ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 1 (1783) > VI. Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit.Vgl. KMA I, S. 35 u. 804

VI.

Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit. a

Moritz, Karl Philipp

Die allerersten Eindrücke, welche wir in unsrer frühesten Kindheit bekommen, sind gewiß nicht so unwichtig, daß sie nicht vorzüglich bemerkt zu werden verdienten. Diese Eindrücke machen doch gewissermaßen die Grundlage aller folgenden aus; sie mischen sich oft unmerklich unter unsre übrigen Ideen, und geben denselben eine Richtung, die sie sonst vielleicht nicht würden genommen haben.

Wenn die Ideen der Kindheit bei mir erwachen, so ist es mir oft, als ob ich über die kurze Spanne meines Daseyns zurückschauen könnte, und als ob ich nahe dabei wäre, einen Vorhang aufzuziehn, der vor meinen Augen hängt. Daher ist es auch seit mehrern Jahren oftmals die Beschäftigung meiner einsamen Stunden gewesen, diese Erinnerungen in meine Seele zurückzurufen.

Freilich merke ich es deutlich, daß dieses oft nur Erinnerungen von Erinnerungen sind. Eine ganz erloschne Idee war einst im Traume wieder erwacht, und ich erinnere mich nun des Traumes, und mittelbar durch denselben erst jener wirklichen [66]Vorstellungen wieder. Auf die Art weiß ich es, wie meine Mutter mich einst im Sturm und Regen, in ihren Mantel gehüllt, auf dem Arme trug, und ich mich an sie anschloß, und ich kann die wunderbar angenehme Empfindung nicht beschreiben, welche mir diese Erinnerung gewährt.

Im meinem dritten Jahre zog meine Mutter mit mir aus meiner Geburtsstadt weg, die ich seitdem nicht wieder gesehen habe. Ich erinnere mich aber demohngeachtet noch einiger Gegenstände, die dort einen vorzüglichen Eindruck auf mich machten. Einer dunkeln tiefen Stube bei unserm Nachbar, den wir des Abends zuweilen zu besuchen pflegten. Der kleinen Schiffe, welche auf der Weser fuhren, und wo ich einige Weiber am Rande sitzen sahe. Eines Brunnens nicht weit von unserm Hause, dessen Bild mir immer auf eine ganz eigne Art im Gedächtniß geschwebt hat, und wobei es mir noch jetzt in diesen Augenblick ist, als ob ich wehmüthig in eine dunkle Ferne blickte.

Sollten vielleicht gar die Kindheitsideen das feine unmerkliche Band seyn, welches unsern gegenwärtigen Zustand an den vergangnen knüpft, wenn anders dasjenige, was jetzt unser Ich ausmacht, schon einmal, in andern Verhältnissen, da war? Unzähligemale weiß ich schon, daß ich mich bei irgend einer Kleinigkeit an etwas erinnert habe, und [67]ich wußte selbst nicht recht an was. Es war etwas, das ich nur im Ganzen umfaßte, was irgend eine dunkle entfernte Aehnlichkeit mit meinem gegenwärtigen Zustande gehabt haben muß, ohne daß ich mir dieselbe deutlich entwickeln konnte.

Auch erinnere ich mich von meiner Geburtsstadt noch eines dunkeln Gewölbes, wo man, glaub' ich, durch ein Gitter, die Särger stehn sahe; eines schwarzen Schranks, welches in einem der benachbarten Häuser auf dem Flur stand, und mir so ungeheuer groß vorkam, daß ich glaubte, es müßten nothwendig Menschen darinn wohnen; unsrer Wirthin einer bösen harten Frau, in einem grauen Kamisohle, und ihres Mannes im grünen Rocke; der gelben Thüre in unsrer Stube; der Treppe, worauf ich oft saß, und auf und niederkletterte; eines Mangelholzes, womit ich spielte; überhaupt aber mehr der Farben, als der Gestalten der Dinge.

Ein Umstand ist mir noch insbesondre gegenwärtig. Meine beiden Stiefbrüder b saßen auf einer steinernen Bank, vor einem Hause, welches dem unsrigen gerade gegenüber stand, und das Klingenbergsche hieß, wie ich mich noch von der Zeit an zu erinnern scheine, weil ich nachher von diesem Hause nicht wieder reden hörte. Ich lief [68]quer über die Straße von unserm zu jenem Hause hin und wieder. Ein ansehnlicher Mann kam in der Mitte der Straße dahergegangen, und ich rannte ihm gerade auf den Leib. Nun weiß ich noch ganz genau, wie ich gegen diesen Mann anfing mit beiden Händen auszuschlagen, weil ich glaubte, er habe mir Unrecht gethan, da ich doch im Grunde der beleidigende Theil war.

Nicht weit von uns gegenüber wohnte der Garnisonprediger, in dessen Garten meine Brüder oft mit mir spatzieren gingen. Von diesem Garten kann ich mich weiter nichts, als der grünen Weinranken an den Seiten erinnern. — Die Eindrücke großer sichtbarer Gegenstände, als der Thürme, Kirchen, des Umfanges der Häuser, u.s.w. sind von diesen Zeiten her gänzlich aus meinem Gedächtniß verwischt, und haben nicht die mindeste Spur zurückgelassen, nur das scheinet mir noch sehr klar zu seyn, daß unsre Hausthüre weit größer war, als die des gegenüberstehenden Hauses.

In der kindischen Einbildungskraft stellen sich die kleinen Gegenstände viel größer dar, als sie sind, und die großen faßt sie nicht.

Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit von mehrern Personen nebeneinander gestellt, würden vielleicht erwei- [69] sen, wie sich die Ideen zuerst von der Farbe, dann von der Gestalt, dann von der verhältnißmäßigen Größe der Gegenstände, nach und nach in der Seele fixirt haben. Und könnte man nicht auf die Weise vielleicht dem geheimen Gange nachspüren, wie das wunderbare Gewebe unsrer Gedanken entstanden ist, und mit der Zeit die ersten Grundfäden desselben auffinden?

Den ersten starken und bleibenden Eindruck auf mich machte die freie offne Natur, als meine Mutter, während des siebenjährigen Krieges, da ich beinahe drei Jahr alt seyn mochte, aus der Stadt aufs Land zog. Ich weiß noch, wie ich, in ihren Mantel gehüllt, mit ihr auf dem Wagen saß, und gewiß glaubte, daß Bäume und Hecken vor uns vorbei flögen, so wie der Wagen fortfuhr. Auch erinnere ich mich noch, wie wir über eine grüne Wiese fuhren, worauf sich oft Wasser von Regen gesammlet haben mochte, daß mir damals wie lauter große Seen vorkam; und wie meine Brüder in rothen Röcken neben dem Wagen hergingen, die ich zu meiner Verwundrung bald erscheinen, bald wieder verschwinden sahe.

Von dieser Zeit an scheinet mir mein gegenwärtiges Daseyn erst recht seinen Anfang genommen zu haben. Der vorige Theil meines Lebens [70]kömmt mir wie abgerissen vor. Mit vieler Mühe kann ich ihn nur an mein eigentliches Daseyn anknüpfen, und die Erinnerungen aus demselben scheinen mir alle nur Erinnerungen von Erinnerungen zu seyn. Vom dritten Jahre an aber schweben mir die Ereignisse meiner Kindheit größtentheils noch sehr lebhaft im Gedächtniß.

M.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA I, S. 35 u. 804

b: Die Zwillinge Johann Gottlieb und Anton, vgl. KMA I, S. 772, Erl. zu 13,23-24.