ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 2 (1783) > 3. Sonderbare Handlungsart ohne Bewußtseyn.Quelle: Monboddo 1779, S. 159-161.

3.

Sonderbare Handlungsart ohne Bewußtseyn. a

Burnett, Lord Monboddo (übersetzt von Georg Ludwig Spalding)

Eine Erscheinung sonderbarer Art trug sich zu, von welcher ich mich sehr umständlich und genau zu unterrichten Gelegenheit hatte. Dies war der Fall eines jungen Mädchens in der Nachbarschaft meines Landhauses. Sie war mit einer Krankheit behaftet, die ganz wohl unter dem Namen Louping d.i. hüpfendes Fieber bekannt ist. Es ist nichts anders als eine Art von Raserei, welche die Kranken im Schlafe ergreift, und macht, daß sie springen und rennen, als ob sie besessen wären.

Das Mädchen ward von dieser Krankheit drei Jahr vorher im Frühling angefallen, da sie ohngefähr sechzehn Jahr alt war, und das Uebel dauerte etwas über drei Monate. Der Paroxismus ergrif sie allemal bei Tageszeit, gewöhnlich gegen sieben oder acht Uhr des Morgens, wenn sie schon zwei oder drei Stunden ausser dem Bette gewesen war. Es fing mit einer Schwere des Kopfes und Schläfrigkeit an, die sich in Schlaf endigten, wenigstens in eine Art davon, denn ihre Augen waren fest zugeschlossen.

In diesem Zustande war sie vermögend, mit einer erstaunenswürdigen Behendigkeit auf Tische und Stühle zu springen. Hernach suchte sie auch [75]wol aus dem Bauernhäuschen, worinn sie mit ihren Aeltern und ihrem Bruder lebte, herauszukommen, und mit größerer Heftigkeit, auch weit schneller, als sie beim Wohlbefinden jemals thun konnte, zu laufen.

Allemal geschah' dies aber mit einer gewissen Richtung nach irgend einem bestimmten Orte in der Nachbarschaft. Oft sagte sie, wenn sie den Paroxismus herannahen fühlte, sie wolle nach diesem Orte gehen. War sie nun an dem Ort ihrer Bestimmung angekommen, und erwachte daselbst noch nicht, so kam sie in derselben sichern Richtung zurück, ob sie sich gleich nicht immer auf der grossen Landstrasse hielt, sondern häufig einen näheren Weg queerfeldein lief.

Freilich hatte sie eben deswegen oft einen sehr rauhen Fußsteig, aber sie fiel ohngeachtet der Heftigkeit, mit welcher sie lief, dennoch niemals. Indessen die ganze Zeit, da sie lief, waren ihre Augen völlig geschlossen, wie ihr Bruder bezeugt, welcher oft mit ihr lief, um Sorge für sie zu tragen, und welcher, obgleich weit älter, stärker und hurtiger, es doch kaum mit ihr aushalten konnte. Wenn sie, vor der Herannäherung des Paroxismus, sagte, nach welchem Orte sie zu wollte, pflegte sie dabei zu erzählen, es habe sie die Nacht vorher geträumt, sie solle dahin laufen; und ohngeachtet man ihr zuweilen von irgend einem bestimmten Orte abrieth, als von meinem Hause zum Exempel, wo die Hunde [76]sie beissen könnten, behauptete sie, sie wolle den Weg laufen und keinen andern.

Wenn sie erwachte, und von ihrem Wahnwitze befreit war, fühlte sie sich sehr schwach; aber bald kam sie wieder zu Kräften, und befand sich um nichts schlimmer; im Gegentheil, hatte man sie im Laufen gehindert, so war sie um ein großes kränker. War sie nun zu sich selbst gekommen, so hatte sie nicht die geringste Erinnerung von dem, was sich während ihres Schlafes zugetragen hatte. Manchmal pflegte sie auch wohl auf dem obern Rande der irdenen Mauer herumzulaufen, die ihres Vaters kleinen Garten umgab, und, obgleich die Mauer eine unregelmäßige Figur hatte, auch oben sehr schmal war, fiel sie doch nie herunter, noch von der Spitze des Hauses, wohinauf sie sich zuweilen mit Hülfe dieser Mauer half, ohne daß sich ihre Augen auch dabei im geringsten eröfneten.

Einige Zeit, ehe die Krankheit sie verließ, träumte sie, wie sie erzählte, das Wasser eines benachbarten Brunnens, genannt Tropfbrunnen, werde sie heilen. Dem zu folge trank sie in reichem Maaße davon, sowol ausser als während des Paroxismus. Einsmals in demselben äusserte sie durch Zeichen eine heftige Begierde davon zu trinken, (denn in dem Anfall sprach sie nicht deutlich genug, um verstanden zu werden.) Und, da man ihr anderes Wasser brachte, ließ sie es sich nicht nahe [77]kommen, sondern stieß es mit Zeichen von großem Abscheu von sich.

Hingegen da man ihr Wasser aus diesem Brunnen brachte, trank sie's sehr gierig mit immer verschlossenen Augen. Vor ihrem letzten Paroxismus, sagte sie, nun habe sie gerade noch drei Sprünge zu machen und dann wolle sie weiter weder springen noch laufen. Dem zu folge, nachdem sie in ihren gewöhnlichen Schlaf gefallen war, sprang sie auf das Gesimse des Kamins, und wieder herunter. Dies that sie dreimal, und hielt darauf ihr Wort, und sprang niemals weiter.

Jetzt ist sie vollkommen gesund. Diese Nachricht bekam ich von dem Vater, der Mutter, dem Bruder, die ich jeden insbesondere und alle zusammen ausfragte, und ebenfalls von dem Mädchen selbst, in so weit sie sich der Sache erinnern konnte. Denn, wie ich gesagt habe, hatte sie keine Erinnerung von allem, was sich während ihres Paroxismus zugetragen.

Dagegen besann sie sich auf alles, was ausser demselben vorging, und besonders auf ihre Träume. Sie sagte mir, sie schlafe des Nachts sehr gut, habe einen guten Appetit, und befinde sich in jeder Rücksicht wohl, bis der Paroxismus sie anfalle.

Es fing, sagte sie, bei den Füssen an, und kroch gleich einer allmäligen Erkältung und Taub-[78]heit immer höher und höher, bis es zum Herzen kam, worauf sie weiter kein Gefühl von dem Zustande hatte, in dem sie sich befand.

Aus dem Engl. des Lord Monboddo
übersetzt von G. L. Spalding.

Erläuterungen:

a: Quelle: Monboddo 1779, S. 159-161.