ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Einige Nachrichten von dem Leben des seeligen Herrn Johann Matthias Klug*). a 1

Varnhagen, Johann Adolph Theodor Ludwig

Dieser Mann war aus Soest gebürtig, und ehemals Sekretair bei dem Englischen Kommissariat im letzten Kriege, b vorher aber bei dem Herrn Grafen von Truchßes Gouverneur gewesen. Nachdem er sich etwa sechzehn Jahre in Arolsen aufgehalten hatte, starb er am 7ten Jänner 1776, in einem Alter von sechzig Jahren. In seiner Verlassenschaft befand sich eine zwar nicht zahlreiche, aber auserlesene Büchersammlung. Aus den Anmerkungen, welche er in die Bücher geschrieben, ersiehet man leicht seine große, mit guter Beurtheilung verbundene Belesenheit. Er war der deutschen Sprache so mächtig, wie es von einem Gelehrten mit Recht erwartet werden kann: auch verstand er die lateinische, französische und englische; und letztere beiden redete er auch sehr gut.

Seine Wissenschaften erstreckten sich auf die Rechtsgelehrsamkeit, nach ihrem ganzen Umfange, auf die Weltweisheit und Geschichte: er hatte sich [8]dabei auch in der höhern (oder wissenschaftlichen) Gottesgelehrsamkeit umgesehen, und vielleicht die Arzneikunde nicht ganz vernachlässiget.

Was ihn aber vor den mehresten Gelehrten von Profession auszeichnet, ist seine große Künstlichkeit in Verfertigung mancher zum bequemen Leben erforderlichen Dinge; wovon nachher Beispiele sollen angegeben werden.

Er scheint auch auf die Autorschaft Anspruch gemacht zu haben: ob aber mit würklichem Recht, oder nur eingebildeterweise? kann ich nicht bestimmen. Doch wehe allen Schriftstellern, wenn ihre gute oder aber eigennützige Absichten so schlecht erreicht werden, wie bei unserm Herrn Klug! denn hier ist der Grund von seiner ganz sonderbaren Lebensart zu suchen, weswegen er in der Geschichte der Menschheit oder des menschlichen Verfalls, angemerkt zu werden verdienen möchte.

Wir müssen daher vor allen Dingen sein Vorgeben: er habe gegen den König von Preussen, oder eigentlich gegen dessen Gesinnungen in Ansehung der Religion, ein Buch geschrieben*) 2; nicht [9]ausser Acht lassen. Denn daraus entstand seine falsche Vorstellung, als sei dieser große König deshalb höchst ungnädig auf ihn, und thue alles, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Schon eine Zeitlang hatte er, bei seinem zu Arolsen genommenen Aufenthalte, diesen Gedanken nachgehänget; aber noch war er immer in die Gesellschaften seiner Freunde gekommen: als er vor etwa vierzehn Jahren von dem seeligen Herrn Bisen, seinem dortigen Anverwandten und vertrautem Freunde, zu einem Spatziergange in einen nahe gelegenen dichten Wald, die düstre Wiese genannt, eingeladen wurde. Hier, glaubt Herr Klug, sey eine Nachstellung. Sein Freund sey bestochen, ihn zu verrathen, und seinen Feinden in die Hände zu liefern. Er schlägt deswegen diesen Spatziergang nicht allein aus, sondern nimmt davon auch die Veranlassung, niemals wieder Gesellschaft zu suchen, sondern sich fest in seine Stube einzuschließen.

Damals logirte er in dem Hause eines italiänischen Kaufmanns, Namens Brentano, (der noch jetzt in Frankfurt am Mayn lebt). Als der Herr Geheimerath Hermann aber dasselbe Haus vor sieben oder acht Jahren an sich kaufte, war diesem daran gelegen, des Einsiedlers los zu werden. Gleichwol waren alle deshalb genommene Maßregeln nicht vermögend, den Herrn Klug von seiner Stube zu vertreiben. Er erwartete eher [10]die äusserste Gewalt, (und mit welcher Gefahr diese würde versucht worden seyn, wird die Folge der Erzählung zeigen,) als herunter zu gehen. Und dabei legte er sich dermaßen auf das Bitten, daß der Herr Geheimerath endlich sich bewegen ließ, diesen Mann in seinem Hause zu behalten.

Die Einrichtung seiner Stube, welche im Dache, gerade gegen der Treppe, war, (so daß die, welche die Treppe heraufkamen, vor die Thüre sahen,) übertrift alle Erwartung. Die Thüre war mit eisernen Stangen zugeriegelt: und konnte nur zum Theil aufgemacht werden, weil starke Stricke in die eine Wand und an die Thüre befestiget waren. Brachte man ihm Essen und Trinken, und andere Sachen, so wurde so weit aufgemacht, als nöthig war, es hinein zu nehmen. Denn niemand durfte die Stube betreten. Und nur bei bedeutenden Krankheiten wurde der Pfarrer, Arzt, und Aufwärter hineingelassen.

Ueber und in die Stubenthüre hatte er Schießscharten in die Wand gegraben, die weder in noch ausser der Stube konnten bemerket werden. Er war mit einer Anzahl Flinten und Pistolen, und allen Erfordernissen zum Schießen, immer versehen. Seiner Einbildung nach hatte er einen gewaltsamen Ueberfall zu befürchten: und deshalb waren alle diese Anstalten gemacht, um [11]seine Feinde, schon bei dem Heraufkommen, auf der Treppe zu bewillkommen.

Ferner: weil er in der Furcht stand, seine Feinde möchten durch den gewöhnlichen eisernen Ofen in die Stube brechen, so band er diesen mit Ketten und dicken Stricken: und machte sich dagegen selbst einen gar künstlichen Kachelofen, den er selbst innerhalb der Stube heitzte, und auf dem er zugleich das Theewasser kochen, Chocolade machen, Biscuit u.d.g. backen konnte. Und da er alles in der Stube haben mußte, so verdient diesesmal auch ein Nachtstuhl in Betrachtung gezogen zu werden. Diesen hat er ebenfalls selbst erfunden und gemacht, mit der subtilen Einrichtung, daß sich eine Art von Ventilen sogleich verschlossen, wann er gebraucht worden: damit die übelriechende Ausdünstungen das Zimmer nicht verunreinigten.

Seine Bettlade, Tische, Stühle, Vogelkäfige, ja sogar alle seine Kleidung, hat er sich selbst verfertiget; alles mit besonderer Erfindung und Geschicklichkeit.

Kurz: alles war bei ihm sauber und bequem, und er führte eine würklich kostbare Lebensart, die er mit dem im Kriege*) 3 erworbenen und großen-[12]theils auf Leibrenthen ausgegebenen Gelde wohl bestreiten konnte. Apfelsinen- und Citronenhändler, und dergleichen Leute, kannten seine Stube gar wohl. Und so wenig er seinem Leibe abzog, so wenig war er auch unerkenntlich gegen die Personen, die mit ihm in Verbindung standen. Weil er der evangelischreformirten Religion zugethan war, so hat er einstmals aufs Neujahr dem reformirten Pfarrer in Arolsen, dem nunmehrigen Herrn Professor Roller in Bremen, einen alten Kalender überschickt, darinn er zwischen jedes Blatt einen Dukaten gelegt hatte. Auch seine Aufwärterin, und andere Personen, die Vortheile von ihm hatten, haben ihn ungern verloren.

Dieser Bequemlichkeit und dieses Ueberflusses ohngeachtet, muß ihm doch die Gesellschaft, selbst in seiner großen Einsamkeit, da er, ohne durch eine äußere Gewalt gezwungen zu seyn, die ärgste Gefangenschaft übernommen hatte, angenehm gewesen seyn. Dieses schließe ich aus zweien Vorfällen, die gewiß gegründet sind.

Er hatte eines Bruderssohn, einen jungen Menschen von etwa achtzehn Jahren. Diesem [13]versprach er, sein ganzes Vermögen zu vermachen, wenn er bei ihn zöge. Der junge Mensch that's. Nun muste dieser wie jener leben, und durfte niemals wieder aus der Stube*) 4. Die Folge war, daß der junge Mensch nach einigen Jahren an der Abzehrung starb. Daß derselbe krank war, wußte man im Hause, weil der Arzt war gehohlt und auf die Stube gelassen worden: aber sein Tod war unbekannt, bis des Morgens ganz früh von Herrn Klug ein Brief herausgereicht wurde, worinn er den Herrn Geheimenrath ersuchte, den Verstorbenen aus dem Hause schaffen zu lassen, und der Frau Hofcommissariin Hartmann den Auftrag zu geben, das Begräbniß zu besorgen. In der Nacht nehmlich hatte Herr Klug seinen todten Vetter in Bettücher gewickelt, und ihn hinter den Umgang an der Treppe gelegt. Der Leichnam wurde darauf in das Haus der gegenüber, jenseit der Straße, wohnenden Frau Hartmann getragen, und von daraus begraben.

Das andere, was mich veranlasset, zu glauben, daß er doch die Gesellschaft geliebt habe, ist, [14]daß er die dicht neben ihm wohnende französische Mademoiselle gar gern hat heirathen wollen*) 5. Bloß der Umstand, daß sie sich mit ihm einsperren sollte, verhinderte diese Verbindung, da sonst ein reicher, noch wohl aussehender Mann, der auch Welt hatte, von einem Frauenzimmer nicht leicht möchte ausgeschlagen werden.

Noch eine wunderliche Einbildung dieses Mannes zu berühren, muß ich seines Traumbuches erwähnen. Er hielt die Träume für eine Art von göttlicher Eingebung, und schrieb sie sorgfältig früh Morgens sogleich auf. Freilich würde dieses kein Geschäfte für manchen mit Arbeit belästigten Mann seyn; aber Herr Klug hatte eigentlich gar nichts zu thun, und zu leben hatte er doch. Man erzählt, daß ihm unter andern geträumt habe, er solle seinen Vetter drei Tage hungern lassen: dieses habe er auch richtig gethan, und der junge Mensch habe in der Zeit nichts zu essen bekommen.

Ja, dieser bei ihm auf der Stube eingesperrte Vetter ist durch Schläge von ihm dahin gebracht worden, eidlich zu versichern, daß er seines Onkels Träume für göttliche Eingebung halte.

[15]

Die Traumbücher sollen verbrannt worden seyn. Wären solche noch vorhanden, so ließe sich daraus noch wohl manches hernehmen, was über die Denkungsart dieses Mannes nähern Aufschluß geben könnte. Von seinem Tode und der bestimmten Zeit desselben soll ihm auch oft geträumet haben.

Er starb, ohne daß ein Mensch davon etwas gewahr wurde. Als man Nachmittags durch den Schreiner die Thüre aufschlagen ließ, fand man ihn so ordentlich im Bette liegend, als habe er sich zu dem Tode vorher zurecht gelegt. Vermuthlich war er vom Schlagfluß gerührt worden.

Hier muß ich noch zwo Anmerkungen machen, welche zur Aufklärung dieser Erscheinung etwas beitragen können.

1) Man weiß, daß in der Klugischen Familie etwas tiefmelancholisches ist.

2) Dazu kommt, daß unser Subjekt im letzten Kriege als Sekretair bei dem Engl. Kommissariat unablässig mit dem Kopfe hat arbeiten müssen, wegen der weitläuftigen, mehrentheils sehr wichtigen, Korrespondenz.

Bald nach des Herrn Klug's Tode aufgesetzt

Fußnoten:

1: *) Ist mir von dem Herrn Kriegsrath Dohm gütigst mitgetheilt worden. <M.>

2: *) Ob es geschehen sey, weiß ich nicht; denn es kann ja auch leere Einbildung gewesen seyn. Soviel mir bekannt ist, hat man nach seinem Tode weder Original noch Abschrift einer solchen Piece gefunden.

3: *) Man kann nicht sagen, daß er dieses Vermögen im Kriege auf eine ungerechte Art erworben habe. Es kann rechtmäßig zugegangen seyn, weil er für seine erstaunenden Arbeiten doch auch gut wird belohnt worden seyn.

4: *) Man erzählt, der junge Mensch habe manchmal gebeten, er möchte ihn wieder gehen lassen; aber seine Bitte sei immer mit erbärmlichen Schlägen zurück gewiesen worden. Eine Sache, die doch kein gutes Herz verräth.

5: *) Mit dieser Mademoiselle unterredete er sich auch oftmals, indem er alsdann seine Stubenthüre öffnete, und sich ihr präsentirte.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag vgl. Goldmann 2015, S. 49-55.

b: Der siebenjährige Krieg (1756-1763). Ein Kriegskommissariat war u. a. zuständig für Truppenverpflegung und Transport.