ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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5.

Erinnerungen aus den ersten Jahren der Kindheit.

Fischer, Ernst Gottfried

Hier haben Sie eine Parallele zu Ihren Erinnerungen aus den ersten Jahren der Kindheit (Erstes St. Seite 65). Meine Erinnerungen gehn zwar nicht so weit zurück als die Ihrigen, nur bis in mein drittes Jahr; vielleicht aber sind sie doch nicht ganz unwichtig, da sich zwischen Ihren und meinen ein sehr merklicher Unterschied findet.

Vielleicht gewinnt die Seelenlehre durch die Beobachtung ganz gewöhnlicher Wirkungen unserer Seele, die jeder bey sich selbst und bey andern leicht anstellen und prüfen kann, eben so viel, oder mehr, als durch die Bemerkung ausserordentlicher Erscheinungen, die zwar oft eine ganz neue und unverwartete Aussicht eröfnen, aber theils nicht selten zwei-[83]felhaft sind, theils sich nicht wiederhohlen lassen, so daß man meistentheils die gefundne Spur nicht weit verfolgen kann.

Die Erinnerungen aus meiner Kindheit, von denen ich hier reden will, schränken sich auf die ersten vier Jahre meines Lebens oder vielmehr nur auf das dritte und vierte ein, denn von den beyden ersten ist alle Erinnerung verschwunden. Meine Eltern wohnten damals auf dem Lande. Ihr nachheriger Aufenthalt war zwar nur eine Meile von dem vorigen entfernt, ich bin aber dennoch seitdem nie wieder in meinen Geburtsort gekommen. Gleichwohl schwebt mir das Bild desselben noch so lebhaft, so bestimmt vor Augen, als wenn ich ihn erst vor wenigen Jahren verlassen hätte.

Der Ort war ein bloßer Flecken von vier bewohnten Häusern mit Nebengebäuden und einer Kirche, von denen allen ich noch ziemlich bestimmte Vorstellungen habe. Besonders aber erinnere ich mich der Wohnung meiner Eltern, aller Stuben, Kammern, der Küche, des Kellers, u.s.f. aller Nebengebäude, des Hofes, der Gärten so deutlich und mit so vielen kleinen, unbedeutenden Umständen, daß ich mir getraue von jedem Theil derselben eine ganz bestimmte Zeichnung zu entwerfen.

Alle diese Erinnerungen aber müssen nothwendig unmittelbare Erinnerungen seyn, da sie lauter solche Gegenstände betreffen, von denen man durch Beschreibungen und Erzählungen keine be-[84]stimmte Vorstellungen erhalten kann. Ich gebe gerne zu, daß sich in diese Erinnerungen wohl manches falsche mag eingeschlichen haben. Die Einbildungskraft ist nur gar zu bereitwillig, unvollständige Bilder auszumahlen, ja ich habe sogar öfters bemerkt, daß Vorstellungen von solchen Gegenständen, die ich nur kurze Zeit betrachtet hatte, und denn ein Jahr lang, oder länger nicht wiedersah, sich fast ganz verändert, und ihre erste Wahrheit verloren hatten.

Ich habe aber Grund zu glauben, daß es mit den Erinnerungen aus meiner Kindheit nicht so gegangen ist. Es haben mich öfters Augenzeugen, denen ich sie erzählte, von ihrer Richtigkeit versichert. Ja ich habe mich einigermaßen selbst durch den Augenschein davon überzeugt, indem ich vor wenig Jahren von einem Berge bey Saalfeld, meinen Geburtsort, der noch etwas über eine halbe Meile entfernt war, durch einen Tubus gesehen habe. Ich fand alles, so viel ich sehen konnte, so, wie ich mir's vorstellte, bis auf die Farbe des Wohnhauses, die aber in zwanzig Jahren wohl verändert seyn konnte. Doch könnte dieses auch wohl einen andern Grund haben, den ich weiter unten angeben will.

Ob meine Vorstellung von der absoluten und verhältnismäßigen Größe der Gebäude richtig wäre, konnte ich in der Entfernung so genau nicht entscheiden, doch schloß ich aus verschiedenen Umstän-[85]den und Vergleichungen, daß ich mir alles zu groß vorgestellt hatte. Das kann auch nicht anders seyn.

Der Maaßstab, nach dem sich die Vorstellungen körperlicher Größen bilden, ist unser eigener Körper, je kleiner dieser ist, um desto größer müssen uns alle Gegenstände vorkommen.

So wie wir größer werden verkleinern sich zwar allmälig die Vorstellungen von der Größe der uns umgebenden Gegenstände, und selbst von denen, deren wir uns nur erinnern, (denn sonst müßten alle unsere Erinnerungen aus dem kindischen Alter Riesengestalten seyn): aber gewöhnlich verkleinern wir die letztern doch nicht so sehr, daß sie mit denen uns umgebenden Körpern in gleiches Verhältniß kämen.

Ich glaube, es wird nicht leicht jemand seyn, der nicht die Beobachtung gemacht hätte, daß wenn man in den Jahren des Wachsthums, nach einer langen Abwesenheit, an einen Ort zurückkommt, man die Fenster, Thüren, Tische und alle Gegenstände immer kleiner findet, als sie in der Erinnerung waren. Wie oft hört man sagen: »als ich noch in den untern Klassen der Schule war, saßen ganz andere Leute als jetzt in der obersten Klasse«.

Was mir am merkwürdigsten bey den Erinnerungen aus meiner Kindheit vorkommt, ist dieses: daß überall die Vorstellungen von Figuren und Gestalten sich unauslöschlich eingeprägt haben, die Erinnerungen an Farben aber so dunkel und unge-[86]wiß sind, daß sie sich fast gar nicht fixirt zu haben scheinen. Ich kann schlechterdings nicht mit Gewißheit sagen, welche Farbe die Thür unserer Wohnstube hatte, ich bin gänzlich ungewiß, ob die Wände der Stube weiß, oder, wie es dort auf dem Lande sehr gewöhnlich ist, mit Brettern ausgeschlagen waren. Nur dunkel erinnere ich mich eines weissen Anzugs, den ich trug.

Von welcher Farbe die häußliche Kleidung meiner Eltern, Geschwister, und anderer Leute im Hause war, erinnere ich mich gar nicht.

In meinem dritten Jahr zog ein Theil der Reichsarmee nach der Schlacht bei Roßbach bei meinem Geburtsort vorbey; ich scheine mich noch sehr deutlich zu erinnern, daß ich mit meinen Geschwistern vor der Thür unsers Hofes stand, und den Zug mit ansah, aber die Farben ihrer Uniform sind gänzlich verschwunden. (Dieß ist, so viel ich weiß, meine frühste Erinnerung.)

Weiß und schwarz scheint sich noch am stärksten eingeprägt zu haben, so erinnere ich mich sehr deutlich, einer Kuh, der ich besonders gewogen war, mit einem weissen Fleck auf der Stirne; eines schwarzen Hundes; der weissen Tücher, die die Bauerweiber nach dortiger Landesart, statt Mäntel, umhatten, wenn sie aus den eingepfarrten Dörfern zur Kirche kamen, u.d.gl.m. Ueber diese Beobachtungen will ich noch einige Anmerkungen machen.

[87]

Ich habe von meiner ersten Kindheit an, ein schlechtes Gesicht gehabt, und ehemals noch im höhern Grad als jetzt; denn ich erinnere mich, daß ich in meinem sechsten und siebenten Jahr nicht zwey Buchstaben in der hallischen kleinen Bibel deutlich unterscheiden konnte, die ich doch jetzt, obgleich nicht ohne alle Anstrengung deutlich genug erkenne.

Auf diese Unvollkommenheit meines Gesichts würde ich die ganze Schuld der bemerkten Unvollkommenheit meiner Erinnerungen schieben, wenn mir nicht jene und andere Erfahrungen, die ich gemacht habe, bei einer genauern Prüfung die sonderbarscheinende Behauptung abnöthigen: daß es bei Fixirung sinnlicher Vorstellungen nicht auf die Lebhaftigkeit des sinnlichen Eindrucks, nicht auf die innere Deutlichkeit der Vorstellungen ankömmt, und daß Lebhaftigkeit und Deutlichkeit höchstens nur mitwirkende Ursachen sind. Ich will damit nicht läugnen, daß beide unsern Vorstellungen einige Dauerhaftigkeit geben, dieß zeigen tausend Erfahrungen: aber jene unauslöschlichen Eindrücke, von denen ich rede, bringen sie nicht hervor. Die erste Ursache von diesen muß tiefer liegen, es sey nun in der Organisation des Gehirns, oder in der innersten Anlage der Seelenkräfte. Meine Gründe sind folgende:

Ich habe so viele Versuche und Beobachtungen mit meinen Augen gemacht, daß ich den Grund ihrer Unvollkommenheit mit vieler Zuverläßigkeit [88]angeben zu können glaube. Meine Augennerven haben keine geringere, sondern eher eine stärkere Empfindlichkeit, als bei andern; denn im Dunkeln sehe ich so gut, oder besser als viele andere.

Aber der Bau der innern Theile, besonders der Kristalllinse, ist vermuthlich fehlerhaft; es würde aber zu weitläuftig seyn, wenn ich meine Gründe, unter nähern Bestimmungen hier auseinander setzen wollte. Es wird zu gegenwärtiger Untersuchung hinlänglich seyn, wenn ich bemerke, daß es den Bildern in meinem Auge an Schärfe und bestimmten Gränzen fehlt, besonders sehe ich eine senkrecht vor mir stehende Linie so undeutlich, daß sie fast einem Strich gleicht, den man mit sehr flüßiger Tinte auf Löschpapier macht, überdem weiß ich aus Gründen und Erfahrungen, daß mir die Breite der Gegenstände in Vergleichung mit ihrer Höhe etwas zu groß erscheint.

Hieraus folgt nun, daß die Eindrücke der Farben bei mir sehr lebhaft, die sinnlichen Vorstellungen von Figur und Umriß aber nicht nur sehr undeutlich und unbestimmt, sondern sogar unrichtig sind. Hält man dieses gegen das vorige, so ist unleugbar, daß, bei mir wenigstens, weder Lebhaftigkeit noch Deutlichkeit der Vorstellungen die Ursache war, warum sich gewisse Arten derselben so fest einprägten. Daß ich mich in diesem Urtheil nicht irre, zeigen mir noch andere Erfahrungen.

[89]

Die Eindrücke der gröbern Sinne sind unstreitig weit lebhafter und stärker, als die Empfindungen des Auges. Gleichwohl kann ich mich sehr weniger Empfindungen des Ohres, und gar keiner von den übrigen Sinnen aus meiner Kindheit erinnern. Keines einzigen Nahmens von Leuten, die ich in meiner Kindheit gekannt, erinnere ich mich unmittelbar. Doch besinne ich mich noch ziemlich deutlich auf die willkührlichen Unterscheidungsbenennungen, die die einzelnen Stuben und Kammern des Hauses und andere Theile der Gebäude hatten. Auch scheinen mir die Namen von ein paar eingepfarrten Dörfern, aus unmittelbarer Erinnerung noch im Gedächtniß zu seyn. Des Blöckens der Kühe, die einmal durch einquartierte Artillerie-Pferde aus ihren Ställen vertrieben wurden, und bei rauher Witterung unter freiem Himmel bleiben mußten, erinnere ich mich noch sehr lebhaft.

Von andern Leuten habe ich gehört, daß die Musik in meiner Kindheit viel anziehendes für mich gehabt, daß ich Melodien gelernt, ehe ich vernehmlich reden konnte, aber aus eigener Erinnerung weiß ich nichts davon. Und doch haben die Empfindungen des Gehörs noch einen ziemlichen Grad von innerer Klarheit, oder Deutlichkeit, und bei mir vielleicht mehr als die Empfindungen des Auges.

Der Grund, warum nur eine Gattung von Vorstellungen bei mir hängen geblieben, alle übrige [90]aber fast gänzlich verloschen sind, ist also gewiß weder Lebhaftigkeit noch Deutlichkeit derselben.

Was ich übrigens über den wahren Grund dieser Erscheinungen bei weiterem Nachdenken gefunden habe, befriedigt mich nicht völlig. Am allerwenigsten will ich wagen, das Gesetz, nach welchem sich überhaupt die Vorstellungen fixiren, in seinem ganzen Umfang zu bestimmen. Vielleicht dürfte es so ganz einfach nicht seyn. Ich will indessen meine Gedanken, so unvollkommen sie sind, niederschreiben.

Alles, was die mir noch gegenwärtigen Erinnerungen aus meiner Kindheit gemein haben, läuft auf folgende zwei Punkte hinaus.

Erstlich. Die meisten derselben betreffen Gegenstände, die lange und anhaltend auf meine Sinne würkten. Allein dieser Umstand erklärt doch im Grunde wenig oder nichts, weil unzählige andere Eindrücke, die eben so lange und anhaltend, und vielleicht mit größerer Stärke auf mich würkten, gänzlich verschwunden sind. Die längere Dauer, und öftere Wiederhohlung eines Eindrucks, kann also auch nichts weiter, als höchstens nur mitwirkende Ursache seyn.

Zweitens. Von allen Vorstellungen und Empfindungen meiner Kindheit, scheint fast, bloß das meßbare, so weit es durchs Auge empfunden wird, bei mir sich fixirt zu haben. Und vielleicht führt diese Bemerkung etwas weiter als die erste.

[91]

So weit ich in meine Kindheit und Jugend zurückdenken kann, finde ich in der Wirksamkeit meiner Seele einen ganz eigenen Hang zum Messen, und ein besonderes Wohlgefallen an Ebenmaaß. Ich entdecke diesen Hang selbst schon in den Spielen meiner Kindheit, so weit ich mich ihrer erinnere.

Unter andern spielte ich sehr gerne mit hölzernen Stäbchen, die ich in regelmäßige Figuren zusammenlegte, allerlei daraus bauete, schnitzte u.d.gl.m. Man hat mir öfters erzählt, daß ich in meiner ersten Kindheit (höchstens im vierten Jahre) einmal eine Frage gethan, die mir sonderbar vorkommt. Ich mochte etwa drei oder vier Thürme in meinem Leben gesehen haben, und fragte jemanden, der mit mir aus dem Fenster nach einem Thurm sahe, sehr bedächtlich: ob denn alle Thürme in der Welt auch so hoch wären?

Der zu frühe Tod meines Vaters, der eine starke Vorliebe zur Mathematik, und nicht gemeine Kenntnisse darinn hatte, entzog mir einen frühzeitigen Unterricht in der Meßkunst. Vielleicht hätte ich schon in der Kindheit schnelle Fortschritte darinn gemacht.

In meinem achten oder neunten Jahr gerieth ich zum erstenmal über ein eigentlich mathematisches Buch, und noch jetzt ist mir die Erinnerung angenehm, wie begierig ich es für mich durchstudierte. [92]Schade nur, daß mich der Zufall auf ein sehr unvollkommnes geleitet hatte. Es war Hedrichs Anleitung zu den mathematischen Wissenschaften. Doch sammelte ich mir daraus allerlei historische Kenntnisse von mathematischen Dingen, besonders von der Astronomie, lernte Sonnenuhren machen, freilich nur mechanisch, und andere dergleichen Dinge. Und eben dieselbe Vorliebe zur Mathematik und ihren Anwendungen ist noch jetzt bei mir überwiegend, und wird es wohl immer bleiben.

Mich dünkt dieser schon in der frühsten Kindheit sich äussernde Hang, setzt unleugbar eine ganz eigene innere Stimmung der Seele voraus, die sie nicht erst durch äussere Umstände und sinnliche Eindrücke erhielt, d.h. irgend eine nicht von aussen, sondern durch innere Anlagen mehr oder weniger bestimmte Richtung der Seelenthätigkeit. Die allgemeine Erfahrung, daß jedes Kind in seinen Handlungen schon etwas unterscheidendes hat, zeigt, daß bei jedem Kinde so etwas statt finden müsse.

Und nirgends anders als in dieser Stimmung der Seele ist wohl der Grund zu suchen, warum gewisse Vorstellungen aus der Kindheit so fest haften, andere wieder verschwinden. Wo ich nicht irre, so kann eine Vorstellung bei einem mäßigen Grad von Lebhaftigkeit und innerer Klarheit, wenn der Eindruck nur nicht zu schnell vorübergehend ist, sich unauslöschlich ein-[93]prägen, wenn er mit dieser Stimmung der Seele harmonirt.

Daß übrigens diese meine Auflösung ihre Unvollkommenheiten hat, sehe ich sehr deutlich ein, und zwar aus folgenden beiden Gründen.

1) Ich halte sie nicht für unrichtig, aber sie erschöpft die Sache nicht. Manches, dessen ich mich aus der Kindheit erinnere, läßt sich aus dem angegebenen Grunde nicht erklären.

2) Der Begrif, einer besondern Richtung der Seelenthätigkeit, ist höchstens klar, aber nichts weniger als deutlich. Ich wenigstens getraue mich nicht, ihn metaphysisch bis in seine ersten Bestandtheile aufzulösen und zu entwickeln.

Wie sehr würde ich mich freuen, wenn mein Versuch über diesen für die Seelenlehre und praktische Erziehungswissenschaft gewiß sehr wichtigen Gegenstand für andere Beobachter der menschlichen Seele eine Gelegenheit würde, diese Materie genauer und besser, als es meine Kräfte erlauben, zu untersuchen.

Fischer.

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