ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: II, Stück: 1 (1784) > III. Fragment aus Anton Reisers Lebensgeschichte.Vgl. KMA I, S. 31-44 u. 800-815.

III.

Fragment aus Anton Reisers Lebensgeschichte. a

Moritz, Karl Philipp

Antons Mutter hatte das Unglück, sich oft für beleidigt, und gern für beleidigt zu halten, auch wo sie es wirklich nicht war, um nur Ursach zu haben, sich zu kränken und zu betrüben, und ein gewisses Mitleiden mit sich selber zu empfinden, worinn sie eine Art von Vergnügen fand.

Leider scheint sie diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der jetzt noch oft vergeblich damit zu kämpfen hat.

Schon als Kind, wenn alle etwas bekamen, und ihm sein Antheil hingelegt wurde, ohne dabei zu sagen, es sey der seinige, so ließ er ihn lieber liegen, ob er gleich wußte, daß er für ihn bestimmt war, um nur die Süßigkeit des Unrechtleidens zu empfinden, und sagen zu können, alle andern haben etwas, und ich nichts bekommen!

Da er eingebildetes Unrecht schon so stark empfand, um so viel stärker mußte er das wirkliche empfinden. Und gewiß ist wohl bei niemanden die Empfindung des Unrechts stärker als bei Kindern, und niemanden kann auch leichter Unrecht geschehen; ein Satz, den alle Pädagogen täglich und stündlich beherzigen sollten. Oft konnte Anton stundenlang nachdenken, und Gründe gegen Grün-[77]de auf das genauste abwägen, ob eine erlittne Züchtigung von seinem Vater recht oder unrecht sey?

Jetzt genoß er in seinem eilften Jahre zum erstenmale das unaussprechliche Vergnügen verbotner Lektüre. Sein Vater war ein abgesagter Feind von allen Romanen, und drohete ein solches Buch sogleich mit Feuer zu verbrennen, wenn er es in seinem Hause fände. Demohngeachtet bekam Anton durch seine Base die schöne Banise, b die Tausend und eine Nacht, c und die Insel Felsenburg d in die Hände, die er nun heimlich und verstohlen, obgleich mit Bewußtseyn seiner Mutter, in der Kammer las, und gleichsam mit unersättlicher Begierde verschlang.

Dieß waren einige der süssesten Stunden in seinem Leben. So oft seine Mutter hereintrat, drohete sie ihm bloß mit der Ankunft seines Vaters, ohne ihm selber das Lesen in diesen Büchern zu verbieten, woran sie ehemals ein eben so entzückendes Vergnügen gefunden hatte.

Die Erzählung von der Insel Felsenburg that auf Anton eine sehr starke Wirkung, denn nun gingen eine Zeitlang seine Ideen auf nichts geringers, als einmal eine große Rolle in der Welt zu spielen, und erst einen kleinen dann immer größern Cirkel von Menschen um sich her zu ziehen, von welchen er der Mittelpunkt wäre: dieß erstreckte sich immer weiter, und seine ausschweifende Einbildungskraft ließ ihn endlich sogar Thiere, Pflanzen, und leblose [78]Kreaturen, kurz alles was ihn umgab, mit in die Sphäre seines Daseyns hineinziehen, und alles mußte sich um ihn, als den einzigen Mittelpunkt umherbewegen, bis ihm schwindelte. Dieses Spiel seiner Einbildungskraft machte ihn damals oft wonnevollere Stunden, als er je nachher wieder genossen hat.

So machte seine Einbildungskraft die meisten Leiden und Freuden seiner Kindheit. Wie oft, wenn er an einem trüben Tage bis zum Ueberdruß und Eckel in der Stube eingesperrt war, und etwa ein Sonnenstrahl durch eine Fensterscheibe fiel, erwachten auf einmal in ihm Vorstellungen vom Paradiese, von Elysium, oder von der Insel der Kalypso, die ihn ganze Stundenlang entzückten.

Aber von seinem zweiten und dritten Jahre an, erinnert er sich auch der höllischen Quaalen, die ihm die Mährchen seiner Mutter und seiner Base im Wachen und im Schlafe machten: wenn er bald im Traume lauter Bekannte um sich her sahe, die ihn plötzlich mit scheußlich verwandelten Gesichtern anblickten, bald eine hohe düstre Stiege hinaufging, und eine grauenvolle Gestalt ihm die Rückkehr verwehrte, oder gar der Teufel bald wie ein fleckichtes Huhn, bald wie ein schwarzes Tuch an der Wand ihm erschien.

Als seine Mutter noch mit ihm auf dem Dorfe wohnte, jagte ihm jede alte Frau Furcht und Entsetzen ein, so viel hörte er beständig von Hexen und [79]Zauberinnen; und wenn der Wind oft mit sonderbarem Getön durch die Hütte pfif, so nannte seine Mutter dieß, im allegorischen Sinn, den handlosen Mann, ohne weiter etwas dabei zu denken.

Allein sie würde es nicht gethan haben, hätte sie gewußt, wie manche grauenvolle Stunde und wie manche schlaflose Nacht dieser handlose Mann ihrem Sohne noch lange nachher gemacht hat.

Insbesondre waren immer die letzten vier Wochen vor Weihnachten für Anton ein Fegefeuer, wogegen er gern den mit Wachslichtern besteckten und mit übersilberten Aepfeln und Nüssen behängten Tannenbaum entbehrt hätte.

Da ging kein Tag hin, wo sich nicht ein sonderbares Getöse wie von Glocken, oder ein Scharren draußen vor der Thüre, oder eine dumpfe Stimme hätte hören lassen, die den sogenannten Ruprecht oder Vorgänger des heiligen Christes anzeigte, den Anton dann im ganzen Ernst für einen Geist oder ein übermenschliches Wesen hielt, und so ging auch diese ganze Zeit über keine Nacht hin, wo er nicht mit Schrecken und Angstschweiß vor der Stirne aus dem Schlaf erwachte.

Dieß währte bis in sein achtes Jahr, wo erst sein Glaube an die Wirklichkeit des Ruprechts sowohl als des heiligen Christes an zu wanken fing.

So theilte ihm seine Mutter auch eine kindische Furcht vor dem Gewitter mit. Seine einzige Zuflucht war alsdann, daß er so fest er konnte die [80]Hände faltete, und sie nicht ehr wieder auseinander ließ, bis das Gewitter vorüber war; dieß nebst dem über sich geschlagnen Kreutze war auch seine Zuflucht, und gleichsam eine feste Stütze, so oft er allein schlief, weil er dann glaubte, es könnten ihm weder Teufel noch Gespenster etwas anhaben.

Seine Mutter hatte einen sonderbaren Ausdruck, daß einem, der vor einem Gespenste fliehen will, die Fersen lang werden, dieß fühlte er im eigentlichen Verstande, so oft er im Dunkeln etwas Gespensterähnliches zu sehen glaubte. Auch pflegte sie von einem Sterbenden zu sagen, daß ihm der Tod schon auf der Zunge sitze; dieß nahm Anton ebenfalls im eigentlichen Verstande, und als der Mann seiner Base starb, stand er neben dem Bette, und sahe ihm sehr scharf in den Mund, um den Tod auf der Zunge desselben, etwa, wie eine kleine schwarze Gestalt, zu entdecken.

Die erste Vorstellung über seinen kindischen Gesichtskreis hinaus, bekam er ohngefähr im vierten Jahre, als seine Mutter noch mit ihm auf dem Dorfe wohnte, und eines Abends mit einer alten Nachbarin, ihm, und seinen Stiefbrüdern e allein in der Stube saß.

Das Gespräch fiel auf Antons kleine Schwester, die vor kurzem in ihrem zweiten Jahre gestorben war, und worüber seine Mutter beinahe ein Jahrlang untröstlich blieb.

[81]

Wo wohl jetzt Julchen seyn mag? sagte sie nach einer langen Pause, und schwieg wieder. Anton blickte nach dem Fenster hin, wo durch die düstre Nacht kein Lichtstrahl schimmerte, und fühlte zum erstenmale die wunderbare Einschränkung, die seine damalige Existenz von der gegenwärtigen beinahe so verschieden machte, wie das Daseyn vom Nichtseyn.

Wo mag jetzt wohl Julchen seyn? dachte er seiner Mutter nach, und Nähe und Weite, Gegenwart und Zukunft blitzte durch seine Seele. Seine Empfindung dabei mahlt kein Federzug, tausendmal ist sie wieder in seiner Seele, aber nie mit der ersten Stärke erwacht.

Wie groß ist die Seeligkeit der Einschränkung, die wir doch aus allen Kräften zu fliehen suchen! Sie ist wie ein kleines glückliches Eiland in einem stürmischen Meere: wohl dem, der in ihren Schooße sicher schlummern kann, ihn weckt keine Gefahr, ihm drohen keine Stürme. Aber wehe dem, der von unglücklicher Neugier getrieben, sich über dies dämmernde Gebürge hinauswagt, das wohlthätig seinen Horizont umschränkt.

Er wird auf einer wilden stürmischen See von Unruh und Zweifel hin und her getrieben, sucht unbekannte Gegenden in grauer Ferne, und sein kleines Eiland, auf dem er so sicher wohnte, hat alle Reize für ihn verlohren.

[82]

Eine von Antons seeligsten Erinnerungen aus den frühesten Jahren seiner Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehüllt, durch Sturm und Regen trug. Auf dem kleinen Dorfe war die Welt ihm schön, aber hinter dem blauen Berge, nach welchem er immer sehnsuchtsvoll blickte, warteten schon die Leiden auf ihn, die die Jahre seiner Kindheit vergällen sollten.

Da ich einmal in meiner Geschichte zurückgegangen bin, um Antons erste Empfindungen und Vorstellungen von der Welt nachzuhohlen, so muß ich hier noch zwei seiner frühesten Erinnerungen anführen, die seine Empfindung des Unrechts betreffen.

Er ist sich deutlich bewußt, wie er im zweiten Jahre, da seine Mutter noch nicht mit ihm auf dem Dorfe wohnte, von seinem Hause nach dem gegenüberstehenden, über die Straße hin und wieder lief, und einem wohlgekleideten Manne in den Weg rannte, gegen den er heftig mit den Händen ausschlug, weil er sich selbst und andre zu überreden suchte, daß ihm Unrecht geschehen sey, ob er gleich innerlich fühlte, daß er der beleidigende Theil war.

Diese Erinnerung ist wegen ihrer Seltenheit und Deutlichkeit merkwürdig; auch ist sie ächt, weil der Umstand an sich zu geringfügig war, als daß ihm nachher jemand davon hätte erzählen sollen.

Die zweite Erinnerung ist aus dem vierten Jahre, wo seine Mutter ihn wegen einer wirklichen [83]Unart schalt; indem er sich nun grade auszog, fügte es sich, daß eines seiner Kleidungsstücke mit einigem Geräusch auf den Stuhl fiel: seine Mutter glaubte, er habe es aus Trotz hingeworfen, und züchtigte ihn hart.

Dieß war das erste wirkliche Unrecht, was er tief empfand, und was ihm nie aus dem Sinne gekommen ist; seit der Zeit hielt er auch seine Mutter für ungerecht, und bei jeder neuen Züchtigung fiel ihm dieser Umstand ein.

Ich habe schon erwähnt, wie ihm der Tod in seiner Kindheit lächerlich vorgekommen sey. Dieß dauerte bis in sein zehntes Jahr, als einmal eine Nachbarinn seine Eltern besuchte, und erzählte, wie ihr Vetter, der ein Bergmann war, von der Leiter hinunter in die Grube gefallen sey, und sich den Kopf zerschmettert habe.

Anton hörte aufmerksam zu, und bei dieser Kopfzerschmetterung dachte er sich auf einmal ein gänzliches Aufhören vom Denken und Empfinden, und eine Art von Vernichtung und Ermanglung seiner selbst, die ihn mit Grauen und Entsetzen erfüllte, so oft er wieder lebhaft daran dachte. Seit der Zeit hatte er auch eine starke Furcht vor dem Tode, die ihm manche traurige Stunde machte.

Noch muß ich etwas von seinen ersten Vorstellungen, die er sich ebenfalls ohngefähr im zehnten Jahre von Gott und der Welt machte, sagen.

[84]

Wenn oft der Himmel umwölkt, und der Horizont klein war, fühlte er eine Art von Bangigkeit, daß die ganze Welt wiederum mit eben so einer Decke umschlossen sey, wie die Stube, worinn er wohnte, und wenn er dann mit seinen Gedanken über diese gewölbte Decke hinausging, so kam ihm diese Welt an sich viel zu klein vor, und es däuchte ihm, als müsse sie wiederum in einer andern eingeschlossen seyn, und das immer so fort.

Eben so ging es ihm mit seiner Vorstellung von Gott, wenn er sich denselben als das höchste Wesen denken wollte.

Er saß einmal in der Dämmerung an einem trüben Abend allein vor seiner Hausthüre, und dachte hierüber nach, indem er oft gen Himmel blickte, und dann wieder die Erde ansahe, und bemerkte, wie sie selbst gegen den trüben Himmel so schwarz und dunkel war.

Ueber dem Himmel dachte er sich Gott, aber jeder, auch der höchste Gott, den sich seine Gedanken schufen, war ihm zu klein, und mußte immer wieder noch einen größern über sich haben, gegen den er ganz verschwand, und so ins Unendliche fort.

Doch hatte er hierüber nie etwas gelesen noch gehört. Was am sonderbarsten war, so gerieth er durch sein beständiges Nachdenken und in sich gekehrt seyn, sogar auf den Egoismus, der ihn beinahe hätte verrückt machen können.

[85]

Weil nehmlich seine Träume größtentheils sehr lebhaft waren, und beinahe an die Wirklichkeit zu grenzen schienen; so fiel es ihm ein, das er auch wohl am hellen Tage träume, und die Leute um ihn her nebst allem, was er sahe, Geschöpfe seiner Einbildungskraft seyn könnten.

Dieß war ihm ein erschrecklicher Gedanke, und er fürchtete sich vor sich selber, so oft es ihm einfiel, auch suchte er sich dann wirklich durch Zerstreuung von diesen Gedanken loß zu machen.

Nach dieser Ausschweifung wollen wir der Zeitfolge gemäß in Anton Geschichte wieder fortfahren, den wir eilf Jahre alt bei der Lektüre der schönen Banise und der Insel Felsenburg verlassen haben. Er bekam nun auch Fenelons Todtengespräche, nebst dessen Erzählungen zu lesen, und sein Schreibemeister fing an, ihn eigne Briefe und Ausarbeitungen machen zu lassen.

Dieß war für Anton eine noch nie empfundne Freude. Er fing nun an, seine Lektüre zu nutzen, und hie und da Nachahmungen von dem Gelesnen anzubringen, wodurch er sich den Beifall und die Achtung seines Lehrers erwarb.

Sein Vater musicirte mit in einem Konzert, wo Ramlers Tod Jesu f aufgeführt wurde, und brachte einen gedruckten Text davon mit zu Hause. Dieser hatte für Anton so viel Anziehendes, und übertraf alles Poetische, was er bisher gelesen hatte, [86]so weit, daß er ihn so oft, und mit solchem Entzücken las, bis er ihn beinahe auswendig wußte.

Durch diese einzige so oft wiederhohlte zufällige Lektüre bekam sein Geschmack in der Poesie eine gewisse Bildung und Festigkeit, die er seit der Zeit nicht wieder verloren hat; so wie in der Prose durch den Telemach; denn er fühlte bei der schönen Banise und Insel Felsenburg, ohngeachtet des Vergnügens, das er darinn fand, doch sehr lebhaft das Abstechende und Unedlere in der Schreibart.

Von poetischer Prose fiel ihm Carl v. Mosers Daniel in der Löwengrube g in die Hände, den er verschiednemale durchlas, und woraus auch sein Vater zuweilen vorzulesen pflegte.

Die Wirthin im Hause, eine Schusterfrau, ließ sich von Anton gerne daraus vorlesen, weil es ihr so moralisch klang: moralisch hieß nehmlich bei ihr so viel als erhaben; und von einen gewissen Prediger, der immer in einem sehr schwülstigen Tone sprach, sagte sie, daß er ihr gefiele, weil er so moralisch predige; auch ein Beweiß, wie sehr man sich in Büchern und Reden für das Volk dergleichen Ausdrücke zu enthalten habe, die unter uns nicht populär sind; in England weiß der ungebildetste Mensch, was morals heißt.

Diese Schusterfrau war übrigens eine sehr verständige Frau, und ihr Sohn, der das Handwerk trieb, ein heller Kopf, den aber seine zu starke Empfindlichkeit schon frühzeitig zu religiösen [87]Schwärmereien verleitete, wovon er nachher durch eigne Kraft und vernünftige Ueberlegung zurückkam. Dieser Schuster ist nachher beständig für Anton eine sehr merkwürdige Person geblieben.

Antons Vater ließ ihm auf Zureden einiger Bekannten, in seinem zwölften Jahre, in der öffentlichen Stadtschule eine lateinische Privatstunde besuchen, damit er wenigstens auf alle Fälle, wie es hieß, einen Kasum solle setzen lernen. In die übrigen Stunden der öffentlichen Schule aber, worinn Religionsunterricht die Hauptsache war, wollte ihn sein Vater, zum größten Leidwesen seiner Mutter und Anverwandten, schlechterdings nicht schicken.

Nun war doch einer von Antons eifrigsten Wünschen, einmal in eine öffentliche Stadtschule gehen zu dürfen, zum Theil erfüllt.

Beim ersten Eintritt waren ihm schon die dicken Mauren, dunkeln gewölbten Gemächer, hundertjährigen Bänke, und vom Wurm durchlöcherten Katheder, nichts wie Heiligthümer, die seine Seele mit Ehrfurcht erfüllten.

Der Konrektor, ein kleines muntres Männchen, flößte ihm ohngeachtet seiner nicht sehr gravitätischen Miene, dennoch durch seinen schwarzen Rock und Stutzperucke einen tiefen Respekt ein.

Dieser Mann ging noch auf einen ziemlich freundschaftlichen Fuß mit seinen Schülern um: gewöhnlich nannte er zwar einen jeden ihr, aber [88]die vier öbersten, welche er auch in Scherz Veteraner hieß, wurden vorzugsweise er genannt.

Ob er dabei gleich sehr strenge war, hat doch Anton niemals einen Vorwurf noch weniger einen Schlag von ihm bekommen: er glaubte daher auch in der Schule immer mehr Gerechtigkeit, als bei seinen Eltern zu finden.

Er mußte nun anfangen, den Donat auswendig zu lernen, allein freilich hatte er einen wunderbaren Accent, der sich bald zeigte, da er gleich in der zweiten Stunde sein Mensa auswendig hersagen mußte, und indem er Singulariter und Pluraliter sagte, immer den Ton auf die vorletzte Silbe legte, weil er sich beim Auswendiglernen dieses Pensums, wegen der Aehnlichkeit dieser Wörter mit Amariter, Jebusiter, u.s.w. fest einbildete, die Singulariter wären ein besonders Volk, das Mensa, und die Pluraliter ein andres Volk, das Mensä gesagt hätte.

Wie oft mögen ähnliche Mißverständnisse veranlaßt werden, wenn der Lehrer sich mit dem ersten Worte des Lehrlings begnügen läßt, ohne in den Begrif desselben weiter einzudringen!

Auch laß Anton schon damals nach seiner Art das lateinische ae wie unser deutsches ä, welches in neuern Zeiten von verschiednen angenommen ist; damals ward er von allen seinen Mitschülern, und vom Konrektor selber darüber ausgelacht.

[89]

Nun ging es rasch an das Auswendiglernen. Das amo, amem, amas, ames, ward bald nach dem Takte hergebetet, und in den ersten sechs Wochen wußte er schon sein oportet auf den Fingern herzusagen; dabei wurden täglich Vokabeln auswendig gelernt, und weil ihm niemals eine fehlte, so schwang er sich in kurzer Zeit von einer Stuffe zur andern empor, und rückte immer näher an die Veteraner heran.

Welch eine glückliche Lage, welch eine herrliche Laufbahn für Anton, der nun zum erstenmale in seinem Leben einen Pfad des Ruhms vor sich eröfnet sahe, was er so lange vergeblich gewünscht hatte.

Auch zu Hause brachte er diese kurze Zeit ziemlich vergnügt zu, indem er alle Morgen, während daß seine Eltern Kaffee tranken, ihnen aus dem Thomas von Kempis von der Nachfolge Christi vorlesen mußte, welches er sehr gern that.

Es ward alsdann darüber gesprochen und er durfte auch zuweilen sein Wort dazu geben. Uebrigens genoß er das Glück, nicht viel zu Hause zu seyn, weil er noch die Stunden seines alten Schreibmeisters zu gleicher Zeit besuchte, den er, ohngeachtet mancher Kopfstöße, die er von ihm bekommen hatte, so aufrichtig liebte, daß er alles für ihn aufgeopfert hätte.

Denn dieser Mann unterhielt sich mit ihm und seinen Mitschülern oft in freundschaftlichen und [90]nützlichen Gesprächen, und weil er sonst von Natur ein ziemlich harter Mann zu seyn schien, so hatte seine Freundlichkeit und Güte desto mehr Rührendes, das ihm die Herzen gewann.

So war nun Anton einmal auf einige Wochen in einer doppelt glücklichen Lage: aber wie bald wurde diese Glückseeligkeit zerstört! Damit er sich seines Glücks nicht überheben sollte, waren ihm fürs erste schon starke Demüthigungen zubereitet.

Denn ob er nun gleich in Gesellschaft gesitteter Kinder unterrichtet ward, so ließ ihn doch seine Mutter die Dienste der niedrigsten Magd verrichten.

Er mußte Wasser tragen, Butter und Käse aus den Kramläden hohlen, und wie ein Weib mit dem Korbe im Arm auf den Markt gehen, um Eßwaaren einzukaufen.

Wie innig es ihn kränken mußte, wenn alsdann einer seiner glücklichern Mitschüler hönischlächelnd vor ihm vorbeiging, darf ich nicht erst sagen.

Doch dieß verschmerzte er noch gerne, gegen das Glück in eine lateinische Schule gehen zu dürfen, wo er nach zwei Monathen so weit gestiegen war, daß er nun an den Beschäftigungen des öbersten Tisches oder der sogenannten vier Veteraner mit Theil nehmen konnte.

Um diese Zeit führte ihn auch sein Vater zum erstenmale zu einem äußerst merkwürdigen Manne in H., h der schon lange der Gegenstand seiner Ge-[91]spräche gewesen war. Dieser Mann hieß Tischer, und war hundert und fünf Jahr alt.

Er hatte Theologie studiert, und war zuletzt Informator bei den Kindern eines reichen Kaufmanns in H. gewesen, in dessen Hause er noch lebte, und von dem gegenwärtigen Besitzer desselben, der sein Eleve gewesen, und jetzt selber schon beinahe ein Greiß geworden war, seinen Unterhalt bekam.

Seit seinem funfzigsten Jahre war er taub, und wer mit ihm sprechen wollte, mußte beständig Dinte und Feder bei der Hand haben, und ihm seine Gedanken schriftlich aufsetzen, die er dann sehr vernehmlich und deutlich mündlich beantwortete.

Dabei konnte er noch im hundert und fünften Jahre sein kleingedrucktes griechisches Testament ohne Brille lesen, und redete beständig sehr wahr und zusammenhängend, obgleich oft etwas leise, oder lauter als nöthig war, weil er sich selber nicht hören konnte.

Im Hause war er nicht anders, als unter dem Nahmen der alte Mann bekannt. Man brachte ihm sein Essen, und sonstige Bequemlichkeiten, übrigens bekümmerte man sich nicht viel um ihn.

Eines Abends also, als Anton gerade bei seinem Donat saß, nahm ihn sein Vater bei der Hand und sagte: komm, jetzt will ich Dich zu einem Manne führen, in dem Du den heiligen Antonius, den heiligen Paulus, und den Erzvater Abraham wieder erblicken wirst.

[92]

Und indem sie hingingen, bereitete ihn sein Vater immer noch auf das, was er nun bald sehen würde, vor.

Sie traten ins Haus. Antons Herz pochte. Sie gingen über einen langen Hof hinaus, und stiegen eine kleine Windeltreppe, die sie in einen langen dunkeln Gang führte, worauf sie wieder eine andre Treppe hinauf, und dann wieder einige Stuffen hinabstiegen: dieß schienen Anton labyrinthische Gänge zu seyn.

Endlich öfnete sich linker Hand eine kleine Aussicht, wo das Licht durch einige Fensterscheiben erst von einem andern Fenster hineinfiel.

Es war schon im Winter, und die Thüre auswendig mit Tuch behangen; Antons Vater eröfnet sie: es war in der Dämmerung, das Zimmer weitläuftig und groß, mit dunkeln Tapeten ausgeziert, und in der Mitte an einem Tische, worauf Bücher hin und her zerstreut lagen, saß der Greiß auf einem Lehnsessel.

Er kam ihnen mit enblößten Haupt entgegen. Das Alter hatte ihn nicht darnieder gebückt, er war ein langer Mann, und sein Ansehn war groß und majestätisch. Die schneeweißen Locken zierten seine Schläfe, und aus seinen Augen blickte eine unnennbare sanfte Freundlichkeit hervor. Sie setzten sich.

Antons Vater schrieb ihm einiges auf. Wir wollen beten, fing der Greiß nach einer Pause an, und meinen kleinen Freund mit einschließen.

[93]

Darauf entblößte er sein Haupt und kniete nieder, Antons Vater neben ihm zur rechten, und Anton zur linken Seite.

Freilich fand er nun alles, was ihm sein Vater gesagt hatte, mehr als zu wahr. Er glaubte wirklich neben einem der Apostel Christi zu knieen, und sein Herz erhob sich zu einer hohen Andacht, als der Greiß seine Hände ausbreitete, und mit wahrer Inbrunst sein Gebet anhub, das er bald mit lauter, bald mit leiserer Stimme fortsetzte.

Seine Worte waren, wie eines, der schon mit alle seinen Gedanken und Wünschen jenseit des Grabes ist, und den nur noch ein Zufall etwas länger, als er glaubte, disseits verweilen läßt.

So waren auch alle seine Gedanken aus jenem Leben gleichsam herüber gehohlt, und so wie er betete, schienen sich seine Augen, und seine Stirne zu verklären.

Sie standen vom Gebet auf, und Anton betrachtete nun den alten Mann in seinem Herzen beinahe schon wie ein höheres, übermenschliches Wesen; und als er den Abend zu Hause kam, wollte er schlechterdings mit einigen seiner Mitschüler sich nicht auf einem kleinen Schlitten im Schnee herumfahren, weil ihm dieß nun viel zu unheilig vorkam, und er den Tag dadurch zu entweihen glaubte.

Sein Vater ließ ihn nun öfters zu diesem alten Manne gehen, und er brachte fast die ganze Zeit des Tages bei ihm zu, die er nicht in der Schule war.

[94]

Alsdann bediente er sich dessen Bibliothek, die größtentheils aus mystischen Büchern bestand, und las viele davon von Anfang bis zu Ende durch. Auch gab er dem alten Manne oft Rechenschaft von seinen Progressen im Lateinischen, und von den Ausarbeitungen bei seinem Schreibemeister. So brachte Anton ein paar Monathe ganz ungewöhnlich glücklich zu.

Aber welch ein Donnerschlag war es für Anton, als ihm beinahe zu gleicher Zeit die schreckliche Ankündigung geschahe, daß noch mit diesem Monathe seine lateinische Privatstunde aufhören, und er zugleich in eine andere Schreibeschule geschickt werden solle.

Thränen und Bitten halfen nichts, der Ausspruch war gethan. Vierzehn Tage wußte es Anton vorher, daß er die lateinische Schule verlassen sollte, und je höher er nun rückte, desto größer ward sein Schmerz.

Er grif also zu einem Mittel, sich den Abschied aus dieser Schule leichter zu machen, den man einem Knaben von seinem Alter kaum hätte zutrauen sollen, anstatt, daß er sich bemühete, weiter heraufzukommen, that er das Gegentheil, und sagte entweder mit Fleiß nicht, was er doch wußte, oder legte es auf andre Weise darauf an, täglich eine Stuffe hinunter zu kommen, welches sich der Konrektor und seine Mitschüler nicht erklären konnten, und ihm oft ihre Verwundrung darüber bezeugten.

[95]

Anton allein wußte die Ursach davon, und trug seinen geheimen Kummer mit nach Hause und in die Schule. Jede Stuffe, die er auf die Art freiwillig herunterstieg, kostete ihm tausend Thränen, die er heimlich zu Hause vergoß, aber so bitter diese Arznei war, die er sich selbst verschrieb, so that sie doch ihre Wirkung.

Er hatte es selber so veranstaltet, daß er gerade am letzten Tage der unterste werden mußte. Allein dieß war ihm zu hart. Die Thränen standen ihm in den Augen, und er bat, man möchte ihn nur noch heute an seinem Orte sitzen lassen, morgen wolle er gern den untersten Platz einnehmen.

Jeder hatte Mitleiden mit ihm, und man ließ ihn sitzen. Den andern Tag war der Monath aus, und er kam nicht wieder.

Wie viel ihm diese freiwillige Aufopfrung gekostet habe, läßt sich aus dem Eifer und der Mühe schließen, wodurch er sich jeden höhern Platz zu erwerben gesucht hatte.

Oft wenn der Konrektor in seinem Schlafrock aus dem Fenster sahe, und er vor ihm vorbeiging, dachte er, o könntest du doch dein Herz gegen diesen Mann ausschütten, aber dazu schien ihm die Entfernung zwischen ihm und seinem Lehrer noch viel zu groß zu seyn.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA I, S. 31-44 u. 800-815.

b: Höfisch-historischer Barockroman von dem schlesischen Dichter Heinrich Anshelm von Zigler und Kliphausen (KMA I, S. 801, Erl. zu 32,14).

c: Geschichten- und Märchensammlung (KMA I, S. 801, Erl. zu 32, 14).

d: Johann Gottfried Schnabel veröffentlichte 1731-1743 den Roman in 4 Bänden (KMA I, S. 801f., Erl. zu 32, 14-15).

e: Die Zwillinge Johann Gottlieb und Anton, vgl. KMA I, S. 772, Erl. zu 13,23-24.

f: Passionsoratorium. Vgl. KMA I,S. 807, Erl. zu 37,29-30.

g: Moser 1763.

h: Hannover.