ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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VIII.

Grausamkeit eines gefangnen Soldaten gegen seinen eignen Körper.

Schröder

Da ich seit meinen Universitätsjahren beständig einen siechen Körper trage, und mit einem anhaltenden aber nicht tödtenden Schmerz kämpfe, bin ich der gelehrten und großen Welt meist unbekannt geblieben, die beständige Hoffnung, mein Leiden bald zu endigen, hat auch alle Ruhmbegierde der Schriftstellerei so wohl, als der ausgebreiteten Praxis erstickt. Bloß für mich habe ich im Stillen gelebt, ganz unbemerkt, und wenn es meine Schmerzen erlaubten, mich mit einem guten Buche unterhalten. Ihr Magazin zur Erfahrungsseelenkunde kam mit unter meine Lektüre, sie erneuerte in meinem Gedächtniß, viele merkwürdige Ereugnisse, die ich im siebenjährigen Kriege so wohl in Preußischen als Kaiserlichen Lazarethen als Wundarzt zu beobachten Gelegenheit gehabt habe. Diese Beobachtungen, wovon manche gewiß sonderbar sind, haben zwar gewissermaßen meine Gesundheit untergraben helfen, daher ich mich mehr bemüht habe, selbe zu vergessen, als irgend einen Gebrauch davon zu machen.

Dennoch ist in mir bei Durchlesung und Vergleichung mancher Ihnen zugesandten Abhandlungen das Verlangen rege geworden, einige der merkwürdigsten an Ew. etc. einzusenden, ich will vorerst nur mit einer den Anfang machen, sollte diese sich für [61]Ihren Gebrauch schicken, und ich darüber Versicherung erhalten haben, so werde ich fernerhin mit mehreren aufzuwarten nicht ermangeln.

Ich bitte noch zu meiner Entschuldigung zu bemerken, daß ein Mensch der zwölf Jahr krank ist, zwar wahr, aber nicht schön schreiben kann.


Im Jahre 1762, da ich in der Kaiserlichen Gefangenschaft über ein Lazareth Preußischer Kranken in Grätz in Steuermarck die Aufsicht hatte, ereignete es sich, daß man Kaiserlicher Seits durch allerhand Drohungen die Preussen zu österreichischen Diensten zu zwingen suchte.

Ein Soldat Nahmens Salomon, aus dem Magdeburgischen gebürtig, (und wo ich nicht irre) vom Regiment des General Hülsen, der in seiner Heimath ein kleines Cossäthenguth, Frau und Kinder zurück gelassen hatte, übrigens ein recht patriotischer Brandenburger war; hatte einige Beispiele von halb gewaltthätigen Anwerbungen seiner Cammeraden gesehn, hierüber verfiel er in eine Art des Wahnsinns, wovon er nach Verlauf einiger Wochen durch dienliche Mittel wieder hergestellt wurde. Er war nun allem Anschein nach völlig verständig, erzählte wie er beim Finckschen Chor gefangen worden, wer seine Eltern gewesen, was seine Frau für eine brave Frau, und seine Kinder für liebe Kinder wären, und am Ende einer jeden ganz vernünftigen Erzählung, [62]schloß er damit, man sähe hieraus, wie unmöglich es ihm sey, Kaiserliche Dienste anzunehmen. Diese Bitte wiederholte er täglich mit dem besten Anstand, und allem Anschein einer gesunden Vernunft.

Ohnvermerkt schlich sich dieser Salomon heimlich auf den Boden des Lazareths, schnitt sich mit einem stumpfen Brodtmesser den linken Daum ab, verband die Hand mit einem Tuch, kam wieder in diejenige Krankenstube, worin er gehörte, und erzählte bei einer Pfeife Taback, daß ihm wohl wissend sey, wie in Kaiserlichen Diensten kein fehlerhafter Mensch angenommen werde, und wie er sich nun vor allen ferneren Nachstellungen gesichert habe. Diese von Salomon selbst gemachte Amputation wurde bald und gut geheilt, während der Cur verhielt sich Salomon immer ruhig und friedlich, hatte die Liebe aller seiner Cammeraden, er war ihr unterhaltender Gesellschafter, war in allen Stücken vernünftig, bis auf einen Punkt, daß er jedesmahl den Medicum erwartete, und ihn bat, ihn mit den Kaiserlichen Diensten zu verschonen.

Einige Wochen nach seiner Heilung, schlich er sich zum zweiten mal auf den Boden, und schnitt mit einem stumpfen Messer, mit welchem er kurz vorher Taback geschnitten hatte, sein Scrotum genau in der Mitte durch, und sodann den rechten Testicul nebst denen ihn umgebenden Häuten rein weg, und kam kaltblütig zurück in die Stube. Seine Cameraden bemerkten das überall hervordringende Blut, [63]und befragten ihn deshalb, worauf er antwortete, es sey alles das seinige, und könne er damit machen, was er wolle. Es wurden sogleich alle Anstalten gemacht, die Verblutung zu stillen, und nach gehörigem Verband war Salomon ruhig, blieb im Bette, und wurde in sechs Wochen von seiner halben Castration geheilt. Nun blieb er 3 Monat in derselben Lage, er war gesund, aß und trank, gieng aber seit dieser Operation etwas krumm, und an einem Stock. Jeden Morgen erwartete er an der Thüre des Lazareths den Kaiserlichen Medicum, und wiederholte jedesmal seine Bitte, ihn nicht zum Dienst zu zwingen. Nach Verlauf besagter drei Monath schnitt sich dieser Salomon den zweiten Testicul nebst seinen Häuten weg; er wurde auch hier abermals glücklich geheilet, doch so, daß er nun ganz krumm gieng. Täglich fuhr er fort, seine Bitte zu erneuern, und sich auf seine Frau und Kinder zu berufen. Der Medicus, dem dieser tägliche Anlauf endlich zur Last wurde, antwortete in der Folge ganz kurz, daß die Kaiserin ihn nicht brauchen könne, und seine Frau sich seiner auch nicht freuen würde, wodurch Salomon jedesmal beruhiget wurde, und so verblieb bis zur Ranzion, a da ich weiter nichts von seinem Schicksale erfahren habe.

Bei diesem Vorfall ist doch allerdings bemerkenswerth, daß ein Mensch, dem Anschein nach, sehr vernünftig und mit dem zartesten Gefühl für Vaterland, Frau und Kinder begabt, auf der andern Seite einen solchen Grad der Verrückung haben könne, [64]der ihn zu der grausamsten Operation abhärtet und hinleitet.

Schröder,
Doctor Medicinä.

Erläuterungen:

a: Vgl. Erl. in diesem Stück zu S. 41.