ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 1 (1783) > IV. Gemüthsgeschichte Christian Philipp Schönfelds, eines spanischen Webers in Berlin.

IV.

Gemüthsgeschichte Christian Philipp Schönfelds, eines spanischen Webers in Berlin. a

Pyl, Johann Theodor

Der Herr Doktor und Stadtphysikus Pihl, welcher die Gelegenheit, wichtige Beobachtungen zum Besten der Menschheit zu machen, so gewissenhaft und vortreflich nutzt, hat mir einige seiner Gutachten über den Gemüthszustand verschiedener Personen gütigst mitgetheilt, um zweckmäßige Auszüge für mein Magazin daraus zu machen. Ich habe [21]mich größtentheils seiner eignen Ausdrücke bedient, die Sachen aber nach meiner Absicht geordnet. <M.>


Das beständige krumme Sitzen, oft scharfes Nachdenken, und weitläuftiges Ueberrechnen bei schweren und künstlichen Mustern, veranlaßt fast alle die Leute, welche auf dem sogenannten Stuhl arbeiten, zur Hypochondrie und daraus entspringenden Uebeln. Ist nun vollends ihr Temperament sehr lebhaft, so entsteht um so leichter ein Hang zum Projektmachen, wobei nicht selten der Verstand leidet, und mit der Zeit, besonders wenn sie noch in Noth und Unglück gerathen, Blödsinn, oder würklicher Wahnsinn entstehet.

Unsern Schönfeld brachte wahrscheinlich eine Neigung zum Müssiggange, und Unlust zu arbeiten, zuerst auf die Gedanken, Schätze zu graben. Beständiges Nachdenken darüber, drückte diese Idee seiner ohnedem schon äußerst lebhaften Einbildungskraft so fest ein, daß sie ihm am Ende beständig gegenwärtig war, und er sich selber einen Traum schuf, den er nach und nach anfing für Wirklichkeit zu halten. Dieß verwirrte schon seinen Verstand. Nun kam noch Krankheit, äußerste Nothdürftigkeit und Kummer hinzu; diese zerrütteten vollends denselben, und sein Wahrheitsgefühl war nun so abgestumpft, daß er sich von der Wirklichkeit folgender Einbildungen fest überzeugen konnte.

[22]

Er glaubte nehmlich ungezweifelt, daß er, im Jahr 1764, einen Schatz von zweihundert Millionen an Werth gefunden, der in großen Diamanten, einem großen silbernen und goldenen Crucifix mit Augen von Karfunkelstein, welches auch Sr. Majestät der König selbst in Augenschein genommen, nebst vielem Gelde, bestanden habe. Dieser ungeheure Schatz sey von ihm in des Tuchscheerers Kerchow Keller, mit Hülfe seines schon verstorbenen Bruders, entdeckt und aufgegraben worden.

Die heiligen Engel und Geister, wie auch zwei jetzt schon verstorbne Bürger von der Friedrichsstadt haben es ihnen offenbart, daß der Schatz da läge, und mit Hülfe eines solchen Geistes und einer Wünschelruthe hat er die eigentliche Stelle entdeckt. Böse Geister aber haben ihm so viele Hindernisse in den Weg gelegt, daß er die erste Nacht mit seinem Bruder den Schatz nicht heben konnte.

Er entdeckte also die Sache dem Tuchscheerer Kerchow, und einem Kupferschmidt Nahmens Jury, um ihn mit deren Beihülfe die andre Nacht zu heben. Diese aber gehen allein hin, ohne ihm ein Wort zu sagen, und leugnen darauf gänzlich gegen ihn, daß sie einen Schatz gefunden haben. Er weiß dieses aber ganz gewiß, und ob er gleich [23]dasjenige, was in den Gefässen enthalten gewesen ist, nicht selbst gesehen hat, so hat er es doch durch Rechnen und durch seine Wünschelruthe richtig herausgebracht.

Von dem Gelde haben verschiedne Personen einen Theil bekommen, unter andern auch der Herr Prediger Woltersdorf, welcher dafür den Geist aus dem Keller bannen mußte, der nach dem gehobenen Schatz nicht weichen wollte. Auch nach Potsdam ist eine große Menge davon gekommen, wie dort die ganze Stadt weiß. Er hat mit verschiednen vornehmen Personen, die er aber oft verwechselt, und einen für den andern nimmt, vertraulich über seine Angelegenheiten gesprochen, und diese haben seine Foderungen gebilliget.

Dieß alles sind seine Einbildungen und jetzt nun auch seine Ueberzeugungen. Man denke sich einen Menschen, noch dazu von sehr unruhigem und lebhaftem Temperamente, der sich Herr so vieler Millionen glaubt, und Hunger und Kummer leiden muß!

Als der Herr Doktor und Stadtphysikus Pihl den 18ten Junii 1781 seinen Gemüthszustand untersuchte, war er anfänglich ganz gelassen, sobald man aber auf den Punkt des Schatzgrabens und der gefundenen zweihundert Millionen kam, ward er hitzig.

[24]

Man überführte ihn wirklich aus seinen eignen Reden, daß seine Phantasie ihn alle Augenblick täuschte, dahin aber war er auf keine Weise zu bringen, die Schatzhebung selber auch nur im mindesten für Täuschung zu halten. Der Herr Doktor Pihl ließ seine Schwester Cath. Elisab. Schönfeld zu sich kommen, um über die Umstände ihres Bruders mehr Licht von ihr zu erhalten. Diese aber bekräftigte alle thörichten Einbildungen ihres Bruders wörtlich, und war völlig so närrisch, wie er.

Anmerkung des Herausgebers: Vielleicht ein Beleg zu der Erfahrung, daß der Wahnwitz ansteckt.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Pyl, Gutachten vom 16. Januar 1781, in: Pyl 1784, S. 168-173.