ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: II, Stück: 1 (1784) > II. Ein Kindermörder aus Lebensüberdruß.

II.

Ein Kindermörder aus Lebensüberdruß.

Nencke, Karl Christoph

Im Jahr 1757 arbeitete ein Raschmacher-Geselle, Nahmens L.. bei einem Raschmacher in Berlin. Er war in die Funfzig, hatte vorher als Kavallerist in der Armee gedient, und wegen eines Bruchs, der ihm nur bei heftiger Bewegung austrat, seinen ehrenvollen Abschied erhalten. Dieser Bruch unterdes mußte doch einige andere Zerrüttungen in seinem Körper verursacht haben, denn der Mensch hatte oft solche Aufwallungen von Hitze, die ihm unbeschreibliche Angst verursachten, so, daß er sich oft in der Nacht im Bette herumwälzte, weinte, und sein Unglück durchs Gebet zu vertreiben suchte. Uebrigens führte er ein ordentliches Leben, war weder ein Säufer noch Schläger, und entschuldigte sich auf Vorhaltung seines heftigen Fluchens bei gewissen Gelegenheiten, daß er es nicht böse meine, und sich solches nur so bei den Soldaten angewöhnet habe. Er hatte bereits in Berlin bei zwei Meistern gearbeitet, die nicht die geringste Klage wieder ihn führten. Von dem einen war er bloß aus der Absicht weggegangen, weil derselbe Kinder hatte, die oft schrieen, welches der Geselle nicht gut vertragen konnte. Als er einst darüber ärgerlich ward und fluchte, und ihm der Meister solches verwieß, sagte er ebenfalls, daß es ja nichts zu bedeuten hätte, wenn es unterdes der Meister übel nehme, so wolle [14]er lieber wo anders in Arbeit gehen, um Unheil zu vermeiden, weil, da sie beide hitzig wären, leicht einmal ein ernstlicher Streit daraus entstehen könnte. Bei seinem dritten Meister kamen seine Beängstigungen öfter. Man rieth ihm, sich zur Ader zu lassen, aber er scheute die Ausgabe von vier Groschen, und thats nicht. Kam seine bange Stunde während der Arbeit, so rissen ihm viel Fäden, und der für den Meister daraus erwachsende Nachtheil ging ihm so nah, und die Furcht, vielleicht bald zu keiner Arbeit mehr tauglich zu sein, war ihm so schrecklich, daß er einst den Wunsch bei sich äußerte: wenn du doch nicht mehr wärst! Diese so schnell gefaßte Idee verleitete ihn in dieser unglücklichen Stunde einen Mordanschlag zu fassen, um seinem Leben ein Ende zu machen. Da der Meister eben nicht zu Hause war, schickt' er dessen Frau, unter dem Vorwand: ihm Käse zu holen, gleichfalls fort. Seine Meisterin hatte ein Kind von ohngefähr anderthalb Jahren, welches sie, da sie wegging, ihrer blinden Mutter zu tragen gab. Der Unglückliche wollte zwar das Kind in der Zeit selbst warten, welches ihm aber die Meisterin verweigerte; weil sich solches für ihn nicht schicke. Kaum war die Frau fort, so ergrif er einen bei der Werkstat nöthigen Hammer, und schlug das Kind mit aller Gewalt auf den Kopf, so, daß es in den Armen der blinden Großmutter verschied. Seine Angst war so groß, daß er sich, wie er hernach im Verhör bezeugte, nicht ein-[15]mal erinnern konnte, auch der blinden Frau einige Schläge gegeben zu haben, und er also in einem wahren Paroxismus von Raserei gewesen. Sogleich nach der That ging er zu einem Nachbar, erzählte ihm die Ermordung des Kindes, und daß er nunmehr auf die Wache gehen, und sich angeben wolle. Doch war er noch in einer solchen Verwirrung, daß er um ein ihm versprochenes Pflaster für seinen bösen Fuß bat. Der Mann, dem er es erzählte, hielt es für Scherz, ging jedoch in des Meisters Haus, sich näher zu erkundigen, wo denn schon Lärm geworden und die Wache herbei gerufen war, mit welcher der Mörder ohne Widerrede fortging. Er gestand im ersten Verhör die ganze That. Auf den Medizinal-Bericht des Hofrath Lesser, daß der Inquisit bei Begehung der That seines Verstandes nicht mächtig gewesen, verurtheilte ihn der Kriminal-Senat zu ewiger Gefängnißstrafe: der König aber schärfte das Urtheil dahin; daß Inquisit, weil er ein Kindermörder, ohne Geistlichen auf den Richtplatz geführet, mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht, und sein Körper verscharrt werden solle.


Was ich jetzt noch von einem sehr merkwürdigen Fall, der das Vermögen der Seele beweißt, künftige Dinge zu ahnden, berichten will, ist mir von einem glaubwürdigen Officier, dessen Nahmen mir jedoch entfallen, in Breslau erzehlet worden.