ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 3 (1783) >  <Sprache in psychologischer Rücksicht>

<Sprache in psychologischer Rücksicht>

Moritz, Karl Philipp

Um uns ein für sich bestehendes Ding, als wirklich außer unsrer Vorstellung zu denken, ist es nicht hinlänglich, seine Beschaffenheiten zu bezeichnen, die in oder an demselben befindlich sind, sondern wir müssen auch die Dinge benennen, welche um dasselbe her sind, damit es Festigkeit erhält, und nicht in die Luft zerflattert.

Alles dasjenige z.B. was wir mit einem Baume, und um ihn her, zu gleicher Zeit erblicken, giebt dem Baume erst seine Wirklichkeit außer unsrer Vorstellung, und macht es uns gewiß, daß derselbe kein Blendwerk und kein Geschöpf unsrer Einbildungskraft ist. Das kömmt daher, weil der Zusammenhang der Dinge ihnen erst Wahrheit geben muß.

Wir sehen aber hieraus, wie nöthig es ist, daß die Sprache nicht nur die innern Beschaffenheiten eines wirklich für sich bestehenden Dinges, sondern auch vieles außer demselben, benenne, wenn es seine Wirklichkeit außer unsrer Vorstellung erhalten soll.

Dasjenige, woran sich nun alle unsre übrigen Vorstellungen fest halten, sind erstlich die Vorstellungen von gewissen sehr auffallenden und in unun-[123]terbrochener Ordnung wiederkehrenden Veränderungen in der Natur, die wir Zeit nennen: dieß sind die Abwechselungen zwischen Tag und Nacht, zwischen den Jahrszeiten u.s.w.

Alles was wir in unserm Leben erfahren, pflegen wir an die Vorstellung von irgend einer solchen Abwechselung in der Natur anzupassen, die wir Tag, Nacht, Morgen, Abend, früh, spät, Sommer, Frühling u.s.w. benennen. Daher kömmt es nun, daß wir alle Begebenheiten und Erfahrungen unsers Lebens nach der Reihe überschauen können, die sonst ein Labyrinth für uns seyn würden, aus welchem wir uns nicht herausfinden könnten.

Wenn es heißt, jetzt war die Hütte gebauet, so sieht man leicht, daß jetzt weder eine Beschaffenheit der Hütte noch des Bauens anzeigt, sondern einen äußern Umstand, nehmlich einen gewissen Zeitpunkt, woran sich unsre Vorstellung festhalten muß, wenn wir uns die Vollendung der Hütte als wirklich denken wollen.

Solcher Wörter wie jetzt giebt es nun mehrere, die sich aber größtentheils in Hauptwörter auflösen lassen, als jetzt (in dieser Zeit) heute (an diesem Tage) u.s.w.

Mit diesem Begrif von der Zeit ist der Begrif von der Zahl auf das genaueste verwandt; indem es heißt, er lächelte noch einmal und starb, so denke ich mir unter mal ebenfalls einen gewissen Zeitpunkt, woran sich meine Vorstellung von sei-[124]nem Lächeln festhält, ein aber schreibt dem Lächeln seine Grenzen vor, daß es nicht öfter wiederholt wird; oft hingegen würde diese Grenzen der Wiederholung ganz unbestimmt gelassen haben.

Die regelmäßige Wiederholung einer und eben derselben Verändrung in der Natur, nach einer eben so regelmäßigen Unterbrechung, war es, welche den Begrif von Zahl zuerst erweckte; wäre die Unterbrechung nicht gewesen, so würde alles in eins geflossen seyn.

Unsre Vorstellungen von den wirklichen Dingen müssen sich ferner an dem Begriffe des Ortes festhalten; dieses ist ein großer Begrif, welcher jedesmal die Vorstellung von der ganzen Welt in sich faßt. Wenn es von der Hütte heißt, daß sie neben einem Bache stand, so hört unsre Vorstellung da nicht auf, sondern wir müssen dem Bache wiederum neben etwas andern seinen Platz anweisen, und das geht so fort, bis wir mit unsern Gedanken die ganze Welt und den Zusammenhang aller Dinge umfaßt haben, und nun in diesem Zusammenhange aller Dinge, auch der Hütte ihren wirklichen Platz anweisen.

Indem wir sagen, die Hütte steht da, so schränken wir sie grade auf den Raum ein, den sie einnimmt, eben so wie wir bei jetzt dasjenige, was geschiehet, gerade auf den kleinen Zeitpunkt einschränken, worinn es wirklich geschiehet, und uns demohngeachtet den Zusammenhang alles Vergang-[125]nen und Zukünftigen dabei vorstellen müssen, worin wir uns dasjenige, was jetzt geschiehet, allein als wirklich denken können. ― In den kleinsten Wörtern der Sprache ruhen oft die erhabensten Begriffe.

Die kleinen Wörter, welche einen Ort im Allgemeinen bezeichnen, lassen größtentheils sich ebenfalls sehr leicht in Hauptwörter auflösen, als dort (an dem Orte) fort (von dem Orte) u.s.w.

Endlich müssen sich alle unsre neuen Vorstellungen an unsern eignen Vorstellungen festhalten, die schon in unsrer Seele sind, und nur im Zusammenhange mit denselben bekommen sie Wahrheit: nun werden aber die verschiedenen Verhältnisse unsrer Vorstellungen gegeneinander durch mancherlei Wörter ausgedrückt, die also wiederum keine Beschaffenheiten der Dinge anzeigen. Wenn es also heißt,

die Hütte wird gewiß einstürzen,
die Hütte wird vielleicht einstürzen,
die Hütte wird nicht einstürzen,

so bezeichnen die Wörter gewiß, vielleicht und nicht weder die Beschaffenheit der Hütte, noch die Art ihres Einstürzens, sondern das jedesmalige Verhältniß der ganzen Vorstellung von dem Einstürzen der Hütte, gegen eine andre Vorstellung, die schon vorher in der Seele war, die aber hier nicht besonders ausgedrückt wird. Diese nicht ausgedrückten Vorstellungen, wodurch die Ausdrücke [126] vielleicht, gewiß und nicht veranlaßt werden, könnten vielleicht folgende gewesen seyn:

die Hütte ist baufällig,
die Hütte kann gestützt werden,
die Hütte soll gestützt werden.

Durch die erste von diesen drei Vorstellungen ward die Idee, daß die Hütte gewiß einstürzen würde, bestärkt, und diese Bestärkung ward durch gewiß ausgedrückt, welches beinahe so viel heißt, als ich weiß es; durch die zweite ward die Vorstellung von dem Einstürzen der Hütte schwankend gemacht, und dieses schwankende Verhältniß wird durch vielleicht ausgedrückt, welches so viel heißt, als es kann seyn; durch die dritte Vorstellung wird die Idee, daß die Hütte einstürzen sollte, als unmöglich dargestellt: denn wenn sie gestützt wird, wird sie stehen bleiben; da nun aber die Vorstellungen, daß sie stehen bleiben, und daß sie einstürzen soll, nicht nebeneinander bestehen können, so wird die letztere von der erstern aufgehoben, und diese Aufhebung wird nun durch nicht ausgedrückt. Nicht ist also eigentlich ein Ausdruck dessen, was wir dunkel dabei empfinden, wenn eine Vorstellung, die erst in unsre Seele kömmt, sich nicht in den Zusammenhang aller übrigen paßt, die schon darin sind. Durch das Wort nicht können wir uns also den Irrthum, unbeschadet der Wahrheit, denken, in-[127]dem wir ihn in eben dem Augenblicke wieder aufheben, da wir ihn festsetzten.

Die Art, wie nun eine Vorstellung, oder eine Reihe von Vorstellungen, die andre in unsrer Seele entweder ganz oder zum Theil aufhebt, festhält, bestärkt oder zernichtet, wird durch mehrere solche kleine Wörter, als aber, und, auch, denn, wie u.s.w. bezeichnet.

Diese kleinen Wörter bezeichnen eigentlich keinen Gegenstand in der ganzen Welt, und auch nicht einmal den Zusammenhang der Gegenstände, sondern bloß die Art des Zusammenhangs unsrer Vorstellungen, die wir uns von den Gegenständen außer uns machen. Man kann also auch von ihnen nicht einmal sagen, daß sie Zeichen irgend einer Vorstellung in uns selber wären: demohngeachtet aber sind sie in der Sprache äußerst wichtig, weil sie erst Wahrheit in unsere Gedanken bringen helfen, indem diese dadurch auf mancherlei Weise eingeschränkt und bestimmt werden, bis sie in den Zusammenhang aller unsrer übrigen Vorstellungen passen.

Wie oft müssen wir daher nicht zu diesen Wörtern unsre Zuflucht nehmen, insbesondre wenn wir über eine Sache urtheilen, weil wir dann eine jede einzelne Vorstellung nach dem Zusammenhange aller übrigen einzuschränken und zu bestimmen suchen müssen.

In einer Erzählung kommen diese Wörter nicht so oft vor, weil darin mehr der Zusammen-[128]hang der Dinge außer uns, als der Zusammenhang der Vorstellungen in uns, dargestellt werden soll.

Das passende Verhältniß einer Vorstellung in den Zusammenhang aller übrigen, oder dasjenige, was wir die Wahrheit derselben nennen, bezeichnen wir nun im Allgemeinen durch das Wort ist. Und so wie wir bei dem Worte da die ganze nebeneinander bestehende Welt, und bei dem Worte jetzt die ganze Reihe aller aufeinander folgenden Zeiten, mit unsern Gedanken umfassen mußten, so müssen wir nun auch bei dem Worte ist jedesmal den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen überschauen, um denjenigen, die wir uns als wahr denken wollen, ihren gehörigen Platz unter denselben anzuweisen.

Dasjenige also, was wir durch das Wort ist bezeichnen, enthält den ganzen Grund unsres Denkens, und in so fern die Sprache ein Abdruck unsrer Gedanken ist, enthält wiederum das Wort ist den ganzen Grund der Sprache.