ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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I.

Einige Beobachtungen über einen Taub- und Stummgebohrnen.

Moritz, Karl Philipp

Es verdient wohl bemerkt zu werden, in wie ferne die Seele, ohngeachtet des gänzlichen Mangels eines Sinnes, wodurch sie einen so großen Zufluß von Ideen erhält, sich dennoch in einem gesunden Zustande befinden kann, da überdem noch die Sprache fehlt, wodurch der Mensch seine Ideen allein zu fixieren scheinet.

Ich kam vor einiger Zeit auf den Gedanken, mit einem Taub- und Stummgebohrnen einen Versuch zu machen, ihn reden zu lehren, und zugleich über die Entwickelung seiner Ideen und Geisteskräfte Beobachtungen anzustellen.

Um Ostern dieses Jahres machte ich wirklich einen solchen Versuch mit einen taubstummen Knaben von funfzehn Jahren, Nahmens Karl Friedrich [40] Mertens, den ich in dieser Absicht aus dem hiesigen Chariteehause zu mir nahm.

Er schien es zu wissen, daß ihm ein Sinn mangle, indem er allemal mit dem Kopfe schüttelte, und eine betrübte Miene machte, sobald man auf das Ohr zeigte. Auch schien er den Mangel der Sprache zu empfinden, und bezeigte eine große Begierde, reden zu lernen.

Gleich anfänglich bildete er mir zwar die leichten Buchstaben b, d, f, u.s.w. durch die Bewegung des Mundes nach, aber er setzte keinen vernehmlichen Laut hinzu, bis ich durch Lachen und Husten, welches er mir ebenfalls nachmachte, endlich einen Ton aus seiner Kehle hervorlockte, und ihn nun in demselben Augenblick die obigen Buchstaben, mit diesem Tone verknüpft, wieder aussprechen ließ. Dieß alles war das Geschäft einer einzigen Stunde.

Anstatt der Buchstabencharaktere machte ich ihm nun erstlich einige natürliche Zeichen, und fand zu meiner größten Verwundrung, daß er eine kleine Wellenlinie, gänzlich ohne mein Zuthun, und von freien Stücken, sogleich mit der Volubilität der Zunge verfolgte, und dieses wiederhohlte, so oft ich ihm diese Linie wieder vorzeichnete, so, daß er auf diese Weise zuerst das l aussprechen lernte. Eben so verfolgte er nachher, auch ohne mein Zuthun, [41]den vorgezeichneten graden Strich mit einem Stoß der Zunge, und lernte auf diese Art das d aussprechen.

Ich ging nun in diesem Versuche weiter, und zeichnete ihm einen etwas großen halben Cirkel vor, welchen er, auch ohne mein Zuthun, durch eine weite Oefnung des Mundes nachahmte, und auf diese Weise einen lauten Schrei hervorbrachte. Ich fiel darauf, innerhalb dieses Cirkels einen kleinern, und immer einen kleinern, zu beschreiben, und bewirkte dadurch ein sehr verhältnißmäßiges Fallen, und schwächer werden der Stimme. Und da sich der letzte und kleinste halbe Cirkel endlich in einem Punkte verlor, so schwand auch die Stimme bis auf einen leisen und feinen Laut, welcher mit dem i viele Aehnlichkeit hatte.

Ich fing nun an, ihn verschiedne Gegenstände zuerst mit einzelnen Lauten benennen zu lassen, und er konnte sogleich, ohne mein Zuthun, die Dinge, welche zu einer Art gehörten, sehr wohl von andern, die verschiedner Art waren, unterscheiden. So ließ ich ihn z.B. ein gläsernes Dintenfaß l benennen, und zeigte darauf mit dem Finger nacheinander auf ein Fenster, auf einen Spiegel, und auf ein Trinkglas, welches er alles ebenfalls mit l benannte; da ich aber auf einen Stuhl zeigte, so schüttelte er mit dem Kopfe. Ein Stück Papier ließ ich ihn b nennen, eben so benannte er nun auch ein [42]Buch, und einen versiegelten Brief, den ich ihm vorzeigte; da ich ihm aber unmittelbar darauf eine Feder wieß, schüttelte er aufs neue mit dem Kopfe, und schwieg still.

In den ersten vierzehn Tagen, da ich ihn kaum alle Tage eine Stunde vornehmen konnte, lernte er schon Silben aus Buchstaben zusammensetzen, und sie vernehmlich aussprechen; und nach vier Wochen konnte er schon verschiedne zweisilbige Wörter, als Blume, Papier, u.s.w., obgleich mit einiger Anstrengung, hervorbringen, wie auch mehrere Personen, die ihn bei mir gesehen haben, wissen.

Er verstand die kleinsten Merkzeichen, wodurch man ihm eine Sache deutlich zu machen suchte. So konnte ich z.B. die Figur des k, so wie es geschrieben aussiehet, darzu nutzen, um ihn dadurch zu erinnern, daß er die Zunge an den Gaumen zurück ziehen müsse, weil diese Figur zufälliger Weise etwas Aehnliches darstellt.

Er machte nun starke Progressen, bis ich zu Pfingsten in diesem Jahre eine Reise that, von welcher ich erst vor Kurzem zurückgekehrt bin, und ihn bis jetzt, vieler Hindernisse wegen, noch nicht habe wieder vornehmen können. Freilich hat er während der Zeit das meiste wieder verlernet; ich [43]werde aber demohngeachtet nunmehro meine Lektionen von neuen mit ihm anfangen, und meine Beobachtungen über ihn fortsetzen, um sie in der Folge in diesem Magazine ebenfalls bekannt zu machen.

Noch muß ich, das Gedächtniß dieses Taubstummen betreffend, hinzufügen, daß er sich nach geraumer Zeit des Vergangnen sehr lebhaft erinnern kann, wie aus folgendem Umstande erhellet.

Vor einem Jahre lief er noch wild auf der Straße herum, und da ich einmal mit einem jungen Menschen auf einem Kahne fuhr, half er nebst noch einem Knaben für Geld mit rudern, indeß ich mit dem jungen Menschen auf dem Kahne in einem Buche las. Dieser junge Mensch besuchte mich einmal, und ich fing an, im Beiseyn des Taubstummen, mit ihm in einem Buche zu lesen, als dieser sich sogleich an alle Umstände des Kahnfahrens zurückerinnerte, und uns durch viele, sehr verständliche Zeichen seine Ideen deutlich machte.

Seine Einbildungskraft ist stark und richtig. Er bezeichnet fast alle Leute, die er gesehen hat, durch Miene und Gang.

Dabei ist zugleich seine Beurtheilungskraft so gut, daß ihm nicht leicht jemand ein Blendwerk vormachen, oder ihm, durch etwas einen leeren [44]Schreck einjagen, und ihn aus seiner Fassung bringen könnte.

Uebrigens scheint er viel Anlage zum Stolz zu haben, und ist außerordentlich neidisch.