ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: II, Stück: 1 (1784) > I. Zweifel an eigner Existenz.

I.

Zweifel an eigner Existenz.

Stroth, Friedrich Andreas

Aus einem Briefe.

Ich erinnere mich verschiedener, der Spaldingischen ähnlichen Erfahrungen, nur im schwächern Grade, gehabt zu haben. Eine in ihrer Art ganz besondre Erfahrung, will ich Ihnen wenigstens doch kurz erzählen:

In meinem dreyzehnten Jahre fiel ich durch einen Zufall ins Wasser, in dessen grundlosen Boden ich so lange steckte, daß ich dem Ertrinken nahe war, bis ich endlich durch Hülfe andrer Leute wieder herausgebracht ward.

Von dieser Zeit an glaubte ich, so oft ich zu Selbstbetrachtungen kam, ich sei damals wirklich ertrunken; alles was ich sähe, hörte oder empfände, seyen keine wirklichen Empfindungen in der Körperwelt, sondern Erinnerungen aus dem vorigen Leben.

Ich glaubte keinen Körper mehr zu haben, sondern mich nur dem Geiste nach entweder auf der Erde aufzuhalten, oder doch solche Vorstellungen zu haben, als ob ich mich auf der Erde aufhielte.

[72]

Und alle diese Einbildungen hatte ich in Jahren, wo ich nichts von Skeptikern und Idealisten gehört hatte, wo ich aus meinem gehabten Religionsunterricht, mir Himmel und Hölle als zwei räumlich verschiedne Behälter denken mußte, und wo also meine dermalige Einbildung meinen sonstigen eingeschränkten Ideen gerade widersprach.

Diese Täuschung währte drei Jahre lang, bis ich den Ort meines Aufenthalts veränderte, und in ganz neue Situationen kam, worin mich endlich meine neuen Erfahrungen überzeugten, daß es würkliche sinnliche Empfindungen und keine Einbildungen wären. Ich weiß mir diesen sonderbaren Zustand nicht zu erklären.

F. A. Stroth.