ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Beitrag zur Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

Müller

Heinrich, ein Knabe von acht bis neun Jahren, hat ein durch häufige Krankheiten sehr geschwächtes Nervensystem, und daher in seinem Aeussern nicht das mindeste Lebhafte. Sein Gang ist schleppend, und seine Sprache langsam und matt. Sein Blick ist ohne alles jugendliche Feuer, aber sehr sanft und ein treuer Schattenriß seines ruhigen, freundschaftlichen Herzens, das keine aufbrausenden Leidenschaften kennt, und sich an jeden seiner Bekannten, wenn ich so sagen darf, anschmiegt.

Er liebt zwar Reinlichkeit und Ordnung, mag aber nicht gern selbst dafür sorgen; er ist gesellig und liebt das Spiel, macht aber selten Geräusch dabei. Entstehen Zänkereien zwischen ihm und seinen Geschwistern, so giebt er nach und kann sich nicht leicht beruhigen, wenn er jemanden gekränkt hat.

Er thut fast alles, um gelobt zu werden; da er aber das verdiente Lob nicht von der Schmeichelei unterscheidet, so hat sein Ehrtrieb leider die rechte Spannung schon verloren, und ihn auf den Weg [109]der Heuchelei und Verstellung gebracht; er weiß seine Fehler sehr geschickt zu verbergen, und ihnen, wenn sie je entdeckt werden, einen so guten Anstrich zu geben, daß sie ihm, von allen, die ihn nicht kennen, gewiß auf der Stelle vergeben werden. Mit eben so vieler Geschicklichkeit weiß er auch sein Gutes allenthalben sichtbar zu machen. Diese üble Gewohnheit muß er sich so, wie seine ziemlich große Fertigkeit im Lügen, abgewöhnen, wenn ihn seine, übrigens dienstfertige, liebevolle, nachgebende und zu allen sanften Tugenden fähige Seele, allgemein beliebt machen soll.

Schmerz und Vergnügen bringen ihn beide leicht außer Fassung, und er kann sich eben so wenig im Klagen als im Fröhlichseyn mäßigen.

Seine zu große Furchtsamkeit hält ihn von jeder Unternehmung zurück, bey welcher etwas gewagt werden muß. Bey den kleinsten Uebungen im Springen, Klettern und Bergablaufen, die ich mit ihm anstellte, um ihn beherzter zu machen, kostete es mir sehr viel Mühe, ihn zu den kleinsten Versuchen zu bewegen, denn seine Vorstellungen von den damit verbundenen Gefahren waren immer überspannt.

Durch Schilderungen des Elends oder guter Charaktere wird er so, wie durch Erzählungen trauriger Begebenheiten, leicht gerührt; er läuft dann im ganzen Hause umher, und sucht jede theilneh-[110]mende Seele auf, der er erzählen kann, was er gesehen oder gehört, und was er dabei empfunden hat. Freilich verschwindet der Eindruck, den der Anblick eines Elenden oder eine rührende Erzählung auf sein Herz gemacht hat, auch bald wieder, denn sein allzureizbares Nervensystem findet in jedem Augenblick einen anziehenden Gegenstand, der ihn zerstreuet. Daher ist die Reihe vernünftiger Vorstellungen, die er an sinnliche Eindrücke knüpft, gewöhnlich sehr kurz. Ueberhaupt mag er nicht gern lange nachdenken, und er wird sich sehr anstrengen müssen, wenn er es in irgend einer Wissenschaft, die viel abstraktes Denken erfordert, zu einiger Vollkommenheit bringen will. Desto ausdauernder ist er hingegen bei künstlichen Beschäftigungen, bei denen die Sinne im Spiel sind. So schnitzt er z.B. Pfeifen aus Schilf und Haberstroh, und bessert so lange, mit unglaublicher Geduld, daran, bis ihre Töne rein und seinem Ohr harmonisch werden. Er zeichnet oft halbe Tage lang, ohne vom Tische aufzustehen; seine Zeichnungen sind aber so, wie die kleinen Figuren, die er in Wachs poußirt, gemeiniglich bloße Kinder seiner Imagination, denn er nimmt selten bei diesen Arbeiten ein Muster vor die Augen; daher entstehen denn oft die sonderbarsten Gestalten, deren Bedeutung er gemeiniglich erst erklären muß. Sein Ehrgeitz findet sich durch nichts so sehr beleidigt, als wenn diese seine Werke, oder seine oft zu kindischen Einfälle, etwa von seinen Ge-[111]schwistern bespöttelt werden. Ich habe ihn oft Stundenlang hierüber weinen sehen.

Sein siebenjähriger Bruder, Philipp, ist ein gesunder, starker Knabe, von außerordentlichem Talent und eben so vieler Betriebsamkeit. Er ist keinen Augenblick müßig, sondern immer thätig, und seine Beschäftigungen sind gemeiniglich von so guter Art, daß sie auch dem erwachsenen Beobachter derselben Vergnügen machen, sonderlich, wenn er fähig ist, schon von den Kinderspielen auf die Beschäftigungen des künftigen Mannes zu schließen. Er pflanzt z.E. kleine Gärten, bauet Häuser und Thürme, und sucht sich die kleinen Baumaterialien im ganzen Hause dazu zusammen. Auf die Weise legt er Dörfer und Städte an, giebt ihnen Einwohner von Papier, sticht Kanäle mit einem Span und trägt das Wasser mit Nußschalen hinein u.s.w. Bei diesen Beschäftigungen ist er, wie überhaupt bei seinen Arbeiten, unermüdet. Er ruhet nicht eher, als bis er sein Projekt ausgeführt hat, und läßt nicht leicht ein Werk unvollendet liegen. ― Er pflegt gemeiniglich über alles, was ihm vorkömmt, nachzudenken: wozu es wohl nützt, was daraus verfertigt werden könnte u.s.w. Fällt ihm nun ein Brettchen oder sonst etwas in die Hände, so sinnet er gleich nach, wozu er es anwenden will; und auf die Weise entstehen denn die kleinen Plane zu seinen Unternehmungen, die, nach Maaßgabe seines Kinderverstandes, oft ziemlich gut überdacht sind. Diese [112]Plane führt er nun am liebsten selbst aus, ohne seine Geschwister daran Theil nehmen zu lassen; nicht aus Mangel der Geselligkeit, sondern weil ihre Projekte gewöhnlich mit den seinigen in Kollision kommen und er bei seinen Entwürfen schlechterdings nach seinem Sinne handelt. Dem Rathe erwachsener Personen folgt er dabei gern, nur müssen sie ihm das Ganze nicht zerstören wollen, sondern bloß die Miene eines Gehülfen annehmen. Uebrigens ist er bei den Spielen, mit andern, nicht eigensinnig, sondern sehr friedfertig, und verlangt nie bei einer Sache, bei welcher er nur Theilnehmer ist, seinen Willen zu haben.

Einer seiner Lieblingszeitvertreibe ist das Blumen- und Insektensammeln, wobei er alle andere Freuden, sogar oft das Mittagessen vergißt, und gern mit einem Butterbrot fürlieb nimmt, wenn man ihn nur nicht von seinen kleinen botanischen Excursionen zurückruft. Er hat dabei auf die kleinsten Pflanzen Acht, und erkundigt sich, wenn er ein neues, ihm noch unbekanntes Blümchen findet, sogleich nach dem Namen desselben, oft auch: »obs der Apotheker brauchen kann.«

Sein Blick ist lebhaft und scharf; seine Sprache deutlich und angenehm, und seine offene, immer heitere und freundliche Miene, scheint einem jeden zu sagen, daß er es mit der ganzen Welt gut meint, und daß in seinem Herzen nicht das mindeste Falsche ist.

[113]

Er kann im höchsten Grade frölich, aber selten ganz niedergeschlagen werden. Seinen Schmerz klagt er selten, und dann muß er sehr heftig seyn; aber an seiner Freude müssen alle seine Bekannten Theil nehmen.

Er ist ziemlich empfindlich, gleichgültig gegen äußere Ordnung und Reinlichkeit, und äußerst hitzig, wenn er glaubt, daß ihm oder einem seiner Freunde Unrecht geschiehet. Außer diesem, weiß ich aber auch weiter keinen herrschenden Fehler an ihm. Er liebt die Wahrheit im strengsten Sinne, und würde einen begangenen Fehler nicht leugnen, wenn er auch die schmerzhafteste Strafe zu befürchten hätte; er kömmt vielmehr sogleich, wenn er etwas versehen hat, und zeigt es selbst an. Furcht scheint er gar nicht zu kennen, daher ist er bei seinen Unternehmungen beinahe zu leichtsinnig und unbedachtsam. Lob muntert ihn auf, ohne ihn stolz zu machen; tadelt ihn ein Erwachsener, so wird er schamroth, thut es aber jemand von seinem Alter, so meint er, es sey besser, sich um sich selbst zu bekümmern. Durch Körperstrafen bewirkt man selten etwas Gutes bei ihm, sie machen ihn vielmehr eigensinnig und fast unbiegsam; denn er kann gar nicht begreifen, wie man jemanden aus einer guten Absicht Schmerz machen kann. Es war einmal nöthig, ihn durch Körperschmerz auf gewisse Unreinlichkeiten aufmerksam zu machen, die seiner Gesundheit schädlich waren, und an die er sich zu sehr [114]gewöhnt hatte, als daß bloße Vorstellungen hinreichend gewesen wären, ihn davon zu heilen. Ich konnte ihn über diese erlittene Strafe lange nicht beruhigen, denn er meinte immer, es sey zwar gut, daß man ihm das Böse abgewöhnen wolle, allein Schläge thäten doch weh, und wenn man einem gut wäre, müsse man ihn nicht schlagen.

Er denkt gern und lange über einen Gegenstand nach, und richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf einen, ihm wichtig gewordenen, Gegenstand. Ich habe oft mit Vergnügen bemerkt, daß er auch sogar auf das genau Acht hat, was man für ihn noch für zu schwer hält, und was nur seinen erwachsenen Geschwistern gesagt wird; er denkt dabei zuweilen schärfer nach als jene, und ist daher manchmal im Stande, ihre unrichtigen Antworten zu verbessern. Hört und versteht er eine gute Antwort, oder einen richtigen Schluß, so pflegt er oft, für sich, auszurufen: »das ist natürlich!« Dabei hat er ein sehr treues Gedächtniß, denn er erinnert sich bei der geringsten Veranlassung an eine ganze Reihe gehabter Vorstellungen, aus deren genauen und natürlichen Verkettung man schließen kann, wie gut er etwas gefaßt oder überdacht hat.

Im Fragen ist er unermüdet, und man hat oft Stundenlang zu thun, wenn man seine Wißbegierde über eine Sache befriedigen will. Oft blieb er nach geendigten Schulstunden bei mir sitzen, oder kam aus eigenem Triebe wieder, sich mit mir über [115]eine gehörte Geschichte, oder über einen in den Lectionen nur halb gefaßten Satz zu unterhalten; und diese Privatunterredungen gewährten mir öfters die herzlichste Freude, denn er weiß sich, für seine Jahre, schon ziemlich bestimmt auszudrücken, und seine Fragen führen nicht selten auf sehr ernste Materien.

Ich will einige Skizzen unserer Unterredungen hersetzen, der Leser mag denn urtheilen, ob ich zu viel gesagt habe.

Einst hatte ich mit seinen ältern Geschwistern, von den Freuden des künftigen Lebens, und sonderlich vom Wiedersehen unserer verstorbenen Freunde gesprochen, wobei er sehr aufmerksam zugehört hatte. Nach der Stunde blieb er bei mir, und hob folgendes Gespräch an:

Philipp. Das ist doch herrlich, daß ich meinen seligen Vater wiedersehen werde! Aber er wird mich doch nicht mehr kennen, wenn ich in den Himmel komme; er wird mirs doch nicht mehr ansehn können, daß ich sein Philipp bin!

»Warum nicht?

Phil. Ich werde noch lange leben, und dann werde ich so alt und krumm, wie der alte Schiele, und kriege auch solche Runzeln im Gesicht; woran soll er mich dann kennen?

»Willst Du denn Deinen Körper mit in den Himmel nehmen, wenn Du stirbst?

Phil. Nein, das kann ich nicht; wenn man todt ist, wird der Leib begraben.

[116]

»Wird also Dein Vater den Leib, den Du jetzt hast, je wieder sehen können?

Phil. Nein!

»Was meinst Du nun, woran soll er Dich wieder kennen, wenn Du diesen Leib nicht mehr hast?

Phil. An meiner Seele.

»Recht, denn die kömmt ja eben in den Himmel; aber wird denn der Vater Deine Seele wohl sehen können?

Phil. Nein, er hat keine Augen mehr; die sind ja auch mit dem Leibe begraben.

»Aber wenn er nun Augen hätte?

Phil. Denn könnte er sie doch nicht sehen.

»Warum nicht?

Phil. Ja, weil man eine Seele nicht sehen kann.

»Da hast Du Recht, eine bloße Seele kann weder sehen, noch gesehen werden. Aber denn weiß ich doch wirklich nicht, woran sie Dein Vater kennen wird; hilf mir doch die Sache ausdenken, lieber Philipp; besinne Dich einmal, ob Du noch nie so etwas gehört hast, woran man eine Seele kennen kann. ― ― Hörst Du jetzt nicht etwas?

Phil. Ja, Küsters Johann läutet Feierabend.

»Woher weißt Du denn, daß es Johann ist, es kann ja wohl der Vater selbst seyn?

Phil. Nein, es läutet so sachte, und denn ists Johann, denn der kann noch nicht so sehr ziehen, wie sein Vater.

[117]

»Also kennst Du jetzt Küsters Johann doch, ob Du ihn gleich nicht siehest, Du kennst ihn an dem, was er thut.

Phil. Haha, nun besinne ich mich; Sie sagten einmal, man könne die Seele an dem kennen, was sie thut.

»Nun daran wird auch Dein Vater die Deinige wieder kennen. Du weißt schon, daß sich alle Menschenseelen besinnen, oder denken, daß sie manche Dinge wollen, und manche nicht wollen; daran sind sie sich alle ähnlich. Deine Seele denkt und will, die Seelen Deiner Brüder denken und wollen auch; daran seyd Ihr Euch also ähnlich. Aber weil ein jeder von Euch, seine eigene Art, zu denken und zu wollen hat, so kann man Euch auch wieder von einander unterscheiden und jeden besonders kennen. Verstehst Du das?

Phil. Nein!

»Nun so höre mir zu, ich will Dich deutlicher unterrichten. Der Küster läutet, sein Sohn auch; daran sind sie sich ―?

Phil. Aehnlich!

»Richtig, wenn Dir also jemand sagt, es hat geläutet, so weißt Du, daß es jemand von Küsters Leuten gethan hat; aber weißt Du nun auch schon, ob es Johann oder sein Vater war?

Phil. Nein!

»Warum nicht?

[118]

Phil. Ja, denn muß ich erst wissen, obs sehr geläutet hat.

»Also am sehr Läuten sind sie sich nicht ähnlich?

Phil. Nein.

»Siehst Du, daran sind sie unterschieden, und darum kannst Du jeden besonders kennen; den Vater am starken und den Sohn am schwachen Läuten. Nun denke weiter nach: ich habe gesagt, alle Seelen denken und wollen, darum sind sie sich ähnlich; sie denken und wollen aber nicht alle einerlei, daran sind sie unterschieden, und darum kann man jede besonders kennen. Du denkst und willst, Dein Bruder auch; daran weiß ich, daß ihr beide Seelen habt; aber Du denkst oft und lange über eine Sache nach, und Dein Bruder selten und nicht lange; Du magst gern Blumen sammeln, Dein Bruder nicht. Du denkst und willst also anders als Dein Bruder, daran merke ich, daß ihr zwei verschiedene Seelen habt; ich kann Dich also von ihm unterscheiden, und Dich besonders kennen. Nun merke Dir noch eins; wenn man sich von einer Seele etwas merken will, um sie wieder zu kennen, so müssen es nicht Handlungen seyn, die sie selten thut, sondern solche, die man oft von ihr siehet. Denn siehe, Philipp, was Du oft thust, das gewöhnst Du Dir endlich an, das wird Dir eigen, nicht wahr?

Phil. Ja; wie das schnelle Laufen.

[119]

»Man nennt es drum Deine Eigenschaft. Solche Eigenschaften hat nun eine jede Seele; eine hat die übele Eigenschaft, daß sie gern lügt, d.h. sie hat sichs angewöhnt, oft Dinge zu sagen, die nicht wahr sind; eine andere hat die Eigenschaft, über eine jede Sache lange nachzudenken, u.s.w. In diesen Eigenschaften kennt man eigentlich die Seelen. Wenn ich Dich nun frage: woran einst Dein Vater Deine Seele wieder kennen wird, was wirst Du mir nun antworten?

Phil. An den Eigenschaften, die sie hat.

»Recht, merke Dir das für jetzt, und sorge dafür, daß Deine Seele lauter gute Eigenschaften bekömmt, denn wird sich einst Dein Vater recht über Dich freuen. Ich könnte Dir freilich noch manches über diese Sache sagen, aber Du bist ein siebenjähriger Knabe, und würdest mich also doch noch nicht recht verstehen. Warte noch eine Weile, bis Du verständiger wirst, denn kannst Du aus Büchern und von klugen Leuten mehr erfahren; vielleicht erräthst Du auch, durch vernünftiges Nachdenken, manches, was Du itzt nicht weißt, selbst; und das wird Dir denn recht viel Freude machen, wenn Du selbst so was erdenken kannst.

Phil. Wirds wohl noch lange, ehe ich so verständig werde?

»Wenn Du über alles, was Du hörst, siehest und liesest, fleißig nachdenkst, so kannst Du es bald werden.

[120]

***

Einst fand ich ihn an einem strengen Winterabend unter freiem Himmel, und als ich ihn fragte, womit er sich da so allein beschäftige? antwortete er mir: ich gucke nach den Sternen; sehen Sie nur, wie sie da flimmern!

»Macht Dir denn das Freude?

Phil. Ja wohl! o ich mögte die ganze Nacht hier stehen und den Himmel ansehen.

»Da würdest Du ziemlich frieren müssen; ich dächte, Du könntest ihn durchs Stubenfenster eben so gut beobachten?

Phil. Nein, da kann ich nicht so viel Sterne sehen, und denn ists gleich nicht so schön.

»Also freuest Du Dich darüber, daß ihrer so viele sind?

Phil. Ja, da gucke ich am ganzen Himmel umher, und allenthalben sind Sterne; hier ein großer, dort ein kleiner und denn wieder ein großer, und so gehts immer fort ― Aber hören Sie einmal: kommen wir denn, wenn wir sterben, dort in das Blaue oder auf einen Stern?

»Lieber Philipp, das ist eine Sache, die ich nicht gewiß wissen kann, weil wir es erst erfahren, wenn wir todt sind. Ins Blaue werden wir nun wohl nicht kommen, denn das ist lauter Luft; ob wir aber auf einem Stern oder an einem Orte leben werden, von dem wir noch gar nicht wissen, wo er ist, das kann ich Dir nicht sagen. Allein [121]es sei wo es wolle, so wird uns dort recht wohl seyn, wie ich Dir schon oft gesagt habe. ― Mögtest Du denn wohl gern auf einem Stern seyn?

Phil. Ach ja, da wollte ich mich recht umsehen! Aber wenn es nur dort nicht noch kälter ist als hier?

»Deshalb sei unbesorgt; wenn der liebe Gott will, daß Du einmal auf einem Sterne leben sollst, so wird er Dir auch einen ganz andern Körper geben, der es gewiß ertragen kann, es mag so kalt oder warm dort seyn, als es will.

Phil. Also kriegen wir wieder einen andern Leib, wenn wir todt sind?

»Viele kluge Leute vermuthen es, aus Gründen, die ich Dir ein andermal sagen will.*) 1.

***

Kömmt alle das Gute, was in ihm liegt, zur Reife, wird es von allen seinen Erziehern sorgfältig entwickelt, und von den Beispielen unserer heutigen Welt nicht zu sehr vergiftet; so wird er gewiß einst ein kluger, thätiger, biederer Mann, ein nützlicher Bürger des Staats, ein treuer, redlicher Freund, ein Wohlthäter der Armen, kurz, ein Mann, der überall Menschenglück befördern wird, so viel er kann.

Fußnoten:

1: *) Da ich überzeugt bin, daß man eine Kinderseele am leichtesten aus ihren Fragen und Antworten kennen lernen kann, so habe ich kein Bedenken getragen, diese Dialogen mit einzurücken.
Müller.