ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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<Bild des Todes>

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Moritz, Karl Philipp

Ich erinnere mich hierbei eines beinahe ähnlichen Falles aus meinem Leben. Als ich ohngefähr zehn oder elf Jahr alt seyn mochte, hörte ich einmal der Erzählung von dem Todesfalle eines Mannes sehr aufmerksam zu, welcher sich durch einen Fall in den Bergwerken den Kopf zerschmettert hatte.

Je mehr ich hierüber nachdachte, desto lebhafter wurde mir die Vorstellung davon, und desto schrecklicher zum erstenmale das Bild des Todes. Die Empfindungen in der obigen Erzählung stimmen größtentheils mit den meinigen in dem damaligen Zustande meiner Seele überein; und was mir dabei am meisten auffält, ist, daß beinahe einerlei Eindrücke in das Gemüth diese Empfindungen verursachten.

In meinem siebenten Jahre schien es, als ob ich die Auszehrung hätte, und jederman zweifelte an meinem Leben. Einen jeden, der mich sahe, hörte ich, wie ich mich noch deutlich erinnere, von meinem Tode reden, und ich empfand nicht das mindeste dabei, vielmehr kam mir die ganze Sache lächerlich vor.

Vor einiger Zeit hörte ich ein paar Bauren zusammen reden, wovon der eine erzählte, wie er beim Aderlassen in Ohnmacht gefallen sey. Dar-[92]über kamen sie auf den Tod zu sprechen, und nachdem sie eine Weile ernsthaft davon geredet hatten, kam ihnen auf einmal die Sache so sonderbar vor, daß sie in ein lautes Gelächter darüber ausbrachen.

Sollte selbst der Tod vielleicht wirklich auch eine lächerliche Seite haben? Die Vorstellungen von demselben mögen nach der verschiednen Denkart und Fähigkeit der Köpfe auch erstaunlich verschieden seyn. Und es würde vielleicht nicht unnütz seyn, mehrere solcher verschiednen Vorstellungen nebeneinander zu stellen.

M.