ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Geschichte eines taub- und stummgebohrnen Frauenzimmers.

Paulmann, Johann Ludwig

Dorothea Johanna Catharina Klingesporn, ist den 4ten Mai 1751 hieselbst in Braunschweig gebohren. Ihr seeliger Vater, Christian Gottfried Klingesporn, war ein Musquetier, und ihre, auch schon längst verstorbene Mutter, hieß Ilse Maria Klingesporn. Diese Eltern erfuhren leider bald aus allerhand Proben, daß ihr Kind nicht müßte hören können; aber sie befürchteten hierbei nicht zugleich auch das andere traurige Elend, daß es stumm wäre. In den Jahren aber, da sich bei den Kindern sonst die völlige Sprache zeiget, bemerkten sie auch den Mangel der Sprache bei ihrem Kinde mehr denn zu gewiß. Ohngefähr da es sechs Jahr alt war, hat-[83]ten die Eltern Gelegenheit, es dem damals sehr berühmten Hofrath Heister, da er sich eben in Braunschweig aufhielt, vorzuzeigen, und dieser große Arzt seiner Zeit, sagte es ihnen, daß keine Hofnung wäre, daß ihr Kind je würde hören und sprechen können. So wurde es also damals für ein taub- und stummgebohrnes Kind gehalten, und dafür hält sie ein jeglicher noch, der sie kennet. Damit ich aber hier nichts schreiben möchte, wovon ich nicht, so viel möglich, vergewissert wäre, so erbat ich mir hierüber das Urtheil des hiesigen einsichtsvollen Hofmedikus dü Roi, welches ich auch erhielt.

Ich komme wieder zurück in meiner Erzählung, auf die Jugendjahre dieses tauben und stummen Mädchens. Ihre Eltern machten mit ihr alle Versuche, ob ihr nicht sowohl im Irrdischen, als auch besonders in der Religion etwas könnte beigebracht werden. Sie schickten sie viele Jahre nacheinander zur Schule, und auch dahin, wo sie in Handarbeiten Unterricht haben konnte. Von den irrdischen Geschäften lernte sie verschiedenes; aber in der Schule weiter nichts, als mechanisch das Schreiben; und nicht das geringste von der Religion.

Nachdem ihre Eltern frühzeitig verstorben waren, so nahm sie ihre jetzt im 92ten Jahre noch munter und gesund lebende Großmutter zu sich und hat sie bereits dreizehn Jahr als eine Vater- und Mutterlose Waise verpfleget. Auch diese ihre alte [84]Großmutter hat anfangs noch einige Bemühungen angewandt, um ihr Großkind noch ein mehreres lehren zu lassen. Allein alle Frucht, die sie davon hatte, war, daß sie in irrdischen Geschäften, Nähen, Stricken, auch Verkaufung der Gartengewächse immer geschickter wurde. Von der Religion aber wußte sie nichts.

In einem solchen bejammernswürdigen Zustande war sie nun bereits 25 Jahr alt geworden, als sie mir hier, in einem gewissen Hause christlicher Menschenfreunde, wohin dieselbe nebst ihrer Baase öfters mit Gartengewächse gekommen, zu meiner Untersuchung, ob ihr nicht noch wohl einige Kenntniß der Religion beizubringen, und zugleich meiner Fürsorge, wer dazu wohl zu gebrauchen sei, gütigst anempfohlen wurde. Man communicirte mir hiebei des Herrn Superintendenten Lasius Unterricht der taub- und stummen Fräulein von Meding.

Ich machte hierauf mit unserer Tauben und Stummen eine Probe. Sie hatte wirklich von der Religion nicht das geringste Erkenntniß. Aber ich bemerkte bei ihr ein recht sanftes, freundliches, lehrbegieriges, folgsames Wesen, was zu lernen, und anzunehmen. Nun gedachte ich darauf, wem ich hier wohl mit am besten, zur beständigen Aufsicht und zur täglichen Unterweisung, sie anvertrauen könnte. Nach einigen Tagen redete ich desfalls mit dem hiesigen Schulhalter, den ich als einen treuen, fleißigen Schulmeister schon lange gekannt [85]hatte, und bat ihn, daß er sie in sein Haus nehmen, und unter göttlicher Gnade einen Versuch mit ihrer Unterweisung machen möchte. Ob es ihm nun gleich nicht möglich war, die Taube und Stumme in seine Wohnung aufzunehmen, so war er doch willig genug, sie täglich zu unterrichten. Er erhielt von mir einige hiezu dienliche Bücher, und zugleich meinen Rath, wie das Werk wohl unter göttlichen Beistand anzufangen wäre.

Er fing wirklich dies wichtige Werk mit der Hülfe Gottes vor anderthalb Jahren an; widmete dazu täglich zwo Stunden, und so setzte er es mit allem treuen ununterbrochenem Fleiße fort. Seine angewandten Bemühungen segnete Gott von Zeit zu Zeit recht merklich. Jeder, der davon ein Augenzeuge wurde, mußte darüber erstaunen. Selbst verschiedene Standespersonen bewunderten, wenn er mit seiner Schülerin zu ihnen gerufen wurde, ihre erlangte Kenntniß der Religion. Nach allen meinen möglichst angestellten Prüfungen glaubte ich, daß sie, nach den Fähigkeiten, die ihr Gott gegeben hatte, so viel von dem Christenthum gefasset, daß sie wohl könnte confirmiret und zum heiligen Abendmahle angenommen werden.

Ich berichtete hierauf das alles, was bisher mit Unterweisung dieser Tauben und Stummen vorgegangen, und wie weit ich glaubte, daß sie in der Kenntniß der Religion gekommen sei, mit aller Unterthänigkeit an Ihro Durchlauchten, unsern [86]gnädigsten Herzog. Höchstdieselben geruheten auch durch ein gnädigstes Rescript Höchstdero huldreichstes Wohlgefallen auf die mildeste Weise hierüber zu bezeugen.

So wurde nun also ein Tag zu der heiligen Confirmationshandlung dieser Tauben und Stummen angesetzt, und ein jeder, der dieser Handlung beiwohnete, preisete die wunderbare Güte Gottes, die er an ihr bewiesen hatte.

Jeglicher rühmte auch den treuen Fleiß ihres Schullehrers; und ich selbst kann ihm hier öffentlich das gewissenhafteste Zeugniß geben, daß er sie mit aller Treue und unermüdeten Fleiße unterwiesen hat. Davon habe ich mich so oft aus dem Augenscheine überzeuget, und die heiligen Handlungen, die ich mit dieser seiner Schülerin habe anstellen können, sind davon auch sichere Beweise.

Und damit der geneigte Leser selbst von dem, was ich von seinem Fleiße und seinen treuen Bemühungen gerühmt habe, ein gütiges Urtheil fällen möchte; so hat er einige Nachrichten von der Lehrart, nach welcher er die Taube und Stumme unterrichtet, aufsetzen müssen. Er hat diesen Aufsatz so gemacht, wie er hier zu lesen ist. Ich hätte freilich wohl einiges darinnen weiter ausdehnen, anderes enger zusammenziehen; und hie und da dieses und jenes ändern können; aber ausser einigen Verbesserungen in der Schreibart und in dem Ausdruck, habe ich lieber die Sachen selbst so [87]lassen wollen, wie sie aus seinem guten Herzen ungekünstelt geflossen sind.


Einige Nachrichten von der Lehrart, nach welcher die Unterweisung der Taub- und Stummgebohrnen Dorothea Johanna Catharina Klingesporn, unter göttlicher Gnade angefangen und fortgesetzt ist.

Es war am 20ten März 1776, da mich der hiesige Herr Pastor Paulmann hohlen ließ, und mir eröfnete, daß sie wegen Unterrichts dieser Person ein Vertrauen in mich gesetzet, und mich zu diesem wichtigen und seeligem Geschäfte ausersehen hätten: ich möchte nach aller Treue und Fleiß thun, was mir möglich wäre. Sie wollten nicht ermangeln, mich mit Rath und Beistand zu unterstützen. So bereit und willig ich nun war, zur Ehre Gottes und zum Dienste meines Nächsten auch in diesem Falle alles beizutragen, so war es mir doch ein fremder Gedanke, wie es möglich wäre, eine taube und stumme Person zu unterrichten. Worauf mir der Herr Pastor des Herrn Superintendent Lasius Unterricht von der taub- und stummgebohrnen Fräulein von Meding, und des Herrn Pastor Solbrigs Bericht von Unterweisung tauber und stummer Personen zum Gebrauch reicheten, und dabei alle mögliche Anweisung gaben. Dieses machte mir Muth und Hofnung, daß da es doch nicht bei andern Personen unmöglich gewesen, so würde Gott auch zu diesen vorzunehmenden Unterrichte seinen Seegen geben.

[88]

Ich versprach nach aller schuldigsten Treue und Fleiß zu thun, was mir unter göttlicher Gnade möglich wäre. Und ich hatte Ursach Gott zu danken, daß er mich als ein Werkzeug in seiner Hand gebrauchen wollte, das Elend meines Nächsten in etwas zu erleichtern.

Worauf wir an dem Tage den Anfang machten, und auf alle Art versuchten, ob es nicht möglich wäre, daß sie Buchstaben könnte aussprechen lernen. Allein vergebens, kein anderer Buchstabe wurde gehöret als B, weil das eine Prellung der Lippen ausmachte. Da nun nach aller ersinnlichen Bemühung, sie reden zu lehren, keine Hofnung war, so mußte ich auf Mittel denken, ihr andere Wege zu bahnen, um ihr doch für das erste eine richtige Kenntniß der Buchstaben beizubringen. Ich sahe mich in diesem Falle von vorerwehnten Büchern verlassen. Da die Fräulein von Meding die Buchstaben schon gekannt hatte; in Solbrigs Bericht aber keine Erwähnung dieserhalb geschehen, und das von dem Herrn Superintendent Lasius angezeigte Fingeralphabet uns wohl zu weitläuftig gewesen seyn möchte, indem ich nur täglich zwo Stunden zu diesem Unterricht widmen konnte. Daher machte ich den Versuch, und nahm einen Stock, dessen eines Ende sie zwischen ihre Vorderzähne nehmen mußte, und das andere Ende nahm ich zwischen meine Zähne und redete ihr dadurch zu, wodurch sie in Verwunderung und Erröthung gesetzet [89]wurde. Dieses ließ uns hoffen, ihr auf solche Weise die Buchstaben beizubringen, und kenntlich zu machen, welches auch durch die Gnade Gottes so glücklich von statten ging, daß sie in vierzehn Tagen die Buchstaben alle richtig anzeigen konnte, wenn ich ihr dieselben sowohl in als außer der Reihe zurief. Sobald sie die Buchstaben gefasset hatte, schrieb ich ihr das currente Alphabet auf, und wir gingen sodann die gedruckten und geschriebenen Buchstaben mit einander durch, so daß sie zum innigsten Vergnügen in kurzer Zeit alle diese Buchstaben auf das deutlichste kennete. Den Unterschied zwischen einem harten P und weichen B, und harten T und weichen D ihr begreiflich zu machen, fassete ich sie bei der Hand, und drückte bei dem harten Buchstaben ihre Hand feste, und bei dem weichen sanfte. Da nun dieses Zurufen durch den Stock seine gute Wirkung hatte, so machten wir weiter den Versuch, ob sie auch alles durch denselben verstehen könnte; allein vergebens. Sobald es Wörter waren, die aus mehreren, als einer Silbe bestunden, konnte sie solche nicht verstehen, ja sogar wenn das Wort aus mehr als drei bis vier Buchstaben bestand, so konnte sie es nicht unterscheiden, außer solche Wörter, als Ich, Du, er, Sie, u.d.gl. die konnte ich ihr verständlich zurufen. Nun mußten wir uns blos ans Schreiben, und an Zeichen, und Bilder halten. Nichts war nöthiger, als sie durch ein beständiges liebreiches Betragen so einzu-[90]nehmen, daß sie nirgends lieber war, als in der Schule zum Unterricht bei ihrem Lehrer, und daß man ihre Zeichen, durch welche sie eine Sache angab, kennen lernete, und dabei ja immer eine ernsthafte Miene behauptete, so lächerlich auch wohl zum öftern ihre Zeichen gewesen wären. Daher sahe sie auch gar nicht gerne, wenn Kinder gegenwärtig waren, außer kleine Kinder von einigen Jahren. Auf diese ihr angenehm gemachte Information wurde sie immer freudiger, und zeigte eine solche Lernbegierde, daß sie auf alle nur mögliche Art sich befleißigte, was zu lernen, und auf alles sehr genaue Achtung gab. Wenn ihr, z.E. gezeigt wurde, wie sie die Feder halten, und zu welcher Zeit sie derselben einen Druck geben müßte, wenn die Buchstaben ein Ansehen gewinnen sollten, so war sie stets achtsam. Nun wurden ihr eine Menge Wörter vorgeschrieben; als von dem Menschen, die Augen, Ohren, Arm, Hand u.s.w. Die Kleidung und andere in die Sinne fallende Dinge, wobei ihr bei einem jeden Worte die Sache angezeigt werden konnte. Wenn sie nun eine Anzahl Sachen vor sich auf dem Tische oder sonsten vor Augen liegen sahe, und dieselben nach dem Namen unterscheiden konnte, so wurden die Sachen aus der Stube oder sonst bei Seite geleget, und ihr denn durch ein Wort eine Sache angezeiget, die sie hohlen mußte. Auf diese Weise ging der Unterricht unter göttlichem Beistande glücklich fort.

[91]

Um nun das Buchstabiren und Lesen ihr auf eine angenehme Art geläufig zu machen, schafte ich einen Buchstabierkasten an, aus welchem sie einen Buchstaben nach dem andern hinsetzte und Wörter daraus formirete: solche mußte sie alsdenn hinschreiben, damit ihr immer ein jedes Wort doppelt ins Gedächtniß käme, und so gingen wir in dem Irrdischen und Sinnlichen fort, bis zur Religion. Da nun vor allen Dingen hier nöthig war, ihr zuerst ihren Gott kennen zu lernen, so gelang es uns auch durch seinen Geist und Beistand, daß wir über alles Vermuthen in dieser so sehr schweren und wichtigen Sache täglich um ein großes weiter kamen; wozu ihr innerlicher Trieb, solches zu wissen, ungemein vieles beitrug. Nun zeigte ich ihr erst am Abend den Himmel mit seinen unzähligen Lichtern, nehmlich die Sterne, und frug: ob sie die zählen könnte? sie hielt das anfänglich für eine sehr leichte Sache. Wie ich ihr aber eine Hand voll Sand auf das Papier schüttete, und eine Rechentafel voll lauter durcheinander punktirter Punkte vorlegte, und befragte: ob sie dieselben zählen könnte? so sahe sie gar bald ihre Schwäche ein, daß da sie diese geringe Anzahl nicht zählen könnte, es ihr gar nicht möglich wäre, die große und unbeschreibliche Zahl der Sterne zu zählen. Und als ich ihr nun weiter zeigte, daß ich einen wüßte und kennte, der die Sterne zählen könnte, so war sie begierig zu wissen, wer der seyn möchte? Ich schrieb ihr vor: der [92]heißet Gott, und sie freuete sich, den näher kennen zu lernen. Am andern Tage zeigte ich ihr die Sonne, und befahl ihr, daß sie dieselbe ansehen sollte; da sie aber ihres starken Glanzes wegen solche nicht ansehen konnte, schrieb ich ihr vor: Gott hat die Sonne auch erschaffen, und dieser Gott ist so groß und so herrlich und glänzend, daß ihn niemand ansehen kann. Gleich darauf kam uns ein starkes Gewitter sehr zu ihrem Unterricht zu Nutze. Wie sie eine Furcht vor dem Blitze, und vor der Erschütterung des Donners zeigte, so wieß ich ihr, das thäte Gott, der wäre aber uns nicht böse, wie sie wohl dächte, sondern gut, und er wäre hier bei uns, ob wir ihn schon nicht sehen könnten.

Ich nahm hierauf ein Kind und band dem die Augen zu, nun frug ich sie: ob das Kind uns sehen könnte? worauf natürlich ihr Kopfschütteln, ihr Nein, erfolgte. Ich frug weiter, können wir denn das Kind sehen? Ja; nickte sie; nun brauchte ich ein Exempel und zeigte ihr, wenn jemand in die Stube käme und diesem Kinde Leid zufügen wollte, ob ich denn als Vater das Kind nicht würde beschützen. Sie nickte wieder Ja. Oder wenn der Durchlauchtigste Herzog die Kanonen abfeuern ließen, (N B. den Durchl. Herzog bezeichnete sie mit dem Stern auf der Brust) und Ihro Durchlauchten Prinzen wären gegenwärtig, ob denn denenselben bei dieser donnernden und blitzenden Kanonade würde ein Leid zugefüget werden. Nein, schüttelte sie [93]mit dem Kopfe. Nun eben so bedeutete ich ihr: würde Gott uns auch gnädiglich beschützen, das uns kein Leid wiederführe, ob es auch noch so sehr donnerte und blitzete, denn er wäre unser Vater und wir seine Kinder.

Weil ich nun leicht erachten konnte, daß sie mir den Einwurf gewiß machen wollte, ich sehe aber Gott nicht? So bedeutete ich ihr hierauf für das erste, daß man viele Dinge nicht sehen könnte, und wären doch da. Z.E. das Ding, mit welchem sie wüßte, was sie thäte, das wäre nicht ihr Finger, oder Hand, oder Arm, sondern das wäre in ihr, ihr Geist. Nun frug ich sie durch Zeichen: ob sie schon gesehen hätte, das jemand gestorben wäre? welches sie mit ihrem Ja Zeichen anzeigte. Worauf ich weiter frug, ob sie denn auch die Seele gesehen hätte, daß die gestorben wäre? Die habe ich nicht sterben sehen, schrieb sie.

Ich bezeichnete ihr, daß die auch nicht sterben könnte, weil sie kein Finger, oder Hand, oder Fuß wäre. Aber, schrieb ich, die Seele ist vielleicht noch in dem todten Menschen geblieben? worauf sie aber antwortete: Nein, denn der Mensch hätte seine Hände, Augen, Mund und nichts mehr rühren können, welches ihre Seele sonst befohlen. Dieses überzeugte sie deutlich, daß die Seele nicht mehr in dem verstorbenen Menschen sei, indem man nach weniger denn Acht Tagen seinen besten Freund nicht mehr sehen möchte, wenn er todt wäre. Aber die [94]Seele desselben mag man doch noch gerne sehen? Die kann ich nicht sehen, bezeichnete sie.

Hierbei nahm ich denn Gelegenheit ihr zu zeigen: daß da Gott auch ein Geist sey, so wäre er doch wahrhaftig als Gott da, ob man ihn schon nicht sehen könnte. Und von dem hätten wir unsern Ursprung. Unser Leib wäre aus Erde gebildet, wie ich ihr bei Schöpfung des Menschen gezeiget hatte. Wenn der Mensch nun stürbe, fuhr ich fort, müßte der Leib zur Erde werden, wovon er genommen wäre, die Seele aber ginge wieder zu Gott, von dem sie ihren Ursprung hätte. Ja, ich wollte ihr noch mehr sagen, dieser Gott wäre unsichtbarer Weise allgegenwärtig, wir möchten uns hinwenden, wo wir wollten, so wäre Gott da, er sähe und hörete, alles was wir thäten und redeten, und dieser Gott sey allmächtig, das hieße: er könnte alles hervorbringen, z.E. daß die Sonne uns schiene und nicht schiene, daß es regnete und aufhörte, daß es donnerte und wieder aufhörte, und das Gewitter gnädiglich vorüber ginge, u.d.m.

Nun frug ich sie, ob das ein Mensch könnte hervorbringen und abwenden, es fiel ihr leicht hierauf: Nein zu schreiben, und sie zeigte mir durch Zeichen, daß ihr jetzt eben eine solche Begebenheit einfiele. Wie wir vor einigen Jahren das schwere Hagelwetter gehabt hätten, so sei kein Mensch vermögend gewesen, demselben zu wehren, sogar des Durchl. Herzogs Fenster wären auch zerschlagen. [95]Nun glaubte sie also wohl, daß ein allmächtiger Gott wäre. Und so giengen wir das Pflanzenreich auch mit einander durch. Da sie vorher natürlicher Weise mußte gedacht haben: daß das alles von dem Fleiße der Menschen herrührte, und die Erde solches alles hervorbrächte, so lernte sie nun einsehen, daß wenn es nicht regnete, alles auf dem Lande vertrocknete, oder wenn keine Sonne schiene, daß es denn im Wachsthum damit nicht fort wollte, wie ihr denn solches am besten bekannt war, weil sie mit Gartengewächse zum Verkauf umzugehen pflegte. Nun faßte sie es auch gar bald, daß alles von einem allmächtigen Wesen, auch das Leben, und die Gesundheit der Menschen abhinge.

Da ich nun überzeuget war: daß sie Gott aus dem Reiche der Natur mit vieler Gewisheit und Ueberzeugung hatte kennen lernen; so giengen wir zum zweiten Beweise: nehmlich zu dem Zeugniß des Gewissens. Ich suchte ihr unter allerlei Begebenheiten vorzustellen, daß ein Mensch nicht immer einerlei Gemüthsbewegung haben könnte, wenn er Gutes oder Böses thäte. Z.E. ein Dieb hätte bei der finstern Nacht gestohlen, und niemand hätte es gesehen, und nun säße er am Tische und zählte sein Geld, es käme aber jemand und klopfte an die Thüre: ob der Dieb wohl ein ruhiges Gemüthe hätte, oder ob er nicht vielmehr sein Geld würde suchen zu verbergen, ehe er jemanden hereinkommen [96]ließe? Dagegen stellte ich ihr weiter vor, wenn ein Kaufmann aus seinem Laden tausend Thaler Geld, die er redlich aufgenommen, auf seinem Tische liegen hätte, und jemand käme und klopfte an, so würde der sein Geld nicht verbergen, sondern ungescheut rufen: herein! Und solche Fälle giengen wir sehr viele durch. Nun ließ ich sie selbst urtheilen, ob der Dieb ein so ruhiges Herz und Gewissen habe, als der Kaufmann? Nein! zeigte sie an, der Dieb hat was Böses gethan, und der Kaufmann nicht.

Es hats aber niemand gesehen, schrieb ich ihr auf, vor wem fürchtet er sich denn? Doch, zeigte sie an, Gott hat es gesehen. Und der Gott, bezeichnete ich ihr, ist auch Beherrscher über unser Gewissen, und keiner kann, wenn er Böses gethan, der Unruhe desselben sich entziehen. Dagegen wenn wir nichts Böses gethan haben, und es kommt denn auch wegen einer gestohlnen Sache Nachfrage, so können wir ganz ruhig seyn, das wäre laut des Gewissens sein untrügliches Kennzeichen, daß ein Gott sey.

Hierauf fing ich an, ihr die Gebote eins nach dem andern begreiflich zu machen, welche sie auch bald fassete, und sie suchte selbst jeden ähnlichen Fall in die Gebote einzurücken. Z.E. nach dem ersten Gebote, daß es nicht erlaubt wäre, Bilder anzubeten; nach dem andern, daß es so viele Leute gäbe, [97]die nicht beteten; nach dem dritten, es giengen zwar viele Leute in die Kirche, die wenigsten aber aus der rechten Absicht. Sie zeigte nun und klagte: die Leute könnten hören und reden, und bekümmerten sich so wenig um die Predigt. Ein Theil plauderte, ein Theil sähe nur zu, was die Leute für Kleider und Frisuren hätten, ein Theil säße und blätterte in Büchern, und ein Theil schliefe, was Gott wohl möchte davon denken; sie wollte gerne zuhören, wenn sie nur könnte. Indessen hätte sie doch den Nutzen von ihrem Kirchengehen, daß sie von Gott den Seegen empfinge.

Nach dem vierten Gebote, das wäre nicht erlaubt, wenn Kinder ihren Eltern nicht gehorchten u.s.w. Hier zeigten sich die hoffnungsvollesten Früchte der jetzigen Bemühung, und daß sie nicht mechanisch gelernt hatte, aus folgenden Umständen: Wie sie nach Hause kömmt, nimmt sie eine Tafel, macht einen Ring darauf, und theilet den in zehn Theile, und schreibet die Gebote darein; nun gehet sie zu ihrer alten Großmutter, und zeiget, wenn sie sich vergangen und sie beleidiget hätte, so bäte sie um Vergebung. Von der Zeit an hat sie sich sehr gehorsam bewiesen.

Nach dem fünften Gebote zeigte sie die Kindermörderin an, die vor einigen Jahren gerichtet war.

Nach dem sechsten Gebote war es ihr ein rechter Schauder, wenn junge Leute so vor die Thore [98]zum Tanzen und Springen liefen, oder wenn sich sonst wer betrunken hatte. Wie sie nun in eben diesem Gebote den frommen und keuschen Jüngling Joseph in dem Bildercatechismus erblickte, wie ihn Potiphars Weib beim Kleide hielt, so glaubte sie, das wäre ein Fehler in dem Bildercatechismus, und gehöre ins siebente Gebot, weil sie dachte, Joseph hätte stehlen wollen, und wäre dabei erhascht. Wie ich ihr aber, so viel die Wohlanständigkeit erlaubte, verständlich machte, was die Ursache davon wäre, gerieth sie in eine rechte Verbitterung auf das Weib. Nach dem siebenten Gebote bemerkte sie, daß es schon hier bestraft würde, wenn jemand stehle, wovon sie denn viele Exempel anführte. Und so wußte sie auch leicht anzuzeigen, was in dem achten, neunten und zehnten Gebot enthalten sey.

So weit ging alles gut, aber wie wir im Gebete Christi oder Vaterunser an die fünfte Bitte kamen: und vergieb uns unsere Sündenschuld! da glaubte sie, das wären nur bloße offenbare Missethäter, die das bitten müßten; wie ich sie aber überführen wollte, daß alle Menschen Sünder und Schuldner wären vor Gott, daß kein König, kein Fürst, kein Priester, in Summa kein Mensch wäre, der nicht sündigte, so zog sie die Schultern, und bedauerte es sehr, daß sie denn manchen für so ganz fromm angesehen hätte, und thäte doch noch Sünde. Und daß [99] ich auch noch Sünden begienge, das hätte sie nicht geglaubt. Wie ich ihr aufschlug, was David sagt: meiner Sünden sind mehr, denn des Sandes am Meer, das war ihr sehr bedenklich. Aber sie und ihre Großmutter, meinete sie, hätten doch keine Sünden gethan, wenn sie ja, wie sie noch klein gewesen, sich versehen, so wäre das längst geschehen, und ihr vergeben. Folglich könnte Gott keine Schulden mehr zurechnen. Wie ich ihr nun zeigte, daß sie nicht allein mit Werken, sondern auch mit Gedanken und Gebehrden noch immer sündigte, auch nicht allein mit Vollbringung des Bösen, sondern auch mit Unterlassung des Guten die Gebote übertreten habe, und daß sie auch dafür, was sie von Kindheit an Böses gethan, strafbar wäre; so fiel alle Liebe und Zutrauen zu mir weg, und wollte nichts mehr erklärt wissen.*) 1


Rührend ist die Anrede, die Herr Pastor Paulmann, bei der Konfirmation dieser Taub- und Stummgebohrnen, an den Herrn Schullehrer [100] Schweinhagen, und eine betagte Großmutter dieses Frauenzimmers hielt: sein gutes, gefühlvolles Herz ergießt sich hier, wie folget:

»O bewundre, bete an, danke mit mir dem Herrn, und freue Dich, Du guter Lehrer dieser unsrer treuen Schülerin! Du hast gepflanzet, ich habe begossen, und Gott hat das Gedeihen dazu gegeben. Sie ist unter den Dir anvertrauten Lämmern in der Schule, und unter meiner mir anbefohlnen Heerde, von dieser Art mein und Dein Erstling, von uns dem Herrn gebracht, hier in der Gemeine Gottes, und das wird sie auch dereinst für uns seyn im Himmel. Da, da wird sie uns mit Himmelssprache ewig Dank sagen.

O bewundert, betet an, dankt dem Herrn, und freuet Euch mit mir, die Ihr dieser Eurer Freundin als Anverwandten angehöret. Und Du, alte Betagte, die Du schon längst das sonst so hochangesetzte Ziel des menschlichen Lebens überstiegen hast; die Du als Großmutter diese Deine Großtochter an dieser heiligen Stäte erblickest; Dein Wunsch ist erfüllt; die Du mütterlich gepflanzet, die Dich kindlich liebet, Dein Kind ist Gottes Kind, eine Erbin des Himmels. Wenn Du nach Gottes Willen vor ihr, oder sie nach seinem weisen Rath vor Dir in die Ewigkeit geht; [101]dort kommt Ihr wieder an einem Orte zusammen, wo keine Leiden, keine Stummheit, keine Taubheit, sondern lauter Freude, lauter Himmelsfrohlocken auf ewig seyn wird!

O bewundre, bete an, danke mit mir dem Herrn, und freue Dich, ganze christliche Versammlung, über diese unsre liebe Tochter, Deine Mitchristin! ― Keiner verachte sie! niemand ärgere sie! niemand verderbe den Tempel Gottes, denn wer den verdirbt, den wird Gott verderben! ― Jeglicher sehe wohl zu, wie er mit ihr, und vor ihr fürsichtiglich, christlich, heilig, exemplarisch wandle! Nehmet sie auf, liebet sie, schätzet sie, sorget für sie, betet für sie!«

Fußnoten:

1: *) Hierauf folgt eine fernere Erzählung, wie Herr Schweinhagen ihr dennoch, nach seiner besten Ueberzeugung, die von ihm für nöthig gehaltenen Religionsbegriffe beizubringen suchte.