ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

An Herrn Doktor J.. in Königsberg. a

Herz, Marcus

Mein lieber wahrer Freund!

Die Erstlinge meiner Kräfte, die mir die Feder erlauben, seyn Ihnen gewidmet, mein wahrer Busenfreund! Sie haben, wie ich gehört und gesehn, nicht an meinen Zustand Theil genommen, haben ihn ganz mitgefühlt. Ihr inniglicher Herzensbrief, der nur einige Tage nach dem Anfange meiner Genesung kam, hat mein ganzes viertel Wesen, das ich zu der Zeit noch war, ausser Fassung gebracht, das wenige Mark in meinen Gebeinen durchdrungen, und eine Stundelang meine Augen unter Wasser gehalten. Wie viel hätt' ich an diesem Leben verloren, dachte ich, der ich während meiner Krankheit so wenig an diesem Leben zu verlieren glaubte, wenn es den Genuß einer solchen Glückseeligkeit enthält, einen solchen Freund zu besitzen!

Ich habe einen von allen Seiten betrachtet schrecklichen Sturm ausgehalten. Die Spitze des Mastes küßte schon die Wellen; das Fahrzeug leck; und die Kräfte der Arbeiter erschöpft. Noch einige Augenblicke, und es wäre geschehn gewesen: und auf einmal heitres Wetter, Windstille, die Arbeiter erholen sich; das Fahrzeug wird ausgebessert, und erwachend aus der Ohnmacht finde ich mich auf dem Trocknen! Ein kleines Wunder war in der [45]That meine Errettung, das behaupten alle meine Freunde, alle die um mir waren, alle meine Aerzte; und hätt' ich nicht richtigere Begriffe von den Gesetzen der Natur, und wäre ich nicht überzeugt, daß die Blatlaus nicht minder Zweck, nicht minder Bestimmung (obschon mindren Zweck, mindre Bestimmung) in der Schöpfung hat, als der Cherub: so könnte mich wohl Eigenliebe zu glauben verleiten, daß die Vorsehung aus und zu ganz besondern Absichten meine Erhaltung veranstaltet.

Sie wollen meine Krankheit, und ihren ganzen Gang wissen, mein lieber Freund, und das von mir! An meine Aerzte hätten Sie sich wenden müssen. Ich war den größten Theil der Zeit nicht ich, und den Uebrigen hielt meine Phantasie mich in einer ganz andren Welt, in einem ganz andren Zusammenhange der Dinge fest. — Indessen so viel ich davon weiß, empfunden oder erzählen hören, will ich Ihnen mittheilen. Ich kenne das menschliche Gemüth, es wird Ihre unverstellte Freude über meine Genesung zuverläßig erhöhen.

Meine Krankheit dauerte, von dem ersten Tage an, da ich zu Hause blieb, bis zu dem, da man mich Gefahrfrey sprach gerechnet, siebenzehn Tage. Ueber ihre Benennung waren und sind meine Aerzte noch uneinig. Einige nennen sie ein Faulfieber, andre ein bösartiges Katarrhalfieber, andre ein hitziges Nervenfieber. Genug es war eine Krankheit, in welcher meine Aerzte [46]mich schlechterdings aufgaben. S.. mein einziger ordinirender Arzt, dem ich ganz allein mein Leben zu danken habe, kündigte meinen Todt den zweiten Tag meiner Krankheit allen meinen Bekannten an; ob schon ich noch in der Stube herumging. Er kennt, wie er sich ausdrückte, diese Krankheit vorzüglich, hat sie sehr oft behandelt, und noch nie ist ihm einer daran genesen. Die Uebrigen, als M.., F.., V.. sahn die Wichtigkeit der Krankheit nicht sobald ein, und wurden daher erst einige Tage nachher meine Todesverkündiger. Es war die Krankheit, an der Hirschel und der junge Muzel starb; die Krankheit, von der, der vierzig Jahr prakticirende M.. sagt, daß er nur zwei Menschen daran curirt habe!

Empfänglichkeit einer so schweren Krankheit, hatte ich ohne Zweifel schon lange vorher in meinem Körper gehabt. Fast alle Menschen sagten mir lange vorher: ich sähe schlecht und mißfarbig aus, obschon ich selbst, vermuthlich wegen der übertriebnen Anstrengung meiner Seelenkräfte, nichts widernatürliches im Körper verspürte. Es ist bekannt (wiewohl deßwegen nicht minder wunderbar) daß eine lebhafte Aufmerksamkeit, oder eine überspannte Thätigkeit, auf eine kurze Zeit, die größte Unordnung im Körper oft unfühlbar zu machen fähig ist, (man wird daher auf Reisen, wo abwechselnde mannichfaltige Gegenstände unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, nur selten krank, und die [47]schmerzhaftesten Gefühle selbst verschwinden oft plötzlich beim Anblick eines fürchterlichen, schrecklichen oder sonst auffallenden Gegenstandes.) Aber freilich nur auf eine kurze Zeit. Die Folgen pflegen alsdann gewöhnlich durch ihre Wichtigkeit das zu ersetzen, was man an der Dauer erspart.

Ich war ein ganzes Vierteljahr vorher mit der Ausarbeitung meines Colegii beschäftigt. Ich fing an zu lesen, und der ganze unerwartete Beifall von einer Menge Zuhörer aller Stände, vergrösserte mit jeder Vorlesung meine Arbeitslust, und die Anstrengung meiner Kräfte. Ich brachte die Stunden, die mir meine praktische Geschäfte liessen, ununterbrochen bald mit Vorbereitung zur nächsten Vorlesung zu, bald mit Vorarbeiten der künftigen. Zugleich verfaste ich ein Compendium zum Druck für meine Zuhörer, das ausgearbeitet, korrigirt, durchgesehn, abgeändert, und wieder korrigirt seyn mußte.

Dazu kam, daß grade meine praktische Geschäfte sehr häufig und interessant waren, und mein Schwiegervater in acht Wochen wegen eines Stosses am Fuß die Stube hüten mußte; ich also auch den größten Theil seiner Geschäfte mit zu versehn hatte. Dreißig Krankenbesuche täglich ohne das Lazareth, das eben so viel Kranke enthielt, war das Gewöhnliche; meine Muse war zu geringe, und ich mußte die frühen Morgen, und ganz wieder meine Gewohnheit die spätesten Abendstunden mit zu Hülfe [48]nehmen. Meine Arbeit schien zu gedeihen, und so ward ich von Pflicht und Eitelkeit gespornt, meine Nerven allmählich geschwächt, meine Verdauungskräfte über den Haufen geworfen, ohne daß ich auf alles dieses merkte, bis das Maaß zu voll ward, um nicht bei der mindesten Gelegenheit überzulaufen. Montag den 18ten November stand ich auf mit einem geringen Grad meiner gewöhnlichen Migräne. Sie nicht achtend, machte ich mich aus bei meinen Kranken, sie ward aber gegen Mittag so heftig, daß ich zu Hause mußte, und ein Vomitiv nahm. Des Nachmittags war alles gut. Ich besuchte des Abends noch Kranke, und brachte den übrigen Theil desselben ganz vergnügt bei meinen Schwiegereltern zu.

Den 19ten stand ich völlig gesund auf. Es war eine grimmige Kälte; ich hatte häufige Geschäfte, und lief von neun bis gegen zwei Uhr zu Fuß herum. Länger konnte ich's nicht aushalten. Ich fühlte meinen ganzen Körper durchfroren, müde und einigermassen niedergeschlagen, kam nach Hause mißmuthig, und sogleich stellte sich ein drückender Schmerz im Hinterhaupt ein. Ich aß ohne Lust. Der Nachmittag war indessen wieder gut. Ich beschäftigte mich in Gesellschaft einiger Studenten ein Gehirn zu zerschneiden, um mich zu meiner künftigen Vorlesung vorzubereiten. Um sieben Uhr des Abends überfiel mich auf einmahl ein gewisses Krankheitsgefühl, das ich noch nie aus eigner Er-[49]fahrung kannte, und daß ich Ihnen auch nicht beschreiben kann. Mein Kopfschmerz am Hinterhaupt fing heftig an; ich ward mit einmal läßig und niedergeschlagen; empfand einen geringen Schauer; der Toback wollte nicht schmecken; Essen und Menschen und Welt waren mir gleichgültig oder gar zuwider. Ich konnte nicht aufdauren. Die Nacht ward unruhig und schlaflos zugebracht. A.. wachte in meiner Schlafstube.

Den 20sten wandelte ich läßig in meiner Stube herum; bald warf ich mich auf den Sopha, bald stand ich wieder auf; mein drückender Kopfschmerz hielt an; es kam dazu ein Druck auf den Sehnerven. Ich spürte etwas Fieber im Puls, und Schwere in allen Gliedern, und Unlust an allen Gegenständen meiner sonstigen Neigung. Ich hielt es vor ein Katarrhalfieber und verschrieb mir eine temperirende Mixtur. Des Abends nahm dieses Krankheitsgefühl zu. Ich fühlte deutlich die Annäherung einer überaus schweren Krankheit in meinem Körper, von der ich nichts geringeres (warum weiß ich selbst nicht) als den Tod mir vorstellte. Ich sprach auch beständig, wiewohl in einer gleichgültigen Laune, die beinahe an die fröhliche gränzte, vom Sterben, und als denselben Abend der Assessor R.. mich besuchte, und mir für mein Collegium pränumerirte, weigerte ich mich ernstlich das Geld anzunehmen. Ich habe erst zwölf Stunden gelesen, mein Freund, sagte ich ihm, und wer [50] weiß ob ich je weiter lesen werde! ich zweifle daran.

Die Nacht bracht' ich wiederum unter heftigen Kopfschmerzen, Unruhe und völliger Schlaflosigkeit zu. A.. bewachte mich abermals in meiner Schlafstube.

Den 21sten stand ich auf, ging nach meiner Studierstube; der Grad der Krankheit, die alle Anwesende noch immer für ein simples Katarrhalfieber hielten, nahm zu, und ich, brachte den Tag ungeduldig, läßig, und übel bald auf dem Sopha, bald am Ofen zu, brauchte auch noch immer eine schweißtreibende Salzmixtur, die ich selbst A. diktirte. Des Abends stieg die Krankheit, ich konnte nicht mehr aus der Stube, und man lagerte mich in der Studierstube auf den Sopha, wo ich die Nacht ohne allen Schlaf in den heftigsten Kopfschmerzen zubrachte.

Den 22sten nahmen alle bisherige Zufälle zu; ich konnte kaum mehr aufdauren, ich schickte nach meinem Freund dem Professor S.., dem ich mich ganz übergab. Er nahm sogleich die Krankheit von einer ernstlichen Seite, muthmaßte oder sah schon Bösartigkeit und so wie ich gegenwärtig aus den Rezepten sehe, verschluckte ich denselben Tag eine ansehnliche Menge hitziger schweißtreibender Mittel. Ich fing an zu transpiriren, aber ohne Erleichterung. Die Zufälle blieben in ihrem Grade oder stiegen. Des Abends brachte man mein [51]Gardinenbett aus der Schlafstube in mein Studierzimmer, es wurde an die Stelle des Tisches am Bücherschranken gestellt, (ich erwähne mit Bedacht diese Kleinigkeiten, denn die waren in der Folge meiner Krankheit von vielem Einflusse) wo ich die vierte Nacht höchstelend durchwachte. Meine F.., A.. und C.. waren meine Hüter.

Den 23sten hatte alles schon eine ernsthaftere Gestalt, obschon ich mich aufmachte und in der Stube herumtaumelte; obschon ich in einer Gesellschaft von Freunden verschiedentlich scherzte, und sie zum Lachen brachte, so muß meinem Arzte doch sehr bange gewesen seyn. Ich finde, daß er mir denselben Tag drei ganz heterogene Rezepte verschrieben: einen Laxiertrank, eine starke Potion aus dem mindererischen Geist, und eine Emulsion. Sie wissen wohl, wie es um unsre Kranken steht, wenn die Umstände so hartmäulig sind, und uns so oft von unsrem vorgesetzten Weg abführen, uns bald im Kreise, bald nach entgegengesetzten Queerstrassen hinschleppen. In der That wie ich jetzt höre, hat mein einsichtsvoller Freund diesen Tag bereits die ganze künftige Krankheit vorausgesehn, und nicht nur sie, sondern auch ihren schlimmen Ausgang allenthalben kund gemacht. Gegen Abend ward ich ganz kraftlos, von vielen Freunden ins Bette gebracht. Die Nacht war wie die vorhergehenden Nächte, schlafloß und quaalvoll. Zu meinen vorigen Wächtern kam noch M.. und H..

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Den 24sten des Morgens war der Kopfschmerz unerträglich. Ich schlug meinem Arzt S.., zu dem noch meine Freunde V.. und F.. kamen, vor, mir Igel an die Schläfe setzen zu lassen. Dies geschahe; sie bluteten sehr, brachten aber keine Aenderung hervor; vielmehr nahm die Krankheit an Bösartigkeit ungemein zu, und ich fing die heftigsten Schweißmittel an zu brauchen. Die Schlaflosigkeit hielt nun die sechste Nacht an.

Den 25sten des Morgens überfiel mich nach einem Stuhlgange eine Entkräftung, die unbeschreiblich ist. Es war als wenn alle Nerven auf einmal abgespannt wurden, und aller Mark aus allen meinen Gebeinen vertrocknet wäre. Ich hatte dabei mein Bewußtseyn und empfand diese Schwäche, so, daß ich zu meinen Aerzten und den Anwesenden sagte: das Gefühl meines Ich's gleicht jetzt dem Selbstgefühl einer Mücke. Eine Menge alten Weins brachte mich wieder zu mir. Diesen Tag gesellte sich M.. zu meinen Aerzten, und sie beschlossen mir die China b zu geben. Ich bekam auch einige Bisampulver, über die ich mich aber beschwerte, daß sie mir zu viel Hitze machten; sie wurden ausgesetzt. Die Nacht schlief ich ein oder ein paar Stunden; meine Freunde schöpften Hofnung, aber vergeblich; der Schlaf war nicht erholend, und ich erwachte in einem noch mehr geschwächten Zustande.

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Den 26sten des Morgens stellte sich nach dem Stuhlgang die gestrige Entkräftung ein, der Wein hob sie. Meine Arzeney des Tages über, waren starke Doses Kampherpulver.

So weit reicht die erste Epoche meiner Krankheit, während welcher die Malignität von allen meinen Aerzten einstimmig erkannt wurde, alle einstimmig mich aufgaben, ich mein völliges Bewußtseyn und den Gebrauch meiner Seelenkräfte hatte; von welcher ganzer sieben Tage daurenden Epoche ich von meiner nachherigen Genesung an, noch bis jetzo mir nicht das allermindeste zu erinnern weiß. Diese Tage sind gleichsam aus dem Tageregister meines Lebens gänzlich verloschen, obschon wie man mir sagt, ich diese ganze Zeit über eine Menge Besuche von guten Freunden hatte, mit denen ich Stundenlang mich unterhielt, und von meinem bevorstehenden Tode gesetzt und ruhig sprach. Was ich Ihnen bis jetzo davon gesagt, ist bloß Erzählung meiner Aerzte und Freunde.

Des Abends, von da sich die zweite Epoche meiner Krankheit anfing, änderte sich die Scene. Anstatt daß ich bis dahin mit völligem Bewußtseyn und vollständigem Gebrauch meiner Vernunft, bloß über körperliche Schmerzen, Ermattung und Unruhe klagend, lag; verloren sich jetzo alle diese Gefühle. Ich fühlte mich stark und schmerzlos, aber meine Seele bekam einen Stoß aus dem wirklichen Zusammenhang der Dinge. Die wahren Gegen-[54]stände um mich, und die Klarheit ihrer Wirkung verschwanden bis zur unsichtbarsten Entfernung. Die dunkelsten Scheine bloß, die sie zurückliessen, gaben meiner taumelnden Seele den Stof, woraus sie sich eine ganz neue Verkettung der Begebenheiten, eine ganz neue, häßliche, sie quälende Welt zusammensetzte. Mein Puls hob sich, stieg bis zu 120 Schläge in einer Minute. Mein Gesicht ward roth; mein Auge glühend, und schrecklich heiter, eine Hitze durchwebte meinen ganzen Körper, und in meinem Gehirn befand sich eine Erleuchtung von vielen tausend Lampen. Ich rasete.

Ich sagte Ihnen, daß ich mir nichts von dem, was in meiner ersten Epoche mit mir vorging, zu erinnern weiß: die ganze zweite hingegen, die acht ganze Tage und Nächte dauerte, ist von dem ersten Augenblick meiner Raserei bis zur Stunde meiner Genesung noch ganz lebhaft in meinem Gedächtnisse. Ich könnte Ihnen phantastisches Bild, nach phantastischem Bilde, Thorheit nach Thorheit an den Fingern herzählen, wenn es der Mühe lohnte, und ich ein Vergnügen darüber bei Ihnen vermuthen könnte. Aber doch will ich Ihnen die Hauptthemata meiner Phantasien erzählen; es war Methode in meiner Tollheit, und ich kann mir ihre Entstehung und ihren Zusammenhang sehr gut psychologisch erklären. Vielleicht können Sie der Arzt einigen Nutzen daraus schöpfen. Es ist nichts [55]seltnes, daß die Beobachtung der Narren uns weiser macht.

Die erste und vornehmste mich am meisten quälende Phantasie bestand darin: daß ich mich nicht bereden konnte, daß ich mich in meiner eignen Wohnung befinde. Ich wurde von einer Strasse zur andren geführt, und meine Einbildung war fruchtbar genug, mir jeden Augenblick einen anderen öffentlichen Platz vorzumahlen, auf welchem mich meine Wächter in meinem Bette festhielten. Ich flehte fast beständig mich nur in die Heiligegeiststrasse nach meinem Logie zu bringen; und da dieses zu bewerkstelligen meinen Wächtern unmöglich war, so suchten sie mich zu besänftigen, indem sie meine Einbildung bestärkten. Es hieß dann immer: in einigen Stunden soll es geschehn; morgenfrüh; es ist jetzo Nacht, u.s.w.; und so lag ich, das Ende dieser einigen Stunden, dieses Morgenfrühs, mit Schmach erwartend, und wenn es da war, ward das Versprechen doch nicht erfüllt. Sie können sich vorstellen, in der üblen Laune darinnen ich war, wird meine trunkene Phantasie eben nicht die angenehmsten Plätze zu meinem Auffenthalt geschaffen haben. Bald lagerte sie mich mit meinem Bette zwischen zwei engen Mauren, wo ich von keiner Seite einen Arm bewegen konnte, bald auf eine Grabstäte, bald in einen Stall, und bald auf einen öffentlichen Platz vor dem Lazareth. Alle Beweißgründe meiner Freunde und Wächter, [56]die auch meine Freunde waren, daß ich mich wirklich in meiner Stube befinde, waren vergebens; die Darzeigung meiner Bücher, an denen ich dichte lag, meiner Kupferstiche, die mir gegenüber hingen, war mir blosser Betrug dieser Leute. Bald hielt ich weder Bücher noch Kupfer für die meinigen, bald glaubte ich, man hätte sie an die Oerter meines Aufenthalts hingebracht. Diese Idee war für mich die schrecklichste, die, wenn sie nicht endlich nach acht Tagen unterbrochen worden wäre, mir gewiß den Tod zuwege gebracht hätte. Ich schreibe ihr allein mit sehr vielem Grunde meine völlige Schlaflosigkeit zu.

Den Ursprung dieser Einbildung leite ich bloß von der wirklichen örtlichen Veränderung meiner gewöhnlichen Schlafstätte während meiner Krankheit her. Es ist eine bekannte Sache, daß wir die erste Nacht in einem fremden Bette oder in einer fremden Stube, selbst im gesunden Zustande, schlaflos und unruhig zubringen. Der Mangel der gewöhnten Gegenstände, deren Vorstellung, die Seele bei ihrem Geschäft, (denn Geschäft kann man die willkührliche Herabspannung der Nerven und Unterdrückung der lebhaften Ideen bei gesundem Gehirn, allerdings nennen) des Zurückziehens aus dem Gewebe der Ideen, zu begleiten pflegt, von der einen Seite, und die stärkere Wirkung der neuen und ungewöhnlichen Gegenstände von der andren Seite, beides fesselt die Aufmerksamkeit [57]der Seele, und ihr Abstraktionsvermögen hat um so vielmehr Schwierigkeiten zu überwinden. Und natürlich müssen diese Schwierigkeiten fast unüberwindlich in einem Zustande seyn, wo die sinnlichen Organen übermäßig gespannt sind, der Umlauf des Bluts durch das Gehirn, und folglich die Absonderung der Lebensgeister sehr schnell geschieht, und bei unmächtiger Willkühr tausend Ideen immer bereit sind, sich mit den neuen zu verketten, und ihre Lebhaftigkeit zu vermehren, so entfernet auch ihre Verwandschaft mit diesen seyn mag. Dieß war der Fall bei mir. Die Grundidee war, man hat mich aus meinem Schlafzimmer weggebracht. Meine Sehnerven haben von Anfang an einen Druck gelitten; die Gegenstände des Gesichts, die mich allenfalls auch in meiner Studierstube an meine Heimat hätten erinnern können, wirkten auf das Organ zu schwach, ich sah alles dunkel, zerstümmelt oder verkehrt. Meine übrigen Organen hingegen waren um so mehr gespannt, Gehör, Geruch, und Gefühl waren ungemein scharf; ihre Gegenstände wirkten mit verstärkter Lebhaftigkeit, und es war also sehr leicht, daß die Vorstellungen, die sie hervorbrachten, mit der Hauptvorstellung: der örtlichen Veränderung meiner Gegenwart, sich zusammengesellten. Ein Ständchen bei meinem Nachbar, ein blasender Postillion, oder auch der Nachtwächter versetzten meinen Auffenthalt auf einen öffentlichen Platz, wo Musik und Tanz war. [58]Das Wiehern eines Pferdes auf der Straße, in einen Stall, und der üble Geruch meines Schweißes, oder stockenden Blutes in meiner Nase, davon beständig eine Menge abging, auf eine Grabstäte.

Meine zweite Einbildung bestand darinn, daß ich von der ganzen Welt gehaßt und verfolgt werde, alle meine Freunde haben von mir abgelassen, alle meine Kunden auf mich Verzicht gethan, und der ganze übrige Theil der Menschen mich verachtet, oder mit den gleichgültigsten Augen angesehn. Die Ursache dieser Phantasie war vermuthlich, weil ich keinen von meinen vertrautesten Freunden um mich sah. F..r war in Leipzig. W.. war zu delicat, um sich in einer Krankenstube aufzuhalten, und M..n war selbst schwächlich. Dies kam zu dem Mißtrauen, das, wie meine Freunde mir versichern, in gesunden Tagen schon mir gegen die Welt eigen war. Indessen war diese Vorstellung mir lange nicht so viel Marter als die vorige. Sie wirkte bei mir eine Gegenverachtung meiner Verächter; eine verzweifelnde Ruhe, und ein Verlangen nach dem Tode, als nach dem erwünschungswerthesten Zustande. Daher kam es, daß so oft (und es war sehr oft) bei überfallenden Schwächen, oder bei einem sonstigen innren Gefühle ich die Annäherung des Todes glaubte, ich ruhig und zufrieden lag, voller Erwartung des entscheidenden Augenblicks, der endlich den Knoten zwischen mir [59]und der lumpichten Welt zerhauen wird. Hätte ich damals gewußt, was ich nachher bei meiner Genesung erfahren, daß ich so vielen Menschen nichts weniger als ein gleichgültiger Gegenstand war, daß alle meine Bekannten, alles, von der verschiedensten und entgegengesetztesten Denkungsart, wegen meiner Gefahr in höchster Unruhe waren, mein Daseyn inniglich wünschten, und kaum daß ich mich erholen werde, zwanzigweise zu mir kommen werden, um aus vollem Herzen ihre Freude zu bezeugen; hätt' ich dies alles gewußt, so wäre mir die Idee des Todes, die bitterste und quaalvollste gewesen; wer weiß, ob ich die Krankheit überstanden hätte. Vorzüglich war mein Haß und Widerwille gegen diejenigen gerichtet, welche mir die meisten Wohlthaten in meiner Krankheit erzeigten, und ohne deren unermüdete Wartung ich gegenwärtig zuverläßig nicht mehr wäre. A.. M.. H.. R.. H.. (den ich in meinem Delirio wegen seiner poßirlichen Figur immer Fallstaf nannte) die Geliebte meines Herzens, T.., alle diese kamen im genauesten Verstande Tag und Nacht nicht von meinem Bette, und drei ganzer Wochen nicht aus ihren Kleidern. Sie wuschen, und hoben und bewachten mich, und waren zugleich zu jeder Stunde die willfährigsten Läufer nach Doktor, Barbier, Apotheke, so wie die Umstände es erfoderten. Und gerade diese waren es, die ich als meine ärgste Feinde ansah, die bloß mich zu necken, höhnen, [60]und von meiner empfindlichsten Seite mich zu kränken, um mich wären.

Die traurigen Verzerrungen ihrer Gesichter, oder vielleicht auch bisweilen das unwillkührliche bittere Lächeln über meine ausschweifende Phantasien, kamen meinem trunknen Gehirne als Züge der ausgelassensten Freude vor: und ihr freundschaftliches Betragen und Gebehrden war mir nichts als beleidigender Hohn. Ich kränkte und quälte diese gute Leute auf eine erstaunliche Weise, und ich fange an auf die Menschheit stolz zu werden, die so viel Selbstverleugnung dem Gefühle der Freundschaft und der Menschenliebe zu opfern vermag.

Die Ursache dieses Mißtrauens hing vermuthlich mit meiner ebenerwehnten Einbildung, dem Mißtrauen gegen die ganze Welt zusammen. Dazu kam, daß dieses grade die Leute waren, an denen ich sonst das gefälligste und nachgebendste Betragen gewohnt war, und die nun alles thaten, was in meiner Schwärmerei mir höchst zuwider war. Sie zwangen mir Medizin ein, wollten mich nicht aus dem Bette lassen, quälten meinen Körper äusserlich mit Zugpflaster und allerhand schmerzhaften Dingen, und widersetzten sich allen meinen Anschlägen und Vorsätzen. Was anders konnte auf eine verrückte Einbildung dieses wirken als den bittersten Haß und Widerwillen?

Meine übrigen Phantasien waren vielleicht die gemeinsten, die jedem Delirio eigen sind. Die [61]Blumen meiner Bettgardinen und des Schirms, erschienen mir als Menschen, die in beständiger Bewegung sind. Sie gingen alle nach der Wand zu, und da es lauter Bekannte waren, die mir meine Phantasie in ihnen darstellte, so ging ich ihnen oft nach, und befand mich mit ihnen in grossen erleuchteten Zimmern zwischen den Wänden, wo ich die tiefsten und verborgensten Familiengeheimnisse, die in der Oberwelt jeder Mensch in der innersten Kammer seines Herzens vergraben hält, erfuhr. Ich habe einst meine Geliebte ans Bette gerufen, und ihr eine schreckliche Begebenheit zweier unsrer Bekannten und Freunde erzählt, die ich in dieser geheimen schauervollen unterirdischen Versammlung erfahren hatte, und dies mit so vielem Zusammenhang und so grosser Wahrscheinlichkeit, daß sie es für nichts anders, als für eine wahre Geschichte hielt, die ich längst vor meiner Krankheit schon wußte, ohne sie ihr zu entdecken, und daß ich etwa aus Unbesonnenheit jetzt schwatzhaft wurde. So tief und unauslöschlich stach der Grabstichel der Natur die Gesetze in unserer Seele, daß sie, in dem widernatürlichsten Zustande dieser, dem flüchtigen Auge zwar unkenntlich scheinen, den forschenden bewaffneten aber in ihrer völligen Deutlichkeit sich darstellen. Der größte Theil menschlicher Begriffe sind Verhältnißbegriffe. Ordnung und Unordnung bestimmen wir nach willkührlich von uns vorausgesetzten Regeln, an sich ist Unordnung in der Na-[62]tur annehmen Unsinn und Gotteslästerung. In der ausschweifendsten Raserei der Fieberhitze, in dem höchsten Grad der Trunkenheit, giebt es so wenig bei den Seelenwirkungen etwas regelloses als in der Neutonschen Seele, da sie sich mit dem Bewegungssystem der Himmelskörper beschäftiget! und nun genug davon.

Beim Anfang meiner Raserei wurden meine Aerzte herbei gerufen, denen es nichts unerwartetes war, so wie es ihnen, ausser meiner Genesung, kein Umstand in der ganzen Krankheit war. Ich wurde reichlich mit spanischen Fliegen belegt, und innerlich bekam ich alle zwei Stunden zwei Gran Kampher. Die Nacht brachte ich im heftigsten Delirio zu. Daß sie schlaflos war, sage ich ihnen nicht mehr, die Nächte wie die Tage waren es alle bis zum siebenzehnten Tage.

Den 27sten war der Zustand derselbe. Einige Stunden ließ das Fieber nach, kam aber hernach wieder mit der vorigen oder mit grösserer Heftigkeit. Während der Remißion befand ich mich in Ansehung des Delirii in einem seltnen Mittelzustand. Meine Einbildung verfertigte zwar keine neue phantastische Bilder, aber die während der Eracerbation verfertigten, hielt sie auch dann für wirkliche Naturdinge, in ihnen lebte und webte meine Seele immer fort. So lebhaft war meine Phantasie bei Verfertigung dieser Bilder, so schwach mein Verstand bei ihrer Erinnrung. Da diese [63]Bilder mich quälten, so gab ich mir bei der Remißion oft Mühe, sie aus meinem Gedächtnisse zu verbannen, und suchte allerhand kindische Zerstreuungen. Einst ließ ich mir vom Markte ein Regiment hölzerne Soldaten, eine Kegelbahn und dergleichen Spielzeug mehr holen, und mein alter Schwiegervater und meine Geliebte mußten mit mir spielen. Mit welchem Gemüthe können Sie sich leicht vorstellen. Indessen sobald der Anfall des Fiebers wieder herankam, so war meine Stärke die Bilder zu unterdrücken verloschen; eine Wärme durchdrang meinen ganzen Körper, und auch meine ganze Seele; mein Gehirn ward wieder erleuchtet, und das ganze Schattenspiel drang sich mir wieder mit äusserster Lebhaftigkeit auf. Unter den Rezepten dieses Tages finde ich bloß einen Trank aus dem Wermuthsalz. c Zu welchem Ende errathe ich nicht. Die Nacht war gräßlich, meine Raserei war überschwenglich, noch schlimmer aber der folgende Tag, der 28ste. Die Heftigkeit meiner Raserei ließ gegen Mittag nach, dagegen verfiel ich in einen Tetanum. Ich war kaum im Stande ein einziges Glied zu bewegen. Ich hatte mein Bewußtseyn, und wollte gerne mit meinen Aerzten sprechen, aber meine Zunge war völlig gelähmt. Ich hielt diesen Zustand ganz gewiß für die äusserste Grenze zwischen dem Reiche des Lebens und des Todes, und lag ruhig und zufrieden, die erwünschte Ueberfahrt erwartend. Aus Mangel der Sprache [64]schrieb ich meinem Freund V.. in die Hand: Paß. Man konnte Anfangs meinen Gedanken nicht errathen, bis ich durch Mienen es erklärte, daß er mir den Paß unterschreiben sollte; wohl verstanden, dies geschahe scherzweise, und aus einer Art von Uebermuth, weil ich mich meinem Ziele so nahe fühlte. Dieser Zustand hielt einige Stunden an, und verlor sich auf den Gebrauch des Weines.

Alles dieses waren Vorbothen der darauf folgenden Nacht. Es überfiel mich in derselben eine ungemeine Schwäche, darauf folgten unwillkührliche stinkende Stuhlgänge; mein Bewußtseyn entwich; mein Puls verschwand; meine Augen verdrehten sich; ein kalter Schweiß bedeckte mich; ich schnarchte, röchelte, las Federn, zupfte an der Bettdecke, war steif, ungelenkig: ich befand mich in der wahren Agonie, der Vorstadt der Zukunft. Meine wachende Freunde waren in der äussersten Bestürzung, einige liefen zu meinem Arzt S.., um ihn herbei zu rufen. Als sie ihm aber meinen Zustand erzählten, so wollte er nicht mehr kommen, er, der sonst unverdrossen Tag und Nacht fast alle zwei Stunden bei mir war. Ich kann da nichts mehr machen, die Kunst ist da zu Ende, sagte er, gehn Sie hin zu seinem Schwiegervater und lassen ihn die jüdischen Sterbeceremonien verrichten; und sie gingen und vollführten diesen Auftrag, es war Nachts um zwei Uhr, kamen bei meinem verehrungs- und [65]liebenswürdigen Alten. »Gehn Sie hin zu ihrem sterbenden Sohn, und ertheilen ihm Ihren letzten Seegen, dies ist alles, was Sie der Vater noch thun können, Sie der Arzt vermögen nichts mehr.« Der gute Mann springt aus dem Bette, ziehet sich an, aber auf einmal fiel er hin mit einer Lähmung an der Zunge, und einem Zittren an den Gliedern, ward kalt, und konnte nicht aus der Stelle. Stellen Sie sich, mein Freund! dieses schreckliche Familiengemählde vor, recht lebhaft vor, und begleiten Ihren Gedanken über die Würde der Menschheit dennoch mit keinem Seufzer, über den Werth des Lebens mit keinem Achselzucken, und Sie sind das Ideal von Weltweisen, für dessen Freundschaft ich der Vorsehung nie genug danken kann. Denken Sie sich nemlich, hier einen Vater von sieben Kindern und einer anhangenden Familie, die ganz durch sein Schaffen erhalten wird, plötzlich in Lebensgefahr; um ihn eine schwangere Gattin, deren Herzen, das schon so lange von dem Zustande ihres geliebten Sohns gequält und mürbe worden, nun zwei solche verderbende Schläge zu gleicher Zeit drohn, da einen sterbenden Sohn; um ihn ein liebes jähriges Weib, dessen Wesen ganz mit ihm verwebt ist, das nur in und durch ihn glücklich zu seyn glaubt; eine Mutter, eine Schwester, denken Sie sich dieses, mein Freund!

S.. ward nunmehr aus dem Bette geholt, nicht mehr zu dem schon aufgegebnen verlornen [66]Sohn, sondern zum Vater, daß er dem Sohne nicht nacheile. Es wurde ihm zur Ader gelassen, Brechmittel gegeben, und sonstige topische Mittel angewendet, man brachte ihn ins Bette.

Während meiner Agonie, die zwei Stunden dauerte, waren A.. und die übrigen Freunde um mich beschäftigt mich zu erwecken. Man belegte mich von oben bis unten mit Zugpflaster, Meerretig, Sauerteig u.s.w., ohne daß ich von allem das mindeste fühlte. Endlich ward ich durch eine spanische Fliege, die auf der Stelle einer andern noch nicht zugeheilten von neuem zwischen den Schultern gelegt wurde, zurück in das Getümmel meiner phantastischen Welt gerissen. Ich fing an zu fühlen, zu schlucken, mein Puls hob sich, ich ward warm, bald darauf heiß; ich war wieder da, wo ich ausgegangen war, ich rasete wieder meine vorige Raserei, aber um so heftiger. Mein Arzt kam nun wieder, und fing an, mit doppelten Kräften zu arbeiten. Auf die Nachricht, die man meinem Schwiegervater von meiner Erholung brachte, stellte sich augenblicklich der Gebrauch seiner Sprachwerkzeuge ein. Gottlob! war das erste, was er hervorbrachte. Ein inniglichers, inbrünstigers und vielleicht auch Gott angenehmeres Gottlob ist wohl nie über die Lippen eines Heiligen gekommen, das bin ich überzeugt.

Man reichte mir nunmehro wechselweise, halbstündlich um halbstündlich die Serpentaria d in [67]Substanz und die China, so daß ich von der ersten allein binnen zwei Tage über <anderthalb Unzen> verschluckte, dabei auch an ein halb Quentchen Kamphor.

Den 29sten ging also mein Delirium immer ununterbrochen fort. Ich blieb noch immer unter meinen vorigen Phantasien, nur daß ihre Vorstellung noch viel lebhafter, und wirklich scheinender waren als vorher; ich glaubte noch immer jede Stunde, daß sie die nächste zu meinem Ende wäre.

Den Morgenfrüh gleich nach meiner Erwachung aus der Agonie, rasete ich gewaltig, ich jagte A.. und M.., zwei Freunde, (um deren geleisteten Dienste einigermassen zu erwiedern allein, ich mir jetzo wünsche, sehr glücklich zu seyn) als meine ärgsten Feinde aus der Stube, wollte sie nie wieder vor Augen haben, und obschon ich sie des Abends wieder zu mir kommen ließ, und sie um Verzeihung bat, so jagte ich sie bei Annehrung der Exacerbation doch wiederum weg, so, daß ich sie bis lange nach meiner Genesung nicht wieder zu sehen bekam. Des Abends ward die Idee des Sterbens etwas lebhafter in mir. Ich schickte nach M..n, zu welchem Ende weiß ich jetzt nicht mehr so recht deutlich; so viel ich mich erinnre, war es ein gewisses Eitelkeitsgefühl: ich wollte diesem Manne zeigen, und ihn versichern, wie ruhig und zufrieden ich die Welt verlasse, und daß ich voller Ueberzeugung von einer andern glücklichern Welt meine Reise antrete. Unpäßlichkeit-[68] halber kam er nicht. Nicht lange hernach schickte ich nach den Aeltesten der Gesellschaft der Krankenbesucher, (eine Gesellschaft bei unserer Nation, die ihre Einrichtung und Gesetze vom Throne der Menschheit unmittelbar empfangen zu haben scheint) ich sagte ihnen mit völligem und klarem Bewußtsein, daß ich meinen baldigen Todt fühlte, jetzo wäre die beßte Zeit mich dazu vorzubereiten. Dieß verrichteten diese gute Leute auf die sanfteste und menschenfreundlichste Weise, die ich nie vergessen werde. Sie diktirten mir einige der gewöhnlichsten Beichtformeln, unter beständiger Versicherung, daß ich Gefahrfrey wäre. Dies dauerte ungefähr fünf Minuten, alsdann verabschiedete ich sie, mit der Bitte, daß sie in meinem letzten Augenblicke nicht so viel Weinens und Schreyens an meinem Bette, wie dies gewöhnlich beim Sterbenden geschieht, machen lassen möchten. Sie versprachen es und gingen.

Von diesem Tage an bis zum 3ten Januar ging nichts merkwürdiges vor. Der ganze Zustand der Krankheit blieb derselbe, immerfort schlaflos, immerfort rasen, immerfort zanken und flehn, daß man mich nach meinem Logie, und zwar nach meiner Lesestube, wo Wolfs und Neutons Bildnisse hängen, bringen möchte. Meine Aerzte schöpften aus der Dauerhaftigkeit meines Körpers, und aus andern Symptomen einen geringen Grad von Hofnung, aber alles hing nun vom Schlafe ab. [69]Ohne diesen hätte ich binnen einigen Tagen dennoch darauf gehn müssen. Meine würdige Schwiegermutter bestand schon einige Tage vorher darauf, daß man meinem Verlangen willfahre, und mich nach meiner Lesestube bringe, aber meine Aerzte wollten, aus welchem Grunde weiß ich nicht, es nicht zugeben.

Den 3ten endlich setzte sie es durch. Sie erhielt die Erlaubniß meines Arztes: weil man nichts mehr zu verlieren hat. Meine Phantasie lagerte mich gerade diesen Tag in der neuen Friedrichsstrasse auf irgend einen Boden. Als ich auf mein Bitten, man möchte Kutsch und Pferde holen, um mich nach meiner Lesestube zu bringen, von meiner lieben Schwiegermutter die Versicherung erhielt, daß es binnen einigen Stunden geschehen wird, so war ich ausser mir, und versicherte allen: daß ich da ruhig und gesund werde. Und als man mir nach einigen Stunden die Thüre öfnete, und sagte: ich wäre nahe an meinem verlangten Zimmer, so rief ich voller Freude: nun bedarf es ja nicht einmal der Kutsch und Pferde!

Des Mittags war meine Lesestube erwärmt; ein neues Bett zubereitet, und man brachte mich hinein. Mit dem Augenblick änderte sich mein ganzes innres Gefühl. Ich lag ungefähr zehn Minuten und auf einmal überfiel mich, zum größten Erstaunen aller, ein sanfter ruhiger Schlaf, der zwei Stunden anhielt; erwachte darauf einige Mi-[70]nuten, delirirte sehr wenig, und schlief gleich wieder ein. Und so hielt der Schlaf, nur von einigen Augenblicken Erwachung unterbrochen, bis zum 4ten des Mittags an.

Ich erwachte, und weg war meine Krankheit, da mein völliges Bewußtseyn. Die Freude meiner Aerzte, Freunde, und Familie in diesem Augenblick, können Sie sich leicht vorstellen, oder auch nicht leicht vorstellen. Alles um mich herum war vergnügt und frölich, nur ich war niedergeschlagen, bis auf den höchsten Grad ermattet. Mein ganzes ich war mir nicht fühlbar, beinahe kam es mir vor, daß der Genesene ein ganz andres Subjekt neben mir im Bette wäre. Meine Seele war indessen heiter. Während dieses Schlafs hat die Krankheit die seltenste Metastasis gemacht, die in den Schriften der Aerzte vorkömmt. Ich spürte gleich bei meiner Erwachung, daß mir die ganze innre Höle des Mundes wehe that, und ich nicht schlucken konnte. Und als mein Freund S. mir im Mund sahe: so fand er mit Erstaunen, daß er ganz nebst dem Zapfen bis tief herunter im Schlunde mit Schwämmen überzogen war, die eine dicke gräuliche Haut bildeten. Er war erfreut über diese Crisis, so sehr ich auch von diesem Zufall gequält wurde. Das Herunterschlucken eines Tropfen Wassers machte mir die gräßlichsten Schmerzen. Nun übernam mein Freund V.. mich, ich wurde Tag und Nacht alle Stunden ge-[71]pinselt, gesprützt, gegurgelt mit den schärfsten und reizendsten Dingen, bis binnen einer Zeit von zwölf bis funfzehn Tagen die Schwämme sich verloren, und ich meinen Mund allmälig wieder brauchen konnte.

Dieses Zufalls ungeachtet fingen meine Körper- und Seelenkräfte an, augenscheinlich zuzunehmen. Den 7ten brachte man mich auf mein Verlangen auf den Sopha, wo ich wie ein unbeweglicher Knaul eine halbe Stunde da lag; dann wieder ins Bette. Binnen zehn Tagen, da ich an meinen Mund noch sehr litt, hatte ich schon das Vermögen in der Stube herumzuwandeln; den ganzen Tag aufzudauren, und von Morgen bis Abend in abwechselnden zahlreichen Gesellschaften von Verwandten, Freunden, Bekannten und Unbekannten vergnügt zuzubringen. Damals erfuhr ich, was ich, wie ich Ihnen bereits gesagt, acht Tage eher, um vieles nicht möchte gewußt haben: die allgemeine aufrichtige Theilnehmung an meinem Zustande, die allgemeine Unruhe so vieler Bekannten in den Stunden meiner Gefahr, und die Freude über meine Wiederherstellung. Sie hat mir mehr als einmal Thränen gekostet, diese herzliche Simpathie. Sie setzt Verdienste und Würdigkeit voraus, deren ich mir nicht bewußt bin, und die zu besitzen ich wünsche. Allgütiger! welch einen Schatz von Seeligkeit, hast du mit dem himmlischen Gefühl der Geselligkeit in des Menschen Herz gelegt! [72]wer ihn nur recht brauchen will diesen Schatz! wer ihn nur recht zu brauchen weiß!

Und dieser angenehmen Empfindung der vielfältigen Theilnehmung, die ich so einige Wochen hintereinander genoß, nicht den Leckerbissen und den köstlichen Weinen schreibe ich meine über alle Erwartung schnelle Erholung meiner verlornen Kräfte zu. Ich bin nunmehr schon in der dritten Woche wiederum auf den Beinen, fühle mich stark, besuche meine Kranken, die Funktionen meines Körpers gehn fertiger und richtiger von statten als je zu einer Zeit in meinem Leben. Meine Seelenkräfte sind heiter, und besitzen ihre vorige Spannung wieder; und in Ansehung meines Gemüths, meiner Zufriedenheit, meiner Laune und meiner Gesinnungen gegen Menschen hoffe ich so viel gewonnen zu haben, daß ich um vieles nicht diese Krankheit nicht möchte überstanden haben. So treflich, mein Freund! ist der Dinge Zusammenhang, so weise die Verkettung des Guten mit dem Uebel in der Welt eines Schöpfers wie Gott!

Ich schicke Ihnen hier die ersten drei Bogen meines Kompendii von der medicinischen Enciclopädie. e Meine Krankheit hat mich an der Fortarbeitung unterbrochen. Ausgangs künftigen Monats setze ich meine Vorlesungen und die Ausarbeitung dieses Werks fort, wiewohl die Anstrengung meiner Kräfte von nun an gewiß mit mehr Schonung geschehn soll.

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Leben Sie wohl, mein Lieber, seyn Sie vergnügt und zufrieden, und nicht zu voreilig und geschwindschlüßig in Bestimmung Ihrer zukünftigen Umstände aus den gegenwärtigen. Es ist wahr, die Gegenwart geschwängert vom Vergangnen, wird Mutter vom Zukünftigen, aber wissen Sie auch, daß weder das Gebähren noch das Empfangen dieser Mutter auf einmal geschieht; sondern allmälich. Sie empfängt und gebährt ununterbrochen fort, und jede ihrer Früchte wird augenblicklich bei der Entstehung wieder Empfängerinn und Gebährerinn; und daher kann die ganze Frucht von uns Endlichen weder umfast, noch vorausgesehn werden. Aber Der sie umfast und voraussehn kann, hat sie vorausgesehn und nach eignem Gefallen bestimmt. Und da Er gut und weise ist, zum Besten eines jeden von uns bestimmt.

Fahren Sie fort mich zu lieben, so wie ich Sie von ganzem Herzen liebe.

Marcus Hertz.

Erläuterungen:

a: Vgl. zu diesem Beitrag Goldmann 2015, S. 23-47 und Kull 2015.

b: "Rinde eines Baumes, welcher auch der China-Baum genannt wird, in dem Königreiche Peru in Süd-Amerika wächset, und durch die kräftige Wirkung seiner Rinde in dem kalten Fieber bekannt geworden ist." (Adelung 1811, Bd. 1, Sp. 1327.)

c: Der Wermuth: "Nahme einer bekannten Pflanze von sehr bitterem Geschmacke, Absinthium Linn. [...]wegen seiner Bitterkeit schon sehr frühe als ein Gegenmittel gegen die Würmer, besonders im menschlichen Leibe, bekannt." (Adelung 1811, Bd. 4, Sp. 1506.)

d: Schlangenwurzel: "Die Wurzel einer Art der Osterlucey, und die Pflanze selbst, welche in Virginien einheimisch ist, und als ein schweißtreibendes Mittel dem Gifte und der Fäulniß widerstehet."(Adelung 1811, Bd. 3, Sp. 1506.)

e: Herz 1782.