ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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V.

Einige Reflexionen über den vorhergehenden Aufsatz.

Glave, Carl George Gottfried

Der Unglückliche, der dieß schrieb, schickte Sonntags den 18ten May 1783 seine Frau in die Kirche, schrieb den Schluß seines vorstehenden Vermächtnisses, nahm ein Scheermesser, schnitt sich in den Hals, und verfehlte den Tod. Er öfnete sich die Handadern, und verfehlte ihn noch; darauf trat er ans Fenster, sah seine Gattin aus der Kirche kommen, floh zurück, nahm einen Hirschfänger, und durchstieß sich die linke Herzkammer. Da lag er noch blutend, als seine Frau zu ihm ins Zimmer trat, sah sie an und verschied.

Du bebest, Leser! wohl bebe! das ist der Mensch. Vernunft und Unsinn führen ihn so oft zu demselben Punkte. Aber verweile noch bei dem blutenden Leichnam. Es liegt kein Werther vor dir, der einem Mannsleben ein Knabenende machte, weil er sich in eines andern Weib vergaft hatte. Ein Mann hat sich in den Staub gestreckt, der Edelmuth und Nachdenken besaß, lange seinen Entschluß überlebte, und mit festem Schritte aus der Welt gieng.

Dieser Tod ist werth des Anschauens des Weisen, werth der Betrachtung des Seelenarztes; was [41]ich zu seiner Erläuterung weiß, will ich zu Ergänzung deines Nachdenkens erzählen.

Dieser entflohne diente der Justiz vor der letzten Verbesserung der Ostpreußischen Justizeinrichtung, bei einem der nun aufgehobenen kleinen Justizcollegien als Mitglied. Von da ward er bei Stiftung des Ostpreußischen Hofgerichts zu Insterburg an selbiges als Assistenzrath befördert. Seine Mutter ist irre, ist es bei der Niederkunft mit diesem Unglücklichen geworden; das ist ein erheblicher Umstand. Er selbst war ein Mann von Verstand und lebhaftem Witze. Er hatte gute theoretische Gelehrsamkeit. Sein Herz war unverbesserlich ehrlich. Er besaß viele Lebhaftigkeit. Er hatte ― was jeder vernünftige Selbstmörder hat ― Stolz! aber nicht den Stolz eines Federnhuts, den Stolz des Geldkastens, des Patents oder Diploms, nicht einmal den Stolz der Gelehrsamkeit, sondern den Götterstolz der Selbstkraft, des Verstandes und der Rechtschaffenheit.

Seine Physionomie war auffallend. Ein großes dunkles sehr lebhaftes Auge, das nur darum mißfiel, weil es so oft einen unterdrückten Gedanken zuzudecken schien, und eben so oft Wildheit wegstrahlte, ein unangenehm weiter Mund, eine große hart herausstehende Nase, sind die Hauptzüge, die mir so erinnerlich sind, daß ich sie herzeichnen kann. Lavater würde beides, Selbstmord und lan-[42]ges würksames Leben, nach Belieben daraus hervor geschwärmt haben.

Sein äußeres war ohne Grazie. Die Geckereien eines Maineck, maitre de danse & des graces de plusieures residences de l'Europe, waren den Königsbergern damals, als unser gefallener erzogen ward, noch nicht bekannt.

Als er noch beim Justizcollegio diente, fühlte er Wallungen des Bluts, die auf sein Gehirn wirkten, und ihn in seinen Amtsgeschäften hinderten. Er kam ans Hofgericht zur Zeit einer Proceßordnung, die den Richter nicht mehr so lange schlafen läßt, bis Advokaten sich satt und fett geredet haben, sondern zu einer Zeit, wo der Richter in jedem Schritte jedes Processes mit Vernunft und Weisheit das Wohl der Partheyen selbst überlegen soll. Er fühlte den hohen Werth des Vertrauens, das der Staat in seine Bürger setzt, wenn er ihnen Mitbürgerwohl anvertraut. Er fühlte den hohen Adel des Berufs, Richter des Volks zu seyn. Er fühlte alles lebhaft, also auch diese Berufsgefühle. Er strebte mit unermüdetem Eifer, seine Pflicht zu erfüllen. Dabei aber fühlte er wiederhohlte Anfälle von Verstandesschwäche; Anfälle, die in alltäglichen Gesellschaften sogar auffielen, und von denen seine Bekannte und Freunde oft in die Besorgniß gesetzt wurden, daß er mit der Zeit wahnsinnig werden könnte.

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Seine Amtsarbeiten waren mühsam erdachte Grübeleien. Sie glichen einem vorsetzlichen Bestreben, dem wahren Gesichtspunkte durch Trugschlüsse auszuweichen. Wenn man sie las, so fand man Fleiß darin und Scharfsinn, zugleich aber auch die gesuchteste Sophisterei und unaufhörliche Distinktionen, deren Verkettung die Wahrheit fast unvermerkt aus der Bahn schob.

Sophisterei ― wie sein Vermächtniß Sophisterei ist, aber nie war sein Stil so klar, wie in diesem letzten Aufsatze, stete Einschiebungen, Verwebung der Perioden machten, was er schrieb, unangenehm zu lesen.

Es konnte nicht fehlen, daß seine Arbeiten das Collegium nicht hin und wieder befremden musten. Er kam auch der öfteren Indispositionen wegen in Rückstände. Als er vor acht Monathen einst darüber in Freundschaft erinnert ward, antwortete er: »ich sehe es recht wohl ein, daß meine Arbeiten unbrauchbar sind. Mein Kopf ist ganz unfähig zu arbeiten, und wenn sich das nicht bald ändert, so muß man einen andern Entschluß fassen.« Diese letzte Aeusserung sprach er mit Nachdruck aus. Sie konnte aber nicht auf das jetzt geschehene gedeutet werden.

Einige Zeit darnach ist er gefunden, wie er alle seine zugeschriebene Arbeiten rund um sich ge-[44]legt gehabt, jede angefangen und abgebrochen hat, weil es ihm Kopfschmerzen nicht erlaubt hätten, sie fortzusetzen. Sein Verstand ließ ihn seinen Zustand ganz fühlen. Er besorgte zu seinen Amts- und häuslichen Pflichten einst ganz untüchtig zu werden, beide lagen ihm gleich treu am Herzen.

Er hatte veranstaltet, daß seiner verlassenen Gattin, noch an dem Tage, da er sie verließ, eine genaue Nachweisung ihres Eingebrachten zugeschickt ward.

Sein letzter Aufsatz beweiset, daß er sich selbst gefürchtet hat, wahnsinnig zu werden, und daß diese Furcht, Furcht der damit begleiteten Schande, und des seiner Ehegattin daraus besorglichen Unglücks, ihm den Tod, als das leichtere Uebel gezeigt, und ihn aus der Welt gedrängt hat.

Ein alter Weiser sagte: »will man dir nicht verstatten, zweckmäßig zu leben, so mache deinem Leben ein Ende, aber so, daß es dir nicht lasse, als obs dir ein Unglück dünke; wenn's in meiner Stube raucht, so gehe ich heraus; was ist dabei schweres oder erschreckliches?«

Dieser Philosoph sagt offenbare Spitzfündikgeit: wie leicht ist jeder Rauch zu stopfen, und wenn das gar nicht mehr möglich ist, so löscht der Mann das Feuer aus, um des Rauchs enthoben zu seyn, [45]und nur der Weichling entläuft lieber, um nicht ohne Wärme zu wohnen.

»Mein Entschluß ist nicht Standhaftigkeit, sondern Noth der Seele.«

Dies ist das redliche Bekenntniß des Blutenden, der uns, meine Leser! hier zusammenbrachte. Wir haben ihn nun gesehen. Laßt uns wieder zu unserm Berufe gehn! Es geschiehet nichts neues unter der Sonne.

C. G. G. Glave,
Regierungs- und Hofrath zu
Insterburg. a

Erläuterungen:

a: 1782 Vorsitzender Rat und Vizepräsident des Hofgerichts in Insterburg (heute Tschernjachowsk in der russischen Exklave Kaliningrad). 1786-88 wegen "Grausamkeit, Käuflichkeit, auch Auslandsreisen und Hasardspiele" inhaftiert, danach wegen "Spionage, Verleumdung des Königs und Mordpläne gegen Napoleon" von 1810 bis zu seinem Tod in Wien und Ungarn inhaftiert, wo er weitere politische Schriften schrieb. Vgl. Pibram und Fischer 1937.