ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 3 (1783) > IV. Eigener Aufsatz von einem Selbstmörder unmittelbar vor der That.

IV.

Eigener Aufsatz von einem Selbstmörder unmittelbar vor der That.

Clooß

Es hat dem Allmächtigen gefallen, meinen Verstand zu schwächen, meine Denkkraft zu zerrütten, und mich zu Erfüllung meiner Pflichten unfähig zu machen. ― Mein Blut wallt seit der Zeit in verzweifelnden Schlägen, und ich muß ihm Luft machen. ― Wie? ich bekleide einen Dienst ― ich schände ihn, indem ich seinen Pflichten nicht genüge [33]― ich hindere einen besseren Menschen, ihn würdiger zu bekleiden? ―

Dieß kleine Brodt, über das ich klagen müßte, daß es mich und mein Haus nicht ernähren kann ― auch das verdien' ich nicht? ― auch das esse ich mit Sünden? und ich athme noch? und ich! ― Tödtender Vorwurf, den ein wohlbehaltenes Gewissen mir macht ― Ja! eine Gattin ― und ein Kind, das mir sein Daseyn vorrückt ― erfordern meine Vorsorge ― Aber ihr wißt nicht ― Ihr meine Angehörigen, daß wenn mein unglückliches Wesen nicht plötzlich aufgelöset wird ― meine geschwächte Geisteskräfte euren Beistand erfodern, und ich statt zur Hülfe euch zur Last seyn werde! Besser, daß ich beizeiten meinem Unglück ein Opfer werde, als daß mein Stand, wenn die Täuschung auch noch lange währte, die letzten Pfennige des Erbtheils meiner armen Gattin aufzehre ― Wie sehr hat mich jede kleine Post, die ich davon zu Bedürfnissen, die gemein waren, aufnehmen mußte, weh' gethan, ohne daß meine Gattin meine Thränen verursacht oder gesehen hat ― Es ist Pflicht für jeden, das zu thun, was ihm am zuträglichsten ist ― das fordert Vernunft ― dasselbe die Religion ― Mein Leben, so wie es jetzt ist, ist ein thierisches, vernunftloses Leben ― es genügt nicht seiner Bestimmung, nicht seinen Pflichten ― Ein pflichtwidriges Leben ist für mich moralischer Tod, und dieser ärger, als der physische ― [34]für die wenigen, denen ich nun schon ihr Daseyn nicht erleichtern kann, ists wenigstens Pflicht, es ihnen nicht zu erschweren, und eine Bürde ihnen abzunehmen, die über kurz oder lang sie drücken müßte.

Ein späterer Absatz, einige Monate nach vorstehendem geschrieben.

Ich setze die Gedanken auf, die ich schon vor wenigen Wochen hatte, meinem unglücklichen Leben ein Ende zu machen, und mein Herz recht vor mir selbst auszuleeren und zu ergründen ― Täuschende Hofnungen eines erträglicheren Zustandes setzten meine verzweifelnden Entschlüsse bisher aus ― Nun habe ich noch das liebe Kind verloren ― Ich Unsinniger ― ganz widersinnisch schmerzt mich sein Verlust, da ich doch Gott preisen sollte ― ihn allen Leiden entrückt, meinen Sorgen ihn entnommen zu haben ― Mein Hoffen der verlornen Geisteskräfte ist vergebens gewesen ― mein Kopf versagt mir noch die kleinsten Dienste, und die läppischsten Beschäftigungen wollen ihm nicht gelingen.

Jetzt ist es Zeit, den unglücklichen Lebensfaden zu zerreißen, jezt, da meine Gattin von der Sorge für ein verwaistes Wesen frei ist, bevor noch täuschende Augenblicke einer vorbeirauschenden Freude mich dahin führen, Abkömmlinge meines jetzigen trauervollen Zustandes in die Welt zu setzen. Und welch ein quälender Vorwurf, der Urheber des Unglücks anderer zu seyn!

[35]

So blute dann dein Herz, armes Weib ― einmal muß es doch bluten, und gewiß länger, gewiß gefährlicher, wenn meines nicht verbluten sollte ― Mein Kopf sollte meine und deine einzige Stütze seyn ― hört er auf, es zu seyn, so wird er Last mir und dir ― und was hilft ein Herz ohne Kopf ― eine Larve ohne Gehirn deinem unglücklichen Gefährten.

Dieß sey dein Trost, du verlierst keine Stütze, sondern eine Bürde, und er lässet dir wenigstens keine Erben seines Elendes dir zur Last.

Meinen Trost mag meine Asche finden, wenn sie in Lüften zerstäubt.

Deine Standhaftigkeit ist jezt mit mein Trost, sie übertrift hunderte meines und tausende deines Geschlechts ― Du hast als Mutter und Gattin deine Pflichten stets treulich erfüllt, und das giebt dir die gerechtesten Ansprüche an deiner Nebenmenschen Hülfe, die nicht Barbaren sind ― Gott, der mir seinen Schutz versagte, sey mit dir ― Dein Glück ist noch nicht verdorben ― wie es durch die Fortdauer meines unglücklichen Lebens werden könnte.

Neuer Absatz.

Beynahe vier Monate habe ichs von neuem gewagt zu leben, aber mein Elend hört nicht auf ― das hin und wieder gehabte Vergnügen war Blendwerk, und konnte die gewissere Stimme, mit mei-[36]nen Pflichten uneins zu seyn, nicht ersticken; auch der einzige bisherige Trost, daß mein Unglück nicht meine Schuld ist, verläßt mich ― So hilf mir denn mein Gott die Hütte gänzlich zerbrechen, die du als die meine mir gabst, und die Pflicht gegen mich und andere zu verlassen gebietet.

15. Mai 1783.

Letzter Absatz vom 18ten May, am Tage der Entleibung.

Nun noch eine kleine Erklärung, wills Gott, die letzte an die, die im Leben mich ihrer Freundschaft, Gewogenheit und Theilnehmung, und daß ichs recht sage, Mitleids würdigten. Mitleids ― wie grausam, wie erniedrigend, wenn man nichts als Mitleid erwarten kann, wenn man auf eigene Mittel, auf eigenen Trieb zu seinem Fortkommen entsagen muß.

Wie demüthigend dieß sey ― wie schaudernd der Gedanke, seine Pflicht hintanzusetzen, seinen Amtseid zu vernachläßigen, dem, der Jahre lang darinnen seine Genugthuung, seine Wollust gesucht hat ― sey Gott bewußt ― Behalte ich nach diesem Leben noch Freunde, nu dann weihet meinem unglücklichen Andenken eine mitleidige Zähre!

Ich danke denn Gott, der uns alle schuf, für unzählige glückliche Vorfälle, die er nicht selten auch mir hat zufließen lassen ― aber nun erschwert das Andenken verlebten Glücks meine Verzweiflung.

[37]

Ihr, die ihr nach den Buchstaben der Schrift lebet, ruft sie nicht auch euch zu: ärgert dich dein Auge, so reiß es aus, deine Hand, dein Fuß, so haue ihn ab. Wenns nun der Kopf ist, der mich ärgert, warum soll ich mich seiner auch nicht entledigen?

Mein Leben war ein Geschenk Gottes ― er lieh es mir, um zu meinem und meiner Nebenmenschen Vortheile damit zu wuchern ― Diese Aussichten sind nun nach vielfältigen Versuchen für mich verloren ― ich bringe es also dem zurück, der mir es gab, unfähig, den Gebrauch, wozu er mir es lieh, davon zu machen.

Ich rufe dich, mein Gott! noch hier zum Zeugen, daß ich nicht Gutes that, weil ich Belohnung hofte, nichts Böses ließ, weil ich vor ewigem Feuer mich fürchtete ― Nein, weil ich glaubte, daß dieß meinem Gotte, den ich unverfälscht als meinen Herrn, als ein unendliches Wesen ehrte, gefällig seyn würde ― wie sollte ich wider ihn murren, daß er mich mit Sinnlosigkeit strafte ― Viel Tausende leben glücklich, und ihr Schicksal entscheidet für seine unendliche Güte.

Nicht meinem Eide kann ich gerecht werden ― denn der Kopf schwärmt, stockt, wenn er seinen Pflichten nachgehen soll ― Partheyn, deren Zutrauen, deren Gerechtsame mir heilig seyn sollen, leiden, und ich schände durch eine unwillkührliche Unthätigkeit ein ansehnliches Collegium, dessen Mit-[38]glied ich geheißen habe ― Ich soll meine Gattin versorgen, und die Quelle eigener Erhaltung versiegt ― Ich war der Stolz meiner Verwandten, und ich soll nun ihre Schande werden ― was bleibt mir Armen noch übrig ― nichts, als hinzukehren, wo ich herkam ― Es ist nicht Standhaftigkeit der Seele dieser Entschluß, wiewohl man Weise darum für weise gehalten, weil sie ihn ergreifen konnten. Aber es ist Noth, die meine Seele aus dem Zirkel dränget, worinnen sie bisher als ein Fremdling gewandelt hat ― Du wirst sie nicht darum verwerfen, mein Gott! Und solltest du sie in Staub und Asche gleich der zerbrechlichen Hütte verwandeln, so ist ihr Schicksal erträglicher, als Schade und Nachtheil einem ganzen Staate, oder doch einer ganzen Familie, deren Wohl dem Beherrscher der Menschen mehr als das Wohlseyn Eines Menschen am Herzen liegen muß, Jahrelang zu verursachen.

Wie danke ich dem über alles würdigen Herrn Hofgerichtsdirektor für die mir bewiesene Nachsicht mit meiner Schwachheit, ohne welche ich unbedacht diesen Schritt schon lange unternommen haben würde, den ich nun nach vielen mißlungenen Proben, das unglückliche Leben thätig zu verleben, verschoben, und nun erst dazu schreite, da die vergeblichen Versuche mich überzeuget, daß mein Hoffen thöricht sey ― Wie beruhigt mich der Gedanke, diese Ueberzeugung zu haben!

[39]

Man ergründe meine jetzige Geisteskräfte, besonders wenn sie auf Arbeiten, die mein Fach sind, angewandt werden, man wird finden, daß sie so wenig als gar nichts leisten ― Der Kopf verliert sich in Grübeleien, in dem Wunsche, alles recht zu machen, und in der Besorgniß, die die Folge begleitet, nichts Vernünftiges hervorzubringen ― Man balancire dagegen den großen Umfang meiner Pflichten ― und wie richtig wird der Schluß: daß zum Tollseyn nichts übrig bleibt ― Ists nun nicht vernünftiger, der Rechnung ein Ende zu machen, als die unvermögenden Geisteskräfte mit mehreren Schulden zu häufen? ― Nicht besser, die Null davon zu rücken, auszustreichen, als durch sie tausend Uebel entstehen zu lassen?

O möchte die Nachwelt dieß zu meiner Entschuldigung dienen lassen! Dank dir, lieber Gott, wenn du mit mir mein Elend hinwegschafst, und o, möchtest du alles Unheil andern Menschen auf eine gelindere Art abnehmen! ― Dir sey meine gute, würdige Gattin zur bessern Versorgung empfohlen ― Oefne ihr die Augen, daß sie durch meinen Verlust nicht verliert, sondern gewinnt ― Die Reichen unter ihren Verwandten müssen vor der Hand ― und dann wollest du weiter für sie sorgen ― Vergelte, mein Gott, auch allen denen, die mir während der Zeit meines Hierseyns manche vergnügte Stunde gemacht, jede derselben mit tausendfältigen Wohlthaten, und erhöre dieß letzte Gebet.