ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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<Der Traum>

Jördens, Karl Heinrich

***

Berlin den 5ten November 1782.

So wollen Sie denn noch immer im Ernste, daß ich Ihnen den Traum meiner Kindheit, den ich Ihnen bei unserer letzten Zusammenkunft, als sich die Unterredung auf das Vorhersehungsvermögen der Seele gelenkt hatte, erzählte, jetzt schriftlich aufsetzen soll? Gut, ich gehorche. Aber ich bleibe dabei — dieser Traum war sicher nichts weiter, als ein Spiel meiner im Schlaf geschäftigen Seele! daß gerade damals eine wirkliche Begebenheit vorfiel, die mit der geträumten völlige Aehnlichkeit hatte, war — Zufall*). 1

Sprechen wir nicht sogar wachend öfters von einem Dritten? sagen wir da nicht, wenn sich irgend etwa ein Geräusch an unserer Thüre hören läßt, im vollen Spaß: da wird er kommen, weil wir's vielleicht wünschen, daß dies geschehe; und — siehe! der tritt herein, von dem wir im Ernst es gar nicht vermuthet hatten, daß er hereintreten würde. Wem ist es noch zur Zeit eingefallen, daraus ein Vorhersehungsvermögen unserer Seele herzuleiten?

[83]
Der Traum.

Ich hatte einen Oheim, meiner Mutter Bruder, einen Prediger auf dem Lande, nicht weit von Halle. Zwei Jahre lang, nach dem frühzeitigen Tode meines Vaters, war er mir ein anderer Vater gewesen. Er sorgte für mich; er liebte mich; alle Stunden, die er etwa von Amts oder anderen Geschäften und Zerstreuungen übrig hatte, widmete er meiner Bildung. Meine ganze kindliche Liebe, Zärtlichkeit und Verehrung mußte ihm ja wohl gehören!

In meinem zehnten Jahre kam ich von ihm in's Waisenhaus nach Halle. Hier nun träumt' ich einstens, wie Diebe das Haus meines geliebten Oheims bestöhlen; ich sahe sie einbrechen, sahe sie dieser, sahe sie jener Sache sich bemächtigen. Ich bemerkte das alles so deutlich, als säh' ich's am lichten Tage mit offenem Auge. Ich war voller Angst und nicht geringer Besorgniß, selbst für das Leben meines Oheims. Ich erwachte und ängstigte mich immerfort, bis ich mit meinen andern Mitschülern um die gewöhnliche Zeit aufstand.

Ich erzählte sogleich meinen Traum. Wir gingen nachher zusammen in die Unterrichtsstunden, und noch denselben Vormittag ward ich herausgerufen. Ein Fremder, hieß es, wolle mich sprechen. Siehe da, es war mein Oheim. Ich[84]lief ihm entgegen, ich küßte ihm die Hand, und ohne etwas weiters zu sagen, erzählt' ich den bösen Traum.

Es läßt sich vermuthen, daß ihn meine Erzählung befremdete. Er befahl mir, nochmals alles zu erzählen, und versicherte mich endlich, gerade so habe es sich verwichene Nacht in seinem Hause begeben. Meine Erzählung traf fast in allem zu. Ich hatte den Ort des Einbruchs genannt, ich hatte bezeichnet, wo die Diebe zuerst geraubt, wo weiter, verschiedenes, was sie genommen. Sie hatten ihm unter andern alle Kleider entwendet, nur einen alten abgetragnen Rock ausgenommen, welcher nicht mit im Kleiderschranke gehangen. In diesem hatte er sich genöthigt gesehen, gleich nach Entdeckung des Diebstahls nach der Stadt zu reiten, um für neue Kleider zu sorgen; und hier besuchte er mich. So weit mein Traum.

Jetzt aber denke ich Ihnen noch etwas zu erzählen, was vielleicht beträchtlicher seyn dürfte, wenigstens ist es das in meinen Augen. Suchen Sie es also, wenn Sie's für gut finden sollten, meiner Erzählung in Ihrem Magazine eine Stelle einzuräumen, unter eine Ihnen beliebige Rubrik zu bringen.

K. H. Jördens,

Lehrer am Schindlerischen Waisenhause
in Berlin.

Fußnoten:

1: *) Für jetzt bin ich auch noch dieser Meinung, glaube aber, daß mehrere Fakta, die das Gegentheil zu beweisen scheinen, doch in Erwägung zu ziehen sind.
M.