sie aber alle in eins kurz zusammen. Der Hartherzige, oder in der That Verrückte, hat eben dies arme Kind sehr häufig in der kleinen Kammer, die an seiner Thür nach dem Hofe herausgeht, in der Kälte völlig nackend stundenlang stehen und einmal des Morgens so nackend unter sein Bett kriechen lassen, weil er sich des Nachts im Bette geworfen hatte; er hat ihn auf den Spatziergängen, wenn er nicht hat rennen wollen, mit dem Stocke hinten in den Rücken gestossen, daß er so vorwärts übergefallen ist; um eben der Ursach willen einen Stock auf ihn zerschlagen; ein andermal ihn ins Gebüsch gezogen, und ihn dort so erbärmlich geohrfeigt, daß mein Sohn es in der Ferne hat hören können; ihn wohl hundertmal mit seinen Dragonerstiefeln vor den Hintern gestossen, daß er oft hingestürzt ist; ihn bei beiden Armen genommen, in einen Feldgraben geworfen und auf seine Hände getreten; ― hat ihn, weil er sich bei einem bösen Kopfe einmal am Halse gekratzt hat, beide Hände auf den Rücken gebunden, daß die Hände entsetzlich aufgetrieben sind; er hat ihn sehr häufig 8, 9, 16 bis 24 Prisen Schnupftaback bis zum Brechen, ja selbst ein Pflaster, das der Kleine auf einer Wunde hatte, essen lassen; hat ihn mit geballten Fäusten dazu gebracht, den Unflath, der etwa einmal bei einer nassen Blähung, oder auch wohl aus Unachtsamkeit in den [33]Beinkleidern sitzen geblieben war, mit der Zunge aufzulecken. Und nun sey es der Bosheiten genug, wenn ich einige vergessen haben sollte! Doch alles hat er bereits nach Aussage der Kinder, besonders meines Sohns, dem er nie etwas dergleichen gethan hat, auch nach seinem eigenen Geständnisse, einige Wochen vor Weihnachten so getrieben, und es heimlich treiben können; weil die Kinder dergestalt von ihm sind in Furcht erhalten worden, daß sie bis auf jene Scenen nicht ein Wort haben sagen dürfen. Ja sie haben uns selbst, da sie es endlich alle beide aus einem Munde, wozu auch noch über manche Barbareien das Zeugniß meiner Tochter kömmt, entdeckten, fast fußfälligst gebeten, daß ich doch alles so einrichten möchte, daß sie ja seiner Wuth nicht ausgesetzt wären. Nur die Versichrung, daß ich, nächst Gott, ihr Vater und Schutzgott wäre, und mich als einen solchen in meiner ganzen Würde zeigen würde, konnte sie dahin bringen, alles ehrlich zu gestehn.

Am 23sten Januar. 1782.

Nun ist das Examen rigorosum vorbey. Es geschahe wie ich Ihnen neulich schrieb, daß es geschehen sollte, am Montage, den 21sten dieses. Ich hatte, theils um einen gültigen Zeugen von alle dem, was ich mit dem Mann, oder vielleicht noch Jünglinge, sprechen würde, für mich zu haben, theils auch ihn glauben zu machen, es würde hier wohl an [34]ein gerichtliches Protocolliren gehn, den Herrn Stadtsekretair von B** ersucht, diesem peinlichen Gerichte mit beizuwohnen. Der letzte Gedanke, den ich übrigens um mehr als einer Ursach nicht auszuführen willens war; so sehr mich auch die Anklage dazu berechtigt hätte, that indessen die beste Würkung von der Welt. Der Anblick des Herrn von B* schien ihn eben so sehr, als sein böses Bewußtseyn in Verlegenheit zu setzen. Er war weiß, wie Kreide, und fast unfähig, ein Glied zu rühren. Ich hieß ihn niedersitzen, und nun fing ich meine Anrede so an, wie es die traurige Lage der Sache mit sich brachte. Ich hatte, wie Sie leicht denken können, mich nicht allein die Tage vom Freitag bis zum Montage hindurch gefaßt zu machen gesucht, ganz mäßig und gelassen zu sein; sondern ich hatte mir diese Mäßigkeit und Gelassenheit auch in einem feierlichen, stillen Gebete von Gott erfleht. Ich glaubte sie auch gewiß beobachten zu können, in so fern Herr G. mich nicht durch ein hartnäckiges Läugnen aus meiner Fassung bringen würde. Mein Gebet war erhört. Ich blieb bey meinem ganzen Vortrage gelassen, denn Herr G. läugnete von dem ganzen Register von Grausamkeiten, die er gegen den kleinen M. bewiesen hat, und die ich Ihnen, aber doch noch nicht alle, letzthin überschrieben habe ― auch noch nicht Eine ab. So entsetzlich dies auch ist, so wahr ist es doch.

[35]

»Aber wie sind Sie zu solchen Grausamkeiten gekommen? Was hat Sie dazu veranlaßt, sich besonders auf den jungen M* also zu setzen? Ich dächte, wenn es auf Leichtfertigkeit ankäme: so beginge mein Sohn deren weit mehrere als jener?« ― Er habe bereits, war die Antwort, die er vermochte, seit Jahr und Tag ein solches misanthropisches Wesen bey sich gefühlt und gemerkt, daß er seit dieser Zeit einen Hang zur Grausamkeit hätte. ― Bey einem solchen Bekenntnisse hätten mir die Haare zu Berge steigen mögen. ― Er könne übrigens nicht sagen, daß der junge M* ihm dazu besonders Gelegenheit gegeben hätte! Er wisse selbst nicht, wie er dazu gekommen sey. In allem diesen und auch noch in andern Antworten, die er aber äußerst sparsam, jedoch mit der höchsten Furchtsamkeit und ― wenigstens anscheinender Beschämung gab, war dennoch so gar nichts, was ihn wegen seines schrecklichen Verhaltens gegen das Kind hätte entschuldigen können; es wäre denn, daß man annehmen wollte, daß er in der That manchmal Intervalla hätte. Ich gestehe aber aufrichtig, daß, so gern ich auch diese Art der Entschuldigung von ihm annehmen möchte, ich doch dazu in seinem übrigen Betragen keinen hinlänglichen Grund finde. Warum konnte er denn, einige mördrische Blicke, die er von Zeit zu Zeit auf die Kinder in unsrer Gegenwart fallen ließ, ausgenommen, sehr oft ein sehr freundliches Wesen gegen sie, wenn wir dabey waren, annehmen? Warum [36]sogar den kleinen M. oft liebkosen? Warum dies thun, wenn er eben vorher auf seiner Stube eine Grausamkeit gegen ihn ausgeübt hatte? Warum den Kindern nach Verübung derselben so scharf einbinden, daß sie nichts sagen sollten, oder er wollte sie massakriren. Er war sich also nicht allein bewußt, daß er es gethan hatte, sondern er wußte auch, daß es etwas schreckliches war. Sollte sich dies so allerdings mit dem Karakter derer Leute reimen lassen, von denen man sagt, sie hätten schlimme Intervalla ― ―

So weit der Mann, bey dem Herr G. Hofmeister war. Was ich nun noch hinzuzufügen nöthig finde, ist folgendes: Herr G. mußte zwey Tage darauf abreisen, und kam den folgenden Tag, so bald er von der Post abgestiegen war, zu mir. Ich würde mich wundern, sagte er, ihn izt hier zu sehen, oder, setzte er hinzu: ob ich etwa schon Briefe aus F* hätte. Ich gestand es sogleich; und fast als ob er mir in die Rede fallen wollte, fragt er: was ich ihm riethe, was er thun sollte? ― Das wußte ich freilich nicht; ich verwies ihn an seinen Verwandten, von dem ich die erste Nachricht von ihm erfahren hatte. Zu diesem hinzugehen, kostete viel Ueberredung von meiner, und viel Ueberwindung von seiner Seite. Ueberhaupt stand er da vor mir in einer Gestalt, die mich innigst rührte. Beschämung, Angst, Betäubung, Unentschlossenheit und Anstrengung zum Nachsinnen waren auf seinem Gesichte; [37]sein Blick war zur Erde geheftet, kaum daß er mit Mühe dann und wann schüchtern aufblicken konnte; seine Stellung, seine Bewegung waren seinen innerlichen Gefühlen anpassend, voll Unruhe ― Ich fragte ihn: wie ist es möglich gewesen, daß Sie Kinder so behandeln konnten? ― und als er schwieg: hat denn der kleine M. Ihnen zu irgend einer solchen Behandlung Gelegenheit gegeben? ― »Nein, es war ein gutes Kind, zuweilen etwas munter, aber nicht wild, selten über die Grenze der Munterkeit.« ― Wie haben Sie denn im Hause gelebt? zufrieden? »Ja, sehr zufrieden; o, ich habs so gut gehabt; ich war wie Kind im Hause, wie ein Freund, ich habe nicht die mindeste Klage. Ob man mich wohl wieder annähme? wenn Sie schreiben wollten?« ― Das würde nichts helfen; das läßt sich nicht denken? ― Aber wenn Sie einmal so strenge gestraft hatten, fühlten Sie nachher keine Art von Mitleid? Rührte Sie die harte Strafe nicht selbst? ― »Ja, es that mir leid!« Und wie konnten Sies so häufig wiederholen? »Das weiß ich selbst nicht. Ich habe mirs so oft vorgenommen, nicht zu schlagen, nicht zu hartherzig zu sein, aber es half nichts. Ich habe zu Gott gebetet, meinen Sinn zu ändern; aber ich weiß nicht, was aus mir werden wird« ― ― Ich gestehe, daß mir bey dieser Stelle ein Schaudern ankam, und wußte ihm nichts darauf zu antworten. Er wollte zu seiner Mutter reisen, das war der einzige Entschluß, den [38]er hatte, und so ging er von mir. Sein Vater hat vor etwa 15 Jahren in einem kleinen Flusse seinem Leben ein Ende gemacht.

J. F. Seidel.
Lehrer am Grauenkloster.