ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Desertion aus einem unbekannten Bewegungsgrunde*). 1

Nencke, Karl Christoph

Ein Soldat des ehmals von Schulz-, nunmehro von Tauenzienschen Regiments, der nicht weit von Breslau zu Hause gehörte, sich jederzeit gut aufgeführt, und die Liebe seines Kapitains und aller Officiers erworben hatte, kam einst einige Tage vor der Revüe zu seinem Kapitain, und bat ihn um Urlaub zu seiner Mutter zu gehen. Der Kapitain stellte ihm vor, daß er es sehr gern thun würde, wenn es nicht so kurz vor der Revue wäre, und er überdieß viel Kranke bei der Kompagnie hätte. Allein der Supplicant versicherte, daß er fort müßte, er hätte eine Angst nach Hause, und es wäre ihm immer, als ob jemand ihm zuriefe: geh zur Mutter! Und, setzte er hinzu, wenn Sie mich nicht mit Güte gehen lassen, so gehe ich mit Gewalt, und sollts auch mein Leben kosten. Der Kapitain, wel-[17]cher dies für eine kindische Drohung hielt, vernachlässigte, ihn in die Wache zu setzen, weil er ein zu großes Zutrauen zu ihm hatte. Gegen Mitternacht unterdeß, unternahm der Mensch wirklich seine Desertion. Weder Wälle noch Graben, noch die vielen Schildwachten, die damals wegen der häufigen Desertionen scharfe Patronen gehabt haben sollen, konnten ihn abschrecken. Da er gleich beim ersten Wall sein Bajonet in die Erde stecken müssen, um sich an einem daran befestigten Strick herunterzulassen, so entdeckte ihn sogleich die nächste Schildwacht und gab Feuer auf ihn. Dieß störte ihn unterdeß nicht, und unter dem Feuer von beinahe dreißig Posten kam er dennoch, welches nach der Beschreibung seines Weges fast ein Wunder gewesen sein soll, glücklich aus den Vestungswerken heraus. Er lief, so zu sagen, in einem Athem nach Hause, wo er erst gegen Tage ankam. Hier fand er wieder Vermuthen die Hausthür ganz offen, und als er eben in die Stube trat, waren zwei Spitzbuben beschäftigt, seine Mutter zu knäbeln. Bei seinem Anblick glaubten sie sich verrathen, und ergriffen sogleich die Flucht, ohne die bereits zusammengepackten Effekten mitzunehmen. Nachdem er also seine Mutter vielleicht gar von einem bevorstehenden schrecklichen Tode gerettet, fand er sich wieder von selbst beim Regiment ein, wo er wegen des sonderbaren Zufalls mit einer gelinden Strafe davon kam.

Fußnoten:

1: *) Ich ziehe diese Erzählung mit zur Seelenkrankheitskunde, weil solche Ahndungen, wenn es wirklich dergleichen giebt, doch höchstwahrscheinlich immer einen kranken Zustand der Seele verrathen, weil sich das Vermuthungs- oder natürliche Vorhersehungsvermögen auf Kosten der übrigen Seelenfähigkeiten zu stark äußert.
A. d. H.